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HersfelöerTageblatt

Anzeigenpreis für die einspaltige Petitzeile 15 Plg. die Reklamezelle 50 Pfg, (Grundscbrifl Korpus). Bei Wiederholungen Dachlab. * Für die Schrift- leitung Derantmortlldi Franz Funk in Bersfeld. Fernlpredier Dr. 8.

Nr. 207

Hersfelöer Kreisblatt"

Amtlicher Anzeiger für -en Kreis Hersfel-

Gonnabend, den 4. September 1926

Der Bezugspreis betrögt durch die Pott bezogen monatlich 1. Mk., ausschlle^. Bestellgeld, Mr Bersfeld 1. Mir. bei freier Zustellung, Abholer .80 Mk. * Druck und Verlag non budwiq Funks Buch druckeref In Bersfeld, (DitgMed des VDZV.

76. Jahrgang

Wettläufe.

Im Geschwindschritt, mit Siebemncilcnstiefeln erobert sich der Sport die ganze Welt. Das kleine amerikanische Mädel aus Schwabenland hat durch recht und schlecht ge­rechnet gute acht Tage so ziemlich allen Leuten etwas die Köpfe verdreht, bis der wackere Kölner Vierkötter ihr den Rang ablief und nun dafür seinerseits als Rekord­brecher im Wettschwimmen durch und über den Ärmel­kanal sozusagen für den ganzen Erdkreis den Helden des Tages abgibt.

Reben diesen Leistungen können die Champions des Völkerbundes sich noch so sehr anstrengen, um die Aufmerksamkeit der Menschheit wieder einmal auf die schicksalbedeutenden Rats- und Vollsitzungen ihrer Beauf­tragten in Genf hinzulenken. Es will ihnen nicht so recht gelingen. Man hat die Genfer Sache nun auch schon zu oft erlebt, weiß im voraus, daß es dort furchtbar um­ständlich und langwierig zugehen und daß zum Schluß alles so ungefähr bleiben wird, wie es bisher gewesen ist. Gleichviel, ob Deutschland diesmal ohne jede Störung in den Bund der Nationen hineingehen oder ob es noch einige Aufenthalte geben wird oder nicht, das Feilschen und Intrigieren, das Beargwöhnen und Be­neiden des einen gegen den andern hat unter dem Zepter des Völkerbundes nicht viel weniger Unfug gestiftet als zu der Zeit, da wir ihn noch nicht hatten, und der Hinzutritt Deutschlands wird an dieser unglückseligen Veranlagung der Menschennatur voraussichtlich auch nichts ändern können.

Man muß sogar damit rechnen, daß der Eifer jener Friedensfreunde, die uns bisher schon sehr viel zu schaffen machten, weil sie jede Trübung des Einvernehmens unter den Völkern auf Deutschland und immer nur auf Deutsch­land zurückführten, in Zukunft sich dieses Treibens nicht entwöhnen werden. Wir sind nun einmal nicht beliebt in den Amtsstuben und den Beratungszimmern, in denen internationale Politik und internationale Geschäfte be­trieben werden. Wenn wir uns jetzt auch in Genf als -WgMWWjW^M- «U^iiufieit, weroeu »ou ote Eifersucht gewisser Kreise wahrscheinlich sehr bald in den verschieden­sten Winkel der Welt zu spüren bekommen. Aber nichts­destoweniger: wir müssen hinein in den Strom und sehen, wieweit wir es im Wettschwimmen mit den preisgekrönten Größen des Völkerbundes bringen können. Herr Vier­kötter soll unseren Genfer Delegierten und Vertrauens­männern dabei ein leuchtendes Vorbild sein!

