Hersfelöer Tageblatt yersfelöer Kreisblatt' Amtlicher /inniger für den Kreis Yersfelö
Nr. 138 Mittwoch, den 16. Juni 1926 16. Jahrgang
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Hüben und drüben.
Im Sommer tritt uns Deutsch-Österreich noch näher, wenn die Zehntausende von deutschen Touristen nach Tirol fahren und die Schönheiten der Alpen genießen, von der Schweizer Grenze und dem Bodensee hinüber bis nach Wien und ganz im Süden zum Wörthersee und den schon jugoslawischen Karawanken. Dann lernt der Hochtourist in seinem Führer wieder aufs engste mit einem Mann dieses Volkes verkehren, hört von seinen Leiden, seinen Sehnsüchten.
Jenseits der Grenze trennt uns ebensowenig partei- poliüsche Einstellung wie auf den Tagungen des Österreichisch-Deutschen Volksbundes, in dessen Vorstand ja Vertreter aller Parteien, von den Völkischen bis zu den Sozialdemokraten, im besten Burgfrieden nebeneinandersitzen. Die Österreicher — als gute Deutsche — sind ja parteipolitisch einander ebenso Gegner wie wir in Deutschland, aber auf diesen Tagungen sitzt auch der radikale Sozialist neben dem Christlichsozialen, Dr. Renner neben Dr. S e i p e l. . Schon einmal, vor 78 Jahren, in der Sturmeszeit von 1848, haben wir Deutsche von der Leitha bis zum Rhein und von der Etsch bis zum Belt nebeneinandergesessen in der Paulski r ch e zu Frankfurt am Main, wo die jetzige Tagung des Volksbundes in einer öffentlichen Versammlung ihr Ende fand.
Damals gelang die Schaffung eines neuen Groß- deutschlands nicht und nach den Gründen hierfür zu suchen, ist heutzutage, praktisch gesehen, ein müßiges Geschäft. Dort in der Paulskirche hat ja auch Robert Blum gesessen, der dann in Wien auf der Brigittenäu erschossen wurde, als der Sturm dieses Jahres vorübergebraust war, und ein paar Jahre später stand sinnenden Blickes der Mann vor dem verwaisten Platz in der leergewor- denen Kirche, Bismarck, der nun die Einheit schuf, nicht aller Deutschen, Wohl aber „Klein"-Deutschlands, das jetzt znm Groß-Deutschland werden will, mögen auch ein paar ehrgeizig-selbstsüchtige „Volksführer" haben wie drüben sich innerlich — bisweilen auch nach außen hin bemerkbar — dagegen sträuben.
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und der von St. Germain. Eifersüchtig^ unter lauter Kriegsdrohung wacht Mussolini an der Drennergrenze, der Pole über der Zerstückelung des deutschen Ostens. Italienisch ist die Etsch geworden und dänisch der Belt, französisch die Maas und an der Memel sitzt eifersüchtig der Litauer. Das Lied, das Wahrheit war, wurde zur Sehnsucht, aber zu einer Sehnsucht, die weder wir noch die Deutsch-Österreicher je aufgeben werden, ebensowenig wie trotz italienisch-französischer Drohungen die Sehnsucht nach einem Zusammenkommen früher oder später. Wir Deutsche haben aus der Geschichte eines gelernt: Geduld haben, warten können. Wir müssen uns damit begnügen, immer daran zu denken, und lassen uns auch nicht hindern, auch davon zu sprechen. Wir haben, hüben und drüben, gar so wenig, was gemeinsames Ziel aller Parteien ist — hierin sind wir einig, in dieser Sehnsucht nach Vereinigung der durch feindlichen Machtspruch getrennten Gebiete. „Blut ist dicker als Wasser" hat man früher häufig zitiert hinsichtlich unseres Verhältnisses zu den „Vettern" jenseits des Kanals — und es war ein Irrtum; aber das in mehr als vierjährigem gemeinsamen Ringen vergossene Blut ist und bleibt ein fester, ein eisen- fester Kitt, aus dem in hoffentlich nicht allzuferner Zeit der Bau errichtet sein wird, in dem wir Deutsche nun endlich wieder vereint wohnen können.
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Die Frankfurier Kundgebung.
In der historischen, bis auf den letzten Platz dichtge- füllten Paulskirche zu Frankfurt a. M. fand als Abschluß des österreichisch-deutschen Bundestages eine große Kundgebung für den Anschluß Deutsch-Österreichs an Deutschland statt. Reichstagspräsident L ö b e hielt eine kurze Eröffnungsansprache, in der er u. a. betonte: Gebt dem deutschen Volke freies Selbstbestimmungsrecht! Morgen schon chird es sich zeigen, daß keine Macht der Welt diesen einheitlichen Willen der deutschen Stämme von Nord und Süd hemmen kann! Im Anschluß daran sprach als Vertreter der österreichischen Wirtschaft Generaldirektor Dr. Neubacher -Wien, der zum Ausdruck brächte, daß die österreichische Wirtschaft ohne den Anschluß an das Reich nicht lebensfähig sei. Als Vertreter des österreichischen Landbundes sprach Landtagsabgeordneter G a s s e l i ch - Wien, der hervorhob, daß die österreichische Landwirtschaft nicht eher ruhen werde, bis das heilige Ziel der Vereinigung mit dem Reiche erfüllt sei. Als Vertreter der Wissenschaft führte der christlich-soziale Abgeordnete Prof. Dr. E i b l aus, daß die österreichischen Stammesgenossen nicht mit leeren Händen kämen. Ihre Vereinigung mit dem deutschen Mutterlande bedeute vor allem eine Auffrischung der deutschen Volkskraft. Die großdeutsche Frage sei durch die Umwälzungen des Krieges akut geworden. Als deutsche Vertreter sprachen sodann Senatspräsident Dr. H e l d m a n n für die'Deutschnationale Partei, Reichstagsabgeordneter S ch ö p f l i n für die Sozialdemokraten, Landtagsabgeordnete Frau K e m p f für die Demokraten, die sich alle für die Vereinigung einsetzten. Mit einem Schlußwort des Reichstagspräsidenten Lobe fand die K undgebung Dr Ende. . . ^^^
Ministerkrise in Frankreich
Rücktritt des französischen
Manzmimsiers.
