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Hersfelöer Tageblatt

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Reisfelder Kreisblatt^

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

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Nr. 222

Mittwoch, den 22. September 5626

76. Jahrgang

Memelland und Danzig.

Gleich die ersten Fragen, mit denen die deutschen Ver- freter im Völkerbundrat sich befassen mußten, sind für uns Deutsche ganz besonders brennende: bei derMemer­frag e handelt es sich darum, daß die litauische Re­gierung dem Memelländischen Landtag das Recht ab­sprechen will, an den Völkerbund direkt Beschwerden zu richten; das dürfte höchstens an einzelne Mitglieder des Völkerbundes geschehen. Bei der Aussprache hat auch Dr. Stresemann in Genf das Wort ergriffen und nicht ungeschickt sich den Standpunkt der litauischen Re­gierung zu eigen gemacht, denn unter solchen Umständen sei ,ede im Rate vertretene Macht berechtigt, die Frage einer Verletzung des Memelstatuts aufzuwerfen. Mit biefer leisen Ankündigung hat sich Deutschland nun dieses Recht für die Zukunft vorbehalten.

Noch brennender ist aber die Danziger Frage. Danzig ist in schweren finanziellen Nöten nicht bloß wegen der allgemeinen Wirtschaftskrise, sondern vor allem wegen des Zusammenbruchs der polnischen Währung. Be- kanntlich ist ja der Freistaat Danzig mit Polen zu einer Art Zollunion verschmolzen und erhält aus den Zollein- nahmen einen bestimmten Anteil. Man will nun eine Anleihe aufnehmen, wofür man allerdings die Ge­nehmigung des Völkerbundes braucht, der ja die Ober- aufsicht über Danzig führt. An der ganzen Finanzschwie­rigkeit ist also letzten Endes niemand und nichts anderes schuld als der Versailler Vertrag und sein Hüter, der Völkerbund nämlich. Dessen Finanzkomitee benutzt nun aber die Gelegenheit, den bisherigen Standpunkt, sich in die inneren Verhältnisse des Freistaates nicht einzumischen, ganz und gar aufzugeben und statt dessen eine Finanzkontrolle eingehendster Art zu versuchen. Nicht nur verlangt man Festlegung eines Höchstbetrages der Ausgaben, eine sehr weitgehende Herabsetzung der Be­amten- und Angestelltenzahl, außerdem der Mitglieder- Zahl von Volkstag und Senat, vielseitige Gehaltskürzun- gen, auch Herabsetzung der Erwerbslosenunterstützung, während man auf der anderen Seite dem Freistaat nur die Halste der geplanten Anleihesumme bewilligen will. Außerdem soll es Danzig verboten sein, bis aus weiteres kurzfristige Anleihen aufzunehmen. Weniger eilig als mit

Bedingungen hat man es aber mit der Festlegung des Danzig-polnischen Verteitungs» scblüssels gehabt, mit dessen Regelung die ganze Danziger Finauzwirtschaft steht und fällt.

Der Danziger Präsident Sahm hat beim Völker­bundrat sehr scharfen Protest gegen dieses Vorgehen des Finanzkomitee erhoben und fast unverblümt von einer Art Erpresserpolitik gesprochen, besonders wegen des Ver­langens, daß Danzig sich nicht mehr kurzfristig Geld leihen dürfe. Dr. Stresemann sprang dem Präsidenten hierin bei und wies außerdem auf das gleichzeitige Ver­langen hin, Danzig solle mit der Reparationskommission und der Botschafterkonferenz, ferner über ein Abkommen wegen der auf Danzig entfallenden Lasten aus dem Ver­trage von Versailles verhandeln. Bekanntlich soll näm­lich an diesen Lasten der Freistaat mittragen, während alle jene Gebiete, die an Polen oder Litauen gefallen sind, davon frei und ledig sind. Zu diesen Lasten kommen noch jene Kosten, die dem Freistaate aus der Besatzung durch die Ententetruppen erwachsen sind und die auch bezahlt werden sollen. Dr. Stresemann wandle sich auch da­gegen, daß man eine Kürzung, vielleicht sogar ein gänz- liche Beseitigung der Erwerbslosenfürsorge erzwingen wolle, konnte aber nur erreichen, daß die Genehmigung kurzfristiger Anleihen durch das Finanzkomilee notwen­digenfalls auf telegraphischem Wege von den einzelnen Mitgliedern eingeholt werden soll, da das Komitee erst im Dezember wieder Zusammentritt, wobei es eben mehr als fraglich bleibt, ob eine solche Genehmigung überhaupt gegeben wird, ehe nicht der Freistaat sämtliche Bedingun­gen angenommen hat.

