Hersfelöer Tageblatt hersfelSer Kreisblatt' Amtlicher Anzeiger für -en Kreis Hersfels
Nr. 223 Donnerstag, den 23. September 1026 16. Jahrgang
0er Bezugs)re‘-s betrügt drrdi "die Pott bezogen monatlich l — (fik„ ausschltstzi. Bestellgeld, für Bersfeld 1.— (Bk. bei freier Zustellung, Abholer —.80 M. * Dro* und Verlag non budtoiq Funks Rudidrudterei in Bersfetd, (Ditgked des VDZV.
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Das Ziel.
Die Abreise der deutschen Delegation aus Genf steht unmittelbar bevor und man wird darangehen, die Bilanz aus dem zu ziehen, was in Genf gehandelt und gesprochen, vor allem aber versprochen und erreicht ist. Allmählich beginnt auch das Dunkel sich zu lüften, das über der geheimnisvollen Zusammenkunft von T h o i r y schwebte, besonders, da es L o u ch e u r ist, das anerkannte Haupt der französischen Schwerindustrie, der jene Verhandlungen demnächst in Berlin fortsetzen soll. Auch Dr. S t r e s e m a n n ist ein klein wenig aus der bisherigen Zurückhaltung herausgetreten, indem er auf einem Bierabend der deutschen Kolonie in Genf Ausführungen machte, die nicht mehr zu mißdeuten sind. So sagte er: „Hier in Genf haben wir nicht die Frage gestellt, ob noch eine kleine Verringerung der Truppenzahl im besetzten Gebiet erfolgen könnte, hier hatte es sich für uns um die Frage gehandelt, ob überhaupt die Besetzung deutschen Gebietes noch vereinbar ist mit der Mitarbeit Deutschlands im Völkerbund; für uns hat es sich auch darum gehandelt, ob das S a a r g e b i e t noch auf Jahre hinaus unter französischer Herrschaft bleiben soll oder ob deutsches Land wieder zu Deutschland zurückkehren darf."
Jede deutsche Regierung der letzten Zeit hat ja den deutschen Standpunkt vertreten, daß die Besetzung deutschen Landes zum Widersinn werde in dem Augenblick, da der Vertrag von Locarno in Kraft tritt und Deutschland Mitglied des Völkerbundes ist, weil es im besetzten Gebiet nicht souverän ist, weil die Besetzung ein Faustpfand darstellt, das durch die Verträge von Locarno und Genf ersetzt sein müsse. Hinsichtlich des Saargebiets liegen bekanntlich die Dinge so, daß 1935 eine Volksabstimmung über die künftige staatliche Zugehörigkeit erfolgen soll und im Falle des Wiederanschlusses an Deutschland die Saargruben zurückgekauft werden müssen. Mindestens ist daher die fremde Herrschaft im Saargebiet ebenso unverträglich mit der Mitgliedschaft Deutschlands beim Völkerbund wie die Besetzung des Rheinlandes. Über den Ausgang der VoUsaMimMMS macht man. sich auch in Frankreich nicht mehr die geringsten Illusionen.
Wenn Dr. Stresemann in seiner Rede vor der deutschen Kolonie nun fortfuhr, es spiele im Leben eines Volkes gegenüber der politischen Freiheit gar keine Rolle, wenn es dafür Belastungen finanzieller Art, die es tragen könne, und sogar schwere Lasten auf sich nehme, so liegt in dieser Andeutung der Versuch einer Kompromißlösung, weil wir das, was wir als unser Recht betrachten, durch- zusetzen nicht in der Lage sind. Dr. Stresemann spricht hier wohl ganz unmißverständlich von dem bekannten Plan, die eineinhalb Milliarden Reichsbahnobligationen als Kaufsumme für die Befreiung von fremder Gewalt zu verwenden.'
