Hersfelöer Tageblatt Hersfelöer Kreisblatt' Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfels
Nr. 171 Sonnabend, den 24. Juli 1926 76. Jahrgang
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Kulissenwechsel.
Auch in der Politik derselbe ewige Kreislauf der Dinge, an den die Menschheit bei allen Fortschritten im einzelnen im Grunde doch immer gekettet bleibt. Als der Linksblock vor zwei Jahren in Frankreich siegreich aus den Kammerwahlen hervorging, glaubte man eine große Geistes- und Zeitenwende gekommen. Poincare mußte gehen und Herriot stieg auf den Thron und es begann jene mit allen Zungen gepriesene Friedens- und Beruhigungspolitik, die über Genf und Locarno schließlich auch Deutschland wieder in den gleichberechtigten Reigen der Nationen eingliedern sollte. Jetzt ist Herriot schmählicher als irgend sonst einer der führenden Männer der Französischen Republik in den Abgrund gesaust. Nicht ohne eigene Schuld, denn selbst die deutschen Sozialisten bescheinigen ihm heute, daß sein Vorstoß gegen Briand eine hanebüchene Torheit gewesen sei. Nun schreit die Straße wieder nach Poincarö als dem einzig noch übriggebliebenen Retter des Vaterlandes.
Das ist eine Rolle, zu der sich der V a t e r d e s V e r - sailler Vertrages allerdings nicht zweimal nötigen läßt, auch wenn er sich bei ruhiger Überlegung sagen müßte, daß neue Lorbeeren in der finanziellen Situation, in der Frankreich sich nachgerade befindet, schwerlich zu ernten sein werden. Das schlimmste aber ist, daß das deutsche Volk diesem seinen grausamen Peiniger eigentlich nur Erfolg wünschen kann bei dem Werk, das er jetzt übernehmen soll. Denn je länger der Wahn der Frankinflation der französischen Wirtschaft erhalten bleibt, desto schlimmer für unsere Wirtschaft, die sich der ausländischen Konkurrenz schon ohnedies nicht mehr erwehren kann. Die Bereicherung der deutschen Ferienreisenden, die jetzt als nur zu sehr begreifliche Revanche für unsere leidvollen Erfahrungen in den Jahren 1922/23 im Gange ist, kann uns natürlich keinen Ersatz bieten für die Niederhaltung jedes deutschen Exports, den die französische Industrie sich leisten kann, solange sie mit gleitenden Wertzeichen zu rechnen hat. Die möglichst rasche Stabilisierung des Franken liegt ja auch in unserem gesamtwirtschaftlichen Interesse; wir können nur bedauern, daß erst ein Poiucarö gerufen wer- «>« "^v, --^ --, .^M^üidMajai^ . Aber das französische Volk hat es nun einmal so gewollt, wenigstens soweit sein Wille in dieser Kammer überhaupt zum Ausdruck kommen kann.
Dieser Poincarö lag, wie es scheint, schon in den letzten Wochen sozusagen in der Luft. Schon hörte man wieder von Zank und Streit auch da, wo die Leute extra zu dem Zweck einer gewissen internationalen Verbrüderung zusammengekommen waren. So z. B. im Stockholmer Stadion bei dem Fußballänderkamps Schweden gegen Italien. Feierlicher Vortrag der beiden Nationalhymnen zu Beginn, Überreichung prächtiger Blumensträuße in der Mitte, zum Schluß aber ein regelrechter italienischer Boxkampf gegen den schwedischen Schiedsrichter, dessen Entscheidung bei den Marinen Mussolinis auf Widerspruch gestoßen war. Die Folge war, daß das schwedische Publikum in Massen über die Barrieren setzte unb die italienischen Gäste in so nachdrücklicher Weise zur Ordnung rief, daß schließlich Polizei mit blanker Waffe zum Schutz dieser sonderbaren Sportjünger aus dem Süden eingreifen mußte. Für uns Deutsche kein Grund zur Überhebung, denn auf einer gleichfalls zu Verbrüderungszwecken bestimmten V e r a n st a l t u n g in Wien soll es kürzlich auch nicht gerade allzu bundes- freundlich hergegangen sein; und als einige Zeit zuvor gewisse deutsche Damen in Paris einem internationalen Frauenkongreß beiwohnten, ist es zwischen ihnen wegen der schwarzweißroten und der schwarzrotgoldenen Flaggenfrage im Angesicht von Delegierten aus so ziemlich aller Herren Ländern auch zu recht unerquicklichen Streitigkeiten gekommen. Von den deutschen Badegästen in belgischen N o r d s e e b ä d e r n gar nicht zu reden, denen von aufgeregten Überpatrioten so übel mitgespielt wurde, daß sie fluchtartig von diesem ungastlichen Boden wieder fortstrebten, um doch lieber in deutschen Erholungsstätten die Ruhe und Erholung zu suchen, die sie brauchten. ~ .