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Neidlos wollen wir dagegen den jetzt auf der inter­nationalen Koykurrenz um ständige und nichtständige Sitze im Völkerbundrat nicht ganz zum Ziele gelangten Polen auf anderen Gebieten die Siegespaline über­lassen. Wir haben in Deutschland einmal einen Haupt- mann von Köpenick gehabt, der einen harmlosen Vorortbürgermeister mit ansgeborgten Soldaten über­listen konnte, und die ganze Welt,hat sich über seinen Gaunerstreich königlich amüsiert. In Polen hält man sich mit solchen kleinen und vereinzelten Streichen gegen die öffentlichen Gewalten nicht auf. Da ist es die Polizei, die bewaffnete und uniformierte Polizei, die den Spitzbuben des Landes, den Wegelagerern und Beutemachern zu Hilfe kommt und sich mit ihnen, auf Kosten des Staates und seiner Bürger, bereichert, wo immer sich dazu Gelegenheit bietet. Ganz ungescheut sagt man bereits einigen maß­gebenden Polizeileuten in der polnischen Landeshaupt­stadt öffentlich nach, daß sie m i t V e r b r e ch e r n u n t e r einer Decke stecken.

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Wenn es nur das alte oder nur das eigentliche Polen wäre, das mit solchen herrlichen Künsten nähere Bekannt­schaft zu machen, hätte, wir Deutschen könnten mit Ge­lassenheit den Dingen ihren Lauf lassen. Aber was sich jetzt so an der W e i ch s e l an Gewalttätigkeit aller Art ein- nistet, fällt auch sehr bald unseren Brüdern an der W a r t h e und an der O d e r auf die Nerven und mehr als aus die Nerven. In Oberschlesien werden deutsche Ärzte systematisch vertrieben und durch polnische Kräfte ersetzt. Die Krankenkassen dürfen nicht mehr deutsche Medikamente verwenden, sondern müssen polnische Er­zeugnisse abgeben, deren minderwertige Eigenschaften von vielen unzweifelhaft sachverständigen Beurteilern nachge­wiesen sind. Es paßt zum Ganzen, daß sogar den Apo­thekern bei Strafe der Entziehung ihrer Praxis ver­boten wird, Medikamente deutschen Ursprungs zu ver- kaufen. Auf direkte Verstöße gegen die Genfer Verpflich­tungen kommt es dabei nicht im geringsten an. Der Völker­bund ist weit und auch wo er es gut und gerecht meint, verfügt er doch nicht über die erforderliche Amtsgewalt, um seinem Willen den gehörigen Nachdruck zu verleihen.

Dr. Sy.

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Wieder ein Banditenüberfall im Zentrum von Warschau.

In Warschau wurde wieder ein Banditenüberfall im Zentrum verübt. Um vier Uhr morgens überfielen vier Banditen einen Hausmeister, weil sie glaubten, daß dieser 5000 Zloty bei sich habe. Sie fanden aber nur 125 Zloty und einige Anzüge, die sie raubten. Nach ein paar Stun­den wurden die Banditen von einer Polizeipatrouille in einer Vorstadt angehalten. Es entstand ein Feuergefecht, wobei ein Polizist, getötet wurde.

Spanien in Genf endgültig abgelehnt

Am für Deutschland ein Sitz.

Endlich hat man sich in Genf zu einem bestimmten Entschluß durchgerungen, nachdem die Verhandlungen über die Vorschläge der Studienkommission den ganzen Mittwoch und Donnerstag resultatlos geblieben waren und es Donnerstag sogar zu heftigen Hin- und Herreden gekommen war. Spanien hatte eine deutliche und unzwei­felhafte Ablehnung seiner Ansprüche auf einen ständigen Sitz im Völkerbundrat verlangt. Die Studienkommission faßte am Freitag nach erneuter kurzer Beratung folgen­den Beschluß:

Aus den Erklärungen der übrigen Ratsmitglieder (abgesehen von Polen und China) ergab sich, daß die Mit­glieder der Kommission trotz des lebhaften Wunsches ihrer Regierungen außerstande waren, in erhöhtem Maße den Rechten und Wünschen Spaniens Rechnung zu tragen, und daß sie daher dem Völkerbündrat keine weiteren ständigen Sitze vorschlagen könnten als wiederum den, den nach einstimmigem Wunsche Deutsch­land erhalten soll. Aus diesen Gründen und zu ihrem größten Bedauern kann die Kommission dem Rat die Annahme des spanischen Gesuches nicht empfehlen. Der deutsche Vertreter wünscht, sich der Stimme zu ent­halten, schließt sich aber der allgemeinen Sympathiekund­gebung für Spanien an. Der Vertreter Spaniens dankt für diese Kundgebung, berichtet seiner Regierung und hält seine Forderung aufrecht."

