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Setsfelder Tageblatt

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Hersfelöer Kreisblatt'

Amtlicher /inzeiger für den Kreis Hersfels

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Nr. 168

Mittwoch, den 21. Juli 1926

76. Jahrgang

Der Tanz ums Goldene Kalb.

Wer kennt nicht Klante! Wer kennt nicht diesen König" der Wettbureaus, der versprach, die bei ihm hinterlegten Gelder mit Hilfe von vier Pferdebeinen auf dem grünen Rasen verdoppeln zu wollen in vier Wochen! Er ist rasch gestürzt worden, dieserKönig", aber nur mit Mühe konnte die Hamburger Polizei neulich verhindern, daß er seine allerdings nur für ihn selbst sofrucht"brin­gende Tätigkeit wieder aufnahm und dabei zahlreiche neue Dumme fand. Er und nicht wenige feinesgleichen spekulieren auf den Wunsch so Unzähliger, schnell und mühelos reich z u werden, wobei diese Spekulan­ten dann meist Glück haben, bis die Polizei zugreift. Jetzt hat sie auch wieder zugegriffen. Auch ermachte" in Rennwetten, inSparsystemen" und dergleichen, dieser Herr Artur Keil, versprach für Einlagen eine Verzin­sung von monatlich (!) 65 % und hatte hierfür sein ebenso geheimnisvolles wie einträglichesSystem". Er hatte natürlich! sein Hauptbureau und zahlreiche Filialen, denn zahlreich ist die Schar jener, die ihm Glauben schenk­ten, ihr Geld Hingaben und jetztin den Mond gucken" können. Was Herrn Keil und seinem weiblichen Anhang recht gut bekommen ist.

Also wieder einmal einer, trotz aller Warnungen der Presse! Aberam Golde hängt, nach Golde drängt doch alles, ach, wir Armen!" seufzt Gleichen, als ihr Faust das Halsgeschmeide heimlich in den Kasten hatte stellen lassen. Herr Keil ist natürlich vorbestraft worauf­hin sich die Frage erhebt, warum die Kriminalpolizei den ganzen Schwindel nicht längst schon verhinderte, da es doch Pflicht des Staates ist, auch die Dummen zu schützen.

Freilich, schon der alte römische Schriftsteller Tacitus berichtet, daß die Germanen ganz unverbesserlicheSpiel­ratten" gewesen seien und sich selbst, Hab und Gut, Frau und Kindverjeuten". Wir Nachfahren begnügen uns damit, Hab und Gut zu verspielen; zahllos sind Tra­gödien dieser Art bei hoch und niedrig. Ein biß­chen besser ist es ja geworden seit jenen Tagen der Nach- revolutions- und Inflationszeit, als derDrang nach Gold" geradezu unersättlich schien und an allen Straßen- eden irgendeine Bassermannsche Gestalt den Spieltisch ausstellte imbi^ie'' &orü^ ^«MWiLMZL^ winn" anreizte, aber zu noch rascherem Verlust verführte, während in Hunderten von Spielklubs hinter verhängten Fenstern und verschlossenen Türen der Nepp im großen vollzogen wurde, wobei die wütendsten, seßhaftesten Spieler die Frauen waren. Jetztaber rollt das Geld langsamer, wird viel schwerer verdient als in jenen wilden Tagen, sind wir erwacht aus dem rasen­den Rausch der Stunden, sind nüchterner geworden. Leider nicht so nüchtern, daß nicht immer noch jene Schafscherer genug der Opfer finden. Gerade die Not der Gegenwart verleitet ja so manchen dazu, mittels der letzten paar Mark auf diese Art dasGlück" zwingen zu wollen.

Es bleibt ja doch immer vergebens, nur neue Leid­tragende gesellen sich zu den bisher schon vorhandenen Tausenden; das Spieldezernat der Kriminalpolizei weiß ein Lied davon zu singen. Zu spät kommt dann immer die Reue und wie oft wird ein Familienleben zer­stört durch diesen Tanz ums Goldene Kalb. Wirkliche Gewinner sind nur die anderen, die die Schafe scheren, aber nur solange, bis sich die Gefängnistüren hinter ihnen schließen. Da ist es eine Pflicht des Staates, vorbeugend oder schnell zugreifend zu verhindern, daß derartiges verkommt. Hierbei ist ja gar kein Unterschied mehr zwischenSpiel" und Betrug und nicht immer ist es Leidenschaft, die jene dunklen Elemente auszunutzen versuchen, sondern so manches Mal auch Unerfahrenheit. Da kann der Staat viel Unglück und Leid verhindern; das Wichtigste freilich bleibt Selbst besinnung und Selbst erziehung.

