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Sersfelöer Tageblatt

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Hersfelüer Kreisblatt"

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Rk. 169

Donnerstag, den 22. Juli 1026

76. Jahrgang

Der Deutsche im Ausland.

In Dresden ist ein italienischer Student verurteilt worden, weil er bei einer Auseinandersetzung mit Deut­schen den unverschämten Ausdruck:Deutsches S ch w e i n" gebrauchte. Er hat dafür nur drei Monate zu brummen und man ist durchaus der Ansicht des Rich­ters, daß ein Deutscher im Ausland, der sich gleiches er­lauben würde, weit höhere Strafe zu gewärtigen hätte. Aber schon der Gedanke eines solchen umgekehrten Falles muß ein leises Lächeln hervorrufen, weil ein solcher Gedanke überhaupt eine Unmöglichkeit vor sich sieht.

Merkwürdig: es wird immer soviel davon geredet, daß der Deutscheim Auslande unbeliebt" sei bloß niemand kann sagen, daß er selbst etwas von dieser Un­beliebtheit verspürt hat, daß er schlecht behandelt worden ist. Die Zeiten liegen ja Jahrhunderte zurück, da ein alter englischer Schriftsteller über denunerträglichen Na­tionalstolz" der Deutschen redete. Und wenn Mussolini über die Tracht der Deutschen und ihre sonstige Haltung in Rom und Italien unpassende Bemerkungen macht, so tut er das aus durchsichtigen politischen Gründen. Ernster ist natürlich die Sache, wenn, wie es jetzt an der belgischen Seeküste geschah, die Deutschen aus einer Nachwir­kung derKriegspsychose heraus geradezu scham­los behandelt werden; darauf gibt es dann eben nur eine Antwort: fortgehen und fernbleiben. Das hilft immer. Dazu kommt, daß die belgische und französische In­flation Elemente herbeiführt, die takt- und rücksichtslos die günstige Gelegenheit" ausnutzen. Auch uns waren diese ausländischen Jnflationshyänen vor drei und vier Jahren nicht gerade sympathisch.

Das sind alles besonders gelagerte Fülle und darum besonders zu beurteilen; aber wir sollten das Märchen von demim Ausland unbeliebten Deutschen" nicht gar so schnell nachplappern. Wozu überhauptbeliebt" ? Der Reisende fordert eine Leistung und macht dafür seine Zahlung. So denkt der Engländer und der Amerikaner, diese typischen Reisenden, und sie fahren gut damit, ob­wohl sie längst nicht so freigebig und kauflustig sind wie interessieren die Gefühle ihres Hoteliers oder des Hausknechts nicht im geringsten; aoer wir werben darum, beliebt zu sein, und betonen ernst­haft die Notwendigkeit,moralische Eroberun- g e n" zu machen. Die Regeln, wie man sich als gebildeter und taktvoller Mensch zu bewegen hat, sind stillschweigen­des internationales Übereinkommen. Aber nun überall zu erzählen, der Deutsche benehme sich im Ausland allzu­oft taktlos und ungeschliffen, ist erstens unwahr und dann, wenn es gar von Deutschen selbst über Deutsche gesagt wird, national würdelos! Wenn der Deutsche allerdings endlich von seinem alten Laster lassen wollte, im Ausland durchaus sofort die fremde Sprache radebrechen zu wollen, auch dort, wo es gar nicht nötig ist, also auf dem Bozener Bahnhof nach einemfacchino" zu schreien, obwohl dort alle Gepäckträger Deutsche sind dann wäre der Deutsche entschiedenbeliebter"!

Südtirol eine Frage für sich? Oh nein, man soll hin, man muß hin, gerade jetzt. Gewiß sind viele Hoteliers italienfreundlich" aus Geschäftsrücksichten. Aber die Bevölkerung ist doch kerndeutsch bis zur Sprachgrenze und mau riskiert allerhand, wenn man sie auch nur im ScherzItaliener" nennt. Hier kann man nationales Leid kennenlernen, wenn man mit dem deutschen Führer hoch in die Einsamkeit der Berge geht und kein Faschisten- spion zuhöreU kann. Deswegen gehen doch genug Deutsche nach Deutschösterreich.

Daß Italien die deutsche Zurückhaltung verspürt, ist erfreulich; schadet nichts, daß man dort jetzt schimpft. Luft und Berge, Licht und Meer gibt es auch anderswo genug.

