Hersfelöer Tageblatt
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mit den Beilagen: Heimalschollen / Illustriertes Anlerhaltungsblatt / Nach Feierabend / Herd und Scholle / Unterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.
Nr. 273
Sonnabend, den 20. November 1926
76. Jahrgang
Wahträtsel.
Ein Teil der deutschen Wähler findet es jetzt für angemessen, sich mit den ihnen in Verfassungen und Gesetzen zugewiesenen Aufgaben in mehr oder weniger scherzhafter Form auseinanderzusetzen. Eigenbrötelei und Neigung zur. Kirchturmspolitik sind uns immer schon auf Grund der vielen bitteren Erfahrungen unserer leidvollen Geschichte zum Vorwurf gemacht worden. Aber die wahre Übersteigerung dieser Charakter- veranlagung scheint uns doch erst noch bevorzustehen. Wir, haben in diesen Tagen in verschiedenen deutschen Ländern politische Wahlen gehabt. In LüLeck, in Sachsen, in Baden. Bei den Schwaben im Süden war die Beteiligung am Wahlkampf und an der Wahlhandlung so gering, daß man sich in die Zeiten ausgeprägter Klassenwahlrechte zurückversetzt glauben könnte.
Anders die Sachsen, übermäßig haben auch sie sich zwar um die ihnen gestellte Schicksalsfrage nicht aufgeregt, aber mit einem gewissen Prozentsatz von Lustlosigkeit und Wahlmüdigkeit wird ja immer desto sicherer zu rechnen sein, je häufiger die Wähler für alle möglichen Zwecke zu Entscheidungen aufgerufen werden. Dafür war aber hier die Parteien- und Interesse,rzcrsplitterung um so größer. Den Vogel abgeschossen hatte dabei eine Gemeinde, wo die gewiß sehr nützliche „F r e i w i l l i g e F e u e r w e h r" mit einer eigenen Liste am Wahlkampf teilnahm. Es lohnt sich fast, einen findigen Mann zu entsenden, um hinter die Geheimnisse dieser gewiß amüsanten Wahlerscheinung zu kommen. Hatte der Gemeinderat etwa die Anschaffungskosten für eine neue Feuerspritze abgelehnt, oder die Auswechselung der alten, schon von den Vätern ererbten Schläuche durch eine neue Garnitur? Nun, der Freistaat Sachsen hat wohl schon Schlimmeres überstan- den als dieses, aber wie er bei dem Gesamtergebnis der Landtagswahlen zu einer leistungsfähigen Regierung kommen soll, das ist allerdings ein Rätsel, dessen Lösung allen Beteiligten noch recht viel Kopfschmerzen verursachen wird. Nicht anders in Lübeck, nicht anders auch sonst in deutschen Landen, wo man nach den Voraussetzungen sucht, unter denen allein eine Besserung der Zustände erreicht werden könnte.
Zugenommen haben bei den Wahlen verschiedentlich die Anhänger der Aufwertungs- oder Wirtschaftsparteien Das erwähnte sogar der Reichskanzler in eigener Person. Marx fürchtet wohl nicht so sehr das übergreifen dieser Wirtschaftsbewegung auch in die Reihen seiner eigenen Partei, des Zentrums, als das Fortschreiten der Zersplitterung in der deutschen Gesamt- Wählerschaft und damit steigende Verwirrung der Regie- rungsfädeu, deren sorgsame Knüpfung schon jetzt zumeist sehr große Schwierigkeiten bereitet. Immerhin ist es bemerkenswert, wenn große Teile der Wählerschaft ihr Heil einzig und allein in der Abwendung von den großen politischen Gesichtspunkten und in der Zuwendung zu ausgesprochenen Interessenvertretungen erblicken. Der M i t t e l st a n d insbesondere weiß ja ein Liebchen davon zu singen, wie man gerade aus seiner Haut Riemen geschnitten hat für alle möglichen Bedürfnisse, wie man sich seiner Nöte nur höchst selten erinnert, wie er kaum zur Ruhe und zur Sammlung neuer Kräfte kommen kann.
