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HersfelöerTageblatt

yersfelöer Kreisblatt

Mtlicher/iMiger für den Kreis HersfelS

^♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦^^♦♦^♦♦❖♦«♦♦^♦♦^♦♦^♦♦♦^♦♦♦♦♦»^'»♦♦♦♦♦♦♦♦♦❖♦♦♦♦^ : Monatlicher Bezugspreis: Durch öiepost bezogen 1.00 Reichs-Mark, ausschließlich Bestellgeld, für Sersseld i 1.00 Reichs-Mark bei freier Zustellung, für /lbholer : 0.80 Reichs-Mark. Druck und Verlag von Ludwig ; Zunks Buchdruckerei in Hersfeld, Mitglied des VDZV. :

Milben Beilagen: Keimatschollen / Illustriertes Anterhaltungsblatt / Nach Feierabenö / Gerd und Scholle / Unterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.

Nr. 233

Dienstag, den 5. Oktober 1926

76. Jahrgang

Die Kölner Reden.

Von besonderer politischer Seite wird uns geschrieben: Ebenso wie die Deutschnationale Volkspartei hat auch die Deutsche Volkspartei ihren diesjährigen Parteitag in Köln abgehalten. Das ist nicht nur innen­politisch bedeutsam, sondern vor allem auch außenpolitisch.

Außenminister Dr. S1 r e s e m a n n, der ja gleich­zeitig auch Vorsitzender der Deutschen Volkspartei ist, hatte in Köln die Aufgabe, die Schranken aufzuweisen, innerhalb deren sich seine Politik bewegen muß, weil sie eine unbedingt deutsche bleiben will. Die Reden, die vor acht Tagen P o i n c a r 6 gehalten hatte, waren vom fran­zösischen Gesamtkabinett gebilligt worden, sind also als offizielle Regierungsverlautbarungen zu betrachten ge­wesen. Daß in diesen Verlautbarungen versucht worden war, die Behauptung von der angeblichen Schuld Deutschlands am Kriege auch in die Gegenwart hinüberzuretten, und daß diese Anklagereden ausgerechnet von Poincars gehalten wurden, erzwäng es einfach, daß der deutsche Außenminister in unzweideutiger Form gegen diese Anklage Protest einlegte. Nun nimmt man es in Paris übel, daß Dr. Stresemann auf Poincares sophistische Unterscheidung zwischen demdeutschen Volk" und demkaiserlichen Deutschland" als dem angeblich Schuldigen am Kriegsausbruch nicht eingegangen ist, und fühlt sich sogar veranlaßt, in auffallend scharfer Form darauf hinzuweisen, daß die Reden Poincaressowohl hinsichtlich ihrer Form wie auch hinsichtlich ihres Inhalts vom gesamten Ministerrat gebilligt waren und sie die bleibende Ansicht der französischen Regierung darstellten".

Dr. Stresemann hat betont, daß trotz jener Reden das Ziel der deutschen Außenpolitik dasselbe bleibt, und die Tatsache, daß die Tagung der Deutschen Volkspartei in Köln stattfand, unterstrich die Selbstverständlichkeit dieses Zieles: BefreiungdesdeutschenBodens von der Besetzung durch fremde Truppen. Innenpolitisch hat sich der Führer der Deutschen Volkspartei zurück­haltend geäußert; er ist ein viel zu guter Politiker, um nicht zu wissen, daß innenpolitisch die Dinge noch viel zu Ä in der Schwebe sind, daß die Entwicklung in den nenuden Monaten sich noch viel zu wenig uverfetzen läßt.