Spielklubschwindel.

Dnrch die Anzeige von Geschädigten ist die Kolberger Kriminalpolizei auf ein von Berlin ausgehendes großes Schwindelunternehmen aufmerksam geworden. Drei Direktoren" eines angeblich für Kolberg konzessionierten Spielklubs suchten gegen Kautionen bis zu 3000 Reichs­mark Angestellte mit Gesellschafterbeteiligung bei Bezügen von 35 Mark täglich. In Kolberg erfuhren die Angestell­ten, daß sie Schwindlern in die Hände gefallen waren. Die Betrüger sollen etwa 35 000 Mark erbeutet haben.

Herriots Regierung gebildet.

Valutapanik in Paris.

Kammerpräsident Herriot ist es tatsächlich gelungen, schnell eine neue Regierung zu bilden. In diesem neuen Kabinett übernimmt Herriot außer dem Vorsitz auch das Portefeuille des Äußern, während Senator de Monzie die Leitung des Finanzministeriums über­nimmt und Painlevö in das Kriegsministerium ein­ziehen wird. 15 Mitglieder der neuen Regierung gehören dem sogenannten Kartell der Linken an, während sechs Minister bzw. Unterstaatssekretäre der Mitte des Hauses entnommen sind. Herriot hofft, durch diese Zusammen­setzung seines Kabinetts eine Mehrheit in der Kammer

Wichtige Sitzung des Reichskabinetts

Nr. Keßler Mr du Lniwasfnuugsnolen

Noch keine Entscheidung über das Ehrenmal.

Die Reichsregierung nahm in einer Kabinettssitzung den Vortrag des Reichswehrministers Dr. Geßler über die jüngsten Noten des Generals Walch ent­gegen. Dr. Geister hat sich, wie verlautet, auf den Stand­punkt gestellt, daß die Frage der Stellung des General­obersten v. Seeckt grundsätzlich und endgültig im Früh­jahr geklärt worden ist. Das Neichskabinett hat sich dieser Auffassung einmütig angeschlossen und ist der Ansicht, daß sie keinen Anlaß habe, die Erörterung über diese erledigte Frage noch einmal aufzunehmen.

Das Kabinett beschäftigte sich dann mit der Frage der künftigen Mitwirkung der Reichsregierung bei wichtigen Entschließungen des Verwaltungsrates der Reichs- bahngesellschaft. Da die Frage, ob und inwieweit das Reichsbahngesetz geändert werden müßte, noch nicht genügend geklärt ist, soll der Reichskanzler mit dem Präsidenten des Verwaltungsrates, v. S i ^nt e n s,

zu finden. Er bezeichnet sein neues Ministerium als die Regierung der republikanischen Eini­gung, deren Ziel es sei, die Verteidigung des Frank ohne jeden Parteigeist durchzuführen. In einem Auf­ruf a n das Land verspricht die neue Regierung, entschlossen zu handeln, und mahnt gleichzeitig zur Ruhe, die ebenso wie die nationale Arbeit eines der unerläß­lichsten Elemente für seinen Wiederaufbau ist. Der neue' Finanzminister gab über sein Finanzprogramm eine kurze Erklärung ab, in der er betonte, daß die Regierung keine Inflation fördern würde, zugleich fordert er aber auch eine gewisse Bewegungsfreiheit zur Durchführung

feiner Pläne.

In Pariser und Londoner Finanzkreisen hat die Kabinettsbildung Herriots einen überaus ungünstigen Eindruck gemacht und in der Hauptstadt Frankreichs zu einer Varurap u* Lb MMrü Vielfach weigerte man sich in Pariser Geschäften, noch Papierfrank men. Auch im internationalen Devisenverkehr setzt sich die Flucht aus dem Frank fort. Für ein Pfund Sterling wur­den am Dienstag nachmittag in London 237,50 Frank

Geschäften,' noch Papiersrank anzuney- . .^

notiert.

