Einzelbild herunterladen
 

HersfelderTageblatt

»«»**««H«H*««H«*f««4H««m«««0H*««»«««*««*««H»«**H«« Anzeigenpreis: Sie einspaltige Petitzeile 15 Pfennig, die Reklamezeile 50 Pfennig. (Grunöfchrist Korpus). Bei Wiederholungen wird ein entsprechender Preis­nachlaß gewährt. Zür die Schristleitung verant­wortlich: Zranz §unk in Hersfelö. Zernfprecher Nr. 8

yersfeider Kreisblatt

Amtlicher Mnzeiger Mr den Kreis hersfelS

Monatlicher Bezugspreis: Durch diepoft bezogen 1.00 Reichs-Mark, ausschließlich Bestellgeld, für SersfelS 1.00 Reichs-Mark bei freier Zustellung, für Abholer 0.80 Reichs-Mark. Druck und Verlag von Ludwig Zunks Buchdruckerei in Hersfeld, Mitglied des VDZV.

mit den Beilagen: Heimatschollen / Illustriertes Anterhaltungsblatt / Nach Feierabend / Herd und Scholle / Unterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.

Nr. 232

Montag, den 4. Oktober 1926

76. Jahrgang

Deutschlands Außenpolitik

Die Befriedung Europas.

Rede Stresemanns in Köln.

Im großen Saal des Gürzenichs in Köln wurde der diesjährige Parteitag der Deutschen Volkspartei vom Parteivorsitzenden, Reichsminister des Äußern Dr. Strese­mann, eröffnet.

Geheimrat Dr. Kahl wurde zum Präsidenten des Parteitages gewählt. Er richtete Worte der Begrüßung an den Parteitag. Unter lebhaftem Beifall sprach Dr. Kahl dem Parteivorsitzenden, Dr. Stresemann, Dank und Vertrauen aus und begrüßte ihn nicht nur als Führer der Partei, sondern auch als Führer des deutschen Volkes. Der Parteitag brächte daraus Dr. Stresemann lebhafte Ovationen dar. Ge­heimrat Dr. Kahl begrüßte dann die ausländischen Gäste, zu denen sich auch noch Vertreter der Saarländischen Volkspartei gesellten. Unter stürmischem Beifall gedachte Geheimrat. Dr. Kahl des Geburtstages des Reichspräsidenten von Hindenburg, den er als Vorbild der reinen Vaterlandsliebe, der vollendeten Treue und heiligsten Pflichtgefühle feierte. Der Partei­tag beschloß einmütig die Absendung eines Glückwunsch­telegrammes an den Reichspräsidenten.

Stürmisch begrüßt nahm dann der Parteivorsitzende,

Dr. Stresemann,

das Wort zn einem Vortrag über die politische Lage. Er betonte dabei, daß er als Außenminister nur Außenpolitik und nicht Parteipolitik getrieben habe, und sagte u. a. weiter: In ihrem Ziel ist sich die große Mehrheit des deutschen Volkes über die Außenpolitik durchaus einig. _ Welche Erfolge kann man denn von einer deutschen AnßcnpolitiÖMMc erwartend Mtenmno tann »rgenomw Himmelstürzendes tatsächlich erreichen oder erreichen wollen. Was wir Erfolg nennen müssen, kann in der Lage, in der wir uns bis zur Stunde befinden, nur

Befreiung von den drückendsten Fesseln

csucht, in den ersten Haupt nur dahin zu^

sein, die auf uns lasten; aber aus diesem Gebiete ist es, wenn auch Schritt für Schritt, vorwärtsgegangen. Lassen Sie mich mal unter diesem Gesitchspunkt die Absichten ver Außenpolitik im Zusammenhangs erörtern. Dabei muß ich gestehen, daß ich oft die Empfindung habe, als wenn doch manche Auslassung in der deutschen Öffentlichkeit zur deutschen Außenpolitik nur zu verstehen ist unter der Überschrift: Wir vergessen zu rasch. (Zustim­mung.) Wie lange haben wir versucht, in den ersten Fahren nach dem Niederdruck; überhaupt nur dahin zu^ kommen, einmal den deutschen Standpunkt vor einer Kon­ferenz vertreten zu können, anstatt nur ultimative Drohun- zen und Befehle von der anderen Seite entgegenzunehmen. Wie wenig lange ist es her, daß, als die Konserenzidee sich durchsetzte, es hieß: Ihr dürft nur als Gleichberechtigte mit den anderen verkehren. Erst langsam ist das Terrain besser geworden und, glauben Sie mir, der Kamps im Schützengraben wird nicht gefördert durch große Worte in der Etappe. (Zustimmung.)

