Reisfelder Tageblatt Hersfelöer Kreisblatt' Amtlicher /lnzeiger für den Kreis Reisfeld
Nr. 166 Montag, den 19. Juli 1926 / 76. Jahrgang
0e: Bezugspreis beträgt sur<i die Post bezogen 'iionailldi 1.— IM., aassWIed!. Beltellgeld, für öersleld I - Mk. bei freier Zustellung, Abholer -.80 (Dr. * Druck und Verlag non hudvig Funk* ^"ckdrurfcÄT'Sl Iß Bersfeld, OiPgHed de- VPZV
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Wochenende.
Von einem Sozialpolitiker geht uns folgender Beitrag zu:
Ein Gedanke ist's so wunder-, wunderschön — bloß hoffen wir Deutsche der Gegenwart vergebens auf ein Wunder! Wenn das Thermometer hinausgeklettert ist über die 25 Grade, wenn in den Großstädten der Asphalt eine weichliche Masse zu werden beginnt — dann hinausziehen zu können, fast 48 Stunden befreit von Fron der Arbeit in heißen Fabriken, dumpfen Bureaus. Weekend — Wochenende nennt es der Amerikaner, der Engländer, wenn sich am Sonnabend mittag die Fabriken, die Geschäfte, die Bureaus öffnen und die Angestellten und Arbeiter weekendfroh hinausströmen, eilends den großen Städten den Rücken kehren, hinaus in die Natur.
Einer der Bürgermeister Berlins fordert den frühen S o n n a b e n d s ch l u ß für alle jene weiten Kreise, denen die Last der Arbeit und des Berufes jetzt in der heißesten Zeit die Erholung versperrt oder die aus finanziellen Nöten auf die Ferien verzichten müssen. Ge- Wiß, der Gedanke ist wunderschön, und gerade Berlin, das wasserumspülte, wälderumgebene, böte auch die Möglichkeit, draußen in der Natur ein solches Wochenende aus- zunutzen. Vielfach geschieht es ja auch, wird früher geschlossen, wenn freilich auch nicht schon so früh wie in England; wohl schließen die Banken, die Auwaltsbureaus, ein Teil der Behörden — aber das alles geschieht nach freiwilliger Übereinkunft. Ist nicht allgemeiner Gebrauch und trifft nur verhältnismäßig wenige Glückliche. Man sollte auch auf diesem Wege fortfahren — allgemeine Lohn- und Gehaltszahlung am Freitag würde mancherlei Geschäftserleichterungen schaffen, weil sich bei dem jetzigen Zustand die Einkäufe auf den Sonnabendnachmittag zu- fammendrängen — man sollte als Unternehmer, dessen Betrieb ein Weekend verstattete, sich überlegen, ob man nicht eine größere Arbeitsfreudigkeit des gründlich Ausgeruhten erzielt und damit durch gesteigerte Produktion doch das Hereinbringt, was man an Arbeitszeit opferte.
Aber der Ton hat zu liegen auf dem Unternehmen, R»« W««* emiwi*MM^ gehören nicht die Saison betriebe, und der Landwirt würde mit Recht erstaunte Augen machen, wenn man ihm mitten in der Zeit der Ernte eine Verkürzung der Arbeitszeit am Sonnabend zumuten würde. Das hat natürlich doch auch feine Rückwirkung auf die Arbeitszeit in den kleineren und mittleren Städten. Und so manchen Betrieb gibt es, in dem eine solche Verkürzung der Arbeitszeit am Sonnabend gar nicht möglich ist, vielmehr wirtschaftlich ruinier und wirken würde. Man kann nicht einfach durch ein Machtgebot fremde Einrichtungen auf deutsche Verhältnisse übertragen, ohne schwere Schäden zu verursachen. Jetzt weniger als je, da unser Schicksal von einer höchstmöglichen Steigerung unserer Produktion ab* hängt. Nur Anregungen nach sorgfältiger Prüfung sind zulässig. Kein Zwangsrecht, sondern allmählich vordringendes Gewohnheitsrecht kann und darf hierbei wirksam fein. Und als einzigen Grund für das Weekend angeben wollen: weil es in England und Amerika möglich ist, deshalb sollte das „Wochenende" auch bei uns durchführbar fein, heißt denn doch die Dinge ganz falsch beurteilen. Nur die kühle Überlegung, ob dadurch eine Herabsetzung der Gesamtproduktion, eine Hemmung des Ganges unserer Gesamtwirtschaft erfolgt, oder^ ob nicht eine Förderung in der Schnelligkeit dieses Ganges zu erzielen ist, darf die Entscheidung treffen.