Auch in der Presse ist die Aufnahme der neuen Re­gierung, von wenigen Linksblättern abgesehen, die denk­bar schlechteste. Die Rechtsblätter, wie dasEcho de Paris" und derGaulois", nennen die neue Regierung eine Herausforderung an das Land.Echo de Paris" be­zeichnet die Auflösung der Kammer als dringend not­wendig. DerGaulois" weist auf die Schwierigkeiten auf außenpolitischem Gebiet hin. Früher habe Herriot auf die Sympathien seines Genossen Macdonald rechnen kön­nen. Aber welche Aufnahme würde ihm der konservative Baldwin bereiten, da er Herriot auf dem besten Fuße mit der Moskauer Regierung wisse? Das Blatt befürchtet, daß Herriot, der auf die Ruhr verzichtet habe, auch die Rheinlandbesetzung aufheben werde. Von den Links­blättern äußern sich dasOeuvre" und dieVolonts" wenig günstig für die neue Regierung. DerQuotidien" ist beinahe das einzige Blatt, das der neuen Regierung in vollem Umfange zustimmt.

Förderung von Notstandsarbeiien.

Eine amtliche Erklärung.

Neben der Erteilung von Aufträgen an die Industrie und der Förderung der Ausfuhr und des Wohnungsbaues sieht die Reichsregierung in ihrem Arbeitsbeschaffungsprogramm vor, auch künftig auf die verstärkte Durchführung von Notstands­arbeiten hinzuwirken, die sich in besonderem Maße für die Beschäftigung von ungelernten Arbeitern eignen. Die Be­deutung dieser Arbeiten ergibt sich daraus, daß allein die Reichsarbeitsverwaltung in den Monaten April, Mai und Juni d. Js. der Ausführung oder Fortführung von Unter­nehmungen mit einem Gesamtaufwand von 28 Millionen Reichsmark, von denen 22 Millionen Reichsmark auf die Mittel Her Erwerbslosenfürsorge fallen, zugestimmt hat.

Von diesen Arbeiten verdienen besonderes Interesse: in Preußen umfangreiche Straßenbauten; in Sorgetal-Kreis Hafenerweiterungsbauten; in Wange Regulierungen im Niederschlagsgebiet der Seseke und die Fortsetzung des Kanal­baues KanipeDörpen; in Bayern der Bau einer Bahn Viech- tachBlaibach; großzügige Krafterschlietzungsarbeiten in der mittleren Jsar und die Regulierung der Jsen zwischen Ampfing und Erharting; in Sachsen Regulierungen der Elster und Bau einer Talsperre bei Weiterswiese; in Thürin- gen größere Meliorationsarbeiten in den Landkreisen Sonne­berg, Meiningen und Hildburghausen; in Hessen die Fort­führung der Riedentwässerung und in Oldenburg die Fort­setzung des Kanalbaues KämpeWedelsberg und die Regu­lierung der Hachegewässer.

Diese Unternehmungen stellen nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Gesamtprogramm der Notstandsarbeiten dar; denn die Mitwirkung der Reichsarbeitsverwaltung bei der An-

noch weiter verhandeln. Aus diesem Grunde wurde vor­läufig der Beschluß über die Bestätigung der Wahl des neuen Generaldirektors Dr. Dorpmüller noch aus­gesetzt.

Auch in der Frage des Reichsehrenmals, über die der Reichsinnenminister Dr. Külz berichtete, wurde noch keine Entscheidung getroffen, da von rheinischer Seite gegen die Wahl des Berkaer Forsts als Denkmalsstätte Einspruch erhoben worden ist und die Rheinprovinz sich mit allen Mitteln für die Errichtung des Gefallenendenkmals am Rhein einsetzt. Die Reichsre­gierung hat den formellen Beschluß zwar vertagt, aber zugleich betont, daß Berka schon deshalb der Vorzug zu geben wäre, weil es im Herzen Deutschlands liege;

