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Hersfelöer Tageblatt Hersfel-er Kreisblatt" Amtlicher Mzeiger für den Kreis Hersfelö

Nr. 206 Freitag, den 3. September 1926 76. Jahrgang

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Die bedrängten Oberschlesier.

Die Augen der ganzen Welt sind jetzt fast ausschließlich auf Genf gerichtet, so daß man für andere interessierende Angelegenheiten wenig Aufmerksamkeit übrig hat. Das ist nicht nur bei uns so, sondern in der ganzen Welt. Es ist aber in gewisser Beziehung sehr zu bedauern, geht doch jetzl eine Reihe von Dingen vor sich, die gerade die höchste Auf- merksamkeit verdienten. Es scheint fast so, als ob manche Kreise direkt auf solche Ablenkung der Oeffentlichkeit warten, um in aller Heimlichkeit vollendete Tatsachen zu schaffen, über die man nachher, wenn man sie entdeckt, klagt, die man aber dann nicht mehr ändern kann.

Die Genfer Vorgänge haben die Blicke fast vollständig nach Westen abgelenkt. Es ist zu begrüßen, wie dabei die Interessen der besetzten Gebiete und die Bemühungen der Reichsregierung um diese von allen Seiten unterstützt wer­den. Aber der Osten verdient es trotzdem, daß man sich mit ihm von Zeit zu Zeit auch jetzt beschäftigt. Einer der wun­desten Punkte ist dabei noch immer, und wird es noch lange bleiben, die oberschlesische Frage. Hier treten im­mer neue Tatsachen auf, die die Welt jedesmal wieder von der Unzuträglichkeit der seinerzeit vom Völkerbünde vorge­nommenen Zerreißung Oberschlesiens überzeugen müßten. Jetzt bereiten sich wieder in Polnisch-Oberschlesien Dinge vor, die später zu den größten Verwicklungen führen müssen.

Vor kurzem ist der Kattowitzer Woiwode Bilski plötz­lich seines Amtes enthoben und nun durch den Krakauer Professor Graszynski ersetzt worden. Die Lage der Deutschen in Ost-Oberschlesien war schon unter dem früheren Woiwoden keine rosige. Die Herkunft des neuen Woiwoden läßt nun aber leider die Befürchtung aufkommen, daß man sich noch auf Verschlimmerungen gefaßt machen muß. Als seinerzeit P i l s u d s k i seinen Staatsstreich in Polen unter­nahm, hofften die nationalen Minderheiten auf Besserung ihrer Lage. Die alte Politik blieb jedoch nicht nur, sie trat noch mehr in Erscheinung. Als einen Ausfluß dieser Strö­mung kann man auch die neue Kattowitzer Ernennung an­sehen. Der neue Woiwode ist ein unb-mingter Anhänger ^il|ub|£is. Was ihn aber besonders charakterisiert, ist der Umstand, daß er zu den Führern der früheren polnischen Aufständischen in Oberschlesien gehörte und sich auch jetzt wieder als deren Vertreter fühlt. Diese vollständig auf Deutschenfeindschaft eingestellten Elemente dürften von jetzt ab wieder die erste Geige spielen.

Es ist erklärlich, daß diese Ernennung nicht nur in den deutschen Kreisen Ost-Oberschlesiens große Besorgnis hervor- gerufen hat. Es kam der berechtigte Wunsch zum Ausdruck, daß man zum Leiter eines solchen Landstrichs doch zum mindesten einen Mann ernennen müßte, der gründlich die Verhältnisse kennt, der also selbst ein Oberschlesier ist. Dann würde es sich vielleicht auch ermöglichen lassen, in der Schulfrage, die für die nächste Zeit in den Mittelpunkt der oberschlesischen Probleme gerückt ist, zu einem Vergleich zu kommen. Trotzdem der vom Völkerbünde eingesetzte Schlich­ter C a I o n d e r die Berechtigung der Forderungen der deutschen Minderheiten anerkannt hat, rührt man sich auf polnischer Seite nicht. Im Gegenteil, man tut so, als ob es für Polen keine Bestimmungen des Versailler Vertrages und kein Genfer Abkommen gibt. Man untersagt einfach fast in allen Füllen die Erlaubnis zum Besuche der deutschen Minderheitenschulen. Der die Interessen des Deutschtums in Ost-Oberschlesien vertretende Volksbund hat sich nun direkt an den Völkerbund mit seiner Beschwerde gewandt.