Als das unverrückbare Ziel der deutschen Politik bezeichnete Dr. Stresemann die Wiedererringung der deutschen Souveränität aus deutschem Boden, als nächstes die Wiederherstellung unseres Selbstbestimmungsrechtes als Volk. Das alles sei aber nur erreichbar auf dem Wege von Kompromißlösungen. Man könne ganz zufrieden sein mit dem, was wir bisher als Erfolg zu verbuchen haben, wenn man sich einmal überlege, wie die Dinge vor sieben Jahren gelegen hätten. Damals, in Versailles, die Ablehnung des deutschen Ersuchens, in den Völkerbund ausgenommen zu werden. Jetzt, nach Räumung des Ruhrgebiets und der ersten Besatzungszone, ist dieser Eintritt vollzogen, einfach deswegen, weil die anderen Völker es empfunden haben, daß die Gemeinschaft der Rationen unvollständig sei, solange die deutsche Ration ihr nicht angehöre. Freilich, fügt Dr. Stresemann hinzu, müsse man sich darüber klar sein, daß vieles an den Dingen, so wie sie jetzt sind, noch unvollkommen sei. Angesichts der vorhandenen Unterscheidung in große und kleine Rationen konnten wir selbstverständlich nur als vollberechtigtes großes Volk nach Genf gehen.
Roch an einen anderen wunden Punkt rührte der Reichsaußenminister, über den am gleichen Tage in Genf eine erbitterte Auseinandersetzung sta'ttgefunden hatte. Das ist jene Unterscheidung zwischen den Völkern, die berechtigt sind zur Übernahme von Kolonialman- baten, und jenen, denen dieses Recht immer noch abgesprochen wird. Eine derartige Unterscheidung könne Deutschland für sich nicht anerkennen. Stresemann will aber diese Streitfrage nicht unmittelbar zur Erörterung bringen, weil wir dringendere und wichtigere Ziele zu erreichen haben. Aber er macht einen ausdrücklichen Rechtsvorbehalt, auf den wir im passenden Augenblick zurückkommen werden. _ .
Unendlich mühsam ist die Arbeit, Deutschland wieder jene Stellung im Kreis der Völker zu verschaffen, die tnne zu haben wir beanspruchen müssen. Mühsam ist bte Arbeit und lang der Weg, Enttäuschungen liegen genug auf ihm und werden auch in Zukunft nicht fehlen. Über Schnelligkeit und Art der Fortbewegung wird es auch an inneren Kämpfen und Zwistigkeiten nicht mangeln, aber für alle Deutschen steht dahinter das gleiche Ziel.
Liquidation der MichsgeireidestelLe.
Ihre Bedeutung tm deutschen Wirtschastsleben.
Vor einigen Tagen hat in Berlin die letzte Aufstchtsrats- Nhung und die letzte Gesellschnsterversammlung der Reichs- getreidestelle ftattgesunden. in der die LiauidationskckluSbilanr
Mschies von Genf
MMrDr.StreseinannsnachVerlm
Kabinellssitzung am Freitag.
Reichsaußenminister Dr. Stresemann hat am Mitt- woch Genf verlassen und wird für Donnerstag in Berlin zurückerwartet. Vorläufig ist vorgesehen, daß am Freitag vormittag eine Kabinettssitzung unter dem Reichskanzler stattfindet, in der der Reichsaußenminister abschließend über die Genfer Tagung berichten und ausführlich aus feine Besprechungen mit Briand in Thoiry zurückkommen wird. Falls das Kabinett, was anzunehmen ist, einen Beschluß saßt, in dem die Politik des Reichsaußenministers sanktioniert wird, so wird voraussichtlich schon in nächster Zeit eine Fortsetzung der in Thoiry geführten Besprechungen, sei es in Paris oder Berlin, stattfinden. — In parlamentarischen Kreisen des Reichstags rechnet man damit, daß der Auswärtige Ausschutz des Reichstages etwa Anfang nächster Woche zusammentreten wird, um den Bericht des Reichsautzenministers Dr. Stresemann über die Völkerbundtagung in Genf und über die Besprechungen mit Briand entgegenzunehmen. Wie weiter verlautet, beabsichtigt die kommunistische Reichstagssrak- tion den Antrag zu stellen auf sofortige Einberufung des Reichstags. Dieser Antrag dürfte jedoch keinerlei Aussicht auf Verwirklichung haben, da zu seiner Durchführung die Zustimmung von mindestens einem Drittel der Reichs- tagsabgeordneten notwendig ist.
Nie einigtest her deutschen Delegation.