Schneller rast die Arbeit, härter denn je ist der Kampf ums Dasein, immer mehr steigert sich das Tempo gerade bei uns in Deutschland, muß es sich steigern, sollen wir als Volk am Leben bleiben. Um so mehr wäre zu wünschen, daß bei diesem Tempo jede körperlich-seelische Erleichterung geschaffen wird, die möglich ist überall dort, wo nicht ein unerbittliches Muß eine Grenze fetzt. Wird aber eine solche Grenze leichtfertig übersprungen, dann bleibt das leider nicht ohne Folgen. *
Die Interalliierte Militärkommission.
Noch 37 Offiziere stark.
Die Stärke der Interalliierten Militärkontrollkommission, die durch die letzten Noten des Generals W a l ch wieder in den Vordergrund des Interesses gerückt ist, be« trägt zurzeit immer noch 37 Offiziere, von denen 14 Franzosen, 11 Engländer, 6 Italiener, 4 Belgier und 2 Japaner sind. Unter ihnen befinden sich 4 Generale, und zwar ine französischen Generale Walch (der Vorsitzende der Kom- missionj und Rohe, der englische General Wauchope und der italienische General Calcagno. Alle diese Offtziere gehören der H a u p t k o m m i s s i o n in Berlin an, nachdem die letzten beiden Zweigstellen in München und in Königsberg i. Pr. Anfang Juni aufgelöst worden sind.
Es sei bei dieser Gelegenheit erwähnt, daß tn der Nähe von I H e h o e ein Auto der Interalliierten Mild tärkouttvllkommission auf einem Treidelweg ms Schleudern geriet und sich überschlug. Die Insassen, Franzosen^ erlitten erheblicheVerletzungen;sie wurden nach Hamburg geschafft.
Das Kabinett Briand gestürrt
Das Ermächtigungsgesetz ab gelehnt.
Das zehnte Kabinett Briand ist nach einer Lebensdauer von drei Wochen gestürzt worden. Die Kammer lehnte es ab, die von Caillaux geforderten Vollmachten der Regierung zu gewähren. In dem entsprechenden Gesetzentwurf wurde von der Kammer verlangt, der Regierung zu tiberlassen, selbständig alle ihr notwendig erscheinenden Maßregeln zur finanziellen Aufrichtung und zur Stabilisierung der Währung zu ergreifen. Diese Vollmachten sollten bis zum 30. November dieses Jahres erteilt werden. Schon der Finanzausschuß der Kammer hatte diese Forderungen abgelehnt. Die Regierung hoffte jedoch, den Gesetzentwurf in der Kammer durchzubekommen, wobei sie mit dem Rücktritt drohte, falls das Ermächtigungsgesetz nicht zur Annahme gelangen sollte. Aber auch diese Drohung hat nichts geholfen. Die Kammer lehnte vielmehr mit 388 gegen 343 Stimmen die von der Regierung gewünschten Vollmachten ab, worauf Briand unverzüglich dem Präsidenten der Republik das Rücktrittsgesuch des Kabinetts überreichte, das auch von Doumergue angenommen wurde.
Die Sitzung der Kammer verlief außerordentlich dramatisch. Für die Opposition trat Kammerpräsident H e r r i o t als Sprecher auf. Unter großer Bewegung des Hauses betonte er, nicht als Abgeordneter, sondern als Präsident der Kammer und als Hüter der Rechte desParlaments zu sprechen. Er halte es für seine Pflicht, so sagte er, die Regierung in einem Augenblick, wo es um das Schicksal nicht nur des Parlaments und der Verfassung, sondern des Landes selbst gehe, vor den gefährlichen Folgen des Weges zu warnen, den sie beschritten habe. Er beschwor die Regierung, auf den Versuch zu verzichten, das Parlament seiner fundamentalsten Rechte und Pflichten zu berauben. Was die Regierung jetzt von der Kammer verlange, sei ein offener Verstoß gegen die Verfassung und gegen die Gesetze der Republik. Das Parlament -schrecke jurin^-mg'^
Gewiß könne ein Problem, wie es die Stabilisierung der Währung darstelle, nicht in allen Einzelheiten in voller Öffentlichkeit erörtert werden, aber man dürfe nicht soweit gehen, das Parlament bis Ende des Jahres einfach beiseite zu schieben. Die Konsequenzen des Ermächtigungsgesetzes seien unabsehbar. Herriot drohte sogar, falls das
Keine Äwti an General Walch?