Jeder, der heute in Deutschland Außenpolitik zu machen hat, hat zu kämpfen gegen eine ganz große und mächtige Partei in Deutschland, die Partei derjenigen, sie da im Innern betenUnsere tägliche Illusion gib aus auch heute!" (Heiterkeit und Beifall.) Wer gegen Diese Partei anzukümpfen hat, der muß den Mut zur st n p o p u l a r i t ä t haben. Die Verständigungspolitik mar unpopulär und die Schuld lag dabei wahrlich nicht nur am deutschen Volke, denn die Politik der ersten Nach- kriegsjahre gegenüber Deutschland war die Fort­setzung des Krieges mit anderen Mitteln. Die Verständigungspolitik fiel uns nicht in den Schoß, sie mußte erkämpft werden, und bis heute dauert dieser stampf an, nicht nur bei uns, auch bei anderen Nationen.

Dr. Stresemann kam dann, nachdem er die einzelnen Etappen der Verständigungspolitik gestreift hatte, auf den

Eintritt Deutschlands in den Völkerbund zu sprechen. Es wäre eine Torheit, so sagte Dr. Strese- Mann weiter, die großen politischen Realitäten zu ver­kennen, die die Genfer Institution darstellt. In Gens ist ein internationales Forum geschaffen wor­den, das schon durch die bloße Existenz seines ständig be­reitstehenden Apparates große Wirkungen ausübt. Die Bedeutung der regelmäßigen Zusammenkünfte der Außen­minister und führender anderer Politiker in Genf geht über die Möglichkeit der Besprechung aktueller Etnzel- fragen weit hinaus. Sie begründet p e r s ö n l i ch e B e ziehungen, wie sie früher nicht möglich gewesen wären. Ich persönlich schätze den Kontakt, den ich mit vielen bedeutenden Staatsmännern anderer Lander schon während dieser ersten Tagung gewonnen habe, auycr- ordentlich hoch ein. Dabei ist für mich der Völkerbund nicht etwa nur ein aus opportunistischen Erwägungen ergriffenes Hilfsmittel für die Förderung der einzelnen Ausgaben unserer Außenpolitik. Ich kann vielmehr nur

i

wünschen, das? in Deutschland mehr und mehr die Er­kenntnis Raum gewinnt, von deren Durchführung

die Entwicklung der Zukunst Europas

abhängt. Das ist der Gedanke einer vernünftigen Ver­ständigung, und es ist nicht nur ein Zufall, sondern in dem Wesen der Dinge begründet, das; der Gedanke der Verständigung uns auch den besonderen Zielen der deut­schen Außenpolitik näherbringt. Dr. Stresemann laut dann zu dem vielerörterten Thema einer

deutsch-französischen Verständigung.

Ich kenne, so meinte er, alle Hindernisse, die psychologischen hüben und drüben, aber ich glaube, daß die Tatsache nicht zu bestreiten ist, daß eine deutsch-französische Verständi­gung der Kernpunkt jeder europäischen Ver­ständigung und Befriedung ist und bleibt. Diese Frage ist keine taktische, sondern sie ist das Kernproblem zukünftiger Entwicklung, ohne daß heute jemand zu sagen vermag, ob in dieser Entwicklung die Völker dem Wunsche und dein Willen ihrer Staatsmänner folgen. Ich glaube an den ehrlichen Wer st andigungs willen des französischen Außenministers, mit dem doch mehrere Jahre des Verhandelns über wichtige Fragen und persönliche Fühlungnahme bei Konferenzen mich verbinden.

Für mich steht das eine fest, daß das neue Deutsch­land und sein Wiederaufstieg, von dem wir sprechen, n u r a u f dem Frieden basiert sein kann. Er allein ist die Grundlage jeder Wiederaufrichtung unserer Stärke. Ich sehe> daß die Wirtschaft S ch r i t t m a ch e r i n ist auf einem Wege, der über Landesgrenzen hinweg große neue Bindungen schafft. Es wäre völlig verfehlt, schon jetzt Einzelheiten darüber zu sagen, wie

die in Thoiry eingeleiteien Verhandlungen

zum Erfolg geführt werben können. Es bedarf Mr^parff- "taten, iSnffermrmr

fälligsten Prüfung aller hierbei in Betracht kommenden politischen, wirtschaftlichen und finanziellen Fragen, und ich bin mir von vornherein darüber klar, daß die Monate, die der Bereinigung dieser Fragen gelten, wieder Zeiten der stärksten Kämpfe und der Ge-

dulds- und Nervenprobe sein werden.

