Hersfelöer Tageblatt
Hersfelöer Kreisblatt'
Amtlicher Mzeiger für den Kreis hersfelS
Der Bezugspreis betrügt durch die Poli bezogen monatlich 1.— (Bk., ausschllebl. Bestellgeld, für Sersfeld 1— Mk. bei freier Zustellung, Abholer -.80 Hit * Druck und Verlag non budmlg Funks Buchdruckerei In Bersfeld, IDItgUed des VDZV.
Anzeigenpreis für die einspaltige Petitzelk 15 Pfg. die Reklamezeile 50 Pfg, (Grundschrift Korpus). Bei Wiederholungen Oachlab, -* Für die Schrift- leitung Derantmortllch Franz Funk in Sersfeld.
Fernsprecher Dr. 8
Nr. 165
Sommerliches.
Auf Regen ist nun wieder Sonnenschein gefolgt, ganz wie unsere alte Spruchweisheit es vorschreibt. Und hatten wir zuvor des himmlischen Nasses zu viel, viel zu viel, so jammern wir jetzt schon über die Unerträglichkeit der Hitze, die sich plötzlich auch in Mitteleuropa eingestellt hat. Natürlich marschiert Amerika auch bei diesem Umschwung von einem Extrem zum anderen an der Spitze der Nationen. Die hochsommerliche Glut soll am Hudson und am Mississippi nachgerade alle Vorstellungen überschreiten. Die Menschen fallen wie die Fliegen. Neidlos gönnen wir den guten Jankeeleuten auch in dieser Beziehung den Rekord, ohne den sie nun einmal nicht leben und nicht sterben können. Mit einem Schlage geht bei ihnen gleich der zehnte Teil des gesamten Pulvervorrates der Kriegsmarine in die Luft. Wir veranstalten im Grunewald ein Internationales Automobilrennen, das mit Geschwindigkeiten bis zu 150, 160 Kilometern gefahren wird, und wenn dabei ein oder zwei Menschenleben umkommen, so sind wir zu Tode erschrocken, schlagen Lärm ob solcher Unvernunft und geloben hoch und teuer, daß so leichtfertig unternommene und so unvollkommen durchgeführte Veranstaltungen niemals wieder geduldet werden sollen. Recht so. Bei uns steht das Menschenleben noch immer etwas höher im Kurs, trotzdem die Mordtaten sich unaufhaltsam häufen wie die Selbstentlei- bungem Gut, mögen andere Nationen in dieser Beziehung großzügiger sein, wir sind nun einmal etwas altväterlich veranlagt und werden es wohl auch bleiben. Wer weiß, wozu es gut ist.
*
Darin besitzen wir eine gewisse Verwandtschaft mit unseren lieben Vettern jenseits des Kanals. Gewiß, sie sind außerordentlich fortgeschrittene Leute, diese Engländer, wenigstens nach ihrer eigenen Überzeugung, und keiner von ihnen würde es ungestraft durchlassen, wenn sie etwa jemand für rückständig oder schwerfällig halten wollte. Aber was die Aufrechterhaltung altüberlieferter Sitten und Gebräuche betrifft, aucS wenn sie nicht vom Jgfrig^gfrfe^j»**^».^ 1««eni nur
eingewurzelter Gewohnheit der führenden Schichten ihre Erhaltung verdanken, so versteht man in London keinen Spaß. Als kürzlich das von der Regierung eingebrachte Gesetz zur Neuregelung der Arbeitszeit in d e n ° K o h l e n g r u b e n vom Oberhaus beraten wurde, drangen einige Mitglieder des Unterhauses in den Sitzungssaal, wo sie einen Höllenlärm verursachten und durch handfeste Beschimpfungen des Präsidenten oder, wie es im Englischen heißt, des Herolds des Oberhauses, ihrer Entrüstung über den schmählichen Anschlag auf die Arbeiterschaft Ausdruck gaben. Erfolg natürlich gleich Null. Das Gesetz wurde in der vorgenommenen Frist glatt erledigt. Aber das Oberhaus schnaubte nach Rache, und eine stattliche Anzahl seiner Mitglieder tat sich zusam- men und reichte beim Unterhaus den förmlichen Antrag ein, Genugtuung zu gewähren — Genugtuung für unerhörte Beleidigungen der Würde und des Ansehens der Ersten Kammer, Genugtuung namentlich für ihren Sprecher und Hüter der Tradition, Entschuldigung für die unerhörten Respektlosigkeiten, begangen von Mitgliedern des Unterhauses gegen das Oberhaus, und entsprechende Abkanzlung der wilden Männer in den eigenen Reihen. Der Antrag wurde natürlich mit überwältigender Mehrheit angenommen. Das Gleichgewicht der kochenden britischen Volksseele ist also wiederher gestellt; für einige Zeit wenigstens, und das ehrwürdige Oberhaus hat seinen Schild wieder gereinigt, wie es sich gehört.