Großes Gewicht ist in Köln auf die wirtschaft­liche Diskussion gelegt worden. In scharfer Form pro­testierte der Abg. C r a m m namens der Landwirtschaft dagegen, daß immer nur der Konsumentenstandpunkt als maßgebend betrachtet wird, daß große Teile unseres Volkes leider immer noch nicht erkannt haben, wie wesent­lich es ist, daß Stärkung und Förderung der Produktion, vor allem auf dem Gebiete der Land­wirtschaft, Voraussetzung jeder vernünftigen Kon­sumentenpolitik sind. Es kommt zuerst auf die Erzeugung, in zweiter Linie auf die Verteilung an. Abg. Gramm wies aber auch darauf hin, wleche fast untragbaren Lasten die soziale Fürsorge auf die Schultern der deutschen Wirt­schaft gelegt hat, und er warf dann den Gedanken eines Arbeitsdienstjahres wieder in die Diskussion, Gedanken, die von dem Arbeitnehmervertreter Abg. Thiel ausgenommen und als zwingende Notwendigkeit bezeichnet wurden. Neichswirtschaftsminister Dr. C u r t i u s führte gleichfalls aus, daß die deutsche Wirtschaft Lasten zu tragen habe, die jede Ellenbogenfreiheit nach der Wirt- schaftspolitischen Seite hin ebenso unmöglich machen wie nach der sozialpolitischen Seite hin. Hatte Dr. Strese­mann als das Ziel unserer Außenpolitik die Verstän­digung zwischen Deutschland und Frankreich bezeichnet, so betonte andererseits Dr. Curtius die Notwendigkeit, das deutsche Reparationsproblem in den Kreis der inter­nationalen Schuldverpflichtungen hineinzustellen. Er warnte davor, den Franzosen zu versichern, daß wir in der Lage seien, ihnen die Währung zu stabilisieren. Frank­reich sei selbst durchaus fähig, diese Aufgabe zu erfüllen, und ob es überhaupt sehr zweckmäßig sei, die außer­ordentlich schwierige Frage einer Mobilisierung der deut­schen Reparationsschuldverschreibungen gerade jetzt und für den Zweck einer französischen Währungsstabilisierung anzuschneiden, hält der Minister für mindestens fehr frag­lich. Dieser Zweifel in die Durchführbarkeit einer solchen Mobilisierung bedeutete nicht, daß Dr. Curtius die von Dr. Stresemann in Thoiry gemachte Anregung nnß- billige. Seine Mahnung klang dahin aus, nicht leicht­herzig und oberflächlich von diesen Dingen zu reden, die für die deutsche Wirtschaft, die deutsche Währung und die deutschen Finanzen von folgenschwerster Bedeutung smd. jv »

Auf dem Parteitag der Deutschen Volkspartei in Köln sprach noch Reichstagsabgeordneter Bey ihren über die Sorgen des gewerblichen Mittelstandes. Nach Abschluß der Aussprache wurde eine Reihe von Ent­schließungen angenommen, so über das Reichsschulgesetz, über die Landwirtschaft und über Beamtenfragen, ^n seinem Schlußwort erklärte Geheimrat Kahl, daß, wer draußen darauf spekuliert habe, daß es einen linken oder rechten Flügel der Partei gebe, durch diesen Parteitag enttäuscht worden sei. Die Versammlung brächte dem Außenminister Dr. Stresemann ein dreifaches Hoch und dem Vorsitzenden, Geheimrat Kahl, eine stürmische Ovation dar. Damit war der Parteitag beendet.

Europäische Einigungspläne

Sund für Europäische Verständigung.

Herbeiführung der europäischen Entspannung.

Eine Konferenz von Staatsmännern und Politikern, die unter dein Vorsitz von Emil Borel, ehemaligem fran­zösischen Minister, zu Genf stattfand, beschloß einstimmig die Konstituierung des Bundes für Europäische Verständi­gung sowie die Veröffentlichung eines an die Völker Europas gerichteten Manifestes, dem die Vertreter von 24 europäischen Nationen zugestimmt haben. In diesem Manifest wird auf den jetzt zutage getretenen Ver­söhnungswillen der einzelnen Regierun­gen hingewiesen und auch an die Mitarbeit der Völker appelliert.

Der Bund setzt sich im wesentlichen zum Ziel, das Verständigungswerk der Regierungen zu ergänzen und deren künftige Schritte vorzubereiten, indem er auf die Völker selbst einwirkt und in ihnen das Bewußtsein ihrer Solidarität wachzurufen sich bemüht. Zu seinen Haupt­aufgaben gehört demnach die Herbeiführung der europäischen Entspannung sowie der morali­schen und effektiven Abrüstung, die Beseitigung der Ur­sachen künftiger Kriege durch freundschaftliche Verständi­gung, schließlich die tunlichste politische und wirtschaftliche Annäherung der europäischen Völker zwecks Wahrneh­mung ihrer gemeinsamen Interessen. Der Bund beob­achtet die strengste Neutralität in allen inneren Fragen politischer und sozialer Natur. Er betrachtet die Erhaltung der nationalen und kulturellen Eigenart jedes Volkes als unentbehrliche Vorbedingung aller europäischen Zusammenarbeit. Von deutschen Persönlichkeiten, die sich für die Ziele des Bundes einsetzen, seien genannt Reichs­kanzler Dr. Marx, Dr. Stresemann, Dr. Wirth, Dr. Luther sowie eine Reihe namhafter Parlamentarier von der Deut­schen Volkspartei bis zur Sozialdemokratie.

