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tzersfelöer Kreisblatt'

Amtlicher Anzeiger für öen Kreis yersfel-

Nr. K7

Gonnabenb, den 31. 3hII 1926

76. Jahrgang

3nwn von heule und gestern.

Mit Mühe und Not haben die Berliner Zentral- mstanzen in dem Magdeburger Justizkonflikt einen vorläufigen Waffenstillstand zu Wege gebracht. Man will sozusagen wieder von vorn anfangen, hat nach dem Magdeburger auch den Berliner Beauftragten der Krimi- nalpolizei zurückgezogen und möchte zunächst wieder ein­mal in das notwendige und seit uralter Zeit überlieferte Dunkel der gerichtlichen Voruntersuchung zurückflüchten, das in diesem Falle, sehr zum Schaden der Sache, um der leidigen Sensationslust namentlich der großstädtischen Presse willen nicht respektiert worden ist.

Was sich hier entwickeln zu wollen schien, war von einem regelrechten Kleinkrieg der L a n d e s h a u p t- stadt gegen die alte berühmte Festung ander Elbe schon nicht mehr sehr weit entfernt. Aber gerade in dem Augenblick, als gegen Magdeburger Richter zum Ge­neralsturm geblasen wurde, hielten es die maßgebenden Regierungsstellen in Berlin doch für richtig,das Ganze halt!" zu kommandieren, und so ist das Gefecht glücklicher­weise zum Stehen gekommen. Bei Fortdauer dieser Zu­stände hätten sich ja in der Tat auch nur die aus­gesprochenen Feinde des Staates und der bürgerlichen Ge­sellschaft vergnügt die Hände reiben können. Man denke: Landeskriminalpolizei gegen örtliche Kriminalpolizei, Berliner Instanzen gegen Staatsanwalt und Unter­suchungsrichter einer großen Provinzialstadt, eine der Auf­klärung dringend bedürftige Mordangelegenheit auf das tote Gleis politischer Tendenzen geschoben, mit denen sie unmöglich nur das mindeste zu tun haben kann eine traurigere Verwirrung der Geister, eine schlimmere Irreführung der Öffentlichkeit kann es ja schon

gar nicht mehr geben.

Und man sieht: böse Beispiele v Serben auch auf diesen überaus heiklen Gebieten die guten Sitten. In einem schönen Ostseebad werden einem Berliner Badegast nächtlicherweile für dreißig- oder vierzigtausend Mark Juwelen aus dem Schlafzimmer geraubt. Die Po­lizei greift sich nach einigen Tagen einen berüchtigten Fassadenkletterer, der sie, als es sich darum handelt, das gestohlene Geschmeide wieder zur Stelle zu schaffen, ganz artig an der Nase herumführt und schließlich bei Nach- , jxatntnaea-im Walde hnrticr entsch^v^ Run erhebt sich auch hier die Streitfrage: Wen trifft

" ant w o rtung? Den örtlichen Hüter der öffentlichen Ordnung oder die aus Berlin entsandten Beamten der Landeskriminalpolizei? Haben Eifersüchteleien zwischen diesen und jenen das Verfahren aufgehalten und zu Miß­erfolgen geführt oder wer ist sonst haftbar zu machen für diesen neuen Triumph des Verbrechertums, das ja nachgerade aller kriminalistischen Bemühungen un­serer hochwohllöblichen Polizei zu spotten scheint? Hat der ewige Drang, zu reformieren, etwa zunächst nur ver­dorben, was gut war, ohne daß Aussicht besteht, das Bessere, dem man mit Einrichtung der Landespolizei nach- strebte, auch nur in absehbarer Zeit zu erreichen?