Nein, das Zeitalter des ewigen Friedens ist noch nicht für uns angebrochen, auch wenn der polnische Außenminister noch so salbungsvoll nach allen Seiten hm friedliche Händedrücke anbietet. Und kommt nun wirklich noch Herr Poincare an die Spitze der französischen Regierung, dann wird der Himmel des armen Völkerbundes sich gewiß sehr bald wieder einigermaßen verdüstern.
Polen und Ker Völkerbund.
Es will den ständigen Ratsitz haben.
Der polnische Außenminister Z a l e s k i hielt vor der Senatskommission eine Rede, in der er über das Verhältnis Polens zum Völkerbund sprach.
Kein polnischer Vertreter, so erklärte er, könne im Namen der polnischen Regierung jemals geäußert haben, daß Polen auf den ständigen Ratsitz im Völkerbund verzichte, denn die Erlangung eines solchen bleibe eine der wichtigsten Ausgaben der polnischen Politik. Die Zukunft Europas könne nicht optimistisch beurteilt werden, wenn die stichhaltigen Forderungen Polens aus dem Gebiet des Völkerbundes nicht die gebührende Berückstchti- iiuna fänden. Eine solche Tatsache würde die aeaen-
• Poincare am Ziel
Das neue Kabinett poincare.
Regierung der nationalen Einigung
PoincarS ist es gelungen, ein Kabinett auf breiter Grundlage zu bilden. Er hat die Namensliste des neuen Ministeriums dem Präsidenten der Republik zum Ernennungsvollzug vorgelegt. Die Liste hat, falls nicht noch im letzten Augenblick Veränderungen vorgenommen werden müssen, folgendes Aussehen:
Ministerpräsident und Finanzen: PoincarS
Vizepräsident, Justiz und Elsaß-Lothringen: Barthou
Außenminister: Briand ----------
Inneres: Albert Sarraut
Krieg: Patnlevö
Unterricht: Herriot
Marine: Leygues '
Handel: Bokanowski
Ackerbau: Queuilles .
Kolonien: Perret
Eisenbahnen: Tardieux
Pensionen: Marin
Arbeit: Fallieres (Radikale Linke). -
Beim Verlassen des Elysees erklärte poincare den Journalisten: „Wir wollten ein Kabinettder breiten nationalen Einigung, in dem alle Parteien vertreten find. Wir haben versucht, unsere Aufgabe mit der größtmöglichen Großzügigkeit aufzusassen. Ich muß sagen, daß es mir nicht schwergefallen ist, weil ich mich bemüht habe, mein Ministerium zu bilden, ohne besondere Wünsche weder der einen noch der anderen zu berücksichtigen. Wenn wir uns bei allen anderen Anregungen aufgehalten hätten, die man uns gegeben hat, so hätten sich die Arbeiten zur Bildung der Regierung ewig lange hingezogen. Es war aber nötig, schnell zu arbeiten. Die neue Regierung wird voraussichtlich Dienstag vor die Kammer treten."