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Das Ergebnis der Chamberlainschen Konferenzen.

Der englische Außenminister Chamberlain, der wieder in London eingetroffen ist, gab Pressevertretern gegen­über Erklärungen über seine Besprechungen mit Briand und Mussolini ab. Die Zusammenkunft von Thoiry fasse er als einen weiteren Schritt in Richtung auf den Wiederaufbau Europas und als eine natürliche und sehr befriedigende Folge des Locarnovertrages und des Ein­tritts Deutschlands in den Völkerbund auf. Er sei nicht der Meinung, daß ein freundschaftliches Verhältnis zwi­schen zwei Nationen gegen eine dritte Nation gerichtet sein müsse, und begrüße alle persönlichen Berührungen der Außenminister der verschiedenen Länder miteinander.

Über feine BesprechungmitMussolini sagte Chamberlain, sie sei sehr herzlich gewesen. Es seien Fragen behandelt worden, die Italien und Großbritannien berührten und über die bereits ein schriftlicher Gedanken­austausch im Gange gewesen sei. Natürlich seien gleich­zeitig die größeren Fragen der europäischen Politik durch­gesprochen worden. Ohne Überraschung, aber mit großer Zufriedenheit habe man ein erhebliches Maß der Überein­stimmung zwischen den beiderseitigen Auffassungen fest- gestellt. Die Politik der beiden Länder richte sich auf die Erhaltung des Friedens, die für den wirtschaft­lichen Wiederaufbau der Welt so nötig fei. Auch mit Briand habe er eine sehr freundschaftliche Unterredung ge­habt und er sei in der Lage gewesen, Briand alles über die Besprechung mit Mussolini mitzuteilen, was diesen habe interessieren können. Briand seinerseits habe ihm über den Inhalt seiner Besprechung mit Dr. Stresemann Mit­teilung gemacht. Er sei jetzt in der glücklichen Lage, nicht nur offiziell zu den Ministern des Äußern von Italien und von Frankreich im besten Verhältnis zu stehen, son­dern auch mit ihnen Beziehungen persönlicher Freund­schaft angeknüpft zu haben, die von ihnen, wie er glaube, ebenso geschätzt würden wie von ihm. Seit Locarno glaube er sagen zu können, daß er auch in einem ähnlichen Freundschaftsverhältnis zu Dr. Strese- m a n n stehe.

Nach näheren Einzelheiten über seine Unterredung mit Muflolini befragt, sagte Chamberlain, man habe den entschlossenen Willen bekundet, die Locarno- politikfortzusetzen. Thoiry sei nur erwähnt wor­den als erfreuliches Zeichen für eine dauernde Besserung der internationalen Beziehungen. Auf weitere Fragen sagte Chamberlain, es würde eine Dreistigkeit sein, wenn er sich über innere Angelegenheiten Italiens äußern wollte. Für England sei der Faschismus nicht geeignet, aber für Mussolini empfinde er große Achtung und Be­wunderung.

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Der römische Berichterstatter derTimes" erfährt, daß Briand sich formell verpflichtet habe, die italienische Regierung über jeden Schritt in den augenblicklichen französisch-deutschen Besprechungen unterrichtet zu halten, und daß die italienische Regierung über diese Zusage sehr befriedigt sei. - ~

Erster Paneuropa-Kongreß.

Die Frage der nationalen Minderheiten.

In Wien wurde der vom Grafen Coudenhove ein- berufene erste Paneuropäische Kongreß durch eine Rede des früheren Bundeskanzlers Dr. Seipel als Vorsitzenden eröffnet. Einleitend wies er darauf hin, daß sich heute Vertreter aller europäischen Staaten eingefunden haben, um bei voller Wahrung ihrer Kultur und Geschichte an dem Gedanken eines geeinten Europas zu arbeiten. Bundeskanzler Dr. Ramek hieß namens der österreichischen Regierung den Kongreß willkommen, dessen Wege und Ziele in Österreich vollstes Verständnis fänden.

