Serslelöer Tageblatt
hersfelöer Kreisblatt'
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Nr. 185
Dienstag, den 10. August 1)26
76. gahrsaaa
Mißlungener Tigersprung.
C l e m e n c e a u, der „Tiger", wie ihn die Freunde und auch, in versteckter Bewunderung, die Gegner nennen — mit diesem Mann, mit der Nennung dieses Namens taucht alles auf, was eines jeden Deutschen Herz seit Jahren erfüllt. Er war ein Deutschenhasser, als 1871 die Kommune Paris durchraste und am Eisenwall des deutschen Heeres zerbrach; er hat das Wort von dem „Niemals davon sprechen, immer daran denken" geprägt, er, der Linksradikale, er, der — französischste Franzose trotzdem. Und im Weltkrieg ist er es gewesen, der sein erschöpftes Land zusammenriß zu neuem Widerstand, bis er in Versailles die Frucht pflücken konnte.
Er ist der eigentliche Vater des „Friedens" von Versailles, er war der führende, alles fordernde Kopf der „großen Vier". Wäre es ganz nach ihm gegangen, so wäre Deutschland ein wüstes, armseliges Chaos, wo es „20 Millionen zuviel" gab. Der wilde fünfzigjährige Haß blendete ihm die Augen. Schmerzlich genug mag er es empfunden haben, daß endlich an die Stelle brutal-nackter Gewalt eine feste Vereinbarung trat, für die auch andere Mächte garantierten. Gewiß war der Londoner Pakt für Frankreich sehr wertvoll; denn den größeren Teil der deutschen Zahlungen erhält ja dieses Land. Und nun trotz Sieg und trotz des „Le Boche payera tout“ (Der Deutsche bezahlt alles) die Wirtschafts- unb Finanzkrise, der Wäh- rungszusammenbruch und die „Hartherzigkeit" der ehemaligen Kriegsgenossen, namentlich Amerikas, das von Frankreich zurückgezahlt erhalten will auf Heller und Pfennig, was es einst im „Kampf für Freiheit und Zivilisation, für Demokratie und Humanität" geliehen hat.
C l e m e n c e a u hat nun einen sentimentalen Brief an den amerikanischen Präsidenten Coolidge geschrieben und ihn darauf verwiesen, wie surchtbar gerade Frankreich gelitten habe an Gut und Blut. Und nun solle sich Frankreich auch noch verkaufen, gleich als ob diese Kriegsschuld eine ganz gewöhnliche Kassaangelegenheit wäre, die reguliert werden müsse wie eine Handelsschuld. „Kommen Sie in unsere Dörfer und lesen Sie die unendliche Liste unserer Toten — dann vergleichen wir, wenn Sie wollen." Was er verlangt, ist nichts anderes als „S. treichuna der f.r.a n u j .Sc ^u Amerika, zum mindesten allerweitestes Entgegen- kontmen
Der Sprung des „Tigers" ist mißlungen. Für den Amerikaner war der Krieg ein Geschäft, ist die Regulierung der Kriegsschulden nur Geschäft, wobei man an Sentimentalitäten ebensowenig denkt wie im Krieg. Auch wenn es sich dabei um den Bundesgenossen von einst handelt. Der amerikanische Präsident hat ebenso umgehend wie schroff und eindeutig geantwortet: Die Schuldenrege- lung ist da, denn das diese betreffende Washingtoner Ab- kommen ist vom Amerikanischen Senat und Repräsentantenhaus genehmigt, jetzt warte man nur noch auf die Ratifikation auch durch die Französische Kammer. Die Diskussion sei g e s ch l o s s e n; es habe gar keinen Zweck, darüber zu reden. Clemenceau hatte aufgestöhnt, die fran-. zösischen Kassen seien leer — ihm wird aus Amerika geantwortet, daß Frankreich keinen Dollar an Anleihe erhalten werde, bis die Ratifizierung vollzogen sei. Aus London hört man das gleiche. Und am schmerzlichsten mag es für Clemenceau sein, zu vernehmen, daß die notwendige Schlußfolgerung aus der Schaffung und der Durchführung des D a w e s - P l a n e s die sei, daß nun auch Frankreich seine Schulden voll und ganz bezahlen müsse. Amerika besteht auf seinem Schuldschein; Geschäft bleibt Geschäft und — um ein bekanntes Wort zu zitieren —: „Blut ist zwar dicker wie Wasser", aber das Geld ist doch noch ein ganzes Ende dicker als Blut.
Und daran ist der „Tiger" abgeprallt.
Neütscher Schritt bei den EnEentemWen.
Wegen Abbaues der Besatzung.
Die deutsche Regierung hat in L o n d o n, B r ü s s e l, R o m und Washington Abschriften des kürzlich vom deutschen Botschafter in Paris, v. H o e s ch, dem französischen Außenminister Briand unterbreiteten deutschen Memorandums überreichen lassen. Es werden in diesem Memorandum noch einmal die Ansprüche auf Herabsetzung der alliierten Rheintruppen geltend gemacht.