« auch PomcarL bei Durchführung der Kabinettsbildung scheitern würde. Die ■»■■■■■■■■■■MKHaMpMSIHEBHamBBaKäSeSSBHe wärtige Krisis d e s" V ö l k e rbundes n u r "n v ch mehr vergrößern. Kompromisse, die die Zukunft der Polnischen Republik schwer belasten könnten, dürsten nicht angenommen werden.
Der Minister kam sodann auf das Verhältnis zu Deutschland zu sprechen und erklärte sich für die baldige Beendigung des Zollkrieges. Die polnische Delegation sei von dem Willen beseelt, eine Verständigung her- beizuführen, und wolle alles, was den Verlauf der Verhandlungen erschweren könnte, vermeiden.
Ministerpräsident Braun Wer das Ehrenmal.
Er wünscht es für Berlin oder das Rheinland.
Angesichts des Streites, der um das Ehrenmal für die im Kriege Gefallenen entbrannt ist, hat der preußische Ministerpräsident Braun an den Reichskanzler ein schreiben gerichtet, in dem er auf den ursprünglichen Plan, die sogenannte Schinkel-W ache in Berlin (ehemalige Hauptwache) zu einem Erinnerungsmal für Die Gefallenen umzugestalten, zurückgreift. Sollte sich die Reichskanzlei jedoch nicht für Berlin entscheiden, so empfiehlt der Ministerpräsident das Rheinprojekt, da die Rheinlande nach den vielen Leiden, die sie um Ge- samtdeutschlands willen durchgemacht hätten, besonders berücksichtigt werden sollten.
. . Demgegenüber muß auch erwähnt werden, daß der wzialdemokratische Reichstagsabgeordnete Sollmann, Der selbst Rheinländer ist, sich in einem Brief an den Aeichsinnenminister gegen den Rheinplan aus- Ipricht, da der Rhein durch den starken Fremdenverkehr ein viel zu lebhafter Strom sei, als daß hier die richtige Stimmung für ein Totenmal aufkommen könnte.
Die deutsche Äste wegen SermerHem.
Botschafter v. Hoesch im Quai d'Orsay.
Die deutsche Note an die französische Regierung, die sich mit den Zwischenfällen von Germersheim beschäftigt, wird voraussichtlich nicht veröffentlicht werden. Sie gibt eine genaue Darstellung der bedauerlichen Vorfälle und fügt hinzu, wie sehr die Reichsregierung derartige Ereignisse bedauert, die geeignet find, die Befriedung des besetzten Gebietes hintanzuhalten und zu gefährden. Man ist in Berlin überzeugt, daß die Folge der Untersuchung durch die französischen Behörden die in solchen Fällen international übliche Genugtuung sein wird.
Der deutsche Botschafter v. Hoesch hat dem Generalsekretär des Ministeriums des Äußern, Philippe Berthelot, einen Besuch gemacht und mit ihm über die bekannten Vorgänge in Germersheim gesprochen, v. Hoesch hat bei dieser Gelegenheit Berthelot die Abschrift einer Note überreicht, die der Reichskommissar für die besetzten Gebiete dem stellvertretenden Vorsitzenden der Rheinlandkommission, Forthomme, übergeben hat. _ ........
Widerstände fanden sich hauptsächlich bei den linksstehenden Parteien, denen er indessen durch Aufnahme mehrerer linksstehender Politiker in sein Kabinett, wie Painleve, Sarraut und Herriot, Konzessionen in der Innenpolitik machte. Auf dem Gebiet der äußeren Politik scheint die Linke durch das Versprechen Poincares gebunden worden zu sein, jetzt die eingeschlagene Außenpolitik beizubehalten und die Locarnoverträge sicherzustellen. Alles in allem kann man das Kabinett Poincarö als ein Kabinett der Köpse bezeichnen, da in ihm Persönlichkeiten von ausgesprochen politischer Prägung und großem Führertalent vertreten sind.
peret Kammerpräsident.