Nach einer Begrüßung durch Vertreter der Stadt Wien hielten Vertreter der verschiedenen europäischen Staaten in alphabetischer Reihenfolge kurze Ansprachen. Der Vertreter des deutschen paneuropäischen Komitees, Reichstagspräsident Löbe, führte unter Beifall aus, der Geburtstag der Paneuropäischen Union werde einst als ein historischer Akt in der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung der Menschheit gelten. Der ungarische Dele­gierte von Lukacs wies aus die fehlerhafte Konstruk­tion des Völkerbundes hin und betonte, der Kernpunkt aller europäischen Friedensprobleme liege in einer be­sonderen Entwicklung der französisch-deutschen Beziehun­gen. Der ehemalige Reichskanzler Dr. Wirth empfahl zur Schaffung des Europäischen Reiches die Auflösung des Völkerhasses.

Am Schlüsse der politischen Aussprache auf dem Pan­europäischen Kongreß begründete der deutsche volkspartei- liche Reichstagsabgeordnete Dr. Mittelmann folgenden von ihm eingebrachten Antrag: Der erste Paneuropäische Kongreß wolle die Einsetzung eines Ausschusses be­schließen, derdieFragedernationalenMinder- h e i t e n zum Gegenstand eingehender Prüfung macht.

I Der WWWMMt von ^ermersheim.

Eine objektive Untersuchung gefordert.

Zu dem Germersheimer Zwischenfall wird von zu­ständiger Stelle mitgeteilt, daß die Angelegenheit von deutscher Seite sofort nach Bekanntwerden der ersten Ein­zelheiten des Tatbestandes anhängig gemacht worden ist, und zwar sowohl vom Auswärtigen Amt der französischen Regierung gegenüber als auch vom Reichskommissar in Koblenz gegenüber der Rheinlandkommisston und den französischen Kommandostellen. Die diplomatischen Verhandlungen werden seitdem auf beiden Wegen fortgesetzt. Es kommt zunächst darauf an, mit größter Beschleunigung eine einwandfreie objektive Feststellung des Sachverhalts herbeizuführen, der durch die bisherigen Erhebungen der deutschen und der französischen Behörden noch nicht in allen Einzelheiten hinreichend aufgeklärt erscheint.

Zwischen beiden Regierungen besteht Einverständnis darüber, daß die strafrechtliche Sühne dieses ernsten Falles ein Zusammenwirken der zuständigen deut­schen und französischen Organe und die Vernehmung aller von den deutschen Behörden namhaft gemachten Zeugen erfordert. Ebenso besteht Einverständnis darüber, daß unverzüglich Maßnahmen getroffen werden müssen, um eine Wiederholung derartiger beklagenswerter Vorkommnisse zu verhüten, über die Einzelheiten des beiderseitigen Zusammenwirkens, insbesondere über die Form, der Beteiligung des bayerischen Untersuchungs- leiters, sind die Erörterungen noch im Gange.

Ziele der Ehrisilichr» Gewerkschaften.

Stegerwalds Darlegungen.

Im Rahmen der Kundgebung der Christlichen Gewerk­schaften in Recklinghausen sprach Ministerpräsidenta.D. Stcgerwald über die Ziele der Christlichen Gewerk­schaften. Er führte u. a. folgendes aus:

Die vollständigen Strukturveränderungen in der deutschen Wirtschaft hätten den Hintergrund für die bekannte Rede Dr. Silverbergs in Dresden gebildet. Die Verständigung in der Kohlenindustrie sei sehr viel schwieriger als in anderen Industrien, weil bei der Kohlenindustrie ein großer Bruchteil des Gesamtwertes sich im Lohn äußere. In Düsseldorf sei der Faden der Dresdener Rede Silverbergs weitergesponnen worden. Daß sich gerade im Westen der stärkste Widerspruch gegen die Silverbergschen Auslassungen bemerkbar machen würde, sei vorauszuschen gewesen. Die christliche Arbeiter­bewegung stehe bewußt auf dem Boden der christlichen Welt­anschauung, die aber kein Hinderungsgrund für den Lohn­aufstieg der Arbeiterschicht sei. Sie wolle eine Reform der Gesellschaftsordnung mit der richtigen Rangordnung der sittlichen und moralischen Werte und stehe bewußt auf dem Boden der Volksgemeinschaft. An Stelle des Klassenkampf- gedankens müsse der Gedanke der Arbeitsgemeinschaft treten. Die sozialistische Ideenwelt sei abzulehnen. Den Ar­beitern müsse ein großes Aktienpaket überwiesen Werden, das in einer eigenen Bank, der Volksbank, verwaltet werde. Weiter sei die Schajjuna produktiver Genossenschaften ht «rWägUW