Vor dieser Formulierung war in besonderer Sitzung von Lord Cecil, Briand und dem Vorsitzenden Motta eine Resolution Cecils angenommen worden, in der die Mit­glieder der Kommission für die Zusammensetzung des Rates vor dem Auseinandergchen ihren spanischen Kol­legen bitten, seiner Regierung ihre ernstliche Hoffnung zu übermitteln, daß sie die Anftrenaunaen in wohlwollende Erwägung ziehen möchte, die gemacht worden sind, um so­weit als unter den vorliegenden Umständen irgend möglich die Wünsche der spanischen Regierung zu erfüllen. ES wird dann aufgezählt, was alles für Spanien geschehen sei. Präsident Motta hielt die Schlußrede in der Haupt­sitzung und drückte dabei noch einmal die Hoffnung aus, daß sich Spanien nicht aus dem Völkerbünde zurückziehen und nicht einmal seine Mitarbeit einstellen werde.

Deuischlanös DeSsgierie..

In der Berliner Kabinettssitzung wurden als Deutsch­lands Hauptdelegierte bei der Völkerbundratsitzung die Herren Reichsaußenminister Dr. Stresemann, Staatssekre­tär v. Schubert und Ministerialdirektor Dr. Gaus ernannt. Die Delegation wird ferner die Reichstagsabgeordneten Graf Bernstorfs, Dr. Breitscheid, Dr. Kaas und Frhr. von R h e i n b a b e n , die Staatssekretäre Dr. P ü n d er und W c i s m a n n, die Ministerialdirektoren

200 Mimen Matt Reparations­zahlungen weniger.

Drittes und viertes Dawes-Jahr.

Nach dem Sachverständigenplan und dem Londoner Schlußprotokoll hätte Deutschland für das dritte und vierte Reparationsjahr je 250 Millionen zusätzliche Zahlungen zu leisten, wenn die verpfändeten Einnahmen woran nach der bisherigen Entwicklung nicht zu zweifeln ist eine gewisse Summe überschreiten.

Diese beiden sogenanntenkleinen Besserungsscheine" im Gesamtbetrag von 500 Millionen waren infolge der daraus sich ergebenden Belastungen des deutschen Budgets und der deutschen Wirtschaft Gegenstand ernster Sorge für die Reichsregierung.

Zwischen dem Reichsfinanzminister und dem durch die Reparationskommission hierzu bevollmächtigten Ge­neralagenten ist nunmehr ein Abkommen getroffen worden, welches an Stelle der zu leistenden 500 Millionen Mark eine Summe von 300 Millionen setzt. Gleichzeitig ist, um eine erhöhte Liquidität der Reichskasse zu erzielen, mit dem Kommissar für die verpfändeten Einnahmen ein Parallelabkommen abgeschkossen worden, nach welchem der Kommissar die verpfändeten Einnahmen, die bisher zu seinen Gunsten jeweils sechs Wochen lang gesperrt waren, unmittelbar freigibt, nachdem er die zur Erfüllung der Haushaltszahlungen Deutschlands notwendigen monat­lichen Summen erhoben hat.

Finanziell bringen die beidrn Abkommen für die Reichsfinanzverwaltung eine wesentliche Erleichterung des deutschen Haushalts. Es werden durch das Abkommen mit dem Generalagenten haushaltsmäßig gespart im Etatsjahr 1926/27 37,8 Millionen Goldmark, im Etatsjahr 1927/28 58 Millionen und im Etatsjahr 1928/29 104,2 Millionen Goldmark. Die an Stelle von 500 Millionen zu zahlenden 300 Millionen sollen überdies für Sach- lieferüngen verwendet werden, wodurch das Arbeits­beschaffungsprogramm der Reichsregierung eine sehr wich­tige Erweiterung erfährt. . .... ........... .

