Hersfelöer Tageblatt
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Nr. 143 Dienstag, den 22. Juni 1926 76. Jahrgang
Nach der Ablehnung der Fürstenenteignung
39,5 Millionen Stimmberechtigte
SOI aufiges Ergebnis des VolksenWeidS.
Amtliche Feststellung.
Die große Schlacht des ersten Volksentscheids für ganz Deutschland hat mit der Ablehnung der geforderten Fürstenenteignung ohne Entschädigung geendet — das radikale Begehren ist gescheitert, da sich nicht die Mehrheit der Stimmberechtigten dafür aussprach. Stimmberechtigte waren nach der amtlichen Angabe 39 690 559 vorhanden. Es hätten sich also mindestens 19 845 270 Stimmen auf den dem Entscheid zugrunde liegenden Antrag vereinigen müssest, sollte er Erfolg haben. In Wirklichkeit wurden aber nur 14 441590 Jastimmen gezählt. Damit ist die Ablehnung entschieden. Über die Einzelheiten der Abstimmung geben die folgenden amtlichen Zahlen Aufschluß.
Die Wahlbeteiligung betrug im allgemeinen etwa
Angebliche Absichten Her Regiernng.
Wie das demokratische Berliner Tageblatt wissen will, hat das Abstimmungsergebnis die Regierung in der Absicht bestärkt, mit allen Mitteln und unter größter Beschleunigung die Regierungsvorlage über die Fürstenabfindung zur Durchführung zu bringen. Der Reichskanzler werde sich jedenfalls alsbald mit den Fraktionsführern in Verbindung setzen, um mit ihnen den weiteren Gang der Dinge zu vereinbaren. Bei dieser Gelegenheit werde der Reichskanzler die Parteiführer auch darauf hin-
14,5 Millionen Ja-Stimmen
Millionen Stimmen
10-------------
56
38 %, mit Ja haben im ganzen etwas über 36 % gestimmt. In drei Wahlkreisen, Berlin, Hamburg, Leipzig, stimmten über 50 % der Wahlberechtigten mit Ja. Beide Wahlkreise Potsdam, Chemnitz, Dresden, Westfalen-Süd, Hannover, Magdeburg, Düsseldorf-Ost, Erfurt, Hessen-Nassau und . Darmstadt brachten 40—50 % der Wahlberechti./
Jastimmen an die Urne, der 25. Wahlkreis, Niederbayern, hatte dagegen nur 12% % Taiager unter der Gesamtzahl
gten an
der Wahlberechtigten. In der P r e s s e sowohl von rechts wie von links wird der'Ausgang des Volksentscheids mit ziemlicher Ruhe ausgenommen. Eifrig beschäftign sich die LLäitogMMj^Mi^K.Mit-der nun folgenden Entwicklung. Durchweg wird angenommen, daß die R e i ch s r e g i e - r u n g in allerkürzester Zeit nunmehr die Initiative ergreifen wird, um in der Fürstenfrage eine Kompromißlösung zu ermöglichen.
Gesamiergeönis.
Zahl der Stimmberechtigten 39 690 559
Zahl der abgegebenen ungültigen Stimmen 559 406
Zahl der gültigen Stimmen 15 026 313
Gültige Za-Stimmen 14 441590
Gültige Nein-Stimmen 584 723
Das Bild der Abstimmung in den 35 deutschen Stimmkreisen gestaltet sich folgendermaßen:
Resultat in den einzelnen Wahlkreisen.