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Ein Gutes hat allerdings auch dieses Verhängnis, in das unsere Politik verstrickt worden ist: es dämpft die Neigung zur Auflösung des Reichstages. Die Kreise, die zur Großen Koalition drängen, weil zwischen den Schwierigkeiten auf der Linken und aus der Rechten bald kein gangbarer Ausweg mehr sichtbar ist, müssen sehen, daß auch hier zwischen Wünschen und Können ein erheblicher Abstand bleibt, der sich nicht überklettern läßt. Sie fühlen sich durch die Wahlerfolge der überwiegend unpolitisch eingestellten Parteien einigermaßen gehemmt und entmutigt. Die Kosten eines Wahlkampfes fallen heute schon zu stark ins Gewicht, als daß man sie ohne äußerste Not wagen könnte, und wer sich nicht im Besitze ganz sicherer Wahlaussichten fühlt, der neigt zu ungemein vorsichtiger Beurteilung der politischen Lage. Was schließlich gewiß kein Unglück ist.Dr. Sy.
Verschleppung der Konirollsrage.
Unhaltbare französische Auffassungen
Die Abberufung der Interalliierten Militärkommission ist auf neue Schwierigkeiten gestoßen. Während bisher auch von französischer Seite anerkannt worden ist, daß Deutschland auf dem Gebiete der Abrüstung Beweise seines guten Willens gegeben habe, und daß infolgedessen die Regelung der letzten von der Bot- schafterkonferenz gestellten Forderungen als unmMelbar bevorstehend angesehen werden könne, stellen der „Mann und der „Petit Puristen" die überraschende Behauptung auf, daß die Erfüllung der Deutschland gemachten Auslagen nur sehr langsam vor sich gehe und daß, da Deutschland keinerlei Eile zeige, sich mit den Forderungen der Alliierten in Einklang zu setzen, die L «q »r d a t«0 n d e, Entwaffnungssrage voraussichtllch noch Monate dauern werde, auch, daß es deshalb materiell ausgeschlossen sei, daß die interalliierte Militär-
Die Aufgaben der Landkreise
Empfang beim Deutschen Landkreistag.
Die Urzelle der Selb st Verwaltung.
Bei einem Empfang des deutschen Landkreistages in Berlin, dem eine große Anzahl bekannter Persönlichkeiten des kommunalen Lebens beiwohnte, wies Landrat a. D. Constantin auf die Bedeutung der Landkreise als Selbst- Verwaltungskörper hin, zumal in den Landkreisen 39 Millionen Menschen wohnen.
Die mit reichem statistischen Material belegten Ausführungen ließen erkennen, wie vielseitig die Aufgaben der Kreiskommunalverwaltung sind und wie wichtig es für das deutsche Wirtschaftsleben ist, wie diese Ausgaben gelöst werden. Es sei nur hierbei die Frage der Landstraßen hervorgehoben, ein Gebiet, das auch den Großstädter unmittelbar angeht. Hängt doch von dem Zustand der Straßen die Gestaltung der Produktion und damit das Preisniveau der Nahrungsmittel im hohen Maße ab. Das Landstratzenproblem ist ein Schmerzenskind der Landkreise, denn 70 % der Landstraßen des Reiches müssen sie unterhalten. So zeigte man sich denn auch wenig erbaut von dem Projekt der grotzen Fernstratzen, da man das hierfür nötige Geld lieber für den Bau von Stratzen, die der Allgemeinheit zugute kommen, verwandt sehen möchte.
Der Redner bezeichnete die Einzelgemeinden im Kreise als die Urzelle der Selb st Verwaltung^ deshalb kommt für die Kreisorganisation künftig nur eine Mischform in Frage, die als Gemeindeverband die Erhaltung der Selbstverwaltung der Gemeinden gewährleistet, für große Aufgaben aber, die über die Grenzen und die finanzielle Leistungsfähigkeit der Einzelgemeinde hinausgehen, aus dem Kreise eine geschlossene Einheitsgemeinde formt, die durch einheitliche Verwaltung und MMMwwn^^
tommiffion tljren-Tötmnrpöeriä)* noch oo« o^ «--ai-c-Lizu.-- ratstagung im Dezember fertigstellen und die Botschafter- konferenz noch in diesem Jahre eine Entscheidung treffen könne.
