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Monatlicher Bezugspreis: Durch üiepost bezogen 1.00 Reichs-Mark, ausschließlich Bestellgeld, Dr Hersfelö 1.00 Reichs-Mark bei freier Zustellung, für Abholer 0.80 Reichs-Mark. Druck und Verlag von Ludwig Klinke Buchdruckerei in Hersfeld, Mitglied des VVZV.

mit den Beilagen: Heimatschollen / Illustriertes Anterhaltungsblatt / Nach Feierabenö / Herd und Scholle / Anterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.

Nr. 234

Mittwoch, den 6. Oktober 1926

76. Jahrgang

Wirtschafisaussichten.

Die deutsche Industrie hat die letzten Monate genutzt: der englische Bergarbeiterstreik, die beginnende Währuugs- stabilisierung in Belgien und in Frankreich ebneten den Weg. Generaldirektor Dr. V ö g l e r, der zu den hervor­ragendsten deutschen Wirtschaftspolitikern gehört und im übrigen als Leiter des Nhein-Montantrusts auch ein Mann von sehr weitreichendem Einfluß ist, hat auf der dem Parteitag der deutschen Volkspartei in Köln folgen­den Wirtschaftsbesprechung in Düsseldorf aber doch viel Wasser in den Wein einer allzu weitgehenden wirt­schaftlichen Hoffnungsfreudigkeit gegossen. Die, wirt­schaftlichen Verhältnisse sind eben etwas unnatürlich und Dr. V ö g l e r machte in nüchterner Sachlichkeit darauf auf­merksam, daß wir von einer wirklichen Blüte der Wirt­schaft noch weit entfernt sind, überschätzt wird auch die Konjunktur in der deutschen Kohlenwirtschaft. Gewiß sind Millionen Tonnen aus den Haldenbeständen verkauft worden, aber der große deutsche Kohlenbergbau war finanziell in einer so schwierigen Lage, daß diese Ver­käufe nur den unbedingt notwendigen Ausgleich schufen. Dr. Vogler wies nach, daß die finanziellen Ergebnisse an und für sich derart gering geworden sind trotz des eng­lischen Streiks, daß die Selbstkosten kaum noch gedeckt werden durch den Erlös, den die deutsche Kohle auf dem Weltmarkt jetzt erzielt. Abschließend stellte Dr. Vögler fest, daß die Förderung schon wieder stark zurückgegangen ist, der Höhepunkt des Julis schon im August und Sep­tember nicht mehr erreicht wurde, daß aber auch durch den Rückgang der Förderung leider nicht alle übernommenen Aufträge auf Lieferung ausgeführt wurden.

Interessant waren die Andeutungen, die Dr. Vögler über gewisse Verhandlungen mit den Engländern machte, die jedoch ergebnislos verlaufen sind. Die englische Kohlennot und die mißliche Lage am deutschen Kohlenmarkt haben viel Ähnlichkeit mit der Krise, in der sich die E i s e n- und Stahlproduktion befindet. Diese Krise liegt wesentlich darin begründet, daß die Erzeugung viel zu Stahl jetzt noch weit hinter dem Vorkriegsstände zurück. Das gleiche gilt von der Kohle, und wenn.Dr. Vogler das Wesen des Eisen Paktes darin sieht, daß die Erzeu­gung dem wirklich vorhandenen Bedarf angepaßt werden soll, so war das gleiche angestrebt bei den Verhandlungen, die wegen der Regelung der Kohlenwirtschaft in London eingeleitet waren. Genau wie die Eisenpaktverhandlungen sind diese Besprechungen mit den Engländern vergeblich gewesen.

Dr. Vögler legte vor allem stärkstes Gewicht darauf, daß die Wirtschaftsverbindung auf dem Stahlmarkte nur auf dem Hintergründe eines politischen Zusammen- arbeitens allgemeiner Natur möglich ist, nur von dieser einen wirklichen Anstoß erfahren könne.Die Bedeutung des Eisenpaktes liegt, von der wirtschaftlichen Seite abge­sehen, darin, daß diese wirtschaftliche Verständigung auf die Dauer nur Bestand haben kann, wenn auch eine polt- tische Verständigung erfolgt; das eine ohne das andere ist nicht möglich." Wichtige nationale Wirtschaftsinteressen dürfen freilich einer solchen internationalen Regelung nicht geopfert werden. Bisher lagen die Dinge auf dem Eisenmarkt so, daß der Auslandspreis unter dem Druck des französisch-belgischen Konkurrenten beträchtlich unter dem Preis stand, den der deutsche Jnlandsverbraucher er­legen mußte. Auch hierin wird jetzt eine für den Jn­landsverbraucher günstigere Änderung eintreten, weil es der eisenschaffenden Industrie vor allem auf die Erreichung stabilbleibender Preise ankommt. Aus­drücklich versichert die Rohstahlgemeinschaft, daß an den Gerüchten über eine angebliche Preiserhöhung nicht das geringste wahr sei. Vielmehr wird die Entwicklung dazu führen, daß ein einheitlicher Preis für Inland und Aus­land geschaffen werde. ,

