Hersfelöer Tageblatt
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mit den Beilagen: Heimatschollen / Illustriertes AnterhaltungSblatt / Nach Feierabend / Herb und Scholle / Unterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.
Nr. 231 (erstes Statt)
GonnabenS. den 2. Oktober 1926
76. Jahrgang
Der alte Adam.
War es ein neckischer Zufall oder war es weises Spiel der Vorsehung, daß just in dem Augenblick, da die Große Internationale Polizeiausstellung in der deutschen Reichshauptstadt mit einem hier schon lange nicht mehr erlebten Aufwand von Feierlichkeit und Festfreudigkeit eröffnet wurde, in einer der menschenreichsten und vornehmsten Verkehrsstraßen des Westens ein Juwelenraub von unerhörter Kühnheit zur Ausführung kam? Sollte den Veranstaltern dieser großen Berliner Schau draußen in den Riesenhallen am Kaiserdamm vielleicht ein kleiner Dämpfer aufgebrummt werden, auf daß sie sich in ihrer berechtigten Genugtuung über das Gelingen dieses in mehr als einer Richtung bemerkenswerten Unternehmens nicht etwa zu übertriebenem Sicherheits- gefühl verleiten ließen, da wir es in dem Kampf gegen das Verbrechertum nun schon so herrlich weit gebracht hätten?
Wir wollen es dahingestellt sein lassen, ob eine solche Warnung vor gefährlicher Selbsttäuschung der preußischen Polizeiverwaltung gegenüber notwendig gewesen wäre. Tatsache aber ist ohne Zweifel, daß der Wildweststreich aus der Tauentzienstraße, dessen Haupturheber man ja inzwischen gefaßt hat, doch auch unseren Hütern der öffentlichen Ordnung sehr viel Stoff zum Nachdenken geliefert hat. Die Verwegenheit des modernen Verbrechertums kennt heutzutage kaum noch irgendwelche Grenzen. Es sieht unsere Polizeiorgane mit tausenderlei Aufgaben belastet, die sie in ihrer kriminalistischen Berufstätigkeit mehr und mehr einengen, sie ablenken von der aufmerksamen Beobachtung des öffentlichen Lebens da, wo es der geschulten Argusaugen unserer Polizei am dringendsten bedarf. Es kann schon sein, daß die mit allen Hilfsmitteln der Neuzeit ausgerüsteten Schatzjäger aus diesen Verhältnissen eine nicht unbeträchtliche Ermutigung für ihre Staubzüge herleiten, so daß wir in diesem Aus- t"nmvkendeL Skjtfei^ tue Keyrserte der wohlgemeinten Reformbestrebungen auf polizeilichem Gebiete zu erblicken hätten, von denen in den Reden, welche die Berliner Polizeiveranstaltungen der letzten Tage begleiteten, so viel zu hören gewesen ist. Jedenfalls wird man sorgfältig darauf zu achten haben, daß das Bessere, dem Der Staat auf diesem Feld mit löblichem Eifer nachstrebt, nicht der Feind des Guten wird. Wir dürfen die erhöhte Mühe um die Fortbildung unseres Polizeiwesens nicht mit der ungewollten Aufziehung abenteuerlustiger Verwegenheiten bezahlen, die unter der ohnedies nicht mehr in allen Teilen sonderlich sattelfesten Jugend geradezu verheerend wirken müßte. Die Verkehrspolizei steht bei uns heute einigermaßen im Vordergrund aller staatlichen Fürsorge; die Räuber von der Berliner Tauentzienstraße sollten uns eine ernste Mahnung sein, daß die Hauptan- strengungen doch wohl nach wie vor dem Schutz vor Verbrechern und der Kriminalpolizei zu gelten haben.