*

Empfindungen ganz anderer Art wrden durch eine Gerichtsverhandlung aufgerührt, die dieser Tage ein Ber­liner Schöffengericht beschäftigte. Wieder einmal war es Herr Dr. S d/a ch t, der Reichsbankpräsident, der sich m seiner Ehre durch Angriffe aus den Kreisen der gesch-^ digten alten Reichsbankgläubiger gekränkt fühlte und auch erreichte, daß der Schuldige zu einer Geldstrafe von meh­reren hundert Mark verurteilt wurde. Es war ihm vorge­worfen worden, daß er seine Weigerung, die berüchtigten r o t g e st e m p e l t e n Tausendmarkscheine zur Aufwertung zuzulassen, mit dreisten Lügen begründet habe, um die armen Besitzer dieser zu bloßer Makulatur entwerteten Banknoten von der Geltendmachung irgend­welcher Ersatz- oder Entschädigungsansprüche abzu- schrecken. In der Verhandlung kam zur Sprache, daß noch in der schwersten Inflationszeit, also 1922 und 1923, Taufe ndmarkscheineau f d e n a l t e n P litten gedruckt wurden und infolgedessen längst verklungene Jahreszahlen zeigten, bis zurück ^um^ahre 1910 also Goldmark vortäuschten, wahrend es sich m Wirklichkeit na­türlich um nur sehr minderwertiges^Papiergeld handelte. Die Verteidigung hielt Herrn Dr. Schacht entgegen, daß er bei seiner öffentlichen Behandlung dieser ^rage den Eindruck erweckt habe, als ob die Rerchsbank, wenn sie hier irgendwelche AufwertungsforderM

hätte, mit Gesamtaufwendungen von 128 Milliarden-Mark rechnen müßte, während tatsächlich nur der Papierw^rt der alten Tausendmarkscheine allenfalls diese Summe er- reichte Also Jongleur st uckchen, -vaufchungs- versuch usw. Das Gericht ließ indessen diese Arw- legung, die den Reichsbankpräsidenten ganz unmogüch ge­macht hätte, nicht gelten. Er habe die Mluht, dre ^nter- essen der Reichsbank zu vertreten, und trage die Verant Wortuna für die Aufrechterhaltung der deutschen Wah- ^m^g^Bei der bekannten Stimmung in den Kreisen der g-h-nd-H »daw bis iul J* »Wft der Tausender rechnen muffen, und so> blieb dem Gericht nichts anderes übrig, als dem Reichsbank^

Reinheit seiner Ehre abermals feierlich zu .veicheinigen.

Auch die Schöffenrichter werden sicherlich den ge­schädigten Reichsbankglaubigern lebhaftes -mitgezuhl empfunden haben, denn sie wissen, daß hier wahre zweiflung gegen die verhangnisvolls n uL 0.

Die Verfassungsänderung in Polen

MißemWerrt Kartei

Wer Polens Mitit

Eine neuzeitlich aufgefaßte Demokratie".

Im Polnischen Sejm ist vor kurzem eine Änderung der polnischen Verfassung beschlossen worden, die vor allem dem Präsidenten der Republik Polen erweiterte Vollmachten gibt. Nunmehr beschäftigte sich auch der Pol­nische Senat mit den Verfassungsänderungen. Bei dieser Gelegenheit hielt der polnische Ministerpräsident Pros. Dr. Bartel eine programmatische Rede. Er be­tonte hierbei, daß die. Vollmachtennicht im Namen der Autokratie, sondern im Namen einer neuzeitlich aufge­faßten Demokratie" verlangt werden. Der Ministerprä­sident hob hervor, daß sowohl in der Armee wie auch in der sonstigen Stellenbesetzung politische Rücksich­ten vollständig ausgeschaltet sind. Der Mi­nisterpräsident bekannte sich sodann zum Optimismus und gab der Hoffnung Ausdruck, daß die jetzige Regierung ein besseres Polen hinterlassen werde, als sie es vorgefun­den habe.

Im weiteren Verlauf seiner Rede betonte Minister­präsident Bartel erneut die vollständige Fried- f e r t i g k e i t der polnischen Außenpolitik. Bei dieser Ge­legenheit gab der Ministerpräsident der lebhaften Freude der polnischen Natron über die Bildung einer Regierung der hervorragendsten Persönlichkeiten in Frankreich Ausdruck, das mit Polen durch ein Bündnis und eine traditionelle Freundschaft verknüpft sei. Die Namen Poincars, Briand, Herriot und der an­deren Mitglieder des Kabinetts seien vielfach mit der Geschichte der polnisch-französischen Zusammenarbeit ver­bunden. Mit diesen Namen verknüpfe Polen die feste Überzeugung von der Unveränderlichkeit der französischen

W ä h r u n g s st a Ei l i s i e r u n g imkämpst, die natür­lich für den Staat wie für uns alle lebensnotwendig ge-

Die X?rr« Wesen ist, deren traurige RathwircutlgL».^UB-.^&iM,

geheuren Umfang, den sie nlittlerweile angenommen haben, kein Mensch vorausgesehen hat. In einzelnen, vielleicht sogar in vielen Fällen mögen unsaubere Spcku- lantenhände auch bei dieser Katastrophe nachträglich noch im Trüben fischen wollen. Das ändert aper alles nichts an der Tatsache, daß hier offene Wunden am Volkskörper brennen, die nicht vernarben wollen.