Die Engländer sind beim Elsenpakt draußen geblie­ben, ebenso haben sie eine Regelung der Kohlenwirtschaft abgelehnt da liegt es ohne weiteres auf der Hand, daß wir nun auch in dieser letzten Frage zu einer Eini­gung mit den kohlenerzeugenden Staaten des europä­ischen Kontinents werden kommen müssen, sobald Eng­land die Folgen der Streiks überwunden hat und wieder konkurrenzfähig geworden ist. Daß diese wirtschaftlichen Vereinbarungen damit auch gleich zu allgemeineren poli­tischen Verständigungen führen werden, ist Selbstverständ­lichkeit; freilich wird England dadurch in eine auch für seine Wirtschaft gefährliche Vereinzelung gebracht werden.

*

Aachklänge zum Kölner Parteitag.

Die Nationalliberale Korrespondenz unterstreicht in ihrer Betrachtung zum Ergebnis des Kölner Parteitages, daß dieser die geschlossenste aller bisherigen Kundgebungen der Deutschen Volkspartei sei. Geistig und politisch sei insbesondere die Tagung des Handels- und Jndustrre- ausschusses ein Ereignis gewesen. Der Parteitag habe gezeigt, daß innenpolitisch das Ringen um die Staats­form zu Ende sei. Wenn keine innerpolitischen Fragen gestreift worden seien, so hätte das daran gelegen, weil der Parteitag auf dem Standpunkt stände, daß Koalitions- sragen taktische Fragen seien. .In der Beurteilungwlrt-

Ministerwechsel in Bleusten

ÄÄ des preußischen

Innenministers Severing.

Neubildung der Regierung?

Der preußische Minister des Innern, Severing, dessen Rücktritt in letzter Zeit schon öfter angekündigt war, wird nunmehr tatsächlich aus seinem Amte scheiden. In poli­tischen Kreisen wird damit gerechnet, daß das offizielle Nücktrittsgesuch Severings spätestens in zwei Tagen er­folgen wird. Der Rücktritt Severings soll aus gesund-

Jnnenminister Severing.

Heitlichen Gründen erfolgen, da seine Nerven nach etwa Wfef ^J^SM^^ griffen sind. Severing ist erst vor kurzem von einem län­geren Urlaub in das Innenministerium zurückgekehrt, doch soll ihm diese Ausspannung nickt die aewün/ckte Er­

schastspolttischer Fragen yave Die Parier gezeigt, daß sie auf dem Grundsätze stände, daß jeder einzelne Stand das Recht habe, sich selbständig zu verteidigen. Die Partei erblicke ihre Aufgabe vor allen Dingen darin, den Wirt­schaftskräften das erforderliche Maß von Freiheit zu ver­schaffen. ____________

Heuet Zivischensall im besetzten Gebiet.

Bluttat im Alkoholrausch.

Im besetzten Gebiet, in Neustadt a. d. H., hat sich ein neuer Zwischenfall ereignet. Von zuständiger deutscher Stelle wird darüber folgendes berichtet: In der Nacht vom Sonntag auf den Montag trat in einer Wirtschaft ein Deutscher namens Krauter zwischen zwei Franzosen, von denen der eine in Zivil, der andere in Uniform war. Es entspann sich zwischen den dreien eine lebhafte Unterhaltung, die teilweise sehr kollegiale Formen annahm. Der Deutsche, der im Kriege einen Kopfschuß erlitten bat und seitdem für Alkohol sehr emvfäna-

Beisetzung des erschossenen Holzmann in Germorsheiin. lich ist, war angetrunken. Plötzlich ftantTder französische Sergeant auf und sagte, er sei i n d i c B r u st g e st o ch c n worden. Wie der Franzose zu dem Stich gekommen ist, ist noch ungeklärt, da ein Messer überhaupt nicht gesehen wurde. Die beiden Franzosen verließen darauf das Lokal, jedoch kehrte der eine, der in Zivilkleidung war, nach un= gefähr einer halben Stunde wieder zurück und sagte, man solle kein Aufhebens von der Sache machen. Der Ge­stochene hätte auch nicht die Absicht, den Zwischenfall weiter verfolgen zu lassen.

Am Montag abend sprach dann jedoch der französische Verbindungsoffizier bei der Polizei in Neustadt vor und forschte nach dem Täter. Der Fall ist psychologisch noch aar nickt aeklärt. Der Deuticke. der infolae

holung gebracht haben. Der Minister hat vor kurzem sein 50. Lebensjahr vollendet. Er ist geborener Herforder und hat das Schlosserhandwerk erlernt. Seit 1902 war er dann journalistisch als Redakteur einer sozialdemokra- tischen Zeitung tätig.