Aber als nun die Hitzetage kamen mit ihren auch für Londoner Nebelverhältnisse ganz ungewöhnlichen Thermometerzahlen, da konnte man wiederum im Unterhaus eine förmliche Revolution erleben: in diesem Haus der strengsten Etikette sah man plötzlich, wie die Herrschaften es sich bequem machten, die Röcke flogen über Bord, und wer es auch so nicht aushalten konnte, der streifte sich sogar die Hemdsärmel hoch. Es gibt überdies auch Leute, die gesehen, mit eigenen Augen gesehen haben wollen, wie einige Hüter des Gesetzes, die in diesen Tagen auf den Gerichten zu amtieren hatten, ohne Talar und ohne Perücke erschienen. Der Himmel ist trotzdem nicht eingestürzt in England, so viel Neigung er auch anderwärts gerade jetzt zu allerlei Extravaganzen gezeigt haben mochte.
*
Nur den edlen Polen scheint auch die ärgste Hitze nichts anzuhaben. In dem wunderhübschen Schloß Belve- vere sitzt jetzt Herr Pilsudski mit seinem obersten Kriegsrat zusammen und schmiedet Rüstungspläne für sein geliebtes Polenland. Schon sagt man ihm nach, es werde bald die Zeit kommen, daß er alles, was ein Schießeisen tragen könne, zu den Waffen rufen werde, um die G r o ß m a ch t st e l l u n g Polens zu erkämpfen, und schon fliegen ihm-daraufhin die Herzen seiner ach so heißblütigen Landsleute zu, die zunächst, da man wußte, daß er eigentlich von den Sozialisten herkam und in dem Verdacht stand, ein sriedfertiger Mann zu sein, nichts von ihm hören wollten. Nun, Herr Pilsudski wird es schon schaffen, nach den anderen berühmten Mustern, die ihm ja in Rom, in Madrid, in Angara zur Verfügung stehen. Er wird seine und andere Leute in Genf über Abrüstung reden lassen, soviel sie wollen, und wird in Warschau um so eifriger nach dem Rechten sehen.
Sonnabend, den 17. Juli 1926 76. Jahrgang
Vorstellungen bei der WMMmmWi
Genugtuung für Germer-heim verlangt.
Der Reichskanzler in Berlin.
Nachdem die Untersuchung der anläßlich der Kriegervereinsfeier in Germersheim von der dortigen französischen Besatzung verübten Ausschreitungen deutscherseits beendet ist, wird in Bälde der deutsche Kommissar für die besetzten Gebiete, Freiherr Langwerth v. Simmern, einen amtlichen Schritt bei der Interalliierten Rheinland- kommission tun, um Genugtuung zu fordern und Maßnahmen zu verlangen, die eine Wiederholung derartig skandalöser Vorgänge im gesamten besetzten Gebiet unmöglich machen. Die Untersuchung und weitere Beweisausnahme der Germersheimer Vorfälle, die vom Reichskommissar für die besetzten Gebiete eingeleitet wurde, wird nunmehr in erster Linie von der bayerischen Regierung geführt werden.
Welche Schritte die Reichsregierung in der Frage der neuen Entwaffnungsnoten vornehmen wird, steht noch nicht fest. Zwar ist Reichskanzler Dr. Marx von seiner Rheinlandreise wieder nach Berlin zurückgekehrt, doch soll noch die Rückkehr anderer für die Entscheidung wichtiger Persönlichkeiten, vor allem des Reichsaußenministers Dr. Stresemann und des Generals von Seeckt, von ihrem Urlaub abgewartet werden, bevor die Reichsregierung sich mit den Noten abschließend befassen wird.
Bischof von Keppler gestorben.
Sproß einer alten Gelehrtenfamilie.