Im übrigen wird der Auffassung entgegengetreten, als ob ein Gegensatz zwischen dem deutschen und dem französischen Standpunkt, dem einer st ä n d i g e n oder einer periodischen Kontrolle durch den Völkerbund, bestünde. Im Artikel 213 des Versailler Vertrages stehe nichts von einer ständigen Kontrolle; es sei also unrichtig, zu behaupten, daß Deutschland sich weigere, eine« ständigen Kontrolle unterworfen zu werden, da der Text des Vertrages diese nicht vorsähe. Eine ständige Kontrolle sei nur für die entmilitarisierte Zone am Rhein vorgesehen. Hier versuche das deutsche Kabinett, einige Abänderungen und Erleichterungen durchzusetzen. Seit einem Jahre bereits sei General Desticker, der Generalstabschef des Marschalls Foch, vom Völkerbund beauftragt, den Vorsitz der Kontrollkommission des Völkerbundes zu übernehmen, deren Arbeiten automatisch an dem Tage beginnen werden, an dem die Botschafterkonferenz die völlige Entwaffnung Deutschlands erklärt haben wird.
Nellekfirtil der englische!« Bergarbeiter.
Überraschend esAb st im mungsergebnis.
Die Bergarbeiter in England haben sich entgegen den optimistischen offiziösen Berichten der letzten Tage für die weitere Fortdauer des Streiks erklärt. Wie das Arbeiterblatt „Daily Herald" meldet, sind die Vermittlungsvor- schläge der Regierung mit einer Mehrheit von ungefähr 140 000 Stimmen verworfen. Alle großen Bezirke außer Uorkshire, das eine kleine Mehrheit für die Annahme auf- weist, haben nachdrücklich gegen die Bedingungen gestimmt. Der stärkste Widerstand kommt aus den Exportgebieten.
Mit diesem Ergebnis vor Augen werden die Delegierten aus den Kohlengebieten wieder in London zusammentreffen, um über ihre weitere Politik zu beschließen. Die Konferenz wird erwägen, ob irgendein weiteres Herantreten an die Regierung erfolgen soll. Ein Vorschlag geht dahin, den Bezirken zn raten, die örtlichen Verhandlungen fortzusetzen und über das Ergebnis baldigst einer neuen Konferenz zu berichten.
England und die Kslonialmandate.
Eine englische Note an den Völkerbund.
Eine an das Generalsekretariat des Völkerbundes gerichtete Note des englischen Auswärtigen Amtes über die vom Mandatsausschuß des Völkerbundes vor einiger Zeit vorgeschlagene Aufstellung eines rund 230 Punkte enthaltenden Fragebogens, nach dem künftig die Jahresberichte der Mandatsmächte abgefatzt werden sollen, lehnt im Namen der englischen Regierung und der Regierungen der englischen Dominions diesen Vorschlag und den Fragebogen vollkommen ab. Desgleichen verwirft die Note im Namen dieser Regierungen entschieden das vom
große Finanzkraft dasselbe zu leisten vermag wi« die Großstadt.
Die Noi der kleinen Giädie.
Sitzung des Gesamtvorstandes des Reichsstädtebundes.
Der Gesamtvorstand des Reichsstädtebundes hielt in Fulda eine mehrtägige Sitzung ab. Im Mittelpunkt bei Verhandlungen stand die Frage: Deckung der 1926 er heblich gestiegenen Gemeindeausgaben aus dem Gebiet« der Erwerbslosenfürsorge und allgemeinen Fürsorg« unter möglichst gerechter Verteilung der Steuerlasten. Es wurde festgestellt, datz für die meisten mittleren und kleiner Städte das Rechnungsjahr 1926 trotz der Beschränkung auf unbedingt notwendige Ausgabe«! ein D e s i z i t j a h 1 bleiben wird. Daher ist im künftigen Finanzausgleich eine Erhöhung ihres Anteils an der Einkommen- und Körperschaftssteuer oder zürn mindesten die Aufrechterhaltung der Reichsumsatzsteuergarantie unbedingt erforderlich. Nur die Erfüllung dieser Forderung gib! ihnen die Möglichkeit, die durch ihre Finanznot geboten« Überspannung der Nealsteuern in Zukunft zu mildern
Zur Beseitigung der Wohnungsnot fordert der Gesamtvorstand des Reichsstädtebundes: Aufstellung eines ReichsWohnungsbaupro- g r a m m s auf mindestens fünf Jahre und Sicherung seiner Finanzierung für etwa 250 000 Wohnungen im Jahr im Werte von zwo: bis zweieinhalb Milliarden Gegen eine mäßige Erhöhung der gesetzlicher Miete und der Hauszinssteuer am 1. April 1927 werden Bedenken nicht erhoben, falls den Gemeinden aus bei erhöhten Hauszinssteuer ausreichende Mittel zur Deckung von Gehalts- und Lohnerhöhungen gewährleistet werden über die baldige Umwandlung der Hauszinssteuer soll von den kommunalen Spitzenverbänden ein einheitliche« Vorschlag ausgearbeitet werden.