Wer der Nachfolger Severings werden soll, ist noch nicht bestimmt. Fest scheint indessen zu stehen, daß wieder ein Sozialdemokrat an die Spitze des preußischen Innen­ministeriums berufen werden wird. Als Kandidat für diesen Ministerposten gelten der Berliner Polizeipräsident, Landtagsabgeordneter Grzesinski, der Lüneburger Regie­rungspräsident Krüger, Oberpräsident Noske, der Reichs­tagsabgeordnete Landsberg, der ehemalige Oberbürger­meister von Hannover, Leinert, u. a. Die zuständigen sozialdemokratischen Instanzen werden sich umgehend mit der Frage des Nachfolgers Severings befassen.

In politischen Kreisen Preußens hält man es nicht für ausgeschlossen, daß mit dem Ausscheiden Severings aus dem Kabinett die Frage der Umbildung und Erweiterung der preußischen Regierung in ein akutes Stadium tritt. Wie es heißt, beansprucht die Deutsche Volkspartei bei einem etwaigen Wiedereintritt in die Regierung die Besetzung des Kultus- und des Justiz- ministerums durch Vertrauensmänner ihrer Partei. Als Ministeranwätter für diese Ministerien werden die volks- parteilichen Abgeordneten v. Richter und Leidig genannt.

Die Flaggenfrage.

1000 Vorschläge eingegangen.

Der im November zusammentretende Reichstag wird auf Wunsch der Regierung einen Flaggenaus- s ch u tz wählen. Über die Zusammensetzung dieses Aus­schusses steht Endgültiges noch nicht sest, doch nimmt man an, daß der Ausschuß aus Vertretern aller Parteien, aus Künstlern, Heraldikern und Kunstsachverständigen zusam­mengesetzt sein wird. Von den rund 1000 Vorschlä -

Wahl und werden dem Ausschuß vorgelegt werden. Dre Auswahl ist vom Reichskunstwart gemeinsam mit dem Heraldiker Kekulö von Stradonitz vorgenommen worden.

seiner Kriegsverletzung sein Universitätsstüdiüm aufgeben mußte, hat im Verlauf seiner Unterhaltung mit den Fran­zosen diese nach ihrer Meinung über den Germers- heimer Zwischenfall befragt. Es ist möglich, daß er sich in seiner Trunkenheit, wobei seine Kopfverletzung zu berücksichtigen wäre, dazu hat hinreißen lassen, für die Germersheimer Zwischenfälle an einem der beiden Fran­zosen Rache zu nehmen. Wie verlautet, befand sich Krauter am Montag nicht mehr in Neustadt. Die Erhebungen zur Aufklärung des Vorfalles werden fortgesetzt. Man nimmt deutscherseits an, daß es sich um einen psychopathisch zu beurteilenden Fall handelt.

Aus französischer Quelle wird zu dem Zwischenfall noch bekannt, daß der deutsche Zivilist, der Kaufmann in Neustadt ist und früher Offizier war, an den Unteroffizier herangetreten sei und ihn gezwungen habe, aus seinem Glase zu trinken. Darauf zeigte ihm der Deutsche einen Dolch und erklärte, daß er seine Frau töten wolle. Ohne jede weitere Erklärung stieß er dann dem Unteroffizier den Dolch in die Herzgegend. Darauf verließ der Deutsche das Lokal und fuhr auf einem Motorrade davon. Die Ver­wundung des Franzosen ist ernst. Die deutschePoli- z e i hat sich sofort den französischen Militärbehörden zur Verfügung gestellt, um des Täters, dessen Person bekannt ist, habhaft zu werden.

*

Die Untersuchung des Germersheimer Zwischenfalls.

Die Agentur Havas veröffentlicht in bezug auf die Untersuchung des Germersheimer Zwischenfalls durch die deutschen und die französischen Behörden folgende Aus­lassung: General Guillaumat, der Befehlshaber der fran­zösischen Besatzungsarmee, hat dem Kriegsminister mitge­teilt, daß er den Berichterstatter des Kriegsgerichts von Landau aufgefordert habe, in der Germersheimer Ange­legenheit als Zeugen den deutscherseits mit der Füh­rung der Untersuchung beauftragten deulschenBeam- t e n sowie die von diesem benannten Zeugen zu Ver­nehmen. Dies sei die einzige Form deutsch-französischer Zusammenarbeit, die ins Auge gefaßt werden könne. Der Reichskommissar habe diese Formel angenommen. Die Angelegenheit sei nunmehr eine rein gerichtliche und die Untersuchung werde alles berücksichtigen und absolut un­parteiisch sein. -a»..!

Zahnte dementiert. ]

Aus dem Preußischen Femeausschutz. " I

Der Preußische Ausschuß zur Untersuchung der Beziehun­gen von Abgeordneten zu Femeorganisationen nahm in öffent­licher Sitzung die Protokollverlesung über die Aussagen des deutschnationalen Abgeordneten Jahnke vor. die dieser als Zeuge am 17. September in nichtöffentlicher Sitzung gemacht hatte. Der Zeuge Jahnke hält danach an seiner früheren Aus­sage fest, daß er an den Femesitzungen nicht teilgenommen und auch nicht mit einer Femeorganisation in Verbindung ge-