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Hersfelöer Tageblatt

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hersfelüer Kreisblatt'

Amtlicher Mnzeiger für den Kreis Hersfels

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Nr. 2)0 Mittwoch, den S. September 1926 7S^Aahra«mg

Geheimverträge.

Mit Schaffung des Völkerbundes sollte die Geheim- Politik aus der Welt verschwinden und eine Politik der all­gemeinen Aufrichtigkeit begonnen werden, damit die Staaten nicht wieder aus Unkenntnis der Lage in eine solche Katastrophe wie der Weltkrieg hineinstolpern. Aus diesem Grunde ist eine genaue Einzeichnung aller zwischen den einzelnen Völkern getätigten Abkommen vorge­schrieben. Wenn einmal die Kunde von einem Vertrage auftauchte, dann dauerte es auch meist nie lange, bis die Welt erfuhr, daß auch der Inhalt und der Wortlaut der Verträge beim Völkerbundsekretariat hinterlegt worden waren. Deutschland hat sich, trotzdem es bisher noch nicht Mitglied des Völkerbundes war, auch dieser Regel gefügt und hat sofort von allen Abkommen und Verträgen nach Genf Mitteilung gemacht. Es hat auch so gehandelt, wo es dazu gar nicht einmal verpflichtet gewesen wäre. Bei Verträgen mit Völkerbundstaaten wäre ja sowieso von der anderen Seite die Veröffentlichung erfolgt. Wir haben darüber hinaus aber sogar unsere Abkommen mit Rußland mitgeteilt, obgleich dieser Staat kein Völker- bnndmitglied ist. Deutschland wollte auf jeden Fall schon den leisesten Schein vermeiden, als ob etwas getan wäre, was den Satzungen des Völkerbundes, in den es einmal eintreten will, zuwiderläuft.

Trotz dieser schönen Absichten der Väter des Völker­bundes tauchen ab und zu Gerüchte über den Abschluß von allerlei Geheimverträgen auf. Auch uns nahm man davon nicht aus. Wir entsinnen uns wohl alle noch der Hetze, namentlich in der französischen Presse, die von aller­lei hinterhältigen Plänen Deutschlands im Bunde mit Rußland zu berichten wußte. Wir konnten zwar jedesmal den Verdacht zerstreuen. Ein gewisses Mißtrauen blieb aber doch schließlich an irgendeiner Stelle zurück. Das war wohl auch beabsichtigt. Man hatte manchmal den Eindruck, als ob das ganze Geschrei über unsere Hinter- stältiakest nur va-,u dienen sollte, Zey. P-LL Aon eigenen dunklen Machenschaften abzulenken.

Aus amerikanischer Quelle geht jetzt durch die Welt die Meldung von dem Inhalt eines angeblich polnisch- rumänischen Geheimvertrages, wobei auch Frankreich eine Rolle spielen soll. Nach der amerikanischen Quelle ist der Vertrag gegen Deutschland, Ruß­land und Ungarn gerichtet. Nun ist es allerdings schon lange bekannt, daß Polen und Rumänien einen Ver­trag abgeschlossen haben. Prompt erfolgt dazu von fran­zösischer Seite die Meldung, daß ein geheimes Militär­abkommen mit diesen beiden Staaten nicht abgeschlossen worden sei. Das kann man schon glauben. Aber es ist nicht zu verwundern, wenn durch die ganze Angelegenheit jetzt, so kurze Zeit vor dem Augenblick, wo Deutschland in den Völkerbund eintreten soll, eine gewisse Unruhe in einzelnen deutschen Kreisen entstand. Dazu kommen Meldungen, daß französischerseits immer noch versucht werden soll, zugleich mit Deutschland auch P o l e n in den Völkerbundrat aufzunehmen, was beweisen würde, daß Frankreich trotz des Locarnovertrages nach wie vor an der weiteren Schmiedung eines Netzes um Deutschland arbeitet.

