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Hersfelöer Tageblatt yersfelöer Kreisblatt' Mmtticher Anzeiger für -en Kreis Hersfels

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Nr. 160

Montag, den 12. Juli 1926

76. Jahrgang

Deutschlands Lebenswille

Eins der grausamsten Worte, das je von englischer Seite über uns gesprochen worden ist, war jenes zynische: Deutschland wird erst in 15 bis 20 Jahren spüren, was die Blockade während des Krieges bedeutet, dann näm­lich, wenn die jetzt geborenen Kinder herangewachsen sind.« Man hat geglaubt, daß die furchtbare Unter­

sind.

ernährung im Kriege nicht bloß Hunderttausenden das Leben kosten, sondern auch unvertilgbare Spuren bei dem Heranwachsenden Geschlecht hinterlassen würde. Man war ferner der Ansicht, daß zwar unmittelbar nach dem Kriege, früheren Erfahrungen gemäß, ein Anschwellen der Geburtszisfer eintreten, dann aber ein rasches Sinken dieser Zahl erfolgen werde, zumal die wirtschaftlichen Verhältnisse ihren Einfluß geltend machen würden. Und schließlich war der Schluß nicht so fernliegend, daß diese kritischen wirtschaftlichen Verhältnisse sich auch auf die allgemeine Volksgesundheit verhängnisvoll auswirken würden.

Erfreulicherweise haben sich diese Ansichten aber als ein Irrtum herausgestellt. Die allgemeine Volks- gesundheit hat unleugbare Fortschritte ge- macht. Der Lebenswille kommt auch in der Zahl der Eheschließungen zum Ausdruck; wie das Sta­tistische Reichsamt mitzuteilen in der Lage ist, sind im

letzten Jahre fast 500 000 Ehen geschlossen worden, das heißt, es entfallen auf tausend Einwohner 7,7 Eh« schließungen. Das sind 0,1 pro Mille weniger als ii

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icn Ostpreußen oder

letzten Friedensjahr. Bemerkenswert ist dabei, daß die Zahl der Eheschließungen in den Großstädten beträchtlich höher ist als etwa in dem agrarisch in Bayern, was einerseits ungemein

in Bayern, was einerseits ungemein zu bedauern ist, an­dererseits aber leider nur allzusehr zutreffende Rück- schlüsse auf die Notlage der Landwirtschaft erzwingt.

wieder

Erfreulicherweise ist auch die Geburten; iff )er im Anstieg. Auf tausend Einwohner kommen ji

e r etzt

21,3 Geburten, was einen Fortschritt gegenüber dem ver­gangenen Jahre bedeutet. Freilich sind wir gegenüber dem Friedensstand mit 27,7 pro Mille noch beträchtlich im Rückstand, aber die wirtschaftliche Not der Gegenwart übt ja hierbei einen starken Einfluß aus. Im Jahre

haben nicht weniger als 1,3 Millionen lebende Kin- bcnTfleneni^ wmiM Totgeburten zu Lebendgeburten erreicht worden, die um ein beträchtliches besser ist als im Jahre 1913. Diese Besse­rung ist zweifellos den Bestrebungen zuzuschreiben, die sich die Aufklärung und die Pflege der werdenden Mutter zum Ziele gesetzt haben. Diesen bevölkerungspolitischen Zielen ist es auch 31t verdanken, daß wir erfreulicherweise einen sehr erheblichen Rückgang der Säug­ling s st e r b l i ch k e i t aufzuweisen haben; starben tm Jahre 1913 von 100 Kindern im ersten Lebensjahre noch 15,1, so ist diese Zahl schon im Jahre 1924 auf 10,8 und im Jahre 1925 auf 10,5 zurückgegangen. Am besten steht das kleine Waldeck da; dort betrug diese Ziffer sogar nur 4 7, während aus der anderen Seite Oberschlesien mit 15 weit über dem Durchschnitt steht. Über dem Durchschnitt bewegen sich bezeichnenderweise aber auch wieder das agrarische Bayern, ferner Mecklenburg und Pommern, so daß aus diesen Zahlen wieder zu entnehmen ist, daß man der Säuglingssterblichkeit auf dem Lande iucif größere Aufmerksamkeit zuwenden muß als das bis­her geschieht. Daß hier ein Herunterdrucken der Zahl möglich ist, beweist u. a. die Tatsache, daß das in der Hauptsache agrarische Schleswig-Holstem mit einer Säug­lingssterblichkeit von 9,1 unter dem Reichsdurchschnitt liegt.