Ein englischer Vorschlag.
In englischen politischen Kreisen sind die letzten Noten der Interalliierten Militärkontrollkommission, an deren Spitze General Walch steht, sehr unliebsam empfunden worden, da sie die Kreise der Völkerbundpolitik zu zerstören droht, die von der Themfemetropole aus betrieben wird. So teilt der diplomatische Berichterstatter des „Daily Telegraph" mit, daß in Übereinstimmung mit den Londoner Hoffnungen und unter diplomatischem Druck von verschiedenen Seiten Dr. Stresemann sich voraussichtlich bemühen werde, die ganze Entwaffnungsaffäre zu ignorieren, bis Deutschland seinen Sitz im Völkerbundrat eingenommen habe, da in verschiedenen Hauptstädten der Wunsch weit verbreitet sei, diesen ganzen, unzeitgemäßen Zwischenfall zwischen jetzt und’September zu vertuschen.
Der Berichterstatter fährt dann fort, ein solches Vertuschen würde allerdings nicht bedeuten, daß nicht ein diskreter Meinungsaustausch zwischen den alliierten Regierungen stattfinden könnte, um eine Wiederholung eines solchen Schrittes gegen Deutschland zu vermeiden. Die Kontrollkommission würde bei dem Eintritt Deutschlands in den Völkerbund oder bald darauf sowieso verschwinden. Der Hinweis, daß ihr Präsident ein französischer Offizier sei, brauche jetzt noch nach fünf Jahren nicht hervorgehoben zu werden. Dasselbe sei die Frage mit der Präsidentschaft in der Re- parationskonuniffion, die ebenfalls anfangs den Franzosen nur für einen Zeitraum von fünf Jahren zugestanden Morden sei.
DageMn müsse die Stellung der Botschafterkonferenz und der Versailler Militärkommission, die beide nicht im Versailler Instrument vorgesehen wären, revidiert werden. Es sei kein Grund vorhanden, daß diese Kommissionen immer in Paris unter französischem Vorsitz verhandelten und England in diesen Kommissionen durch militärische Delegierte vertreten sei, die einen geringeren Rang hätten als ihre französischen oder anderen alliierten Kollegen.
Heuer Zwischenfall in Germersheim.
In Germersheim, wo sich erst vor kurzem unliebsame Vorkommnisse bei einem Kriegerfest ereignet haben, die noch zu einem diplomatischen Schritt Deutschlands führen werden, haben sich wieder neue Zwischenfälle ereignet. In den letzten Tagen sind mehrere Bewohner des Ortes von den Soldaten mißhandelt worden. In anderen Füllen wurden junge Mädchen von den ^Soldaten belästigt. *
Ermächtigungsgesetz angenommen werden würde, das Amt des Kammerpräsidenten niederzulegen.
Ministerpräsident Briand antwortete fehr^erregt, erinnerte gefühlvolle an die tragischen Stunden von V e r d u n und betonte, daß die Auseinandersetzung zwischen ihm und Herriot im jetzigen Augenblick als ein tragisches Ereignis bezeichnet werden müsse. Er habe als guter Republikaner die ehrliche Überzeugung, daß der von ihm vorgeschlagene Weg das Prestige des Parlaments nicht untergraben, sondern im Gegenteil die Autorität des Parlaments dem Lande gegenüber stärken werde. Nichts liege ihm ferner, als die Mitarbeit des Parlaments ausschalten zu wollen. Die endlosen Debatten, die die von Herriot gewallte Beschränkung der Vollmachten zur Folge haben würden, müßten die allgemeine Zerrüttung beschleunigen. Die Regierung sei sich wohl bewußt, daß sich ihre Lage noch schwieriger gestalte, indem sie sich den Forderungen Herriots widersetze. Sie nehme das aber in Kauf und falle, wenn es fein müsse.