Dr.e.

Em MMr Chef der Reichskanzler.

Dr. Pünder ernannt.

Der Reichspräsident hat den bisherigen Staatssekretär der Reichskanzlei, Dr. Kempner, in den einstweiligen Ruhestand versetzt und an dessen Stelle den Ministerial­direktor der Reichskanzlei, Dr. Pünder, zum Staats­sekretär der Reichskanzlei ernannt. Der neue Staats­sekretär gehört parteipolitisch dein rechten Flügel des Zentrums an, ist aber bisher noch nicht in der Öffentlich­keit hervorgetreten.

Mit der Ernennung Dr. Pünders, der als unpoli­tischer Beamter gilt, wollte Reichskanzler Dr. Marx wohl dokumentieren, daß sein Kabinett als übergangsministe- rium zu betrachten sei. Man hatte ursprünglich auch die Absicht, die Neubesetzung dieses für die Führung d^r Reichsgeschäfte wichtigen Postens bis zum Herbst zu ver­tagen, da voraussichtlich zu diesem Zeitpunkt wieder die Frage einer Umbildung der Reichsregierung neu aufge­rollt werden dürfte. Der bisherige Staatssekretär Dr. Kempner hat dem ersten und zweiten Kabinett Luther an­gehört. Wie es heißt, soll er in absehbarer Zeit im diplo­matischen Außendienst Verwendung finden.

*

Reichskanzler Marx hat am Mittwoch Berlin zu einem längeren Urlaub verlassen, den er in Süd­deutschland verleben wird. Sein Vertreter ist Reichs­wehrminister Dr. Gehler.

Der schwankende Herriot

Die Flucht aus dem Frank.

Stürmischer Kabinettsrat in Paris.

Die Hauptstadt Frankreichs ist, wie immer in aufge­regten Zeiten, der Schauplatz wildester Gerüchte, die zu einer Valutapanik der Bevölkerung geführt haben. Die Flucht a u s dem Frank hat auf der ganzen Linie eingesetzt. Die Banken werden vom Publi­kum gestürmt, das seine Anlagen znrüäverlangt oder ver­geblich versucht, die KriEgsauleihsstücke in Geld umzuwan- deln. Die Geschäfte werden überlaufen. Man kauft alles, was zu haben ist, mit dem Erfolg, daß die Preise von Tag zu Tag sprunghaft in die Höhe schnellen. In bin großen Waren- und Kaufhäusern werden die Preise zwei- bis dreimal täglich geändert. Besonders die Ausländer neh­men große Hamsterkäufe vor, so daß in Paris eine wachsende Fremdenfeindlichkeit Platz ge­griffen hat, in deren Anschluß es wiederholt zu blutigen Zwischenfällen gekommen ist.

Die Stellung des Kabinetts Herriot ist nach wie vor sehr schwach. Gerüchtweise verlautet sogar, daß Herriot bereits zurückgetreten sei und Poincarö seine Nachfolgerschaft angetreten habe. Den Grund zu diesem Gerücht gab Wohl der Verlauf eines Kabinettsrates, der sehr stürmisch war und in dem verschiedene Minister ihre Demission angeboten haben. Sie wurden nur mit Mühe veranlaßt, diese zurückzunehmen. Während der Kabinetts­rat tagte, begab sich nämlich der Gouverneur der Bank von Frankreich zum Präsidenetn der Republik, Doumergue, und setzte ihn von der stündlich zunehmenden Gefähr­lichkeit der Finanzkrife in Kenntnis, insbeson­dere, daß seit dem Regierungsantritt Herriots Schatz­scheine und Rationalbons in ungeheuren Mengen zur Ein­lösung an sämtlichen Kassen des Landes vorgelegt würden

M Mrm nicht begegnen könne. Sofort nach dem Besuch des Bankgouverneurs ließ Lou^ mergue Herriot zu sich rufen und legte ihm unzweideutig nahe, daß er möglichst schnell sich dem Parlament vorstellen und Klarheit über die Lebensfähigkeit seiner Regierung schaffen müsse.