Neben diesen 140 000 Säuglingssterbefalleu stehen nun die 608 000 anderen Sterbefälle. Das bedeutet, daß ge­genüber 1913 ein ganz gewaltiger Rückgang an Todes­fällen erfolgt ist, ein Fortschritt, der auch gegenüber 1924 sestzustellen ist. Mit einer Sterbeziffer von 9,9 % ist die beste Zahl erreicht worden, solange überhaupt eine sta­tistische Nachprüfung erfolgte, und hierbei soll noch er- wähnt sein, daß dieweiße Pest«, die Lungentnbe^ weniger Opfer forderte, als es noch 1924 geschehen ist, ' leider haben wir den günstigen Stand von 1913 noch Nicht ^"Mckt"ewig leben kann das Menschengeschlecht; aber dafür zu sorgen, daß die Heranwachseiiden, daß die, die hineingeboren worden sind m diesen Leben, nun d e m Leben auch erhalten bleiben, ist eme Aufgabe, die sich jede Generation zur Pflicht machen sollte.

Michsrsgisrung und Reichsbahn.

Verständigungsmöglichkeit im Konflikt mit Preußen.

Zwischen der Reichsregierung und der Reichsbahn- gesettschast ist es zu einer Vereinbarung gekommen,, durch die künftighin eine engere Fühlungnahme Wischen Reich und Reichsbahn in den Elsenbahnfragen sichergestellt

Dc/ Verwaltungsrat der Reichsbahngesellschast hat der Reichsregierung zugestanden, dah in Zukunft-der R eich s v er ieh rs m-Ulster »der sein Stellvertilter an allen wichtigen Sitzungen des Berwaltungsrates mit beratender Stimme teilnehmen kann. Ferner soll der Reichsregierung künftig mcht nur für den General birHt«r sondern auch für die Wahl der übrigen leitenden Direktoren das Vestät

stehen. Als Gegenleistung hat das Reichskabinett gründ-

Vertrauensvotum f. Briand-Gaillaux

Der Sieg des sragzöffchen KÄisreiis.

Vollmachten für die Regierung.

Nach viertägiger Debatte in der Französischen Kam­mer über Caillaux' Sanierungsprogramm für die fran­zösische Währung ist dem Kabinett Briand-Caillaux mit 269 gegen 247 Stimmen das Vertrauen ausgesprochen worden. 40 Abgeordnete enthielten sich der Stimme. Ge­gen die Regierung stimmten vor allem die Sozialisten und die Abgeordneten der Rechten, wobei die letzten der Re­gierung gegenüber vor allem die Befürchtung aussprachen, daß durch das Finanzprogramm Caillaux', in dessen Mit­telpunkt die Aufnahme von Auslandskrediten steht, die Unabhängigkeit Frankreichs gefährdet würde. Von Caillaux wurde diese Tendenz allerdings heftig bestritten. In dem von der Kammer angenom­menen Vertrauensvotum wird der Hoffnung Ausdruck ge­geben, daß die Regierung die Finanzen Frankreichs wie­der herstellt und die Währung saniert.

Der Verlauf der Abstimmungssitzung war im h ö ch - stenGrade dramatisch und es wird versichert, daß die Kammer seit den aufgeregten Augusttagen des Jahres 1914 keine Debatte von ähnlicher Leidenschaft erlebt habe. Kurz vor der Abstimmung ergriff noch einmal Finanz- minister Caillaux das Wort. Er erinnerte daran, daß es unmöglich sei, den Frank zu stabilisieren, wenn nicht alle passiven Posten der Staatsbilanz geklärt wären. Die Re­gierung werde im Parlament einen Gesetzentwurf vor­legen, der die Ratifizierung der Schuldenabkommen vor- sehe. Die Verhandlungen mit London seien im Gange, aber auch mit Washington verhandele man, um Zuge- tändnisse zu erreichen. Die auswärtigen Kredite eien unbedingt erforderlich, um die Stabilisierung zu ichern.