Der Völkerbund hat verständigerweise die Finanz­kontrolle über Osterreich bis auf ganz geringe Reste ab­gebaut, dabei allerdings dafür gesorgt, daß dafür eine Kontrolle durch ein internationales Bankkonsortium einge­treten ist; jetzt betätigt er sich also an anderer Stelle in noch viel weitergehender Form. Der polnische Minister- Präsident war vor einigen Monaten merkwürdigerweise in der Lage, das ankündigen zu können, und der damalige Widerspruch des Präsidenten Sahm hat sich als der- geblich herausgestellt. Es wird für ihn deswegen nur ein recht geringer Trost gewesen sein, daß er in Genf nicht ganz allein gestanden hat, sondern dort die deutsche Unter­stützung fand, wenn sie auch erfolglos geblieben ist-

Weltwirlschasts- und Abrüstungskonferenz

Die Beratungen in Genf.

Die Völkerbundversammlung hielt eine Sitzung ab, in welcher insbesondere die Frage der Weltwirtschasts- konferenz besprochen wurde. Der französische Delegierte Loucheur wies auf die große Bedeutung der Konferenz hin und erklärte» daß die Vorbereitungsarbeiten so eifrig gefördert werden müßten, daß die Konferenz möglichst bald zusammentreten könne. Der deutsche Delegierte von Rheinbaben unterstützte die Aus­führungen Loucheurs und betonte, daß nur auf einer in­ternationalen Grundlage die Sanierung der ungesunden Wirtschaftlichen Verhältnisse in zahlreichen europäischen

ArtseM der tefpradt mit Mudreiih

Frankreichs Regierung hinter Irland

Wichtige Beschlüsse in Paris.

Der von der politischen Welt mit so großer Span­nung erwartete französische Ministerrat, in dem die Vor­gänge in Genf anläßlich der Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund sowie die Besprechungen Briands mit Stresemann in Thoiry zur Diskussion standen, hat am Dienstag in Paris stattgefunden. Über das Ergebnis des Ministerrats wird folgendes amtliches Kommunique aus­gegeben:

In dem unter Vorsitz des Präsidenten der Repu­blik abgehaltenen Ministerrat erstattete Außenminister Briand Bericht über die 'Haltung und die Arbeiten der französischen Delegation in Genf. Die Regierung b e g l ü ck w ü n s ch t e ihn zu den erzielten Resultate». Briand setzte den Ministerrat gleichfalls in Kenntnis über seine Besprechungen mit Dr. Stresemann. Die Regierung war einmütiger Ansicht über das In­teresse dieser Besprechungen und die Nützlichkeit, sie fortzusetzen. In der nächsten Sitzung des Ka- binettsrats soll die Prüfung der technischen Probleme vorgenommen werden, die diese Verhandlungen mit

vanvern ungebahnt werden könne. Die Bölkerbundver- sammlung stimmte den von Loucheur vorgetragenen Aus­führungen in einer Resolution zu

Die dritte Kommission für Abrüstungsfragen beschloß die Abrüstungskonferenz, wenn nicht materielle Schwierig­keiten eintreten, bis zum September 1927 einzuberufen. An dieser Konferenz wird auch Spanien teilnehmen, obwohl es erst kürzlich sein Desinteressement am Völker­bund ausgesprochen hat. Spanien weist in diesem Zu- sammenhang auf Amerika hin, das gleichfalls an dieser Konferenz teilnehmen will, obwohl es nicht Mitglied des Völkerbundes ist.

Florida verwüstet.

Schätzung - ,

Durch die Sturmkatastrophe wurde eine große Anzahl von Ortschaften teilweise oder ganz zerstört. Die Schätzungen über die Zahl der Todesopfer gehen teil­weise bis auf 2000. Die eintreffenden Meldungen über­steigen die schlimmsten Erwartungen. Viele Schiffe be­finden sich in Seenot, darunter acht Passagierdampfer, die zwischen Newyork und Florida verkehren und von denen keine Nachricht vorliegt. Im Unglücksgebiet sind überall Notlazarette aufgebaut. Soldaten leisten Hilfe­dienste.

Präsident Coolidge hat funktelegraphisch einen Auf­ruf veröffentlicht, der zur Unterstützung der Opfer der

p Die Halbinsel Florida.