Am Schluß der Sitzung befaßte sich das Kabinett mit dem Vorschläge des Reichskanzlers, einen Wechsel im Staatssekretariat der Reichskanzlei ein­treten zu lassen. Dr. Kempner, der sich auf Urlaub be­findet, dürfte durch einen Beamten ersetzt wer­den; die endgültige Entscheidung liegt beim Reichs­präsidenten.

erkennung von Rotstandsarbeiten ist auf die Projekte be- schränkt, bei denen die Beihilfe aus den Mitteln der Erwerbs- losenfürsorge den Betrag von 200 000 Reichsmark übersteigt. Die Anerkennung der weitaus zahlreicheren kleineren Unter­nehmungen ist, auch soweit Reichsmittel in Anspruch genommen werden sotten, den obersten Landesbehörden oder Nachgeord­neten Stellen überlassen. Der Umfang dieser Arbeiten ist zur­zeit nicht zu übersehen. ............. ........

poliiische Rundschau.

Deutsches Reich

Das Arbeitsbeschaffungsprogramm.

Ende dieser Woche findet zur Durchführung

des Arbeitsbeschaffungsprogramms der Reichsregierung in Berlin eine Besprechung zwischen ~ ' utd. Ländern statt. An der Besprechung nehmen auch die Spitzen deLSr Aterages sowie oe» Mr^^^SL. rat für Arbeitsvermittlung teil. Man will das Arbeits­beschaffungsprogramm gemeinsam durchbesprechen, damit jedes unnötige Nebeneinanderarbeiten bei der Durchführung der Notstandsarbeiten vermieden wird. Gleichzeitig sollen alle übrigen mit dem Erwerbslosen- ' Problem zusammenhängenden Fragen (Arbeitslosenver­sicherung, Schaffung einer besonderen Fürsorge für Aus­gesteuerte und dergl.) durchberaten werden. Im Vorder­grund der preußischen Notstandsarbeiten steht der Landarbeiterwohnungsbau.

Ein Ausruf Joseph Wirths an alle Rep^likaner.

Der bekannte Zentrumsführer und frühere Reichs­kanzler Joseph Wirth erläßt in einem Zeitungsartikel einen Aufruf an alle entschiedenen deutschen Republikaner, in dem er angesichts der vielen innerpolitischen Wirren in Deutschland zu einer Verständigung und zu einem festen Zusammenschluß aller wahrhaften Freunde der Republik auffordert. Er werde im kommenden Spätherbst mit einigen Freunden versuchen, eine gemeinsame Basis für die Republikaner zur Ver­tiefung der Probleme der Deutschen Republik zu schaffen. Der Reichstagspräfident Paul Löbe und der Demokrat Ludwig Haas seien von dem gleichen Gedanken be­seelt, und die Reichsbannerleute und all- entschiedenen Republikaner in Deutschland würden ihre Scharen bereit­willig dem Dienste an der Deutschen Republik zuführen.

Aus In- und Ausland.

Berlin. Die deutsch-polnischen Verhunoiungen über die Niederlassungsfrage haben hier begonnen. Die Zoll­verhandlungen werden in diesen Tagen fortgesetzt.

Berlin. Reichskanzler Marx hat an den früheren öster­reichischen Bundeskanzler Prälaten Dr. S e i p e l, der den fünfzigsten Geburtstag feierte, ein herzliches Glückwunschtele­gramm gesandt.

London. Anläßlich eines HindufesteS kam es bei Kal- kutta zu neuen Zusammenstößen zwischen Hindus und Mo­hammedanern. Sieben Personen wurden getötet, viele andere verletzt.

London. Die Aussprache der englischen Bischöfe mit dem Ministerpräsidenten Baldwin über die Kohlenkrise ist ergebnislos verlaufen.

Athen. Das neue Ministerium ist von dem ehe­maligen Minister und Vorsitzenden oes. Sparauchchusses Eutaxias gebildet worden. Für die Finanzen will das Kabinett diktatoriale Gewalt haben, im übrigen aber verfassungsmäßig regieren.

Die Magdeburger Mordaffäre.

Ungeklärte Verdächtigungen.

Der Berliner Kriminalkommissär Busdors, der bereits Ende voriger Woche an der Untersuchung des Magde­burger Mordes mitaearbeitet hatte, fuhr im besonderen Auftrage des Reichsministeriums des Innern nach Magdeburg zurück und wird entgegen anderslautenden