Eine gewisse Rolle in dem Sanierungsprogramm spielen auch die von der Regierung in dieser Frage vom Parlament geforderten Vollmachten. In dem dies- ^bezüEchen^Gesetzentwurf^sind für diese Vollmachten fol- Unkommensteuer, der um^^tff1?Wf^W^HW?,*^

Umwandlung einzelner bisher dem Gewicht nach er-

patzlich me Teilnahme des Generaldirektors oder seines Stellvertreters an den Kabinetts- s i tz u n g e n, die sich mit Eisenbahnfragen beschäftigen, zugestanden. Das Reichsbahngesetz soll mit diesen Verein­barungen in Übereinstimmung gebracht werden. Auf Grund der Vereinbarung dürste in der nächsten Sitzung des ReichskabinLtts D 0 r p m ü l l e r als Generaldirektor der Reichsbahn b e st ä t i g t werden.

Was den Konflikt zwischen Reich und Preußen in der Frage der Zusammensetzung des Ver­waltungsrates der Reichsbahn betrifft, so nimmt man an, daß nach dem versöhnlichen Schreiben des Reichskanzlers an den preußischen Ministerpräsidenten eine Verständi­gung möglich sein wird. In kurzem erlischt das Mandat von sechs Mitgliedern des Verwal­tungsrates und es ist wahrscheinlich, daß, unabhängig von dem etwaigen Spruch des Staatsgerichtshofes, zwischen der Reichsregierung und der preußischen Staats­regierung eine Einigung über diepreußischen Wünsche erfolgt.__

Hindsnburg ehrt die Gefallsnsn.

Denkmalsweihe in der Berliner Universität.

Acht Jahre nach Kriegsschluß ist es endlich gelungen, zum Gedächtnis an die Gefallenen der Berliner Universität em großes Denkmal zu errichten. Im Garten der Universität er­hebt sich vor vier riesigen Pfeilern, die mit dem Kreuz gekrönt sind, das Denkmal von Professor Hugo LederE das m Überlebensgröße einen ins Knie gesuwenen Funglingdar- stellt Die Feier der Enthüllung des Denkmals für die ge­fallenen Helden vereinigte eine nach Tmlsenven Zählende Menge von Ehrengästen, Vertreter der Behörden.und der Presse, Professoren und Studentenschaft der Universität vor dem Denkmal Ihre Weihe erhielt die Veranstaltung durch die Anwesenheit des Reichspräsidenten von

^Mit dem Einzug der Korporationen in ihren farbenpräch­tigen Uniformen und mit Hunderten von Fahnen, unter den Klängen des Mozartschen Priestermarsches und dem Erschein^ der Professorenschaft in ihren dunklen Talaren, mit den lila und roten Baretten, begann die Feier. Als

grüßte der Sprecher der Studentenschaft den Reichspräsidenten und die erschienenen Gäste, sprach den S10 l z uno die Da n k- barkeit der Studentenschaft für die gefallenen Helden des Weltkrieges aus. Nach dieser Rede wurde das Denkmal feier­lich von' Hindenburg und dem Rektor enthüllt, während dre Fahnen sich senkten und die MeNge entblößten Hauptes das ^^Als^Zweiter Redner sprach der Rektor der Universität, der das Denkmal in die Obhut der Universität nahm. Auch er begrüßte dankbar den Reichspräsidenten, dessen Erscheinen er als eine E h r u n g d e s s i e g r e l ch e n F e l d - hcrrn für seine unbesiegten Soldaten hmMÜ Und bdr deutschen Siege gedenkend, bringt er das Gelöbnis aus, daß die Universität gegen alles kampfen wird was be­strebt ist, die deutsche Kraft zu,zeripl>ttern.Die. Weiherede

hobener Verbrauchssteuern in Wertabgaben, Erhöhung der Transportgebühren. Auf dem Gebiete der Währungs­stabilisierung wird die der Regierung zu gewährende Handlungsfreiheit auf die Durchführung der im Sachver- ständigenplaue vorgesehenen Maßnahmen zur Liquidation der schwebenden Schuld und zur Aufnahme auswärtiger Kredite beschränkt. Dagegen enthält der Gesetzentwurf keinerlei Vollmachten zur Ratifizierung des Washingtoner Abkommens, über die die Kammer selbst sich die Entschei­dung vorbehalten hat.

Die Diskussion dieser Vorlage wird den Kampf in den nächsten Tagen auf der ganzen Linie von neuem auf­flammen lassen und trotz des Abstimmungssieges ist das Kabinett noch keineswegs außer Gefahr.

Vor einem Schuldenabkommen mit Großbritannien.