Das Memorandum verlangt, daß die Herabsetzung der Stärke der alliierten Rheinarmeen von 8 5 v 0 0 aus 50 000 Mann der Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund vorausgehen, zum mindesten aber gleichzeitig stattfinden müsse. Ferner werden die Alliierten ersucht, die Rheinlandgarnisonen nach Herabsetzung der Truppenstärke in mehreren großen Zentren zu konzentrieren und nicht, wie bisher, über das ganze Land zu verteilen, mrt anderen Worten: die Besetzung unsichtbarer zu machen. Freiherr L a n g w c r t h v. S i m m e r n, der als deutscher Delegierter der alliierten Rheinlandkommission in Koblenz beigegeben ist, hat der Rheinlandkommission die deutschen Vorschläge auseinandergesetzt.
Es wird von den maßgebenden Stellen hierzu ausdrücklich bemerkt, daß es sich nicht u m neue divlo-
Haas in Freiheit gesetzt
Die Hastenttaffong von
Haas, Fischer and Realer.
Auf Beschluß der Beschwerdekammer.
Der Polizeipräsident von Magdeburg erließ Montag mittag folgende amtliche Mitteilung: „Die heute vormittag um 8 Uhr zusammengetretene Spruchkammer hat um 12 Uhr mittags die sofortige Haftentlassung des Direktors Haas, des Kaufmanns Fischer und des Chauffeurs Reuter beschlossen. Die Genannten wurden sofort in Freiheit gesetzt."
Die Beschwerdekammer hatte von 8 bis 12 Uhr beraten, Da inzwischen noch weiteres wichtiges Material hinzugekommen war, erschien die Beweiskette zur Entlassung des Haas auch ohne das Geständnis des Schröder geschlossen und die Unschuld der auf Schröders Aussagen hin Verhafteten Haas, Fifcher und Reuter erwiesen. Gegen 1 Uhr verließen Rudolf Haas, Fischer und Reuter das Untersuchungsgefängnis. Die Nachricht von der Aufhebung der Haft hatte sich in Magdeburg schnell verbreitet.
Hunderte von Menschen hatten sich vor dem Tor des Gerichtsgefängnisses angesammelt und als die Freigelassenen erschienen, begrüßten viele sie durch Zuruse. Dem Vernehmen nach steht die Wiederverhaftung der Braut des Hauptbeschuldigten Schröder, Hildegard Götze, die vor einigen Tagen entlassen wurde, in Frage. Es sollen sich neue Verdachtsmomente ergeben haben. Sie soll die Annonce ausgesetzt haben, die Schröder im Magdeburger Generalanzeiger veröffentlichte und in der Helling aufgefordert worden war, feine Kaution mitzu- bringen.
malische Schritte handelt, sondern eben nur um eine Abschrift bereits früher geäußerter deutscher Wünsche
Dr. Ernst Mütler-Meim'ngen.
Am 11. August wird der bekannte Politiker Dr. Ernst Müller-Meiningen 60 Jahre alt. Jurist von Beruf, war er zuerst als Rechtsanwalt tätig, um dann in den bayerischen Staatsdienst — er ist Bayer von Geburt — überzutreten. Er bekleidete die höchsten juristischen Stellungen und war kurz nach der Revolution Justiz- minister und stellvertretender Ministerpräsident in Bayern.
Als Politiker vertrat er, der damaligen Freisinnigen Volkspartei angehörig, seit 1898 den Wahlkreis Meinin- gen im Deutschen Reichstag; er war einer der Führer feiner Partei und längere Zeit Vorsitzender der Militär- kommission und Referent der Verfassungskommission. In der Folge ist er aus der Partei, die sich inzwischen zur Deutschen Demokratischen Partei umgestellt hatte, ausgeschieden. Groß ist die Zahl seiner Schriften auf juristischem und staatswissenschaftlichem Gebiete.
politische Rundschau.
Deutsches Mich,
Ende der Regierungsseriem
Die Mitglieder des Reichskabinetts haben ihre Ferien beendet und sind wieder in Berlin eingetroffen, um an der Verfassungsfeier teilzunehmen. Bei der Feier wird nach einer kurzen Ansprache des Reichskanzlers Reichsinnenminister Dr. Külz die Festrede halten. Am folgenden Tage wird dann das Reichskabinett zu seiner ersten Sitzung nach den Ferien zusammentreten, um über die Frage der Zusammensetzung der deutschen Delegation für die VölkLrbu,ndstaauna. über das Arbeitsbeschaffuuas-
Kommt Entschädigung in Frage?
Im Strafverfahren freigesprochene oder durch Beschluß des Gerichts außer Verfolgung gesetzte Personen können nach dem Reichsgesetz vom 14. Juli 1904 für erlittene Untersuchungshaft Entschädigung aus der Staatskasse verlangen, wenn das Verfahren ihre Unschuld ergeben oder dargetan hat, daß gegen sie ein begründeter Verdacht nicht vorliegt. Gegenstand des dem Verhafteten zu leistenden Ersatzes ist der für ihn durch die Untersuchungshaft entstandene Vermögensschaden. Ein Schmerzensgeld, also eine Entschädigung wegen eines Schadens, der nicht Vermögensschaden ist, kann nicht beansprucht werden.