Ses-amie Manzlage bei der ReichSpost.

Rückgang der Zahl der Radioteilnehmer.

Der Verwaltungsrat der Deutschen Reichspost trat am 29. Juli zu einer Sitzung zusammen. Über die Lage der Deutschen Reichspost im Juni 1926 wurde folgendes ausgeführt: Der Briefverkehr hat sich auf der Höhe des Vormonats erhalten, der Paketverkehr, der Postanwei- sungs- und Zahlkartenverkehr sind zurückgegangen, die Zahl der Postscheckkonten und der Umsatz im Postscheck- Wesen sind zwar gestiegen, das Guthaben auf den Post­scheckkonten ist aber um 19 Millionen Reichsmark weiter zurückgegangen, der Telegraphenverkehr hat gegen den Vormonat um 11 Prozent abgenommen, die Zahl der Rundfunkteilnehmer hat im Juni um rund 38 000 abgenommen, was aus die Ferien zurück- zuführen ist. _

Die Betriebseinnahmen für 1925 sind hinter dem eoß um 26 Millionen Reichsmark zurückgeblie­ben. Die Finanzlage der Reichspost ist auch weiterhin gespannt, was auf die ungünstige allgemeine Wirtschafts­lage zurückzuführen ist. Die Verwaltung erwartet jeooch, daß die Ausfälle durch den im zweiten Halbjahr regel­mäßig stärkeren Verkehr ausgeglichen werden.

Deutschlands Mchi auf Kolonien.

Eine Eingabe der Kolonialen Reichsarbeitsgemeinschaft.

Die Koloniale Reichsarbeitsgemeinschaft hat an den Reichskanzler eine Eingabe gerichtet, in der darauf hin­gewiesen wird, daß der englische Kolonialminister A m e r Y in öffentlicher Rede erklärt habe, daß das Schutz­gebiet von Deutsch ostafrika durch den Versailler Vertrag in den dauernden und unwider­ruflichen Besitz Englands übergegangen sei. Diese Erklärung enthalte eine neue Theorie über den rechtlich so bestrittenen Charakter des Mandats: es werde hier mit dürren Worten ausgesprochen, daß das Mandat nichts weiter sei als eine Annexion ohne Entschädigung, und das stehe im Widerspruch mit dem Wortlaut und dem Sinn der ganzen Völkerbundsatzung.

Trete Deutschland bedingungslos in den Völkerbund ein, so werde eine Klärung der kolonialen Frage nicht erreicht werden. Die Koloniale Reichsarbeits- genreinschast habe stets den Standpunkt vertreten, daß der Eintritt Deutschlands nur erfolgen darf, wenn vorher eine klare Regelung der kolonialen Frage erfolgt ist. Bei einem bedingungslosen Eintritt Deutschlands würden seine Aussichten auf eine aktive koloniale TätiMit für

Politik und der vollen Wahrung der französischen torität.

Au-

Schließlich kam Ministerpräsident Bartel aus das VerhältnisPolenszuDanzigzu sprechen. In den Beziehungen zwischen Danzig und Polen sei eine wesentliche Besserung eingetreten. Die Tradition eines 500jährigen wirtschaftlichen Zusammenlebens ließe die Hoffnung berechtigt erscheinen, daß diese Beziehungen sich auch weiterhin günstig gestalten würden. Die polnische Regierung sei ihrerseits gewillt, an der finanziellen Sa­nierung Danzigs mitzuhelfen, und sei bestrebt, den Export Polens über den Danziger Hafen zu leiten. Die Regierung zweifele nicht daran, daß sie aus feiten Danzigs immer mehr guten Willen und Verständnis für die Gemeinsamkeit der beiderseitigen Interessen finden werde. Der Minister­präsident schloß seine Rede mit Worten des Vertrauens in die wirtschaftliche Zukunft Polens.

