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yersfelöer Tageblatt

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hersselüer Kreisblatt' i

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö I

Der Bezugs weis beträgt durch Idie Poll bezogen monatlich 1 01k., ausschllcM Bestellgeld, für Bersfeld 1. MK. bei freier Zultellung, Abholer .80 M. * Druck und Verlag von budBiq Funks aird!drudrere! in Bersfeld, IDifgHed des VDZV.

Nr. 228

Mittwoch, den 29. September 1926

76. Jahrgang

Germersheim.

Einen trüben Klang hat der Name dieses pfälzischen Städtchens gewonnen, jetzt ist der Klang noch trüber ge­worden. Wieder ist deutsches Blut geflossen, weil die Pi­stolen französischer Offiziere losgcgangen sind wie damals, als bei den Separatistenunruhen unter französischer Obhut gegen Deutsche vorgegangen wurde. Und erst vor kurzem Wieber kam es dort zu Ausschreitungen französischer Be­satzungstruppen, als der Kriegerverein eine Totengedenk- seier veranstaltete, zu Ausschreitungen, die nie ihre Sühne gefunden haben, weil Frankreich sich weigerte, auch nur eine unparteiische Untersuchung zuzulassen.

Auf der einen Seite stehen die Besatzungstruppen, die die Überflüssigkeit ihres Vorhandenseins wohl selbst empfinden, überhaupt keine Aufgabe haben. Dieschönen" Zeiten sind ja vorbei, als man durch die deutsche Inflation und durch Deutschlands Verpflichtung, alle, aber auch alle Kosten zu tragen, herrlich und in Freuden leben konnte. Sluch insofern sind die Zeiten andere geworden, weil man die Machtansprüche, die Eingriffsmöglichkeiten in die deutsche Verwaltung nicht unerheblich einschränken mußte, weil deutsche Klagen ein Echo in der Welt fanden, weil ja die Staatsmänner der beiden verfeindeten Staaten in L o c a r n o und in G e n f zusammenfaßen, gemeinsam ar- beiteten da wurde täglich die Widersinnigkeit der Be­setzung deutschen Landes deutlicher. Die Kölner Zone würbe geräumt, enger rückte die Besatzung zusammen aber das Verhältnis zur deutschen Einwohnerschaft konnte kein besseres werden, weil die Hoffnung auf baldige Räu- inung immer stärker, der deutsche Ruf danach immer lauter wurde.

in Z i v i l k l e i d u n g. Die

Zwifchenfälle, wie sie schon früher in Germershsim und anderswo vorkamen, derartige Zusammenstöße, wie sie dort jetzt zum Tode von zwei, vielleicht drei Deutschen führten, werden aber nicht eher aufhören, als bis die fremden Truppen den deutschen Boden verlassen haben. Die französischen Offiziere, die zur Pistole griffen, waren in Z i v i l k l e i d u n g. Die Besatzungstruppen fühlen sich als die Herren, denen die Waffe gar locker sitzt. Immer sind die Leidtragenden dabei die Deutschen, die in einen wichen Zusammenstoß verwickelt werden, nichtsahnend "nv tu dem ©mimem-tm Rechr M wni. erE ^u,. ijlt für sie nur sehr beschränkt im besetzten Gebiet. Vor ein paar Wochen hat sich in denTimes" ein Engänder

erbittert darüber beklagt, daß er und seine Frau von einem französischen Posten in Koblenz mit dem Bajonett be­droht wurden, weil sie nicht vom Bürgersteig Herunter­gingen am Gebäude, in dem die Rheinlandkommission sitzt; auch der Hinweis aus seine Nationalität habe nichts gefruchtet. 9hm, einem Deutschen ging es viel schlechter: der wurde dort von dem Posten mit dem Bajonett der­art zugerichtet, daß er ins Krankenhaus transportiert werden mußte. Schweigend muß die Rheinlandbevölke­rung das dulden, soll, wenn französische Hartnäckigkeit darauf besteht, das noch 10 Jahre dulden müssen.

Es wird jetzt soviel davon geredet, daß zwischen Deutschland und Frankreich die Feindschaft der Jahr­hunderte begraben werden soll aber Blut ist dicker als das Wasser dieser Reden. Erst muß dieses Wort zur Wirklichkeit werden, muß das Erregende, das, in dem Weiterbestehen dieser Besetzung liegt, endlich beseitigt sein, darf nicht mehr deutscher Boden von Fremden beherrscht, dürfen nicht Deutsche von Franzosen verwundet, getötet werden. Darum ist die Forderung: FortmitderBe- s a tz u n g ! nicht bloß ein deutsches Verlangen,, sondern muß bei allen jenen Widerhall finden, denen diese Ver­söhnungspolitik mehr als eine schöne Phrase ist.

