HersMer Tageblatt
Hersfelöer Kreisblatt'
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Rr. 208
Montag, den S. September 1926
T6. Jahrgang
Dresdener Ln-ustrütagung.
Von besonderer Seite wird uns zu den wichtigen Ver- Handlungen des Reichsverbandes der Deutschen Industrie noch geschrieben:
Die alljährliche Generalversammlung des Reichsver- bandes der Deutschen Industrie gehört schon seit langem zu den wichtigsten öffentlichen Kundgebungen. Dies brüch sich schon dadurch aus. daß die für unsere innern und außenpolitische Betätigung wichtigsten Minister dabei nicht nur erscheinen, sondern auch Programmreden halten. Von einer ganz besonderen Bedeutung war die i >5malige Tagung in Dresden, weil wir gewissermaßen an einem Wendepunkt der gesamten deutschen Wirtschaftspolitik stehen. Reichsaußenminister Dr. Stresemann hatte selbst ein Reserat angekündigt. Er mußte aber im letzten Augenblick absagen, weil die ganze Entwicklung in Gens alle Pläne über den Hansen geworfen hat. So konnte Ministerialdirektor Dr. Gaus erst am Sonnabend in Berlin über die Genfer Vorgänge berichten. Da ist es begreiflich, daß der Außenminister in Berlin blieb. Sind doch gerade wegen Genf schnelle Entschlüsse der Reichs- rcgierung notwendig. Weshalb keine Stunde verloren werden darf. Diese schnelle Entschlußfassung liegt auch im Interesse der deutschen Industrie, die mit am meisten • unter der Ungewißheit der Lage leidet, in die Genf diesmal eine Klärung bringen muß.
Bei der gedrückten Wirtschaftslage nicht nur in Deutschland kann es nicht wundernehmen, wenn der ganze Ton der Dresdener Verhandlungen nicht sehr gehoben klang. Das bewies gleich die Eröffnungsansprache des Professors Dr. Duisberg, der von langen Auslandsreisen zurückgekehrt ist und auf Grund seiner in der Heimat gewonnenen neuen Eindrücke die Lage in Deutschland als trübe bezeichnete. Er meinte sogar, daß sich in der Zeit seiner Abwesenheit die Lebenshaltung des deutschen Volkes eher verschlimmert als gebessert habe. Reichsfinanzmrnistdr Dr. R e i n h o l d wies zu Beginn .keiner areich. aui die wirüicüeu »^iacüen oot trostlosen Zustände hin, in denen das zweite Kabinett Luther die Regierung angetreten habe. Diese Lage sei genug gekennzeichnet' gewesen durch die zwei Millionen unter- stützungsberechtigter Arbeitsloser und durch die annähernd zweitausend Konkurse in einem Monat. Als den Schuldigen bezeichnete er mit Recht den wirtschaftlich unsinnigen sogenannten Friedensschluß, der in ganz Europa einen langandauernden wirtschaftlichen Niedergang verursachte. Auch der Dawes-Lasten gedachte der Minister. Er nahm dabei an, daß angesichts der allgemeinen katastrophalen Wirtschaftslage die Welt von sich aus die Beseitigung dieser Lasten verlangen werde.
Mit in den Mittelpunkt der Heilmittel gegen die Nöte der Zeit stellte der Reichsfinanzminister äußerste Spar- famfeit auf allen Gebieten, und er will löblicherweise da- mit in seinem eigenen Ressort zuerst anfangen. Auf einen anderen Weg verwies Professor Duisberg, der auf die Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern aufmerksam machte, da nur gemeinsame Arbeit die drohenden Gefahren bannen könne. Dieses Thema spann dann in einem späteren Stadium der Tagung das Verbandsmitglied Generaldirektor Dr. Silverberg fort, der sich besonders über die Stellung des industriellen Unternehmertums zur Arbeiterschaft verbreitete. Seine Rede wird noch lange die Öffentlichkeit beschäftigen. Der Redner - verlangte die Wiederheranziehung der Sozr - a l d e m o k r a t i e zur Regierung, da nun einmal die überwiegende Mehrzahl der deutschen Arbeiterschaft in dieser Partei ihre politische Vertretung fände und eine Regierung ohne die Arbeiterschaft nicht möglich sei.