In Rottenburg starb an Herzschwäche der würt- tembergische Landesbischof und Bischof von Rottenburg, Dr. Paul Wilhelm von K e p p l e r. Er hat ein Alter von 74 Jahren erreicht _ - ..... _
jür. von steppier entstammte einer alten Gelehrtenfamilie, deren berühmtester Vertreter der Astronom Keppler war. Der Vater des Bischofs war Gerichtsnotar in Schwäbisch-Gmünd und gehörte der evangelischen Konfession an. 1875 erhielt Keppler die Priesterweihe. 1883 wurde er Professor für neutestamentliche Exegese in Tübingen. Nach elfjähriger akademischer Wirksamkeit wurde er als Professor nach Freiburg im Breisgau berufen. Am 11. November 1898 zum Bischof von Rottenburg gewählt, wurde er am 18. Januar 1899 als solcher konsekriert. 1903 nahm er an der Bewegung gegen den Reformkatholizismus durch mehrere Reden lebhaften Anteil. Keppler galt alseinerderbestenKanzelrednerimDeutschen Reiche. Im August 1925 feierte er unter großer Anteilnahme sein goldenes Priesterjubiläum.
Außerordentliche Vollmachten für Laillaur
Drakonische Sparmaßnahmen.
Bei den Gesetzentwürfen, die der Finanzminister C a i l l a u x dem französischen Parlament vorgelegt hat, handelt es sich um eine Ermächtigungsvorlage und um vier Anhänge. Im ersten Paragraphen der Vorlage sor- dert die Regierung die Übertragung der parlamentarischen Rechte auf sich, um durch Dekrete die sinanziellen Fragen zu regeln. Paragraph zwei schreibt vor, daß die Dekrete später dem Parlament zur Ratifizierung zu unterbreiten sind. In den Anhängen werden nähere Angaben gemacht über die geplanten Steuererhöhungen und Ersparnisse, über die Sanierung des Schatzamtes und die Währungsstabilisierung. Die Regierung fordert die Übertragung der besonderen- Befugnisse bis Ende dieses Jahres. Die Ratifizierung der Dekrete durch die Kammer soll im Verlaufe von sechs Monate« erfolgen.
über die Sparmaßnahmen, die getroffen werden sollen, wird folgendes bekannt: 1. Sämtliche Beamtenernennungen werden eingestellt. 2. Alle Neu- und Erweiterungsbauten, selbst wenn sie im laufenden Budget vorgesehen sind, werden aufgeschoben. 3. Die Minister werden die erforderlichen Anweisungen geben, um die Verminderung ihres Personals auf die Stärke von 1914 vorzunehmen. 4. Sobald der Regierung durch Gesetz die nötigen Vollmachten erteilt sind, werden Maßnahmen ergriffen werden, um den Konsum einzuschränken, der zu übermäßigen Käufen im Ausland führt. Es werden ferner gefordert werden: Erhöhung der indirekten Steuern auf Grund des Koeffizienten 6 unter Zugrundelegung des Satzes vom Jahre 1916, Erhöhung der Esdulessteuern (Cedules sind die Schuldscheine von Hypothekeninstituten) um 25 % und Festsetzung des höchsten Steuersatzes für die Einkommensteuer aus 30 %.
Trotz dieses Caillauxschen Sanierungsplanes setzt sich die Abwärtsbewegung des französischen Franken fort. An der Berliner Börse konnte man am 16. Juli für eine Reichsmark etwa 10,2 Frank erhalten, während im Frieden bekanntlich ein Frank gleich 80 Pfennig war.
Das Ergebnis des Äolksenischeiös.
Amtliche F e st st e l l u n g.
Der Reichswahlausschuß ist heute vormittag unter dem Vorsitz des Reichswahlleiters, Präsidenten Wage
Auch in London scheint man über das Vorgehen der Interalliierten Militärkontrollkommission verstimmt zu sein, da, wie der „Daily Telegraph" meldet, die Vorstellungen in Berlin gemacht wurden, ohne daß die Botschafterkonferenz zu Rate gezogen wurde. Da es sich aber nicht um eine rein deutsch-französische Angelegenheit handelt, habe, so meint der „Daily Telegraph", Großbritannien ebenfoviel Recht, vollkommen auf dem laufenden gehalten und um Rat gefragt zu werden, wie irgendwelche anderen Unterzeichner des Vertrages von Versailles.