Vor feiner Abreise aus Gens empfing Dr. Stresemann Vertreter der Presse, denen gegenüber er betonte, daß die Mitglieder der deutschen Delegation Eindrücke der Genugtuung aus Genf mitnehmen. In allen Fragen, die die deutsche Delegation in Gens beschäftigt haben, sei sie einer Auffassung gewesen. Daraus möge man auch die Gewähr entnehmen, daß die von Deutsch- land verfolgte Politik sich auf die große Mehrheit des Parlaments und darüber hinaus auf die große Mehrheit des deutschen Volkes stützen könne. Dr. Stresemann kam sodann nochmals auf seine Rede vor der deutschen Kolonie in Genf zurück und gab im einzelnen die Hauptpunkte dieser Rede wieder, in deren Mittelpunkt die Rheinland- raumung und das Verhältnis des Saargebietes zu Deutschland standen. Zum Schluß bemerkte Minister Dr. Stresemann noch zu der Frage, ob Deutschland einen ständigen Vertreter für den Völkerbund delegieren wolle, daß dies nicht die Absicht der Regierung sei. Er legte Wert darauf, die Vertretung im Rate selbst zu führen und auf diese Weise die persönlichen Beziehungen zu verstärken.
Briand aus Llrlaub.
Havas über den Ministerrat.
Briand hat Paris verlassen, um sich etwa acht Tage
^m Lande aufzuhalten. Nach Beendigung des Mlnisterrats erklärte, wie noch nachträglich bekannt wird, Briand einem Vertreter des „Matin": „Zweifellos wer-
genehmigt' und dem Liquidator Entlastung erteilt worden ist. Damit ist die Auflösung der Reichsgetreidestelle endgültig vollzogen, nachdem ihr Betrieb bereits seit dem Jahre 1921 entsprechend der Begrenzung ihrer Aufgaben fortlaufend immer mehr eingeschränkt worden war.
Der jetzt liquidierten Reichsgetreidestelle wird offiziös ein Nachruf gewidmet, dem folgendes zu entnehmen ist: Man wird heute, rückblickend aus die Kriegs- und Nachkriegszeit, sagen können, daß die Neichsgetreidestelle ihrer Hauptaufgabe, der Aufrechterhaltung und Sicherstellung der Brotversorgung des deutschen Volkes, unter den verschiedenartigsten und schwierigsten Umständen stets gerecht geworden ist. Die Mängel, die sich im einzelnen ergaben, waren durch die zwangsläufige Umstellung der deutschen Getreidewirtschaft auf die Selbstversorgung aus der nach Menge wie Beschaffenheit gleich unzureichenden Eigenerzeugung bedingt. Hatte die Neichsgetreidestelle in den Kriegs- und ersten Nach- kriegsjahren vornehmlich ein Mengenproblem zu lösen, so wandelte sich ihre Aufgabe in Der letzten Inflationszeit und nach der Wiederherstellung der Währung zu einem Problem der Preisregulierung. Als in der zweilen Hälfte des Jahres 1923 die Inflation zur Währungskalastrophe führte. hielt die Reichs- getreidestelle durch ihre Preis- und Verteilungsmaßnahmen den Preis des Markenbrotes bei voller Zuteilung der Rationen auf 1 bis 5 Golbpfennige für das Pfund und ermöglichte es dainit, auch die Ärmsten mit Brot zu versorgen. Nach Aufhebung der Markenbrotwirtschaft hat dann die Neichsgetreidestelle noch wiederholt zugunsten der Konsumenien und auch der Produzenten ausgleichend m den Markt ein gegriffen.
Welche Bedeutung die Reichsgeaeidestelle im Wirtschaftsleben spielte, erhelli aus den Zahlen ihres Umsatzes: 4 b i 8 5 Millionen Tonnen Getreide, also Werte von % bis 1 Milliarde Goldmark, hat sie zur Zeit Der Markenbrotwirt- schaft durchschnittlich jährlich im Julande oder nach dem Kriege auch mit Hilfe der Einsuhrgesellschaft aus dem Auslande aus- gekausl, gelagert, aus den Mühlen verarbeiten lassen und dann den Verteilungsstellen im ganzen Deutschen Reiche zugeführt. Das Drei- bis Vierfache dieser Menge wurde außerdem noch durch die Vencilungs- und überwachungsorganisatlonen der Neichsgetreidestelle erfaßt. Wenn auch infolge der überaus großen Ausdehnung und Verzweigung der Geschäftsbeziehun- gen der Personalbestand der Neichsgetreidestelle in der Zeit
den bte Kanzleien und die Techniker sich bald an die Arbeit begeben. Wir werden alsdann sehen, in welchem Augenblick eine neue Begegnung opportun sein wird. Aus alle Fälle will ich mich inzwischen einige Tage ausruhen, denn ich befürchte, daß mir in der Folgezeit bis zum Monat Dezember diese ernsten Verhandlungen nicht viel Muße lassen werden."