Wie von anderer Seite verlautet, hat man bei den polnisch-rumänischen Verhandlungen zwar nie an einen geheimen Militärvertrag gedacht, jedoch sollen Abmachun­gen zwischen den beiderseitigen Generalstäben getroffen worden sein. Das käme schließlich aber auf dasselbe wie auf ein geheimes militärisches Abkommen hinaus. Bei der ganzen Angelegenheit, vor allem bei den jetzt wieder entstandenen Gerüchten, ist sicher von allen Seiten mit ziemlich dicker Farbe aufgetragen worden, so daß die Wahrheit in der Mitte liegen dürfte. Frankreich kann bis zu einem gewissen Grade ruhig jeden Geheim­vertrag abstreiten. Es kann sogar auf solche Abmachun­gen verzichten, da es ganz offen seine östlichen Verbünde­ten trotz seiner eigenen Geldnot aufs reichlichste mit Mit­teln unterstützt, damit sie ihre Heere auf die möglich größte Höhe bringen können. Trotzdem dabei natürlich nie von Deutschland gesprochen wird, weiß es die ganze Welt, gegen wen sich die ganze Sache richtet. Das weiß man auch in Amerika. Deshalb ist man dort bei allen Verträgen, von denen man Kenntnis erhält, miß­trauisch. Wenn in diesem Falle vielleicht der Ausdruck Geheimvertrag" zu stark ist, so hai im großen und gan­zen die amerikanische Quelle nicht unrecht, wenn sie die Augen der Welt einmal aus dieses System von Vertrügen lenkt. Vielleicht bringt Deutschland in Genf diese An­gelegenheit auch zur Sprache, wozu die kommende Ab­rüstungskonferenz die geeignete Handhabe bietet. Deutsch­land als Völkerbundmitglied kann da ganz anders auf­treten als bisher, wo es nur die Rolle eines geduldeten Zuhörers spielte, dessen Meinung man zwar hörte, dessen Rat man aber nie befolgte.

Der Aufruhr in Spanien beigelegK.

Ein AnfchIag auf König Alfons vereitelt.

Nach einem Telegramm aus Madrid, das bei der Berliner spanischen Botschaft eingelaufen ist, haben sich me Professoren der Artillerieakademie von Segovia der Regierung unterworfen. Damit könne man den ^V'derstand der Kommandeure und der Offiziere der Ar-

Me Siitaitriihe bei geiferte msgeblött

Die Leiserder Attentäter ermittelt

In Berlin sind zwei junge Leute, Otto Schle» finger und Willy Weber, im Städtischen Asyl für Obdachlose im Zusammenhang mit dem Attentat auf den D-Zug bei Leiferde verhaftet und nach dem Polizeiprä­sidium gebracht worden. Schlesinger legte im Laufe der Vernehmung ein volles Geständnis ab. Nach seiner Aus­sage traf er sich durch Zufall mit dem Kaufmann Willy Weber und da beide über keine Barmittel verfügten, be­schlossen sie das Attentat auf den Zug, um sich durch Raub Geldmittel zu verschaffen.

Was der Täter erzählt.

In dem Verhör hat Schlesinger erzählt, daß er aus einem guten Hause aus Stuttgart stamme; der Vater sei gestorben, die Mutter lebe noch, habe ihn Musik studieren lassen und er sei Musiklehr^r gewesen. Trotz seiner 22 Jahre habe er trübe Enttäuschungen erleben müssen und sei deshalb von Hause fortgegangen. Geldmittel standen ihm nicht zur Verfügung, deshalb ging er auf die Walze. In Friedrichshafen am Bodensee hat er den um ein Jahr älteren Techniker Willy Weber, kennengelernt und mit ihm Freundschaft geschlossen. Sie seien zusammen gewandert oder haben sich im Algäu herumgetrieben und seien, wenn sie Geld hatten, auch guf der Eisenbahn gefahren.

Nun hat ihnen ein Zufall den furchtbaren Plan eingegeben, einen Eisenbahnzug zur Entgleisung zu brin­gen. Sie fanden nämlich einen großen Schraubenschlüssel und Weber, der Techniker ist, wußte sofort, daß dieser Schraubenschlüssel für die Arbeiten an der Eisenbahn be­nutzt wurde. Dieser Schraubenschlüssel hat in Weber den Gedanken zum Reifen gebracht, nächtlich die Schienen an der Eisenbayu an einer einsamen Stelle zu lockern.