Die Reichsregierung wird am Dienstag zu einer Sitzung zusammentreten, um dringende Personalfragen zu erledigen. Es handelt sich hierbei vor allem um die Neubesetzung des Iustizmini - steriums, das jetzt von Reichskanzler Dr. Marx mitverwaltet wird. Als neuer Justizminister ist der Zentrumsabgeordnete Dr. Bell in Aussicht genommen, der diesen Posten schon im letzten Kabinett Luther erhalten sollte, nachdem der damalige Justizminister Marx zum Vorsitzenden der Zentrumsfraktion gewählt worden war. Außerdem wird sich das Reichskabinett nochmals mit der Ernennung Dr. Dorpmüllers zum Generaldirektor der Reichseisenbahn beschäftigen und es ist anzunehmen, daß die Reichsregierung nach dem zwischen ihr und dem Verwaltungsrat der Reichsbahn getroffenen Vereinberun- gen nunmehr diese Wahl bestätigen wird. . ..
mann, zu einer ösfentlichen Sitzung zur Feststellung des endgültigen Ergebnisses des Volksentscheides vom 20. Juni zusammengetreten. Die Zahl der ortsansässigen Stimmberechtigten wurde auf 39 507 673 festgestellt, die Zahl der ausgestellten Stimmscheine auf 278 277, so daß ’jiSÄOirisäi^SM?/^ aKwswt'vti.^iett: «m sretate vorhanden waren. Von Diesen gaben 15 599 797 ihre Stimme ab; die Stimmbeteiligung betrug daher 39,3 Prozent. Ungültige Stimmen wurden 558 903 abgegeben; von den 15 040 894 gültigen Stimmen lauteten 14 455184 auf Ja, 585 710 auf Nein. — In der Gemeinde Lissau (Kreis Schlochau) hat die Abstimmung nicht stattfinden können, da der zum Abstimmungsvorsteher ernannte Gemeindevorsteher sich geweigert hat, die für die Durchführung der Abstimmung erforderlichen Maßnahmen zu treffen. In der Gemeinde Schönitz (Landkreis Dessau) hat die Abstimmung nicht erfolgen können, weil der Ort infolge des Hochwassers der Elbe völlig unter Wasser stand. Es handelt sich um 19 Stimmberechtigte. Am Anschluß an die Feststellung wurde angeregt, den Reichsminister des Innern zu bitten, auf die Länderregierungen dahin einzu- wirken, daß die Wählerlisten (Wahlkarteien) nachgeprüft und künftig stets auf dem laufenden erhalten werden.
politische Rundschau.
Deutsches Reich
Der Reichskanzler über das besetzte Gebiet.
Auf seiner Rheinlandreise hat Reichskanzler Dr. Marx auch in Erkelenz und Neuß Ansprachen gehalten. In Neuß sagte er u. a., daß durch die noch andauernde Besetzung weiter Teile des Rheinlandes der Krieg leider immer noch weitergehe. Solange dieser Kriegszustand andauere, bleibe der Pfahl im Fleische des deutschen Volkes sitzen. Wenn man draußen in der Welt den Frieden wahrhaft wolle, so müsse man angesichts der deutschen Friedensgesinnung die noch besetzten Gebiete freigeben. Seine Aufgabe im September bei den Verhandlungen in Genf werde in dieser Richtung liegen.
Deutsch-belgisch-luxemburgischer Grenzpakt.
Die deutfch-belgisch-luxemburgischen Grenzverhand- lungen haben zu einem Abkommen über sachliche Erleichterungen im kleinen Grenzverkehr zwischen Deutschland und der belgisch-luxemburgischen Wirtfchastsunion geführt. Das Abkommen gewährt in erheblichem Umfange Zollbefreiungen für solchen Warenaustausch, der im Interesse der Grenzbevölkerung, besonders der Bewirtschaftung der an der Grenze gelegenen Grundstücke, liegt.
Großbritannien.
X Britische Reichskonferenz am 5. Oktober. Die britische Reichskonferenz wird, wie Ministerpräsident Baldwin im Unterhause mitteilte, am 5. Oktober in London zusammentreten. Die von der Regierung entworfene Tagesordnung umfaßt folgende Punkte: 1. Allgemeiner Überblick über die außenpolitische Lage; 2. Verteidigungsfragen; 3. die Entwicklung der Reichsverbindungswege; 4. Meinungsaustausch zwischen den Regierungen des britischen Imperiums über Angelegenheiten von gemeinsamem Interesse; 5. wirtschaftliche Fragen; 6. Handels-Luftfahrt-Ver- bindungen; 7. Maßnahmen zur Festigung der kulturellen Beziehungen innerhalb des Reiches. _____ ,