Nsues bewaffnetes potent

Von den rechtsstehenden polnischen Kreisen wird in den nächsten Tagen ein verschärfter Kampf gegen Mar­schall Pilsudski, den eigentlichen Beherrscher Polens, und seine Regierung auch unter dem Militär ausgenommen werden. Für das Militär erscheint bisher ein Pilsudski nahestehendes Organ,Das bewaffnete Polen", das zur­zeit als Stimme der engeren Kreise um Pilsudski auch außerhalb des Offizierkorps starke Beachtung findet. Am 15. August wird nun mit großen Geldmitteln von Posen her ein Militärorgan unter dem TitelNeues bewaffnetes Polen" gegründet, das gleichzeitig in Warschau, Posen und Lemberg erscheinen soll. Für das neue Blatt zeich­nen die seit der Pilsudski-Aktion demissionierten Generale Haller, Szeptycki und Dowbor-Musnicki verantwortlich. General Haller ist als der größte Feind Marschall Pil- sudskis bekannt.

i immer dahin sein und es würde nicht die geringste Sicher- I heit für wirtschaftliche Gleichberechtigung in seinen und in

< «n^e-yets ^ölsmis-n .^vol^.^^ fönmti.

Die Kokoniaie Reichsa^eitsgememschsft-0L!uM^LüL° halb die Reichsregierung nochmals und dringend, den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund von einer klaren Regelung der kolonialen Frage abhängig zu machen.

200 Neischvergistzmgen.

Eine Art Paratyphus.

In Herzfelde (Kreis Niederbarmm) sind durch Genuß von verdorbenem Fleisch in den letzten Tagen ins­gesamt 200 Personen erkrankt. Das Geschäft des Schläch­ters R e i s n e r, aus dem das Fleisch stammte, wurde polizeilich geschlossen.

Die Schweine, von denen das' gefährliche Fleisch stammt, sind vom Schlächter Reisner selbst geschlachtet worden. Tierarzt Dr. Graul in Herzfelde hat das Fleisch untersucht und einwandfrei befunden. Das Fleisch ist als Pökelfleisch, gekochter Schinken und als Schlackwurst ver­arbeitet worden.

Die vom Staatlichen Veterinärinstitut in Potsdam vorgenommene bakteriologische Untersuchung der aus Herzfelde stammenden Fleischproben hat einwandfrei die Feststellung ergeben, daß es sich bei dem Krankheitser­reger um eine Untergruppe des Paratyphusbazillus, und zwar um den sogenannten Bazillus Enteritis Breslau han­delt. Das Veterinärinstitut fand diese Krankheitserreger jedoch lediglich an der Oberfläche der eingesandten Proben von Wurst, Pökelschinken usw., so daß daraus mit Sicher­heit auf eine nachträgliche Jnfizierung dieser Fleischsorten geschlossen werden kann.

D§r Orieniesspreß verunglückt.

4 Tote, 17 Verletzte.

Der Orientexpreß ist in der Nähe des Bahnhofs Noisy-Le-Sec bei Paris mit einer Stundengeschwindigkeit von 75 Kilometern entgleist. Die Lokomotive, der Ge­päckwagen und die folgenden acht Wagen sprangen aus den Schienen. Der Zug bestand fast nur aus Postwagen. Erst in Chalons-sur-Marne waren einige Personenwagen angehängt worden. Nach den bisherigen Feststellungen sind vier Personen, zwei Post- und zwei Eisenbahn­beamte, getötet und 17 Personen verletzt wor­den. Drei von den Verwundeten liegen in hoffnungs­losem Zustand danieder. Man befürchtet, daß noch weitere Opfer unter den Trümmern begraben sind. Die Ursache der Entgleisung ist noch nicht bekannt.

Anweiierschaden.

Auf den Bahamainseln.

Nach Miami (Florida) gelangten drahtlose Tele­gramme vom Kapitän des auf der Höhe von Nassau (Ba­hamainseln) liegenden DampfersMunamar", in denen er mitteilt, daß bei dem tropischen Sturm, der am 26. Juli Nassau beimsuckte. acht Personen aetötet worden sein