Die Auffindung der Spur.

Die Aufmerksamkeit der Polizei wurde auf die beiden Attentäter durch Webers Bruder gelenkt. Dieser Bruder, ein in Hannover wohnhafter Kaufmann, gab auf dem Polizeipräsidium in Hannover an, sein jüngerer Bruder Willy habe ihn Sonnabend besucht und sei Sonntag mit ihm nach dem Grabe des Vaters gegangen. Die furcht­bare Unruhe Willys sei ihm aufgefallen, so daß er in ihn gedrungen sei, sein Herz zu erleichtern. Weber gab nun weiter zu Protokoll:Mein Bruder brach in Schluchzen aus und gestand mir, zusammen mit seinem Freunde Otto Schlesinger das Attentat in Leiferde begangen zu haben. Seither finde er keine Ruhe mehr."

Auch der zweite Täter gesteht.

Nach längerem Verhör hat auch der zweite Ver­haftete, Willy Weber, ein Geständnis abgelegt. Bis­her hat er hartnäckig alles geleugnet. Als ihm die pro­tokollierten Aussagen des Schlesinger vorgelesen wurden, brach er schluchzend zusammen und gab zu, daß sowohl Schlesinger wie er und sein Bruder Walter, der in Han­nover verhaftet ist, alle drei zusammen im Wartefaal des Lehrter Bahnhofes genau den Plan einer Zugentgleisung mit darauffolgendem Raub besprochen haben. Der Bruder Walter sei aber dann zurückgetreten und er habe im Ver­ein mit Schlesinger das Attentat durchgeführt.

Trotz des Attentats volle Entschädigung.

Die Reichsbahngesellschaft teilt zu der Aufklärung der Eisenbahnkatastrophe von Leiferde folgendes mit:

tillerie gegen die Staatsgewalt als beendet betrachten. Diese Offiziere würden nunmehr durch Militärge­richte abgeurteilt werden. Es ist zu bemerken, so fährt der Bericht fort, daß die jetzigen Vorkommnisse in Spanien in Wirklichkeit weder eine militärische noch eine politische Revolution darstellten, sondern eine korporative Auflehnung zur Verteidigung einer Auffassung, die der Regierungsmeinung entgegengesetzt war. Die öffentliche Meinung hat sich vollkommen auf die Seite der Regierung gestellt, weil diese das schwierige Problem geradlinig an- gefaßt hat, ein Problem, das schon seit 50 Jahren die Rechtsordnung des Landes gefährdete.

WieDaily Mail", Pariser Ausgabe, meldet, wird behauptet, daß durch die überstürzte Abreise des Königs Alfons aus San Sebastian die Ausführung eines Planes der spanischen Republikaner, die sich in großer Zahl in Saint Jean de Lux aufhalten, vereitelt worden sei. Diese Kreise hätten die Absicht gehabt, sich der Person des Königs zu bemächtigen, um ihn zur Abdankung zu zwingen.

Nisziplinbruch der Republikanischen Garde in Athen.

Ein noch nicht völlig geklärter Vorfall hat sich in Athen zugetragen. Die Republikanische Garde marschierte plötzlich nach der Vorstadt Aghia Paraskevi und kehrte erst, nachdem ihr Patrouillen zu Fuß und zu Pferde nach­gesandt worden waren, nach Athen zurück. Später wurde offiziell mitgeteilt, es feien infolgeeines schweren Disziplinbruchs seitens der Republikanischen Garde" besondere militärische Maßnahmen getroffen worden.