Ministerpräsident Herriot hatte mit dem Gouverneur der Bank von Frankreich und mehreren seiner Mitar­beiter, namentlich mit dem Finanzminister de Monzie längere Besprechungen, denen sich unter dem Vorsitz des Präsidenten der Republik ein Ministerrat anschloß. In den Wandelgängen der Kammer herrscht eine pessimistische Stimmung. Die Sitzung der radikalen Ab­geordneten, die sich mit einer eventuellen Unterstützung des Kabinetts befaßte, soll sehr stürmisch verlaufen sein. Es wird auch erklärt, daß die Sozialisten sich hinsichtlich der dem Kabinett zu gewährenden Unterstützung sehr reserviert gezeigt hätten. In politischen Kreisen herrscht ein völliges Durcheinander, so daß noch keine Einigung über die Entgegennahme der Regierungserklärung erzielt werdest konnte. Es liegen bereits sechs Interpellationen vor, die von der Regierung Näheres über die Sanierungs- hläne wissen wollen.

Paris im Inflaiionsianmel.

, Ganz wie bei uns.

Ein soeben aus Paris zurückgekehrter Mitar­beiter stellt uns folgenden Beitrag zur Verfügung, der durch die letzten Vorgänge in der Seinemetro­pole von erhöhtem Interesse ist.

Ist in Paris wirklich alles so billig? Dies ist meist die erste Frage, die Bekannte an einen stellen, wenn sie hören, daß man eben aus Paris zurückkommt. Ja, es ist für uns Deutsche jetzt wirklich sehr billig dort, wenigstens sofern man sein Geld dort ausgibt, wo in der Hauptsache Franzosen verkehren. Um nur ein paar Preise als Bei­spiel anzuführen: ein Zimmer kostet in einem französischen Hotel, wo kein internationales Publikum verkehrt, in Mark umgerechnet etwa 2,56, fertige Herrenanzüge sieht man in den Schaufenstern ausgestellt für den Geaenwert

Unsere Handelsbilanz passiv.

Zum erstenmal in diesem Jahr.

Die deutsche Außenhandelsbilanz ist im Juni zum erstenmal in diesem Jahre passiv. Der Einfuhrüberschuß im Juni beträgt insgesamt 35 Millionen Reichsmark, im reinen Warenverkehr 33 Millionen Reichsmark, während der Mai einen Ausfuhrüberschuß von 27 Millionen Reichs­mark, der April von 56 Millionen Reichsmark auswies.

Die Umsätze sind gegenüber dem Vormonat recht er­heblich gestiegen. Die Einfuhr hat mit 792 Millionen Mark im reinen Warenverkehr eine Höhe erlangt, die sie seit 6 Monaten, dem Beginn der Aktivität, nicht gehabt hat. Die Ausfuhr ist wiederum etwas gestiegen, doch würde bei einer Betrachtung der letzten i% Jahre die Ausfuhr des vergangenen Monats nur etwa in der Mitte der Schwankungen liegen. Besonders interessant ist die Zergliederung der Einfuhr sie zeigt, daß allein die Zu­

von 3040 Mark undsür 5060 Mark kann man sich schon einen guten Maßanzug anfertigen lassen. Elegante Glace­handschuhe bekommt man für 23 Mark, Schuhe für 10 bis 14 Mark und so in dieser Preislage geht es weiter; ein Mittagessen von vier Gängen kostet in einem einfachen gutbürgerlichen Lokal mit einem viertel Liter offenen Wein 1,50 bis allerhöchstens 2 Mark. Besonders billig sind auch die Fahrpreise auf der Eisenbahn; so kostet z. B. die Fahrt 2. Klasse mit dem eleganten Expreßzug Brüssel- Paris nur etwas mehr als 9 Mark, die Untergrundbahn­fahrt 2. Klasse in Paris 6 Pfennige, und da es dort Ein- Heitsfahrkarten für das gesamte Verkehrsnetz derMetro", wie die Untergrundbahn dort heißt, gibt, so kann man für diese 6 Pfennige tatsächlich ganz Paris von einem bis zum anderen Ende durchqueren.

Man sieht schon aus diesen Beispielen, daß die fran­zösischen Verhältnisse sehr stark an unsere Inflationszeit unseligen Angedenkens erinnern, und auch dort sind die Nebenerscheinungen ganz ähnlich wie damals bei uns. Paris war ja an sich immer eine Fremdenstadt, aber in solchen Strömen wie jetzt sind die Fremden aus allen Nachbarländern und nicht zuletzt aus Nordamerika doch noch niemals dorthin geeilt.