Auch der Reichswirtschaftsminister Dr. Curtius betonte die Notwendigkeit des Zusammenwirkens aller schaffenden Kräfte. Er erinnerte dabei an die alte Gegnerschaft zwischen Fertigindustrie und Schwerindustrie und bezeichnete es als ein Verdienst des Reichsverbandes, hier einen Ausgleich geschaffen zu haben. Doch scheint es so, als ob dieser Ausgleich doch nicht so restlos gelungen ist. Das ließ der Miuister selber erkennen, als er es als seine vornehmste Aufgabe bezeichnete, vor schwierigen Handelsvertragsverhandlungen einen Ausgleich der deutschen Interessen zu versuchen. Die Stärke dieser Gegen- sätze zeigten ja erst die letzten Parlamentsverhandlungen über die schon getätigten Handelsvertragsverhandlungen. Ein großer Teil der Abgeordneten stimmte nur zu, weil sich doch nichts mehr ändern ließ und vor allem eine gewisse Klarheit geschaffen wurde, ein Boden der Tatsachen, auf dem man weiterbauen kann. ,
Trotz allem Pessimismus hatten bei der Jndnftrre- tagung alle Redner das felsenfeste Zutrauen, daß sich die deutsche Wirtschaft durch alle Schwierigkeiten durcharbel- ten wird. Die deutsche Industrie ist aber einer der wichtigsten Faktoren am deutschen Wiederaufbau. Sie darf deshalb die Fühlung zu anderen großen Wirtschaftsgebieten nicht verlieren. Dazu gehört das enge Zusammenarbeiten zwischen Industrie, H a n o e l und ~ a n d - wirtschaft, also des gesamten deutschen Volkes an dem gleichen großen Ziele der Wiederherstellung des Deutschen Reiches als Weltmacht.
Deutschland ständiges Ratsmitglied
Genfer Zustimmung zu
Jeutfchinnds Eintritt.
Sonnabend nahn, der Völkerbundrat in Genf aus Antrag des japanischen Vertreters nach dem Bericht über die Arbeiten der Studienkommission folgende Resolution an:
Der Bericht der Studienkommission für die Ratsfrage wird gebilligt. Der Rat beschließt infolgedessen und aus Grund der Ermächtigung des Artikels 4 des Völkerbundpaktes a) die Ernennung Deutschlands zum ständigen Mitglied des Rates vom Augenblick seines Eintrittes in den Völkerbund an, b) die Erhöhung der Zahl der nichtständigen Sitze aus neun. Der Rat empfiehlt der Versammlung die Genehmigung dieser Entschließung. Der Rat empsiehlt der Versammlung, die Anträge in wohlwollende Erwägung zu ziehen, die von der Studien- kommission über den Wahlmodus der nichtständigen Ratsmitglieder und die Regelung ihrer Mandatsdauer gemacht worden sind.
Durch diese Resolution ist die offizielle Zustimmung zu Deutschlands Eintritt in den Völkerbund erklärt. Der schwedische Ratsdelegierte erklärte, daß Schweden sich freie Hand Vorbehalte für den Fall, daß durch diesen Plan eine Lösung der gegenwärtigen Rats- krise nicht sollte erzielt werden können. Der Völkerbundrat nahm alsdann noch die von der Studienkommission vorgeschlagene bekannte Resolution Lord Robert Cecils an und beschloß, sie dem spanischen Vertreter im Völkerbundrat zu übermitteln.
Der deutsche Ministerialdirektor Dr. Gans, der von Genf nach Berlin zurückgekehrt ist, hat sofort dem Reichsaußenminister Dr. Stresemann einen ausführlichen Bericht über die Arbeite ' ve-„studienkommission geoee den. Dr. Stresemann Hai, mit Rücksicht aus die heutige Rückkehr des juristischen Sachwalters, seine Dresdner Reise aufgegeben. Wahrscheinlich wird Anfang der Woche das Reichskabinett zusammentreten, um vor Abreise der deutschen Delegation nach Genf die allgemeine Lage noch einmal zu besprechen.