Der Anspruch richtet sich gegen die Staatskasse, d. h. soweit es sich nicht um das Reichsgericht handelt, gegen den Landesjustizfiskus. Wird der Verhaftete frei gesprochen, so hat das Gericht gleichzeitig mit dem Urteil oder Beschluß durch besonderen Beschluß über die Entschädigungspflicht Bestimmung zu treffen. Dieser Beschluß stellt nur die g r u n d s ä tz l i ch e Verpflichtung dar. Auf Grund des Beschlusses muß dann der unschuldig Ver- bastete binnen sechs Monaten durch Antrag bei der Staatsanwaltschaft seinen Anspruch geltend machen und beziffern. Über den Antrag entscheidet die oberste Landesjustizverwaltungsbehörde, also in Preußen das Justizministerium. Gegen die Entscheidung ist Berufung auf dem Rechtswege zulässig; es muß dann binnen einer Aus- schlußfrist von drei Monaten nach Zustellung Klage bei dem Landgericht erhoben werden. Die Klage wird in Preußen gerichtet gegen den preußischen. Justizfiskus, vertreten durch bL Oberstaatsanwaltschaft beim Oberlandes- gericht des Bezirks.
Programm und über die Bestätigung des Generaldirektors der Reichsbahngesellschaft zu beraten. __________
Enthüllung zweier Ebert-Denkmäler.
In Q u e r u m bei Braunschweig wurde in Anwesenheit von Vertretern der staatlichen und städtischen Behörden, Parlamentariern und zahlreichen Ehrengästen ein Denkmal zum Gedächtnis für den ersten Reichs- präfidenten enthüllt. Ein zweites Ebert - Denkmal, das zugleich ein Denkmal für Erzberger und Rathenau ist, wurde am gleichen Tage auf dem Hohenstein bei Mitten eingeweiht. Für die preußische Regierung sprach Regierungspräsident Amelunxen-Münster.
Berfassungsseier in München.
Unter starker Beteiligung fand im Ausstellungspark in München die vom Reichsbanner Schwarz-rot-gold, der Deutschen Demokratischen Partei und der Sozialdemokratischen Partei veranstaltete Versassungsfeier statt. Als erster Redner sprach der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Wels, der das Bekenntnis zur Weimarer Verfassung als ein Bekenntnis zum Frieden bezeichnete. Der zweite Redner, General Theodor Körner, Mitglied des österreichischen Bundesrates, erklärte, es werde der Tag kommen, wo Österreich ins Reich heimkehren werde auf dem Wege friedlicher Entwicklung, getragen vom Geiste von Weimar und Locarno. Das Hoch des Redners galt dem Ideal von 1848, der großdeutschen, einigen Republik.
Griechenland.
X Attentatsversuch gegen Pangalos. Ein Mann namens Andonopulos machte in Spetsae den Versuch, den Präsidenten der Griechischen Republik, Pangalos, der dort zur Erholung weilt, zu ermorden. Die Ausführung des Verbrechens wurde jedoch vereitelt. Der Täter ist ein aus dem Gefängnis entwichener Sträfling, der wegen Mordes an einem Gendarmerieoffizier verurteilt wurde; es wird behauptet, daß er geistesgestört sei. Der Präsident hat zahlreiche Glückwunschtelegramme erhalten.
Aus In» und Ausland.
Berlin. Auf Grund von Vereinbarungen zwischen der deutschen und der luxemburgischen Regierung wird der Sichtvermerkszwang für die beiderseitigen Staatsangehörigen mit Wirkung vom 1. September 1926 aufgehoben werden.
Berlin. Mit Japan wurde ein Farbstossabkom- men abgeschlossen, das bei den japanisch-deutschen Handels- Vertragsverhandlungen eine Art Vorbedingung bildet für die Fortführung der eigentlichen Vertragsverhandlungen.
Danzig. An Stelle des nach Berlin ins Auswärtige Amt berufenen Konsuls Dr. Liedtke ist der Legationsrat Dr. Öfter zum deutschen Konsul in Danzig ernannt worden.
Amsterdam. Reichstagspräsident L ö b e wohnte der Ver- fassungsfeier der neugegründeten Amsterdamer Gruppe des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold bei und hielt einen Vor- trag über „Die Deutsche Republik als Gewähr des Weltfriedens".
Paris. Der brasilianische Delegierte beim Völkerbund, Mello Franco, erklärte einem Vertreter eines hiesigen Blattes, daß Brasilien auf der Septembertagung des Völkerbundes nicht vertreten sein werde, da die Lage noch genau dieselbe sei wie im März.
_ London- .Nachrichten aus Kanton. Molge ^indZiie Trutz-