*

Wie die Blutiat geschah.

Nach dem bisherigen Verlaus der Ermittlungen über die Germersheimer Bluttat, die von einem im Auftrag der baye­rischen Staatsregierung aus Speyer nach Germersherm ent­sandten Regierungskommissar geleitet wuroen, bildete die erste Veranlassung zu der Tat der Wortwechsel' zwischen zwei fran­zösischen Leutnants in Zivil und dem Schuhmacher Richard H o l z m a n n. Im Verlause dieses Wortwechsels gab der eine der beiden französischen Offiziere aus Holzmann einen Revolverschutz ab, der den Unterkiefer durchschlug. Dieser Vorfall spielte sich am Ludwigstor ab. Nach der Tat bogen die beiden französischen Offiziere in die Sandstraße ein und überließen den Verwundeten seinem Schicksal Der Landwirt und Fuhrmann Math es und der Arbeiter Erich Müller, die sich zufällig in der Nähe, jedoch nicht in der Begleitung des verwundeten Holzmann befanden und mit dem Streit nichts zu tun hatten, eilten, als der Schutz fiel, dem Verwundeten zu Hilfe. Sie liefen dann den beiden französischen Offizieren nach, um ihre Persönlichkeiten sestzustellen, ohne fedoch zu wissen, daß es sich um Angehörige der französischen Besatzungs­behörde handelte, weil die beiden Franzosen ZiviMeider tru­gen. Gegenüber der Post, etwa 300 big 400 Meter vom Lud- wiqstor entfernt, holten die beiden Deutschen die beiden fran­zösischen Offiziere ein. Der Verlauf der sich nunmehr sehr rasch abspielenden Ereignisse ist im einzelnen noch nicht voll­ständig geklärt, jedoch steht fest, daß der Arbeiter Erich Müller von einem aus nächster Nahe abgegebenen Schutz ie- dergestreckt wurde. Er war sofort t o 1. Der Landwirt und Fuhrmann Mathes wurde durch einen Schuß ins Gehirn lebensgefährlich verletzt.

zu

*

Der Vertreter des Reichskommissars für die besetzten Gebiete, Gras Adelmann, hat bei der Jnterallirerten Rheinlandkommission Vorstellungen wegen, des Vorfalles in Germersheim erhoben. Die zuständige bayerische Staatsanwaltschaft verfolgt die Angelegenheit weiter.

Zurückhaltung in Berlin

Die Verständigung mit Frankreich.

Äußerungen desM a t i n".

Der Außenpolitiker des PariserMatin" will über die Stimmung in Berlin festgestellt haben, daß man etwas zurückhaltender hinsichtlich der in Thoiry in großen Zügen entwickelten Politik geworden sei. Es wäre über­trieben, von einem Rückzug zu sprechen, und nicht ganz gerecht, von einem Schwanken zu reden. Aber man stelle eine Pause fest, eine Zeit zum Überlegen bei den Män­nern, denen die Schwierigkeiten und Hindernisse sich jetzt klarer abzeichneten als unter der schönen Sonne von Thoiry. Die Nachrichten s eien nicht gut. Die Diplomaten seien mit ihren Berichten nicht optimistisch und die Korrespondenten der Banken ebenfalls nicht. In Italien habe der Gedanke einer französisch-deutschen Verständigung eine he.ftige Campagne ausgelöst, in Eng­land bewahre man, da die Regierung noch andere Sorgen habe, eine höfliche Zurückhaltung. Aber die Cityblätter spiegelten die schlechte Meinung der Finanzkreise wider. Selbst in Belgien scheine man ein wenig Überraschung zu zeigen, und dieselben Männer, die mit Deutschland Ver­handlungen gepflogen hätten über E u p e n und Mal- m e d y, wunderten sich ein wenig darüber, daß die fran­zösische Regierung Beziehungen anknüpfe, die zu einer neuen Jnterpreticrung des Versailler Vertrages führen müßten, während der Gedanke einer Transaktion zwischen Belgien und Deutschland so viele Einwendungen in Paris hervorgerufen habe.