Msere Kriegergräber in Frankreich.
Künstlerische Ausgestaltung beschlossen.
Ein Vertreter des Bundesvorstandes des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. hat in Paris mit dem Chef der französischen Kriegsgräberfürsorge über eine würdigere Ausgestaltung der deutschen Kriegerfried- Höfe in Frankreich verhandelt. Die französische Behörde hat auf Wunsch des Volksbundes darin eingewilligt, daß die Sammelfriedhöfe unter Beachtung gewisser Vorschriften dem Empfinden unseres Volkes entsprechend ausgestaltet werden. Der Volksbund wird seine Ausbesserungsvorschläge durch besonders geeignete Künstler an Ort und Stelle ausarbeiten lassen und sie — nachdem sie die Billigung der zuständigen deutschen Behörde gefunden haben — der französischen Behörde zwecks Erteilung des Einverständnisses auf amtlichem Wege übermitteln lassen. Dem großen Umfang der auszuführenden Arbeiten entsprechend wird der oberste Gesichtspunkt bei der Ausarbeitung der Ausgestaltungspläne sein: „Schlicht und bescheiden, aber würdig."
Llaternehmerttm und Arbeiterschaft.
Heranziehung der Sozialdemokratie verlangt.
Ein Augenblick höchster Spannung entstand auf der großen Jndustrictagung zu Dresden, als Generaldirektor Dr. Silverberg, der rheinische Großindustrielle, dessen Namen seinerzeit namentlich gemeinsam mit dem des verstorbenen Hugo Stinnes' viel genannt wurde, auf die zukünftige Stellung des deutschen Unternehmertums zur deutschen Arbeiterschaft und der durch diese gebildeten Sozialdemokratie zu sprechen kam. Dr. Silverberg, der als einer der engsten Gesinnungsgenossen von Hugo Stinnes galt, forderte ziemlich deutlich den Eintritt der Sozialdemokratie in die Reichsregierung und Zusammenarbeit zwischen Unternehmertum und Arbeiterschaft als Vorbedingungen für den Wiederaufbau Deutschlands.
Dr. Silverberg' betonte zunächst, in der Besitzschichtung stelle das Eigentum an der Arbeitskraft einen besonders zu behandelnden Komplex dar. Der Redner fuhr fort: „Dabei muß ich die Auffassung von der Hand weisen, als wenn ich damit lediglich die Handarbeit meinte; im Gegenteil, ich will damit alle diejenigen Individuen zusammenfassen, im weitesten Sinne gedacht, die durch Verwertung und in Betätigung ihrer körperlichen und geistigen Arbeit ein aus dieser fließendes Einkommen ziehen. Bei uns in Deutschland wo weite Kreise mehr oder weniger an einer starken Überschätzung des organisatorischen Gedankens leiden, drückt sich diese umfassende Auffassung auch schließlich darin aus, daß fast alle Berufe, sogar die öffentlichen Beamten, sich gewerkschaftlich organisiert haben. Ich möchte glauben, daß manch einer hierbei dem Druck von unten und der Stimmung gefolgt ist, die
Memel und Saar in Genf.
Beschwerde des Memellandes.
In der zweiten öffentlichen Sitzung des Völkerbundrates kamen eine Beschwerde des Memelländ ^ - schen Landtages gegen die litauische Regierung und der Bericht der ständigen Mandatskommission des Völkerbundes über diese Angelegenheit zur Besprechung. Briand, Chamberlain und Benesch fanden es bedenklich, daß die Mandatskommission von Litauen die Beantwortung eines ausführlichen Fragebogens verlangt und Bittsteller aus dem Memelland vernommen habe. Der Vizepräsident der Kommission, van Rees, erklärte demgegenüber, daß nach dem Völkerbundstatut die Mandatskommission in der Auswahl ihrer Mittel vollständig frei sei. Briand, Chamberlain und Benesch versicherten darauf, daß sie der Kommission keinerlei Vorwurf Hütten machen wollen.