.l»aam ^am«£ »»-MchrM genomm-ne Recht, ..
|'HffWl|WM»wij!mW!5gCH^«<ak jiw~“g?^^ j—Leu Mandatsgebieten zur mündlichen Aussprache vorzükaden. Die Note entwickelt die englische Auffassung über die Mandatstheorie und die Kompetenzen des Mandatsausschusses und erklärt unter Berufung auf Artikel 22 des Völkerbund- paktes und auf frühere Beschlüsse des Völkerbundrates, man könne vom Rat nicht verlangen, daß er selbst oder durch Vermittlung des Mandatsausschusses alle Einzelheiten der Verwaltung der unter Mandat stehenden Gebiete prüfe und kontrolliere.
Die englische Regierung ist der Meinung, daß der Fragebogen, der alle Einzelheiten der Regierungs- und administrativen Tätigkeit berührt, sehr weit über das Hinaus- geht, was der Mandatsausschuß braucht, bzw., was milden Absichten des Völkerbundpaktes und mit den vom Völkerbundrat genehmigten Regeln vereinbar ist
Die Gememöewahlen in Oberschlesien
Keine deutsche Jrredenta.
Wie die dem Reichsautzenminister Dr. Strefemant nahestehende Deutsche Diplomatisch-Politische Korrespon denz zu den oberschlesischen Kommunalwahlen mitteilt verfügt die deutsche Mehrheit in Kattowitz über 34 Man date, während die polnischen Parteien nur 26 Mandat« erzielt haben. In Königshütte stehen 38 deutschen 12 pol Nische Mandate gegenüber. Hierbei ist zu beachten, daß du Mandate der dissidierenden Parteien (Wirtschaftspakte! und Kommunisten) den polnischen Parteien zugezählt sind
Wie die Deutsche Diplomatisch-Politische Korrespondenz zu dem oberschlesischen Wahlergebnis weiter aus- führt, wäre es, trotzdem die Abstimmung ein Bekenntnis der Volksmehrheit des abgetretenen oberschlesischen Gebiets zum Deutschtum ist, doch andererseits vollkommen verfehlt, das Abstimmungsergebnis als ein irredentisti- sches zu bewerten. Das Programm der deutschen Parteien, so führt die Korrespondenz weiter aus, war durchgehend auf die Loyalität gegen den neuen Staat abgestimmt, so entschieden es auf der anderen Seite das Rech! der Selbstbehauptung und den Anspruch auf kulturelle Autonomie und staatsbürgerliche Gleichberechtigung für die Deutschen innerhalb der polnischen Grenzer fordert. Die Korrespondenz schließt: Wenn aus der Wahlen, Wie man hoffen darf, eine bessere Berücksichtigung der Minderheitenrechte erwächst, so werden, meint bi< Korrespondenz, dieDeutschenOberschlesiensmii ihrer mannhaften Selbstbehauptung zugleich sich selbst und dem Fortschritt der Menschheit gedient Habew
Revolution in Brasilien.
Blutige Kämpfe.
Einem Reutertelegramm aus Buenos Aires zufolge ist in Rio Grande do Sul die offene Revolution ausgebrochen. Meuternde Truppen sind, wie berichtet wird, in San Gabriele, Santa Maria und Vage mit Bundestruppen, zusammengestotzen. Die Stadt Santa