Was die Amerikaner betreffe, von denen der Außen- Politiker die qualifiziertesten schon in Berlin gesprochen haben will, so sei ihre Stellung klar: die Notifizierung des Abkommens von Washington müsse vor allem er­folgen, alsdann werde es möglich sein, Geld zu finden. Aber die Ziffern, die man anführe, seien stark übertrieben. Die größte auswärtige Anleihe, die in Newyork seit dem Kriege aufgelegt worden sei, sei zugunsten Australiens erfolgt. Me, nahe iii&l-.lw ^ M^lchriMu, Es sei wahr, daß der französisch-deutsche Kredit nach einer wirtschaftlichen und politischen Verständigung höher als der australische geschätzt werden könne, aber Deutschland schulde auch Geld an Frankreich, und, wie ein amerika­nischer Finanzmann gesagt habe, man möchte nicht alle

Rückkehr der deutschen Delegation aus Genf.

Einberufung des Auswärtigen Ausschusses.

Die deutsche Delegation ist aus Genf in Berlin unter Führung des Staatssekretärs von Schubert, des Ministe­rialdirektors Dr. Gaus und des Abgeordneten Prälat Dr. Kaas eingetroffen. Zur Begrüßung waren auf dem Bahnhof erschienen: Reichsminister Dr. Haslinde, im Auftrage des von Berlin abwesenden Reichskanzlers der Staatssekretär in der Reichskanzlei Dr. Pünder, vom Aus­wärtigen Amt die Ministerialdirektoren Dr. Köpke und Dr. Wallroth, der stellvertretende Pressechef Vortragender Legationsrat Zechlin sowie mehrere Beamte des Aus­wärtigen Amtes.

Der Auswärtige Ausschuß des Reichs­tages ist zum Donnerstag, den 7. Oktober, einberufen worden. Auf der Tagesordnung steht die Besprechung über Genf und Thoiry.

Kirche und Schule.

Eine Entschließung des Reichselternbundes.

Aus der Führerkonferenz des Evangelischen Reichs- elternbundes in Berlin wurde zu der bevorstehenden Neu­regelung der Beziehungen zwischen Kirche und Schule eine Entschließung angenommen, in der die Führerschaft der Elternbewegung gemäß den einmütigen Beschlüssen des Stuttgarter Kirchentages vom Jahre 1921 erneut soweit dies bisher nicht geschehen ist die Bildung v o n Organen fordert unter gebührender Berücksichti­gung der religiösen Lehrerschaft, die den Zusammenhang zwischen Kirche und Schule wahren, in­sonderheit hinsichtlich der Übereinstimmung des Reli­gionsunterrichts mit den Grundsätzen der Religionsge­meinschaft (Artikel 149 der Reichsverfassung). Die Kon­ferenz gibt der Überzeugung Ausdruck, daß weiteste Kreise der evangelischen Lehrerschaft bei einer solchen Regelung wie bisher freudig ihre besten Kräfte für den Religions­unterricht einsetzen werden.

Die Bedeuiung der CmrMwrtM^-

Eine Rede des Reichsministers a. D. Schiele.

In der in München stattgesundenen Hauptversammlung des Landwirtschaftlichen Vereines in Bauern hielt Reichs- Minister a. D. Schiele einen Vortrag über das Thema:Die Bedeutung der Landwirtschaft im Rahmen des gesamten deut­schen .Wirtschaftslebens." Der Redner gab zunächst einen

Euer in ven gieicyen Korv legen. Das 7eten die Nach­richten, unter denen sich, so schließt der Berichterstatter, die Meinungen in Berlin bilden, da sie nicht durch er­mutigende Nachrichten aus Frankreich ergänzt würden, und auch als die R e d e n P o i n c a r 6 s Vorlagen, habe er sich nicht gewundert, eine reserviertere Hal­tung vorzufinden.

Iranlmchs Annäherungsbedingungen.

Nach der LondonerTimes" ist Frankreich zu einer Annäherung an Deutschland unter drei Bedingungen bereit:

1. Daß die Annäherung in Übereinstimmung mit seinen Vertrügen und Bündnissen steht,

2. daß die Frage der Kriegsschuld der mitteleuropäi­schen Kaiserreiche nicht aufgerollt wird,

3. daß der Beweis geliefert wird für materielle und moralische Abrüstung der Nachbarn.