Ungültige
Stimmen
1 Ostpreußen
5 056
2 Berlin
45187
3 Potsdam II
25127
4 Potsdam I
25 699
5 Frankfurt a. O.
12 953
6 Pommern
5 761
7 Breslau
13 443
8 Liegnitz -M
11326
9 Oppeln
4 888
10 Magdeburg
23 051
11 Merseburg
14 281
12 Thüringen
32423
13 Schlcswig-Holst.
16 021
14 Weser-Ems
12 473
15 Osthannover
16 Südhannover-
9 806
Braunschweig 17 Westfalen-Nord
28069
17 525
18 Westfalen-Süd
26145
19 Hessen-Nassau
23 207
20 Köln-Aachen
9 073
21 Koblenz-Trier
2 970
22 Düsseldorf-Ost
16 868
23 Düsseldorf-West
24 Oberbayern-
7178
Schwaben
4 079
25 Niederbayern
1563
26 Franken
10 212
27 Pfalz
3 887
28 Dresden-Bautzen29 959
29 Leipzig
30 Chemnitz-
23 881
Zwickau
34442
31 Württemberg
8 510
32 Baden
33 Hessen-Darm-
12 268
stadt
10 234
34 Hamburg
22461
35 Mecklenburg
9 344
Gültige
Stimmen
273 680
973 731
611502
587 878
310 743
280 852
408 017
276 470
205 908
470 554
163 706
605 639
365 605
265 823
189 923
503 900
464 875
750 731
659 687
486 735
142131
602 898
372 462
331081
101395
428 369 191526
577 086
475 645
563 724
583 041
571961
363 907
467 258
197 008
Ja- Nein-
Stimmen Stimmen
263 902 942 654 589715 565 865 297 340 269 454 383 108 263 093 193 933 453 800 351142 580 806 351 975 254 959 180 404
479 884
447 248
727 472
635 382
466 172 134994 584 472
359 836
320 163
97 581
413 938
185114
551532
454 099
540 943
563 863
548 203
348 335
449168
190 230
50:
28-
2^
20-• 18-1
16-
§
.Mit» Ja nhaben gestimmtfit-W^ßtiS : .also nurJß^ % der Stimmberech Jigfen. Die Enteignung ist somit .abgelehnt
SO% Linie, die zu überschreiten war.
10
8
Volksentscheid stimmten mit Ja:W09&M = 363%
. Volksbegehren.. _ ^stimmtem.
eines Kompromisses verhindern würde, die Regierung mit einer Auflösung drohen; man weiß dort aber ebenso genau wie auf der Linken, daß die g a n z e politisch-parlamentarische Lage der Zukunft abhängen wird von der Entwicklung, die das Fürstenabfindungskompromiß Laben wird. Ob sich nun aber ein solches Kompromiß wird herausarbeiten lassen, das beiden Flügelparteien, der Sozialdemokratie und den Deutschnationalen, genehm ist, ist vorläufig nicht sicher. Doch wäre es möglich, einen Entwurf zu schaffen, der nicht verfassungsändernd ist, dessen Inhalt dann von links oder rechts angenommen würde und damit zugleich auf die gesamte innerpolitische Lage maßgebendsten Einfluß ausübte. Das eine steht aber zweifellos fest: die Regierung wird in der Frage der Fürstenabfindung „Dampf aufmachen".
Die Parteien der Mitte und — weniger allerdings — der Rechten werden zunächst noch alle Hände voll zu tu t haben, die Reihen ihrer Anhänger wieder in Ordnung zu bringen. Denn der Volksentscheid hat sie derart durcheinandergebracht, hat äußerlich zu so heftigen Auseinandersetzungen namentlich innerhalb des Zentrums und der Demokratie geführt, daß innere Umstellungen nicht ausbleiben können. Richt ohne Wirkung kann auch die in der letzten Zeit wiederholte Erscheinung bleiben, daß sich das Zentrum gegen seinen Parteivorsitzenden, Dr. Marx, aussprach.
So wird wohl in nächster Zeit innerpolitisch ein gewisses Chaos herrschen, in das erst die endgültige Erledigung der Fürstenabfindung wieder eine Ordnung bringen dürfte. , —- „
O-l
9778 31077 21787 22 013 13 403 11398 24 909 13 377 11975 16 754 12564 24 833 13 630 10 864
9 519
24 016
17 627
23 259
24 305
20 563
7137
18426
12 626
10 918
3 814
14431
6 412
25 554
21546
22 781
19 178
23 758
15 572
18 090
6 778
Gesamtergebnis: 559 370 15 025 451 14 440 779 584 672
weisen, daß die Regierung jetzt gewillt ist, an die zwangsläufige Klärung aller politischen Fragen, also der Zollfragen und der Personalfragen, heranzugehen. Die Regierung habe die Absicht, alle diese schwebenden Fragen jetzt bei den Parteien zur Entscheidung zu stellen. Man rechne damit, daß der Kanzler alsbald einen Ministerrai einberuft, um sich mit ihm über die weiteren Schritte der Regierung schlüssig zu werden.
Die neuen stompromißbestreM««!.
über die innerpolitische Lage nach der Abstimmung wird uns aus parlamentarischen Kreisen geschrieben:
Politisch ganz ergebnislos ist der Volksentscheid doch nicht geblieben, so ergebnislos er „juristisch" ist. Eine ent- schädigungslose Fürstenenteignung kommt natürlich vorläufig nicht mehr in Frage, da ein neuer dahinzielender Entwurf ja frühestens nach Jahresfrist erst wieder eingebracht werden könnte.
Die Regierung hat die Möglichkeit, den früheren oder sonst einen Kompromißentwurf zum Gesetz werden zu lassen, gleichgültig, ob er verfassungsändernden Charakter hat oder nicht. Denn wenn er zu seiner Durchsetzung zwar einer Zweidrittelmehrheit bedürfte, im Reichstag aber keine Mehrheit fände, falls die Zustimmung der Deutschnationalen oder der Sozialdemokraten für die Bildung der Mehrheit nicht hinreichend sein sollte, so bliebe die Reichstagsauflösung oder — ein neuer Volksentscheid. Die Fraktionen der Mitte und der Rechten werden dem Rechnung tragen, daß die hinter ihnen stehende Wählerschaft bei dem hinter uns liegenden Entscheid teilweise gegen die amtliche Parteiparole Stellung genommen hat, werden sich also darauf einstellen müssen, einer Auflösung mit der Parole Fürstenentschädigung oder einem entsprechenden Volksentscheid aus dem Wege zu gehen.