Der Standpunkt der Reichsbahnverwaltung bezüg­lich der Entschädigungsfrage hat sich in keiner Weife ge­ändert, nachdem jetzt durch das Geständnis Schlesingers feststeht, daß es sich bei der Eisenbahnkatastrophe von Leiferde um ein Attentat handelt. Es wird betont, daß die Deutsche Reichsbahngesellschast in diesem Falle nicht nach fiskalischen und rein rechtlichen Grundsätzen vor­gehen wolle, nach denen bekanntlich der Reichsbahngesell­schaft bei Attentaten keine Entschädigungspflicht aufer­legt ist, sondern daß sich die Verwaltung von menschlichen . Erwägungen leiten lassen und die Opfer und Hinter­bliebenen so entschädigen werde, als ob die Deutsche Reichsbahngesellschaft für das Unglück verantwortlich sei.

Sicherheitsmaßnahmen der Reichsbahnverwaltung.

Die wie eine Epidemie in letzter Zeit auftretenden Unfälle im Bereich der Deutschen Reichsbahn, die an ähn­liche Unfallperioden, z. B. im Jahre 1898, erinnern, haben der Hauptverwaltung der Deutschen Reichsbahngesellschaft nach ernsten Beratungen zu außerordentlichen Maßnah­men Veranlassung gegeben.

Obgleich der Hauptverwaltung der Reichsbahn allmonatlich Berichte über die Betriebsführung und den Zustand der Anlagen vorgelegt werden und obgleich in diesen Berichten, die direkt aus der Praxis stammen, stets betont worden ist, daß die Betriebssicherheit durchaus ge­wahrt ist, hat sich die Hauptverwaltung zu folgenden Maßnahmen entschlossen: 1. Der Streifdienst ist in star­kem Maße auf den Strecken und Bahnhöfen auch bei Nacht zu verstärken. Ist es doch eine alte Erfahrung, daß einmal verübte Anschläge in der ersten Zeit zu Wiederholungen Anreiz geben. 2. Die besten Praktiker der Reichsbahnverwaltung treten sofort mit Vertretern | des Reichsverkebrsministeriums und sachkundigen Ver­tretern des Beamien- und Arbeiterpersonals zu Kommis­

sionen zusammen, die das gesamte Reichsbahngebiet zur Kontrolle bereisen. Sie sollen feststellen: den Zustand des Oberbaus, den Zustand des rollenden Materials, die Handhabung des Betriebsdienstes, die Beanspruchung des Personals.

Immer neue Eisenbahnatientate.

Auf der Strecke GleiwitzHindenburg wurden vorn BahnschuH drei Eisenbahnattentäter festgenommen. Sie gehörten einer Bande von Verbrechern an, die beabsich­tigte, auf der Strecke GleiwitzPoremba einen Güterzug zu berauben. Sämtliche Banditen wurden namentlich fest­gestellt.

Auf der Strecke der Kleinbahn PiesbergRheine wurde zwischen Werfen und Eversburg gegen 7 Uhr morgens auf einen Personenzug ein Anschlag verübt. Der Zug konnte noch früh genug zum Halten gebracht werden, worauf die über die Schienen gelegten Bahnschwellen be­seitigt wurden. Bei der Rückkehr des Zuges gegen 8 Uhr fand man wiederum zahlreiche Schwellen über die Schienen gelegt, und zwar die doppelte Anzahl als vorher. Auch diesmal konnte der Zug rechtzeitig zum Halten ge­bracht und das Hindernis beseitigt werden Kurz darauf fanden Landwirte auf den Schienen fünfzehn neue Hinder­nisse, die wahrscheinlich dem 11-Uhr-Zuge galten. Der Täter, von dem anfangs jede Spur fehlte, konnte im nahen Walde festgenommen werden. Es handelt sich um einen arbeitslosen Malergesellen aus Osnabrück.

Die frühere Bischofsstabs Lebus feierte dieser Tage ihr 700 jähriges Bestehen mit einem Festgottesdienst und einem historischen Festzug. Der Ruhm der Stadt Lebus fällt in das 13. und 14. Jahr-

hundert, wo es Sitz der Bischöfe des Landes Lebus war. L-erne Blüte erlosch im 15. Jahrhundert, als der Bischofs- ntz nach Fürstenwalde verlegt wurde und schließlich das Bistum mit dem Markgrafentitel des Brandenburgers in eine Hand kam.