Wirbelstürmkatästrophe in Florida ausfordet. Von allen Seiten laufen beeits Spenden für die verwüsteten Gebiete ein; eine umfassende Rettungsaktion ist im Gange. Dre Gebiete, über die der Zyklon hinweggegangen ist, gleichen einer Kriegszone. Auf beinahe unpassierbar gewordenen Straßen schleichen endlose Züge von Automobilen, die mit Flüchtenden und Verletzten angefüllt sind. Die Gebäude, die das Unwetter verschont hat, sind überall sofort in Hilfslazarette umgewandelt worden. Die Straßen wer­den von Militär bewacht; Freiwillige ordnen die Vertei­lung von Lebensmitteln und Kleidungsstücken. Zahl­reiche Personen fliehen, notdürftig gekleidet, so, wie sie nachts beim Nahen der Katastrophe aus den Häusern ge­stürzt sind. Die Wolkenkratzer haben sich als ausgezeich­neter Schutz erwiesen. Der Zeitungsturm von Miami, das Wahrzeichen der Stadt, ist vom Sturm regelrecht ver­bogen worden; er steht jetzt völlig schief. Ein zehnstöckiges

sich bringen könnten. Ein Kabinettsrat findet näch­sten Donnerstag und ein neuer Ministerrat am 1. Ok­tober statt.

Nach Schluß des Ministerrats erklärte Briand den Journalisten, er habe dem Kommunique nichts hinzuzu- fügen. Was er getan habe, habe der Regierung völlige Freiheit gelassen. Diese habe davon in der günstigsten Weise Gebrauch gemacht.

Die Pariser Regierung hat also, wie aus dem Kom­munique ersichtlich ist, sich einhellig für die Fortsetzung der in Thoiry eingeleiteten Besprechungen zwischen Frank­reich und Deutschland ausgesprochen. Die von gewissen französischen Blättern gebrachte Meldung, daß ein Teil des Kabinetts Briand feindlich gegenüberstände, hat sich demnach nicht bestätigt. Allerdings sind die Schwierig­keiten noch nicht behoben. Das Prinzip des deutsch-fran- zösischen Ausgleichs hat selbst in rechtsstehenden Kreisen Frankreichs nur geringen Widerspruch gefunden. Gegen- stand der Kontroverse bildet lediglich das Ausmaß der Deutschland zu machenden Konzessionen. Darüber ist im Ministerrat noch nichts entschieden worden. Das Kom- muniquö gibt bekannt, daß die Aussprache darüber erst im nächsten Ministerrat am kommenden Freitag beginnen soll.

Bankhaus weist starke Risse aus, ist aber tm übrigen kaum nennenswert beschädigt worden, während Holzhäuser und Fachwerkbauten eingestürzt sind oder gar durch die Ge­walt des Sturmes davongetragen wurden. Die bekann­testen Luxushotels sind zerstört. Bewohner eines Hotels, die in die Keller flüchteten, wurden durch die Meeresflutcn ertränkt. ------

Über 200 Millionen Dollar Schaden.

Der Sachschaden scheint noch größer zu sein, als zu­nächst angenommen worden war. Als ungefähre Ziffer werden bereits zweihundert Millionen Dollar genannt. Es verlautet, daß die Stadt Pensacola gänzlich zerstört

Das Modebad Miami.

worden sei. Weiter suchte das Unwetter, das von hef­tigen Wolkenbrüchen begleitet war, Mobile im Staate Alabama heim. Mobile soll verhältnismäßig wenig ge­litten haben. Überall flüchtete die Bevölkerung in Kirchen, Hotels und andere große Gebäude, die dem Unwetter standzuhalten vermochten. Der Eisenbahnverkehr in der Orkanzone ist eingestellt worden, da die Züge gegen den Sturm nicht auskommen konnten. Die Strecke, die der Zyklon bisher zurückgelegt hat, beträgt etwa 1000 Kilo­meter.

Berichte von Augenzeugen.

Insassen eines Pullmann-Wagens, der aus Florida in Atlanta (Georgia) eintraf, gaben Schilderungen von den Verwüstungen, die der Orkan angerichtet hat. Sie erklärten, daß der Eisenbahnwagen vor dem Bahnhof Miami halten mußte. Man konnte nicht zehn Fuß weit sehen. Der Wind warf den Wagen hin und her. Zwei­mal hörte der Sturm vollständig auf, um dann zum drittenmal stärker als zuvor wieder einzusetzen. Das Ge­bäude derMiami Tribune" wurde vollkommen umge- dreht. Auch andere große Gebäude wurden fast in kleine Stücke zerrissen. Die in den Straßen stehenden Automo- bile wurden entweder weggefegt oder von dem Regen gegen die Häuser gedrückt.

Deutsches Beileid.

Die deutsche Botschaft in Washington ist beauftragt worden, dem Präsidenten und der Regierung der Ver­einigten Staaten das aufrichtigste Beileid im Namen des Reichspräsidenten und er Reichsregerung anläßlich der Unwetterkatastrophe an der Küste von Florida auszu- sprechen.

politische Rundschau.

Deutsches Reich.

Die Stabilisierung der deutschen Währung.

In Anwesenheit des Bundespräsidenten Hainisch, des deutschen Gesandten Grafen Lerchenfeld und anderer nam­hafter Persönlichkeiten hielt Reichsbankpräsident Dr. Schachtzim Rahmen der internationalen Lochichulkurie im