Die Agentur Havas beschäftigt sich in einer offiziösen Auslassung mit den Verhandlungen, die im letzten fran« zöschen Ministerrat geführt wurden. Obwohl die offizielle Mitteilung nicht von den Gegenständen spreche, die die beiden Minister angeschnitten hätten, wisse man durch Pressemitteilungen, daß die Besprechungen namentlich die Räumung des Rheinlandes und die Rückerstattung des Saargebietes und als Gegenleniung die demnächstige Kommerzialisierung eines Teiles der Reichseisenbahnobligationen betroffen haben. Der französische Minister des Äußern habe sich wohl gehütet, irgendeine Verpflichtung hinsichtlich dieser Probleme zu übernehmen oder auch nur den geringsten Vorentwurf eines Abkommens auszuarbeiten.
Artikel 431 des Friedensvertrages von Versailles gestattet, so sagt die Verlautbarung weiter, die Räumung des Rheinlandes vor den vorgesehenen Zeitfristen, aber unter der Bedingung, daß Deutschland alle seine Verpflichtungen erfüllt habe. Was die Reparationen betreffe, so erfülle das Reich bis jetzt getreu die Verpflichtungen nach dem Dawes-Plan, aber es scheine nicht, daß nach dem jüngsten Bericht das gleiche Ergebnis hinsichtlich der Entwaffnung erzielt worden sei. Die Regierung werde also im Einverständnis mit ihren Sachverständigen die Bedeutung dieser Verpflichtungen abschäßen und festen stellen haben, in welchem Maße sie die Fortsetzung der Besetzung als Sanktion rechtfertigen. Die Rückerstattung des Saargebietes an Deutschland vor der vorgesehenen Frist von fünfzehn Jahren und die bamit in Zusammenhang stehende Volksabstimmung fei durch den Versailler Vertrag vorgesehen. Die Bedingungen dieser Operationen und ihre Folgen jeder Art müßten sehr eingehend geprüft werden.
Was die teilweise Mobilisierung der Reichseisen- bahnobligationen betreffe, so sei sie sehr wünschenswert, aber ihre Verwirklichung ergebe Schwierigkeiten finanzieller und politischer Art, die eine eingehende Prüfung erforderten, da der Beistand Deutschlands nicht allein für den Erfolg dieser Operationen genüge. Man müsse auch mit den Dispositionen des Weltmarktes rechnen. Diese ganz schematische Aufzählung genüge, so schließt Havas seine Mitteilung, um die Vielseitigkeit und Bedeutung der Lösungen, die eintreten sollen, auf- zuzeigen. Unter diesen Umständen sei es vollkommen natürlich, daß sich die Regierung mit allen unerläßlichen Garantien umgeben wolle. Erst nachdem sie im Besitze aller technischen Elemente der Dispositionen sei, könne der Ministerrat in seiner demnächstigen Sitzung die Prüfung der offiziellen Bedingungen einer deutsch-französischen Abmachung, als deren Anhänger er sich jedoch schon jetzt einstimmig erkläre, fortsetzen.
der vollen Zwangswirtschaft nicht gering war',o waren doch die Generalunkosten des gesamten Betriebes niedrig: sie erreichten tm Durchschnitt für die Tonne des umgesetzten Getreides noch nicht 1 % des Vorkrtegsroggenpreijes.
Fürst und Fürstin Bülow
befinden sich gegenwärtig auf der Durchreise in Berlin, von wo aus sie nach Italien Weiterreisen werden. Wie es heißt, wird eine Zusammenkunft zwischen Fürst Bülow
und dem Reichskanzler Dr. Marx ftattfinben. Fürst Bülow, der ehemalige Reichskanzler, steht jetzt im Aster von 77 Jahren und lebt in der Regel in Klein-Alottbek bei Hamburg.