Bei der Kammerpräsidentenwahl für den vor einigen Tagen zurückgetretenen Herriot entfielen bei der ersten Abstimmung auf Peret 197, aus Bouisson 133 und aus Bouyssou 113 Stimmen. 40 Stimmen waren zersplittert. Bei der endgültigen Abstimmung erhielt Peret 227 und Bouyssou 215 Stimmen. Damit war Peret zum Präsidenten der Kammer gewählt.
Rene Ausschreitungen gegen Fremde.
Ausländern wird nicht serviert.
Auf den Boulevards ist, es wieder zu fremdenseind- lichen Kundgebungen gekommen. Mehrere Autos, die den Ausländern „Paris bei Nacht" zeigten, wurden von Passanten umringt und mit Schmährufen überschüttet. Im Nu hatten sich mehrere Tausend Manifestanten angesammelt, die die in den Autos befindlichen Fremden mit wüstem Gejohle und Pfeifen überschütteten. Polizei und eiligst herbeigerufene republikanische Garde zerstreuten mit Mühe die Manifestanten. Der Straßenverkehr war stundenlang unterbunden.
In mehreren größeren Restaurants wurde Ausländern die Bedienung verweigert. Andere steigern ihre Preise sprunghaft. Von einem großen Teil der Zeitungen ■ wird dieser Mjdzpn wen 1^ *-4?^»ßltea&4}»^^
Der Doppelgänger von Saar ermittelt.
Haas' Schuldlosigkeit erwiesen?
Zur Magdeburger Mordaffäre wird gemeldet, daß die Polizeibeamten jetzt den „Doppelgänger" von Direktor Haas entdeckt hätten. Es sei ein Versicherungsdirektor gewesen, bei dem sich Schröder einmal um eine Stellung beworben habe. Der Direktor sei damals tatsächlich in Groß-Rottmersleben bei Schröder gewesen, habe diesen aber schnell als oberfaul erkannt. Infolge seiner Ähnlichkeit mit Haas sei die Verwechslung entstanden. Sobald der aus Reisen befindliche Versicherungsdirektor persönlich vernommen ist, wird mit einer Haftentlassung von Haas gerechnet. ■ , .
politische Rundschau.
Deutsches Reich.
Wohnungsbaufragen im Reichsrat.
Der Reichsrat beschäftigte sich in seiner letzten Sitzung mit Wohnungsbausragen und stimmte in namentlicher Abstimmung einem Antrag Preußens zu, wonach der ursprüngliche Schlüssel, nach dem die Zwischenkredite an die Länder verteilt werden sollen, wieder hergestellt wird, so daß das Reich sofort 60 Millionen an die Länder verteilen kanm Ferner wurde einer Verordnung über die Berechnung der nach dem Gesetz unter bestimmten Voraussetzungen von der Hauszinssteuer befreiten Eigenheime mit nicht mehr als 70 Quadratmeter Wohn- flächenraum zugestimmt. Der Reichsrat stimmte dann dem Entwurf einer Verordnung über Kraftfahr- zeugverkehr, der durch die letzten Reichstagsbeschlüsse notwendig geworden war, zu.
Deutschlands Aufnahme in den Völkerbund. *
In Londoner diplomatischen Kreisen verlautet, daß Deutschland Anfang September in der ersten Sitzung des Völkerbundes und des Völkerbundrates zum Mitglied des Bundes und zum ständigen Mitglied des Rates gewählt werden wird, und zwar ohne vorhergehende Verhandlungen einfach auf Grund eines Antrages des Vorsitzenden der sogenannten Ersten Kommission. Der Vorsitzende wird daraus Bezug nehmen, daß bereits im März der Vollversammlung mitgeteilt worden sei, daß Deutschland die Voraussetzungen der Wählbarkeit erfüllt habe.
Polen.
X Annahme der Verfassungsänderung im Sejm. In dritter Lesung wurde die Gesetzesvorlage über die Verfassungsänderung mit 246 gegen 95 Stimmen angenommen. Durch das Gesetz wird dem Präsidenten das Recht gegeben, auf Antrag des Mi- nisterrats Sejm „und Senat aufzulösen. Weiter erhält der