Die Sozialdemokratie wird vermutlich Realpolitik treiben und sich sagen, daß sie lieber auf dem Wege des Kompromisses etwas erreicht als durch grundsätzliche Opposition auch ein Kompromiß unmöglich macht. Dazu kommt, daß die künftige innerpolitische Konstellation, nämlich die Große Koalition herbeizuführen, damit gleichzeitig in ihrer Hand liegt Wenigstens das Zentrum und die Demokratie streben nach einem parlamentarischen Zusammengehen, während die Deutsche Volkspartei in letzter Zeit namentlich in Preußen heftige Angriffe auf die dort regierenden Parteien der Weimarer Koalition geführt hat, also offenbar von der Großen Koalition nicht mehr entzückt ist.
Den Deutschnationalen gegenüber kann bei grundsätzlicher Opposition, die auch.das Zustandekommen
Ruhiger Verlauf des Wahliages.
Wenige Zusammenstöße.
Der Tag des Volksentscheides ist, wenn man von einigen Ausnahmen absieht, im ganzen Reiche ruhig verlaufen. Zu Ausschreitungen kam es nur an wenigen Orten.
Jn Ammendorf bei Halle stießen Stahlhelmleute und Kommunisten zusammen. Der Stahlhelmverband Halle hatte eine Propagandafahrt mit zahlreichen Lastwagen unternommen. In Ammendorf wurden die Lastwagen von Kommunisten mit Steinwürfen und schließlich mit Gewehrseuer empfangen. Die Stahlhelmleute antworteten mit Revolverschüssen. Nach den ersten Meldungen sollten mehrere Tote zu verzeichnen sein. Diese Rächn ü scheint sich aber nicht zur bestätigen. Es wurden fünf Personen schwer und 20 leicht verletzt. — Zu einem Heftigeren Zusammenstoß zwischen Angehörigen des jungdeutschen Ordens und Kommunisten kam es auch in O h l i g s. Vier Mitglieder des jungdeutschen Ordens wurden schwer verletzt.
In S e h l i s bei Taucha gerieten Angehörige des Werwolss und Rote Frontkämpfer aneinander; dabei wurden zwei Werwolfleute erheblich verletzt. — In Stettin gab es Zusammenstöße zwischen Teilnehmern an einer Kundgebung der Nationalen Arbeitsgemeinschaft und Kommunisten, wobei einige Personen durch Steinwürfe und Schüsse verletzt wurden. Zahlreiche Personen wurden verhaftet. Ausschreitungen von mehr oder minder großem Umfange fanden auch in Hamburg, inGör - litz und in einigen Rheinorten statt.
Fast überall handelte es sich um Schlägereien zwischen Rechts- und Linksradikalen und fast überall gab es Verletzte. In der Reichshaupt st adt wurden wegen Schlägereien, groben Unfugs usw. an 250 Personen sistiert. Im allgemeinen aber war, wie gesagt, trotz der Befürchtungen, die man hier und da hegen mochte, die Signatur des Volksentscheidstages: Ruhe und Besonnenheit.
Ein französischer Schnellzug entgleist.
6 Tote und 38 Verletzte.
Ein schweres Eisenbahnunglück hat sich auf der Linie Paris-Bordeaux ereignet. Ein Schnellzug, der am 20. Juni um die Mittagszeit Paris verlassen hatte, ist aus bisher noch unbekannten Gründen gegen 3 Uhr nachmittags in der Nähe von Tours entgleist. Die Lokomotive, die Gepäckwagen und die beiden ersten Personenwagen stürzten um und wurden zum Teil zertrümmert; die drei folgenden Wagen sprangen nur aus den Schienen. EK sind sechs Reisende getötet und 38 verletzt worden.
, Die Eisenbahngesellschaft nimmt an, daß die Ent-, gleisung auf den Bruch einer heißgelaufenen Achse beti Lokomotive zurückzuführen sei. Der Zug fuhr, als das: Unglück sich ereignete, mit einer Geschwindigkeit von 80 Kilometern.
Paris—Bordeaux ereignet.
20. Juni um die Mittagszeit
*
Noch ein Eisenbahnunglück.
Auf der Strecke Hilleröd — Frederiksv ät$ in Dänemark stieß ein Personenzug mit einem Motorzug! zusammen. Ein Wagen wurde vollkommen zertriim L w ö l f P e r s o n e n w u r d e N v e r l e H t, davon