Man kann neugierig sein, ob der Völkerbund dem von ihm eingesetzten Manne' im gegebenen Augenblick auch die Unterstützung gibt, damit dessen Entscheidungen nicht einfach nur leere Worte bleiben, tofe es mit dem Urteile des Haager Schiedsgerichtshofes geschah, das die deutschen Ansprüche auf das Stickstoffwerk «h»«,o w anerkannte und die Beschlag­nahme durch Polen für ungesetzlich erklärte. In diesem Falle hat es Polen nicht einmal für nötig gehalten, auf die vielen deutschen Erinnerungen und Anfragen zu antworten, so daß man deutscherseits um ein Ergänzungsurteil bitten mußte. Aus allem spricht die Nichtachtung, die man in Polen Deutsch­land gegenüber sich glaubt leisten zu können. Hier muß die deutsche Oeffentlichkeit laut ihre Stimme erheben, damit beim Versagen des Völkerbundes das Gewissen der Welt auf­gerüttelt wird.

DenWlands Zchlmgev im TNawesjahr.

Bericht des Reparationsagenten.

Der Generalagent für die Reparationszahlungen teilt mit, daß mit der Mittwoch früh erfolgten Zahlung von 15 000 000 Goldmark durch die Deutsche Reichsbahngesell- ahaft Deutschland den vollen Betrag der im Sachverständi- zenbericht für das zweite Jahr vorgesehenen Iahreszahlung von 1220 000 000 Goldmark gezahlt hat, mit Ausnahme eines kleineren Betrages von etwa 8 Millionen Goldmark aus der Transportsteuer, der erst am 21. September 1926 fällig ist. Die heute von der Deutschen Reichsbahngesell- !chaft geleistete Zahlung stellt den am 1. September 1926 fälligen Zinsenbetrag str die Reparationsbonds für das zweite Jahr dar.

Deutschland kommt demnach seinen Verpflichtungen^ pünktlich nach und hat die während des zweiten Jahres des Dawesplanes fälligen Zahlungen richtig geleistet.

Ratssitzung in Genf

:W

Auch Brasilien fehlt.

Donnerstag vormittag wurde die 41. Sitzung des Völker­bundrates mit einer kurzen geheimen Sitzung eröffnet. Spa­nien hatte keinen Vertreter entsandt, ebenso Brasilien nicht. Nach bestimmt auftretenden Gerüchten soll beim Generalsekre­tariat bereits ein Schriftstück der spanischen Regierung ein­getroffen sein, das sich mit der künftigen Haltung Spaniens zum Völkerbund befaßt. Gegen 12 Uhr begann dann unter dem Vorsitz des tschechoslowakischen Ministers des Auswärti­

getroffen sein, das

gen, B e n e s ch, die öffentliche Ratssitzung. Vertreten waren England durch Ehamberlain, Frankreich durch Briand, Italien durch Scialoja, Japan durch Jshii, Belgien durch Vandervelde, Schweden durch Unden und Uruguay durch Guani. Die beiden weiteren nichtständigen Ratsstaaten Brasilien und Spanien sind nicht vertsten. Das ganze Interesse gilt der spanischen Frage, so daß die behandelten Hygiene- angelegenheiten kaum beachtet wurden. Nach 20 Minuten wurde die Sitzung vertagt und die nächste auf Freitag nach­mittag angesetzt.

Nachdem Mittwoch der Schweizer Motta zum Schluß der Studienkommissionsberatungen erklärt hatte, die Mehr­heit der Studienkommission lehne die Vermehrung der stän­digen Ratssitze ab, ergab sich von selbst die Unmöglichkeit, den spanischen Ansprüchen auf einen ständigen Ratssitz zu will­fahren.

Spanische Erklärung. "'

Der Vertreter der Agentur tzavas in Genf erklärt, in der Lage zu sein, mitzuteilen, daß die Madrider Regierung, ohne den Beschluß des Völkerbundrates über die vom Ratsaüsschutz ausgearbeiteten Vorschläge abzuwarten, beschlossen habe, be­reits jetzt bekanntzugeben, daß sie sich an den Arbeiten des Völkerbundes desinteressiere. Binnen 24 Stunden werde der Generalsekretär des Völkerbundes eine amtliche Note der Ma­drider Regierung erhalten, die diesen Beschluß bekannt gebe.