Allenthalben merkt man im Straßenbild deutliche Spuren davon, vor allen Dingen sieht man eine große Zahl jener geräumigen Rundfahrtautos die Stadt durch­eilen, mit deren Hilfe die gewissenhaften Fremden die Pariser Sehenswürdigkeiten programmäßig in möglichst kurzer Zeit genießen. Namentlich die Stätten, wo man sich abends amüsiert, die zahllosen Theater, Revuebühnen, Musichalls und Kabaretts sind ganz auf die ausländi­schen Besucher eingestellt, und da die englischsprechenden Fremden der Zahl nach bei weitem überwiegen, findet man sehr viele dieser Vergnügungen in englischer Sprache angekündigt. Auch gibt es in Paris wohl kaum noch An­sichtspostkarten zu kaufen, auf denen der Text unter der und in englisch gedruckt wäre.

Geradezu verblüffend ist für den Fremden, der Parts zum erstenmal besucht, der gewaltige Autoverkehr auf den großen Boulevards, überhaupt ist das Straßenleben in Paris viel lebhafter, als wir es bei uns in den Groß­städten gewöhnt sind, das hängt vor allem mit dem leb­hafteren Naturell der romanischen Bevölkerung zusam­men. In den Hauptverkehrsstraßen entwickelt sich nament­lich vor den zahlreichen Kaffeehäusern ein reges Leben, die Gäste sitzen bis zur Mitte des Bürgersteiges, und wenn die großen Warenhäuser ihre Saisonausverkäufe haben, so errichten sie vor den Schaufenstern auf der Straße eben­falls trotz des regen Verkehrs Verkaufsflände, an denen dann regelmäßig ein beispielloses Gewühl herrscht, so daß man sich im stillen wundert, daß dort nicht mehr gestohlen als gekauft wird.

Auch der Montmartre, jenes weltberühmte ehemalige Pariser Künstlerquartier, das sich dann zur Amüsierstadt entwickelte, hat natürlich durch die Zeitverhältnisse ein etwas anderes Gesicht bekommen. Durch die ehemals so stillen winkligen Gäßchen rattern jeden Abend die Luxus­autos und großen Rundfahrtwagen hinauf, die die Fremden in die angebliche Montmartreromantik bringen. Das heißt, in Wirklichkeit sind oben auf der Höhe des Montmartres, von wo man einen herrlichen Blick auf die zahllosen Lichter von Paris hat, eine Reihe international ausgemachter Restaurants entstanden, die mit der eigent­lichen Montmartreromantik von ehedem nicht eben viel zu tun haben. Am Fuße des Montmartres befinden sich die meisten Revuetheater, Kabaretts und überhaupt Amti- sierstätten aller Art. Allen voran natürlich das weltbe­rühmte Moulin rouge, über dem sich allabendlich im Glänze zahlloser roter elektrischer Birnen die bekannten Windmühlenflügel drehen. In den vielen Revuen wird vor allen Dingen dieNacktkultur" bis zum äußersten ge­trieben, wie es unsere deutsche Polizei niemals gestatten würde, aber hier nimmt niemand Anstoß, es ist eben Paris. Ist der Deutsche erst ein paar Tage hier, dann wird ihm bald klar, daß er sich auf die Dauer in dieser Weltstadt wohl kaum wohlfühlen würde.

nahme der Rohstosseinfuhr fast das Doppelte der Passivi- tot ausmacht. Diese Rohstoffeinfuhr ist größer als seit «egntn des Jahres, hält sich jedoch noch immer außer- « tief unter den Ziffern des Vorjahres. Die Roh- stossausfuhrfteigerung beruht zum guten Teil auf dem ge- fteigerten Kohlenexport. Wenig erfreulich ist die Ausfuhr- Siffer für Fertigwaren; sie hält sich ziemlich genau auf der Hohe des Vormonats und bleibt damit etwa auf dem fctanb des Mai-Juni vorigen Jahres, hat die in der zweiten Hälfte des Jahres 1925 eingetretene Besserung, bie im Vormonat verloren ging, also nicht eingeholt.

NmischefGchM wegen Germersheim

Note an die Interalliierte Rheinrandkommission.

Der Reichskommissar für die besetzten rheinischen Ge­biete in Koblenz hat wegen der bekannten Zwischenfälle in Germersheim der Interalliierten Rheinlandkommission eine Note übergeben. Dieser Schritt ist auf BeranlaLuna