Aus der sich anschließenden Debatte sind die Ausführungen des Abg. Marin, des Führers der Rechten, erwähnenswert, der der Regierung vorhielt, daß sie immer die Notwendigkeit einer raschen Aktion predige und die Kammer zur Eile antreibe, selbst aber feit Wochen so gut wie nichts getan habe. Seit nahezu sechs Monaten ziehe Briand das Parlament von einer Unsicherheit zur anderen hin. Kein Parlament der Welt könne sich damit abfinden, einer Regierung so wettgehende Vollmachten zu geben, wie Briand sie verlange. . , .
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Ein Kabinett Kerriot-poincarß?
In den Wandelgängen der Kammer hatte man nach Schluß der Sitzung den Eindruck, daß eine große Zahl von Abgeordneten als die in erster Linie für die Bildung des neuen Kabinetts in Frage kommende Persönlichkeit Herriot betrachtet. Man nimmt an, daß er in der Lage sein wird, eine weitgehende republikanische Mehrheit zu bilden, der Politiker der verschiedensten Parteien «^gehören würden. Man behauptet, daß er die Absicht habe, falls ihn der Präsident der Republik mit der Neubildung des Kabinetts beauftragen würde, an PoincarL her- anzutreten. Poincars selbst wurde übrigens auch als möglicher Präsidentschaftskandidat genannt.
Kor-Hrrurrgen des Michslanöbunhes.
Einfuhrfcheiue und Einfuhr statisiik.
Der Bundesvorstand des Reichslandbundes hat in seiner letzten Sitzung folgenden Beschluß gefaßt: Der Bundesvorstand ersucht die Reichsregierung, die Ein - f u h r s ch e i n c, die bei der Ausfuhr von einheimischer: Getreide ausgestellt werden, vom 1. August ab aus die dann geltenden Zollsätze (5 Mark für Roggen und Weizen) aus- zustellen und die Geltungsdauer der Übergangsbestimmungen möglichst abzukürzen, dieje jedenfalls nicht über den 30. September hinaus in Geltung zu lassen.
Andere Beschlüsse betreffen das Valutadumping, die Deformierung der Futterger ste und die Beschleunigung der Veröffentlichung der E i n - fuhrstatistik. Die Reichsregierung wird aufgefordert, das Valutadumping untervalularischer Länder und das Kreditdumping kapitalstarker Länder zu unterbinden, damit eine Konkurrenz auf wirtschaftlicher Basis gewährleistet bleibe und bie Währung nicht wieder verschlechtert werde. Die aus FuttergerstenzoL eingeführte Futtergerste soll deformiert werden, damit eine Umgehung des Zolles auf Braugerste verhindert werde. Was die Einfuhrstatistik angeht, so müsse sie wieder wie vor dem Kriege möglichst in zehntägigen Perioden durchgeführt werden, da die jetzigen verlangsamten Veröffentlichungen für den Getreidehandel völlig unzulänglich seien.
„Der Deutsche Reichstag im Weltkrieg."
Aus dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuß.
Die Veröffentlichungen des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses über die Ursachen des oeutschen Zu- sammenbruchs haben soeben in dem Gutachten des Reichstagsmitgliedes und Marburger Staatsrechtslehrers Prof. D. Dr. Äredt, das unter dem Titel „Der Deutsche Reichstag im Weltkrieg" erscheint, ihre Fortsetzung gefunden.
Der Untersuchungsausschuß ist damit in die Veröffentlichung seiner „Zweiten Abteilung: der innere Zu- sammenbruch" eingetreten, nachdem die ersten drei Bände die Fragen des Zusammenbruchs unserer Kriegführung und der aufs engste mit ihr zusammenhängenden Außenpolitik zu klären gesucht hatten. Das Gutachten Prof. Bredts bildet den Übergang zu den vom Herbst an erscheinenden Bänden über die revolutionären und an= nexionistischen Bestrebungen in Deutschland, den beiden Hauptthemen des Ausschusses zum inneren Zusammen- bruch. Bredt liefert zugleich eine theoretische Studie als