Dr. K i e p und Dr. S ch ä f s e r sowie Sachverständige aus verschiedenen Ministerien umfassen.

Der juristische Sachverständige des deutschen Auswär­tigen Amtes, Ministerialdirektor Dr. Gaus, hat Genf verlassen. Er trifft Sonnabend in Berlin ein. Bot­schafter v. Hoesch begibt sich nach telegraphischer Be­richterstattung nach Chamonix, von wo er nach einem kurzen Ferienaufenthalt nach Paris zurückkehren wird.

Auf der Tagesordnung der öffentlichen Sitzung des Völkerbundrates am Freitag standen die Memeler Frage und der Bericht des Prüfungsausschusses für die Zusam- mensetzung des Rates.

Die Saardelegation unter Führung von Kommerzien- rat Röchling und Rechtsanwalt Levacher ist in Genf ein­getroffen.

Stresemann über Genf.

Die TurinerGazzetta del Popolo' veröffentlicht eine Unterredung, die der deutsche Reichsminister des Äußern Dr. Stresemann ihrem Berliner Korrespondenten Prof. Senatra gewährt hat. Der Minister erklärt darin auf die Frage, ob nunmehr alle Schwierigkeiten bezüglich des Ein­tritts Deutschlands in den Völkerbund als behoben be­trachtet werden könnten, daß zwar die Ersahrungen der Märztagung die Möglichkeiten des Unerwarteten in sich bergen, daß man aber nach der derzeitigen Lage den E i n » tritt als sicher annehmen könne. , t

über die Eupen-Malmedy-Frage

erklärte Dr. Stresemann dem Korrespondenten, daß es sich bei dem materiellen Objekt dieser inoffiziellen Verhand­lungen um eine Summe gehandelt habe, die etwa den zehnten Teil der von amerikanischer Seite genannten 1% Milliarden ausmachte, und daß auch sie nicht von Reichs wegen, sondern etwa nts eine BesreiungsAnieiye im Rheinland privat hätte aufgebracht werden müssen. Schließlich berührte der Minister auf eine Frage das Kolonialprobleme, das gleichermaßen Deutschland und Italien interessiere. Er unterstrich dabei, daß es in dieser Frage nur eine einheitliche öffentliche Meinung in Deutschland gebe, und daß man mit Bezug auf sie dem deutschen Volke auf das bitterste Unrecht getan habe.

Eingreifen des Papstes bei Spanien?

^-ie aus Rom gemeldet wird, soll der Papst eine längere Unterredung mit dem Madrider Nuntius, Mon- signore Tedeschi, gehabt haben, in deren Verlauf der Papst den Nuntius gebeten habe, sich sofort nach Madrid zu begeben und dem König und Primo de Rivera zu erklä­ren, daß der Vatikan im Interesse des europäischen Frie- dens der Ansicht sei, Spanien müsse feinen Platz im Völ­kerbund behalten und dürfe sich nicht von den Arbeiten des Völkerbundes zurückziehen.

Wieder Bürgerkrieg in Griechenland.

Plastiras gegen Kondylis.

Nach einer in Genf eingetroffenen Meldung aus Athen steht Griechenland am Vorabend eines blutigen Bürgerkrieges. General Plastiras hat seine Truppen in der Umgebung von Saloniki konzentriert und schickt sich an, auf Athen zu marschieren. Kondylis hat alle verfügbaren Truppenverbände zusammengezogen und rückt Plastiras in Eilmärschen entgegen.

Trotz der Bemühungen des Generals Kondylis, die Ordnung im Lande rasch wieder herzustellen, ereignen sich

Der gestürzte Diktator PangaloS wird gefangen abgesührt.

noch immer ernste Zusammenstöße. So wird aus Saloniki gemeldet: Die Anhänger des Generals Pangalos lassen sich nicht ohne weiteres von ihren Posten entfernen. In vielen Fällen kam es bei der Besetzung ,von militärischen Dienststellen zu Zusammenstößen, die mit der Waffe aus­getragen wurden. Kondylis hat Pangalos wissen lassen, daß er kein Volksgericht einsetzen, sondern ihn den ordent­lichen Gerichten übergeben werde.