Das würde bedeuten, daß Spanien aus dem Völkerbund ausscheidet. Welche Nachwirkungen ein derartiger Beschluß haben wird, muß sich alsbald entscheiden.

Deutschlands Aufnahme' am i

6. September?

Vermutlich wird die jetzt wohl als feststehend zu be­trachtende Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund am 6. September erfolgen. Die Zuteilung eines ständigen Sitzes im Völkerbundrat wird wohl am 7. September, spätestens am 8. vor sich gehen. Unmittelbar nach dem Eintreffen der

Eintreffl

Nachricht von der erfolgten Aufnahme und per Malst in den

Die bisher als Zahlung aus Die zweite Jahresrate ein­gegangenen Betrüge setzen sich wie folgt zusammen:

1. Beitrag aus dem deutschen Budget .

2. Zinsen auf deutsche Eisenbahnbonds .

3. Transportsteuer .......

4. Zinsen auf deutsche Industrie-Obligat.

Goldmark 250 000 000 595 000 000 241 905 000 125 000 000

^^ Insgesamt . . . 1211905 000

Der Bürgerkrieg in China. * Kantontruppen unter russischer Führung. f Die Armee Wupeifus, der in die Brust geschossen sein soll, zieht sich zurück. An der Spitze ihrer Verfolger, der Roten Kantonarmee, steht angeblich der russische General Radel, der starke russische Unterstützungen erhalte. Der Sieg und die Abwesenheit der Roten Truppen aus Kanton hat dort dazu geführt, daß die Streikenden dort immer mehr außer Rand und Band geraten. Streikposten eröffnen das Feuer auf europäische Schiffe, die chinesische Passagiere be­fördern wollen. Aus diesem Grunde patrouillieren englische Kanonenboote die Küste des Fremdenviertels Schameen ab. In Schanghai wurde der Belagerungszustand erklärt. Diese Zustände veranlassen denDaily Telegraph", das Eingreifen der englischen Regierung zu fordern. .

Weiierverheerungen m Spanien.

Ueber 100 Tote, Mi I lionenschä den.

Infolge der starken Ueberschwemmungen der letzten TiM entgleiste auf der Strecke BarcelonaValencia ein Eisen­bahnzug, wobei 24 Personen getötet und 88 ver­letzt wurden.

Durch das Unwetter sind weiter eine Reihe von Dörfern überschwemmt worden. Die Zahl der dabei ums Leben Ge« kommenen beträgt 36.

Ueber Barcelona ging ein furchtbarer Wirbelsturm nie­der. Zahlreiche Häuser wurden niedergerissen, beinahe sämt­liche Dächer der Stadt wurden beschädigt. Bisher zählt man 30 Tote und zahlreiche Verletzte.

In San Bandille ereignete sich während des Sturmes eine Explosion, durch die fünf Häuser zerstört wurden. Fünf Personen wurden dabei getötet und drei schwer verletzt. Die Ursache der Explosion ist unbekannt. In dem Bezirk öon

Rat wird die deutsche Delegation nach Genf abreisen. Das wird am 7. oder am 8. September geschehen, so daß der feier­liche Einzug der deutschen Deputation in den Reformations- saal spätestens am 10. September erfolgen wird.

Die Kabinettssitzung in Berlin wird ihre Entschließungen über die Zusammensetzung der deutschen Delegation voraus­sichtlich sofort nach Eintreffen Ministerialdirektor Gaus' aus Genf treffen. Reichsaußenminister Dr. Strefemann wird die Delegation führen. Außer dem Staatssekretär v. Schu­bert und den zuständigen Referenten des Auswärtigen Amtes werden der Delegation mehrere Parlamentarier an- gehören. Dr. Strefemann hat an den Reichstagsabgeorst- neten, Prälaten Dr. Kaas (Zentr.) die amtliche Anfrage ge­richtet, ob er bereit sei, als Mitglied der deutschen Völker­bunddelegation nach Genf zu gehen. Dr. Kaas soll zugesagt haben. Gleiche Anfragen erhielten Graf B e r n st o r f f (De- mokrat)"und Dr. Breitscheid (Soz.)