In den vom französischen Parlament geforderten Vollmachten ist auch ein Gesetzentwurf vorgesehen, durch den die Regierung ermächtigt wird, mit Großbritannien ein Schuldenabkommen zu treffen. Der bekannte Finanz­sachverständige Leon Barnaud reist nach London, um die letzten Vorbereitungen für die Zusammenkunft Churchills mit Caillaux zu treffen. Caillaux wird sich am Montag im Flugzeug nach London begeben. Die Verhandlungen werden auf der Basis einer Jahreszahlung von 1215 Millionen Pfund Sterling ausgenommen.

Trotz des späten Ausganges der Kammersitzung ist ein Kabinettsrat zusammengetreten. Finanzminister Caillaux wurde von seinen Ministerkollegen zu seiner ent­schlossenen Haltung vor der Kammer und seinen erfolg­reichen Interventionen lebhaft begrüßt. Der Finanz- minister erstattete dann einen Bericht über die bevor­stehenden Londoner Verhandlungen. Briand machte An­gaben über die Schlußarbetten der französisch-spanischen Konferenz. Bei Ausgang der Sitzung erklärte Briand wörtlich:Wenn man endlich darauf verzichten wollte, uns mit neuen Interventionen zu Leibe zu rücken, und uns Mittel an die Hand geben würde, daß wir in Ruhe an die Arbeit gehen können, so glaubt die Regierung ver- sichern zu können, de.si ^«s Q^s n;» noaontnnrHa? schwre-

hielt Herr Geh. Konsistorialrat Prof. d. Dr. Reinhold See­berg, der in dem Denkmal ein Standbild des nn- sterblichen deutschenJüiiglings feiert und esdas heilige Dennoch" tauft. Mit der Huldigung der Studen­ten, die unter den Klängen von Militärliedern mit gesenkten Fahnen an dem Denkmal vorbeizogen, und dem Absingen des Deutschlandliedes endete die Feier, während Flugzeuge Kränze niederwarfen. _

Die Erinnerung an die tausend Gefallenen soll den Stu­denten eine Mahnung zur Wiederherstellung der deutschen Einigkeit sein.

VerKalK vsnZerka virdReich-e-reichain

Das Ergebnis der Besichtigungsfahrt.

Der Reichsratsausschuß zur Vorbereitung eines Ehrenmals für die im Weltkriege gefallenen Helden hielt in Weimar am Ende seiner Besichtigungsfahrt unter dem Vorsitz des Reichsinnenministers seine abschließende Sitzung ab. Die Reise hatte den Ausschuß vom Rhein über die Wesergegend nach Goslar, Eisenach, Koburg, über die Augustusburg nach Berka bei Weimar geführt. Jede einzelne der besichtigten Gegenden wies starke Momente zugunsten einer Heldenehrung auf. Nach sorgfältiger Würdigung fiel die Entscheidung, als Ehrenmal für die gefallenen Helden des Weltkrieges einen Ehrenham tm Herzen Deutschlands vorzuschlagen, wie er in der Gegend von Berka bei Weimar gegeben ist. Diese Entscheidung wird nun an das Reichskabinett zur endgültigen Beschluß­fassung weitergeleitet. Als denkbar wurde auch von ge­wichtigen Stimmen der Vorschlag einer Toteninsel bet Lorch am Rhein für eine würdige Heldenehrung ge­halten,

Neuer Staatsstreich in Portugal.

Präsident Costa gefangen und abgesetzt.

Am Vormittag des 9. Juli erfolgte, ohne daß Wider­stand geleistet wurde, ein neuer Staatsstreich in Portugal: er richtete sich gegen die Regierung des Präsidenten und Militärdiktator G 0mez da Costa, der auf Anord­nung mehrerer Führer der Armee und Marine verhaftet und abgesetzt wurde. Die Familie des verhafteten Prä­sidenten wurde aufgefordert, den Regierungspalast, der von Truppen nmgeben ist, zu verlassen.

Die neue Regierung ist bereits gebildet; sie setzt sich aus Militär- und Zivilpersonen zusammen. Ministerprä­sident und Kriegsminister ist General Carmona, m dem Kabinett Costa angehörte und jetzt denunblutigen Putsch« organisiert hat. Die politische Lage ist noch voll­kommen verworren. Mehrere diplomatische Vertreter Portugals sollen abberufen werden, darunter der Prä­sident der portugiesischen Delegation beim Völkerbund. Aus Kreisen der neuen uwgl^- rung wird versichert, daß im Lande alles ruhig sei.