Freilich, wenn es nach Herrn Poincarö geht, haben wir in Deutschland noch lange nicht genügend abgerüstet, nicht materiell und nicht moralisch. Was er an unseren Armee-Einrichtungen noch auszusetzen hat, ist vorläufig sein Geheimnis. Aber unsere Polizei ist, so scheint es, immer noch zu schlagkräftig und zu mannhaft, solange ihre Hundertschaften nicht aus Veteranen oder aus körperlich Minderwertigen zusammengesetzt sind. Er hält es für richtig, so oft er sich vor den Ohren der Welt vernehmen läßt, ihr auch jetzt noch sein wohlbekanntes sorgenvolles Gesicht zu zeigen. Wenn Bismarck, der Alp Der Koalitionen, feindliche Mächte nicht schlafen ließ, so kann Herr Poincars offenbar aus Furcht vor deutschen Taschenrevolvern oder Gummiknüppeln kein Auge schließen. Und wenn er gar daran denken soll, daß das Urteil der Welt über die Kriegsschuld von 1914 vielleicht einmal den Boden von Versailles verlassen wird, dann möchte er darüber fast den Verstand verlieren —, tone beinahe den Schluß rechtfertigen könnte, daß er an diesen Erörterungen mit einem sehr bösen Gewissen beteiligt sein muß. Die neue Tragödie von Germersheim sollte ihm eigentlich klargemacht haben, daß die Reihe zum Abrüsten nun wirklich an Frankreich ist und nicht an Deutschland. Seine jungen Leutnants zeigen leider keine Spur von den großartigen Eigenschaften, die Herr Poincars den Franzosen immer wieder nachruhmt und deren er sich wieder in der zweiten seiner dieswochent- lichen Reden mit hochtrabenden Worten gebrustet hat. Wieder ist im besetzten Gebiet deutsches Burgerblut für nichts und wieder nichts geflossen und mit frisch aufquellendem Zorn erhebt sich abermals überall m Deutsch^ land die ungeduldige Frage, wie lange noch eigentlich diese Landsknechtschaftswirtschaft bei uns andauern soll, die ja seit L o c a r n o und Genf jeden Sinn verloren hat. Der französische Ministerpräsident spricht heute noch mit tränenerstickter Stimme von den Leiden der Kriegsbeschädigten, für die unschuldigen deutschen Opfer feiner schießfreudigen Offiziere aber findet er lern Wort menschlicher Teilnahme. Er ist eben wirklich noch, nach der Feststellung eines englischen Blattes, der alte Adam, als den ihn die Welt vor und während des Krieges und nachher in den schrecklichen Jahren des Ruhrkampfe^ hinreichend kennengelernt hat. Wie aber soll dre Welt zur Ruhe kommen, wenn solcher Geist ihr Schicksal heute wie gestern mitbestimmen darf?
Unternehmer und Arbeiter
Die Marbeit der Sozialdemokratie.
Eine neue Rede Silverbergs.
Auf der in Düsseldorf abgehaltenen 54. Hauptversammlung des Vereins zur Wahrung der gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen im Rheinland und in Westfalen kam der Vorsitzende, Kommerzienrat Dr. Paul R e u s ch - Oberhausen, kurz aus die Dresdener Tagung des Reichsverbandes der Deutschen Industrie zu sprechen, die seinerzeit durch die Ausführungen Dr. Silverbergs in Deutschland das größte Interesse erweckt hatte. Den hier von Dr. Silverberg über „Das deutsche Unternehmertum in der Nachkriegszeit" entwickelten Ausführungen, erklärte der Redner, könne man in der Hauptsache voll und ganz 31tstimmen. Er stimme Silverberg ferner darin zu, daß nicht gegen und nicht ohne die Arbeiterschaft regiert werden solle. Er glaube aber auch darin mit ihm einig zu sein, daß von der Industrie im Interesse ihres geschlossenen Auftretens die Parteipolitik ferngehalten werden müsse. Es sei nicht angängig, eine einzelne Partei als Arbeiterpartei zu bezeichnen. Er stelle hier entgegen den Pressemeldungen ausdrücklich fest, daß die Rede des Herr» Silverberg dem Präsidium und dem Borstand vor der Dresdener Tagung nicht vorgelegen habe.