über die Beschwerden des Saargebiets, die geforderte Zurückziehung der französischen Truppen usw., soll erst später, voraussichtlich nach der Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund, verhandelt werden. Infolge der Vertagung der Angelegenheit ist die in Genf weilende Saardelegation vorläufig wieder abgereist.
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Die republikanische Presse der Vereinigten Staaten verbreitet in großer Aufmachung eine Erklärung des Weißen Hauses, wonach C o o l i d g e entschlossen fei, die Durchführung des Luftflottenprogramms und den Bau von Kreuzern und Tauchbooten zu beschleunigen, wenn die Genfer Abrüstungskonferenz erfolglos bleiben sollte. Der Präsident habe die Teilnahme amerikanischer Detechectcc an bitter Konferenz nur zugegeben, um den Friedenswillen der Vereinigten Staaten kundzutun.
Spaniens Absage in Genf.
Kündigung des Tangerabkommens.
Der englische Außenminister Chamberlain und der französische Außenminister Briand in Genf erhielten ein Antwortstelegrämm von Primo de Rivera, in dem es heißt, er nähme mit tiefer Bewegung von den an ihm gerichteten Worten Kenntnis. Seine politische Meinung sei es, den Anregungen unverzüglich zu folgen, wenn er es nicht für seine Pflicht hielte, über das Prestige dieses alten ruhmreichen und vielgeliebten Spaniens zu wachen. Spanien werde, wenn es diesen Anregungen folgte, auf eine seiner Würde nicht entsprechende Stufe herabgedrückt werden, daher müsse es den Ausweg in einer wü r - digen Enthaltung suchen.
Palacios, der Spanien im Studienausschi^ß für die Zusammensetzung des Völkerbundrates vertreten hat, reifte nach Paris ab, von wo er sich wieder auf seinen Gesandtenposten in Brüssel begibt.
Der Korrespondent des „Journal des Däbats" in San Sebastian will aus sicherer Quelle mitteilen können, daß die spanische Regierung mit der italienischen bereits die Kündigung des T a n g e r st a t u s und auch diejenige des französisch-spanschen Vertrages von 1912 ins Auge gefaßt habe.
nun einmal bei uns als° Auswirkung der Revolution geherrscht hat, und daß manche einer heute mit Anstand aus dieser Überspannung des Organiffationsge//nkens herausmöchte.
Wie dem aber auch seines muß "rückhaltlos dankbar anerkannt werden, daß die akten Gewerkschaften, soweit sie über einen alten Stamm gewerkschaftlich geschulter und disziplinierter Mitglieder mnd charakterfester Führer verfügen — ich nenne hier, ihn und äms ehrend, den Namen Legten — sich große Verdienste dadrwch erworben haben, daß sie ernstlich mitwirkten, die revolutionäre Bewegung von den Arbeiter- und Soldatenräten wieder zu einer geordneten Staatsverwaltung zu führen. Dankbar sei auch an dieser Stelle und in diesem Zusammenhang des ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert gedacht."
Der Redner wandle sich weiter gegen Überorganisation sowohl bei Arbeitnehmern wie bei Arbeitgebern, sprach von dem richtigen Verhältnis, das beide Teile innehalten müßten, und wies auf die Wegr hin, die nach feinet Meinung in Zukunft gegangen werden müßten.
Regierung und GoziaSdemokraiie.
Weiter führte Dr. Silverberg aus: „Es hieße sich selbst etwas vormachen, wolltr-man verkennen, daß die überwiegende Mehrzahl der deutschen Arbeiterschaft in der Sozialdemokratie, eine Minderheit in der Zentrumspartei, ihre politische Vertretung findet. Nicht nur dem Unteruehmertum erwachsen aus dieser Lage besondere Schwierigkeiten; sie entstehen mindestens in demselben wmsange für die Zentrumspartei, solange die Sozialdemokratie Oppositionspartei ist. Deshalb ist es eine auf die Dauer in höchstem Maße allgemeinpolitisch und wirtschaftspolitisch unerträgliche und schädigende Lage, wenn eine große Parhei^ wie die Sozialdemokratie in einer