Die Politik von Thoiry kann nach meiner über- zeugung und, wie ich glaube, auch nach der Überzeugung des französischen Außenministers keine solche Politik sein, die aus dem Rahmen der allgemeinen Politik mit dem Ziel der Befreiung und des Wiederaufbaus Europas Heraustritt. Es bedarf zu ihrer Verwirklichung deshalb auch der Beteiligung anderer Mächte und der Mitwir­kung der für die Reparationszahlungen zu­ständigen Stellen. Ich rechne darauf, daß diese Politik in den anderen Ländern Verständnis und Zu­

i an die andlun-

stimmung findet. Dabei denke ich besonders auch Vereinigten Staaten, die seit den Verlh

gen über den Vertrag von Versailles die wirklich» Be­friedung Europas als eines der Ziele ihrer Politik be­zeichnet haben. Von diesem Gedanken geleitet, haben die Vereinigten Staaten auch die Bewegung ins Leben ge­rufen, die zum Dawes-Abkommen und damit zur Entpolitisierung der Reparationsfrage geführt hat. Ich möchte daher annehmen, daß auch die Verhandlungen von Thoiry in der Linie der Politik der Vereinigten Staaten liegen werden,

Es ist allerdings ein schmerzlicher Nachklang zu der Politik der allgemeinen Befriedung zu verzeichnen, den ich im Interesse der Verständigungsbestrebungen tief be­dauere, wenn neuerdings aus der Gegenseite von hoher verantwortlicher Stelle aus in der Öffentlichkeit wieder die alte Behauptung von der alleinigen Kriegsschuld der Mittelmächte verkündet worden ist. (Lebhafte Zustimmung.) Die Aufklärung der Völker ist z« weit fort­geschritten, als daß derartige Behauptungen noch jetzt ge­wagt werden dürfen. (Stürmische Zustimmung.) Wir brauche» uns um so weniger zu fürchten, wenn die Be­hauptungen sich aus einer Stellungnahme zu all diesen Fragen erklären, deren fast zwangsläufige Parteilich­keit vor aller Welt offen zutage liegt. (Stürmischer Beifall.)

Ich will mit diesen Erklärungen hier nicht rechnen, sie nicht kritisieren. Gott gab den Menschen nicht die Er­kenntnis der Wahrheit, er gab ihnen nur das Streben nach Wahrheit. Wir sind bereit, uns jedem unparteiischen Gerichtshof zu stellen, der die Ursache des Weltkrieges untersucht, der deshalb will, daß die Wahrheit ent­schieden werde. (Stürmischer Beifall.)

Das alte und das neue Deutschland.

In dem Teil seiner Rede, die sich mit innerpolitischen Fragen beschäftigte, befaßte sich Dr. Stresemann mit den Vaterländischen Verbänden, deren Gründung er aus den Zeiten der Nachkriegszeit durchaus verstehen könne. Er empfinde es aber bedenklich, wenn sich jetzt parteipolitische Bestrebungen in diesen Organisationen geltend machen. Unser Kampf, so sagte Dr. Stresemann,

muß sich richten gegen den Klassenkamps- ch a r a k t e r, ob er auf der einen oder anderen Seite auftritt. Dazu gehört die Bereitschaft zur Verständigung mit jedem, der gewillt ist, den Klassenkampfgedanken auf. zugeben.

Unter stürmischem Beifall erklärte Dr. Stresemann: Die Liebe zum alten Deutschland wird uns stets in Gegnerschaft finden gegen jeden, der so klein im Herzen und so verledert im Gemüt ist, daß er nicht empfindet, welche Kraftquellen der deutschen Seele ha Gedanke der großen deutschen Vergangenheit ist. (Beifall.) Aber das neue Deutschland, für das wir leben, das zwingt uns, auch hier den Kampf aufzunehmen gegen diejenigen, die ich wie die Ewiggestrigen auch im neuen Deutschland nennen möchte. Wenn wir ein neues Deutschland heute aufbauen, die Einseitigkeiten, die eS einstmals gab zu Zeiten, zu denen schon die Ernennung eines Nationalliberalen zum preußischen Landrat als große Konzession an das Bürgertum geweitet wurde, wünschen wir nicht wiederkehren zu sehen. Wir glauben nicht, daß es bestimmte Gesellschaftsklassen gibt, die das Recht haben, den Staat neu zu beherrschen, nachdem sie den alten Staat nicht haben erhalten können. Wir wollen uns bekennen zu der Überwindung jeder Gesellschafts­unterschiede, die viel mehr zur Stärkung der Sozialdemo- kratie beigetragen haben als das Erfurter Programm.