Der Redner begrüßte- dann die Maßnahmen, die der Reichsfinanzminister Dr. Reinhold zur Vereinfachung des Verwaltungsapparates in seinem Ministerium getroffen hat, und sprach die Erwartung aus, daß sich Die sich anbahnende Vereinfachung in der Verwaltung möglichst bald bei den übrigen Reichsministe- rien. san u nub ^u werde. Das Wohl der Wirtschaft sei mit einem gesunden Führertum eng verknüpft. Redner ging dann auf die Verhandlungen über den internationalen Eisenpakt ein. Die Erkenntnis, daß durch Schaffung internationaler Verständigung auf wirtschaftlichem Gebiet sowohl den Interessen der Allgemeinheit nicht nur der Erzeuger, sondern auch der Verbraucher gedient wird, scheine sich durchgesetzt zu haben. Die wahre Lage der deutschen Wirtschaft werde stark verschleiert durch die Einwirkung des seit Monaten andauernden englischen Bergarbeiter- streiks sowie durch die der deutschen Wirtschaft zugeflossenen ausländischen Darlehen.
Es werde einer langen, zähen Arbeit bedürfen, um die Stellung, die wir in der Vorkriegszeit aus dem Weltmarkt einnahmen, wieder zu erringen. Ihm scheine, daß durch ein Zusammengehen der schaffenden Stände in Beziehung auf die Kräftigung des Fulandsmarktes manches erreicht werden könne. Es müsse hier auch mit aller Deutlichkeit ausgesprochen werden, daß auch nicht gegen die Wirtschaft regiert werden könne. In den letzten Jahren sei vom Parlament und von der Regierung die Lage der Wirtschaft nicht entsprechend berücksichtigt worden, was alle schaffenden Stände veranlassen sollte, sich enger zusammenzuschließen, um eine gesunde Wirtschaftspolitik zu erkämpfen. Daß die Erholung unseres Julandsmarktes eng mit der außenpolitischen Befriedung Zusammenhänge, sei ohne weiteres klar. Er glaube der übereinstimmenden Meinung der ganzen Versammlung dahin Ausdruck geben zu können, daß die Z u- rückziehung der fremden Besatzung nicht v 0 n u n s in irgendeiner Form erkauft werden dürfe.
Das europäische Stahlkartell.
Präsident Mährisch.
Zum ersten Präsidenten des nunmehr in Kraft getretenen Abkommens zwischen der deutschen, französischen, belgischen und luxemburgischen Industrie über die Stahlerzeugung ist Emil Mährisch, Direktionsvorsitzender der luxemburgischen Gesellschaft Arbet, gewählt worden. Als Geschäftssitz des Kartells wurde Luxemburg bestimmt.
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Das neue Kartell hat folgenden Verteilungsschlüssel für die Gesamtproduktion angenommen: Von der Erzeugung des ganzen Jahres in Höhe von 27 587 500 Tonnen fallen auf Deutschland 43,5 %, Frankreich 31,19 Luxemburg 8,5 %, Saargebiet 5,25 %, Belgien 12,26 %. Es wird eine gemeinsame Kasse geschaffen, die von einem Komitee verwaltet wird, in dem die Industrien der vier Länder mit gleichen Rechten und gleichen Pflichten vertreten sind. Nach Inkrafttreten der Kartellbestimmungen hat jede beteiligte Landesindustrie pro Tonne erzeugten Stahls einen Dollar an die Kartellkasse abzuführen; ferner ist vorgesehen, daß für die Stahlproduktion über die den einzelnen Ländern zugestandene Menge vier Dollar an die Kartellkasse abgeführt werden müssen, während die Länder, die unter der Menge bleiben, zwei Dollar pro Tonne vergütet erhalten.