Der Deutsche Volksbund gegen die Zwingherrschaft am Rhein in München erläßt einen Appell an die Oeffentlichkeit, in der er verlangt, daß vor Deutschlands Eintritt in den Völkerbund der Kriegsschuldparagraph des Versailler Ver­trages vor aller Welt gestrichen werde. Das deutsche Volk müsse sich einmütig von der Schuld am Kriege lossagen und für die falsche Anklage Genugtuung verlangen. -

Marx für europäische Verständigung.

Reichskanzler Dr. Marx hat an die Konferenz für euro­päische Verständigung in Genf folgendes Telegramm gesandt: Namens der Reichsregierung, die den Bestrebungen der Konferenz für Europäische Verständigung größtes Interesse entgegenbringt, übermittle ich der Tagung die besten Wünsche für einen gedeihlichen Verlauf/'

Frankreichs Abgesandte.

Die französische Delegation für die Völkerbundtagung setzt sich folgendermaßen zusammen: Delegierte: Briand, Paul - Boncour, Senator P a m s, stellvertretende Dele­gierte: de Iouvenel, Loucheur, Senator Labrousse; Beisitzer: Iouhaux, Generalsekretär des Allgemeinen Arbeiterverbandes; die Abgeordneten Plaisant, Barthelemy, Serot, Bastid und Professor der Rechtswissenschaften, an der Universität Lille Cassin; als Sekretäre fungieren Planzel, Leiter des franzö­sischen Dienstes beim Völkerbund, und Konsul Ame-Leroy.

Wie in unterrichteten Kreisen verlautet, wird der jugo­slawische Minister des Aeußeren Nintschitsch zum Präsiden­ten der am Montag in Genf zusammentretenden 7. Völker- bundversammlung ernannt werden. -

Eataluna allein wird die Fahl der Toten auf mehr als 30 geschätzt. Viele Personen sind verletzt worden. Bei Mon- tada riß ein angeschwollener Gießbach eine Brücke fort, ge­rade als ein Auto darüber fuhr. Alle acht Insassen des Autos ertranken. In Cordoba war das Gewitter so festig, daß sich Frauen und Kinder in die Kirche flüchteten. Vier Personen wurden durch Blitzschlag getötet. Die ange- ichwollenen Fluten führen zahlreiche Tierleichen und Möbel- stucke mit sich. Die Schäden werden auf viele Millionen Peseten geschützt. . . 7

politische Rundschau.

Deutsches Reich

Einführung des neuen Oberreichsanwalts.

In Vertretung des Reichsjustizministers Dr. Bell führte am Mittwoch Ministerialdirektor Dr. Bumke den neuen Ober- ceichsanwalt ferner in sein Amt ein. Dem scheidenden Oberreichsanwalt Dr. Ebermayer überbrachte er ein Dank­schreiben und ein Bildnis des Reichspräsidenten, sprach ihm den Dank der Reichsregierung aus und gab zugleich der Genugtuung darüber Ausdruck, daß Dr. Ebermayer seine ^ra^ weiterhin in den Dienst der Strafrechtsreform stellen

Tagung der Deutschen Volkspartei.

Am Mittwoch hat in Berlin der Reichsausschuß der Deutschen Volkspartei getagt. Den Bericht über die Lage erstattete Dr. Strese m a n n. Eine rege Aussprache schloß sich an. Das Wort ergriffen u. a. Oberbürgermeister Dr. Iarres - Duisburg, Admiral R e e tz m a n n - Leipzig, H rntz m ann - Bremen sowie die Abgeordneten Dr. Scholz, üemtes, Dr. Leidig, Frau Mende, Brüninghaus, Dingeldey and Bürger. Sowohl die Beratungen des Parteivorstandes wie die des Reichsausschusses ergaben die Geschlossen- zeitderPartei bezüglich der Fortführung ihrer bisherigen Politik, womit wohl ausgesprochen wer­den soll, daß die von einigen Seiten befürwortete ander­weitige Orientierung nicht geplant ist. Die Sitzung des oolksparteilichen Vorstandes beschäftigte sich mit der Vorbe­reitung des am 2. Oktober in Köln beginnenden Parteitages. Am 1. Oktober wird eine Sitzung des Zentralvorstandes in Köln stattfinden, am 2. Oktober wird der Parteitag eröffnet werden.