Times" bemerkt hierzu, im allgemeinen Interesse dieser moralischen Abrüstung wäre es vielleicht besser ge­wesen, wenn es für den französischen Ministerpräsidenten möglich gewesen wäre, zu schweigen. Das sei aber nicht möglich gewesen.Nachdem der deutsche Außenmi­nister diedeutsche Kriegsschuld" geleugnet hat, war Poincarö gezwungen, Behauptungen zurückzuweisen, die, falls sie nicht zurückgewiesen wären, als Hebel hätten ge­braucht werden können, um wesentliche Bestimmungen des Vertrages von Versailles zu beseitigen. DieSchuld Deutschlands" ist diemoralische" Basis für viele von den Bedingungen, die der Vertrag von Versailles Deutsch­land auferlegt hat."

Daß der Kriegsschuldarttkel die Basis für viele Be­dingungen ist, die der Vertrag von Versailles Deutschland auferlegt hat, darüber ist man sich auch in Deutschland klar. Die gewundene Begründung derTimes" und die gequälte Inschutznahme Poincarös zeigen erneut, daß die Kriegsschuldfrage als unanfechtbares politisches Argument angesehen wird, weil man im Lager der Gegenseite zu gut -^frhreiM^^ti^M^^^

lüge das ganze Gebäude von Versailles ins Wanken gerät. Währenddessen schreitet die Er­forschung der Kriegsursachen unbehindert fort und wird sich zu gegebener Zeit auswirken.

überblick über die Gesamttage der deutschen Wirtschaft. Die Hauptsignatur sei eine chronische Jndustriekrise, die durch die Reparationsleistungen, Auslandskredile und den englischen Streik verschleiert, durch die Rationalisterungsmaßnahmen ver­schärft werde. Das wirtschaftspolitische Ziel Deutschlands müsse die Ausgeglichenheit der Wirtschaft im eigenen Lande sein. Das deutsche Wirtschaftsgebäude könne nur durch

Verstärkung der landwirtschaftlichen Eigenproduktion neue Festigung gewinnen. Durch landwirtschastsfeindliche Kreditmaßnahmen, übermäßige Zölle, Erhöhung der sozialen Lasten usw. sei die Landwirtschaft schwer geschädigt worden. Die überflüssige Einfuhr von Nahrungswer­ten, die ebensogut im Innern erzeugt werden könnten, be­trage eine Milliarde Mark mehr als in der Zeit vor dem Kriege. Es gäbe nur einen kategorischen Imperativ:Äußerste Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion!" Dadurch könne auch zugleich

die chronische Arbeitskrise überwunden werden. Die überflüssige Nahrungsmitteleinfuhr bedeute eine riesenhafte Aussperrung deutscher Arbeitskraft. Eine dauernde Beschäftigung der Arbeitslosen sei nur möglich, wenn die Wirtschaftspolitik sich auf die Vermehrung der bei- mischen Produktion einstelle. Siedlungen, Landarbeiterheim- stätten, planmäßiger Wegebau auf dem Lande, das seien die Methoden, um die noch geeigneten Arbeitskräfte wieder aus das Land zu ziehen und bodenständig zu machen.

Angesorderle Berichte.

Reichspräsident und Reichsjustizminister wünschen Aufklärung.

Staatssekretär Meißner hat im Auftrag des Reichspräsidenten durch Bries den preußischen Minister des Innern auffordern lassen, den genauen Wortlaut der Rede des Vizepräsidenten des Berliner Polizeipräsidiums, Friedensburg, in der er aus der Ta­gung des Republikanischen Führerbundes in Berlin das Bureau des Reichspräsidenten-, apostro­phierte, festzustellen. Polizeipräsident Friedensburg hatte bei seinen Ausführungen daraus hingewiesen, daß das Bureau des Reichspräsidenten diejenige Stelle sei, an die sich alle möglichen Gruppen zu wenden pflegen. Friedens­burg hatte im Zusammenhang hiermit eine straffe ein- heitliche Staatsgewalt gefordert.

Der Reichsjustizminister hat den Oberreichsanwalt über die Verhaftung des Dr. Dietz und Goldmanns wegen angeblichen Verrats militärischer Geheimnisse zum Be­richt aufgefordert. Weitere Maßnahmen in dieser An­gelegenheit sind daher erst zu erwarten, nachdem der Be­richt im Reichsjustizministerium einer Prüfung unter­zogen worden ist.

Zu den Fällen Dietz und Friedensburg sind bereits mehrere Interpellationen verschiedener politischer Par­teien eingegangen, so daß beide AsfärennoHjm Parla­ment ein Nachspiel haben werden,