Es können noch weitere Länder bertreten unter den gleichen Bedingungen. Es verlautet, das Einverständnis der eisenverarbeitenden Industrie sei vor Abschluß gesichert gewesen. Es ist beabsichtigt, im Rahmen des Kartells Verhandlungen anzubahnen zwischen der lothringischen Minetteindustrie und dem Ruhrkohlenberg-
Unter großer Spannung der Versammlung ergriff sodann
Generaldirektor Dr. Silverberg
das Wort zu einer Erwiderung. Er begrüßte es, daß auch sein Vorredner erklärt habe, daß nicht ohne und gegen die Arbeiterschaft regiert werden könne. Dieser Satz müsse des öfteren wiederholt und unterstrichen werden. Von dem, was er in Dresden gesagt habe, nehme er nichts zurück und ändere nichts.
Wenn man nicht gegen die Arbeiterschaft regieren wolle, dann dürfe man auch nicht jene große politische Partei, in der die Arbeiterschaft wesentlich vertreten ist, als regierungsunfähig bezeichnen. Man müsse den Mut haben, hier die Konsequenzen zu ziehen, Der Redner er-
innen
varan, saß er in Dresden ausdrücklich darauf hingewiesen habe, daß die erwähnte große Partei nicht allein fähig sei, den Staat zu regieren, und daß sie auf jeden Doktrinarismus und aus die Politik der Straße
verzichten müsse, wenn sie zur Mitarbeiterschaft herangezogen werden follte. Dr. Silverberg wies weiter daraus hin, daß er mit einer inoffiziellen Kommission zur Vorbereitung der Dresdner Tagung, der etwa acht Präst- dialmitglieder angehört haben, seine Dresdner Rede durchgesprochen habe. Diese Herren hätten auch ihre Zustimmung erteilt. Die dringendste Ausgabe sei jetzt, Unternehmer und Arbeiter aus einer Linie z u b i n d e n, wo alle Fragen, die die deutsche Wirtschaft und das gesamte deutsche Volk angehen, entschieden werden.
Hieran schloß sich eine Aussprache, in der Geheimrat Dr. Duisberg erklärte, daß der Präsidialbeirat, auf den sich Dr. Silverberg bezogen habe, zwar mit einer einzigen Ausnahme seiner Rede zugestimmt habe, daß dies aber keine amtliche Stellungnahme des Reichsverbandes der Deutschen Industrie bedeuten könne.
dam um die Frage eines Austausches zwischen französischem Erz und deutscher Kohle der Lösung näherzu- bringen.
VeWagnahme vonMaschmen in Österreich
Einspruch gegen die I. M. K.
Wie die „Wiener Neuesten Nachrichten" erfahren, haben die Organe der Interalliierten Militärkommission in Wien vor einigen Tagen in der unmittelbaren Umgebung Wiens mehrere hundert Maschinen beschlagnahmt, welche angeblich für die Herstellung von Munition und Kriegsgerät verwendet werden könnten. Es handelt sich ausschließlich um Maschinen aus den ehemaligen Wöllersdorfer Beständen, die industriellen Zwecken zugeführt werden sollten und von denen nach früheren Verhandlungen mit der Interalliierten Militär- kommission anzunehmen war, daß sie nicht zu den nach dem Friedensvertrag abzuliefernden Maschinen gehörten. Da es sich um sehr bedeutende Werte — etwa 30 Waggonladungen — handelt, ist von österreichischer Seite Einspruch gegen die Beschlagnahme erhoben worden.
Hierzu schreibt das Blatt: Es ist wirklich grotesk, wenn man jetzt acht Jahre nach dem Krieg diesem so restlos entwaffneten Österreich immer noch Rüstungsabsichten zuschreibt. Diese fortgesetzten schweren Schädigungen der österreichischen Industrie und Volkswirtschaft stehen aber in einem sehr groben Widerspruch zu den Versicherungen des Wohlwollens und freundschaftlichen Interesses, die wir bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit zu hören bekommen.