Dr. Stresemann feierte sodann die Verdienste Helfferichs und Eberts um das neue Deutschland und wandte sich dann gegen die Parteileidenschaften, die füh­rende Persönlichkeiten nicht objektiv Werten würden. Ei richtete weiter die Aufforderung zur Mitarbeit an dem neuen Staat. Aus nationalen Gründen dürfe überhaupt kein Deutscher die Frage der Staatsform in Zweifel ziehen. Dr. Stresemann beklagte die Zerrissen Heil des Auslandsdeutschtums und appellierte im Zusammenhang hiermit an die Auslandsvertreter, dei Welt nicht das Bild eines zerrissenen, sondern eines ein­heitlichen und zum neuen Deutschland sich bekennenden Deutschtums zu zeigen. Am Schluß seiner Ausführungen

gedachte Dr. Stresemann des Führers der Nationallibe-

Ausführungen: Wir sind und bleiben national und liebe- ral, und nur die Leute, die so denken und fühlen, werden sich wohlfühlen in unserer Deutschen Volkspartei. Wenn heute manche großen Gedanken der Freiheit des Denkens zurückgedrängt sind, weil andere alltägliche Lebenssorgen uns bedrücken, sie bleiben die Grundgedanken unserer Partei, und wenn es gilt, sie zu verteidigen, dann wird man uns am Platze finden. Die Teilnehmer brachten Dr. Stresemann nach der Rede eine langanhaltende Ovation dar.

Dank an Dr. (Stresemann.

In einer einstimmig angenommenen Entschließung gedenkt der Parteitag der Brüder im besetzten Gebiet und spricht dem Führer der Partei, Dr. Stresemann, für seine kluge, von tiefem vaterländischem Gefühl geleitete staats- männische Politik, die großzügig und weitblickend dem Ziel der Freiheit und Stärkung des Reiches zustrebt, Dank aus. Er dankt zugleich der Reichstagsfraktion für ihre geschlossene vertrauensvolle Arbeit an der Wiederaufrich­tung der inneren Ordnung und des Wirtschaftslebens des Reiches. Der Parteitag stellt mit Genugtuung die völ­lige Einmütigkeit der Deutschen Volks- Partei fest. Die folgerichtige, stetige Politik der Partei und ihres Führers hat sich als richtig und dem Vaterlande förderlich erwiesen. Die Deutsche Volkspartei wird diesen Weg einig und im Vertrauen zu ihrem Führer w e i t er­geh e n. Alle, die hierbei aus anderen politischen Lagern Hilfe leisten wollen, sind ihr zur Mitarbeit willkommen.

Arbeitslosenversicherung.

Schon seit mehr als einem Jahr liegt im Reichs­wirtschaftsrat ein Gesetzentwurf über eine völlige Ände- derung der Erwerbslosenfürsorge und der Arbeitslosenversicherung vor. Die Meinungen und Ansichten über diese beiden ebenso brennenden wie verwickelten Fragen gehen aber sehr weit auseinander und wenn der Entwurf an den Reichstag kommt, könnte« diese Differenzen noch viel größer werden.

Immerhin hat man sich in den Reichswirtschaftsrats-. auSfdjüffen doch schon über einiges geeinigt. Zunächst wird zweifellos der Kreis jener Personen, die der Ar­beitslosenversicherung unterworfen werden, sehr weit ausgedehnt, soweit wie nur irgend möglich nämlich auf alle Arbeitnehmer jeder Art, die überhaupt Versicherungs- pflichtig sind. Dadurch werden auch hochbezahlte Ange­stellte Träger der Versicherungspflicht, die Lasten werden also auch auf tragfähige Schultern gelegt.

An die Stelle der bisherigen Arbeitslofeuunter- stützung, die ja einen Einheitssatz vorsieht, Unterschiede nur bei den Ortsklassenzuschlägen kennt, soll nun grund­sätzlich eine andere Art treten; der auf der letzten ArbeiW-- stätte erhaltene Lohn wird nämlich für die Höhe der Un­terstützung maßgebend sein, wobei gewisse Lohnnormsätze festgelegt werden, Einheitslöhne der fünf bis sieben Klassen. Der Gesetzentwurf nennt das einLohnklaffen- system mit Einheitslöhnen" für jede Klasse. Streitet man zurzeit auch noch über Zahl der Klassen und HMe^dxs