Unaufhaltsamer Sturz des Franken.
Der dauernd sinkende Frank hat nunmehr wieder sein Opfer gefordert. Der französische Finanzminister Peret hat, wie es ehedem auch seine Vorgänger tun mußten, angesichts der erhöhten Frankenkrise seine Demission gegeben. Dem französischen Ministerrat teilte Pöret mit, daß infolge der Hausse der ausländischen Devisen und des Ausbleibens der tatkräftigen Unterstützung, auf die die Regierung gerechnet habe, es ihm nicht mehr möglich sei, feinen Posten wirksam auszufüllen. Andererseits halte er es für notwendig, eine parlamentarische und politische Umbildung entsprechend den Wünschen der öffentlichen Meinung möglich zu machen, da die Öffentlichkeit angesichts der gemeinsamen Gefahr eine gemeinsameAn- strengung erfordere. Aus diesem Grunde trete er zurück. Obwohl der Ministerpräsident und die Mitglieder des Kabinetts Pörct zu bestimmen suchten, seinen Entschluß zurückzunehmen, blieb dieser fest mit der Erklärung, sein Entschluß sei unwiderruflich. Vor Beginn des Kabinettsrats hatte der Präsident der Republik eine lange Besprechung mit Ministerpräsident Briand und Finanz- minister Peret. Wie verlautet, soll sogar das ganze Kabinett Briand gefährdet sein, doch scheint ein endgültiger Beschluß über das Schicksal des Kabinetts noch nicht vorzuliegen.
Als Hauptgrund für den neuen Franksturz werden Börsengerüchte angegeben, die mit ziemlicher Bestimmtheit von einer neuen unverhüllten Inflation sprechen. Diese Inflation wird in einem
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Der Austritt aus der Demokratischen Partei.
Reichsbankpräsident Dr. Schacht, der wegen seiner abweichenden Stellung zur Fürstenenteignungsfrage seinen Austritt aus der Demokratischen Partei erklärt hat, gibt in einem Schreiben an die Partei die Gründe für den Austritt bekannt. Er kommt dabei auf einen Brief an die Parteileitung zurück und zitiert daraus folgenden Satz: „Es handelt sich beim Volksentscheid um etwas Grundsätzliches und ich glaube, die Demokratische Partei kann bei aller radikalen Haltung gegenüber den Fürsten, die ich durchaus verstehen würde, gar nicht scharf genug in dieser grundsätzlichen Frage betonen, daß sie eine Partei ist, die
Dr. Schacht.
auf dem Boden des P r i v a t e i g e n t n nt § steht und sich ganz scharf trennt von allen grundsätzlichen sozialistischen oder kommunistischen Anschauungen in dieser Frage. Es ist deshalb auch eine offizielle Parole, die Stimmabgabe freizugeben, nach meiner Auffassung für die Partei nicht tragbar."
Dr. Schacht sagt weiter: Ich fügte in meinem Briefe hinzu, daß diese Angelegenheit eine solche sei, wo sich die Geister eventuell scheiden müßten. Nachdem dann die Entscheidung des Parteivorstandes, wenn auch unter grundsätzlicher Anerkennung meiner Auffassung, doch praktisch nicht im Sinne meiner Forderung ausgefallen war, teilte ich Ihnen am 21. Mai meinen Austritt aus unserer Parteiorganisation mit und fügte hinzu, daß meine grundsätzliche politische Anschauung unverändert dieselbe bliebe . . . Wenn mein Entschluß mich dazu gebracht hat, aus der Parteiorganisation auszuscheiden, so will ich damit znm Ausdruck bringen, daß ich als organisiertes Mitglied für einen nach meiner Auffassung grundsätzlich irrtümlichen Beschluß die Verantwortung nicht mit übernehmen will. Von Jugend auf habe ich unverändert das Privateigentum und die Erweckung des wirtschaftlich individuellen Jnter-
vere«s von Flnanzmtntster Catllaux propagierten Plan erblickt, nach dem die Bons für die nationale Verteidigung bis zu einer Höchstgrenze Zahlungswert erhalten sollen.
Peret war der fünfte Finanzminister innerhalb eines Jahres, er hat sich, ebenso wie seine Vorgänger, der Bewegung auf dem Devisenmarkt gegenüber als völlig ohnmächtig erwiesen. Das Versagen der einzelnen Finanzminister ist vor allem darauf zurückzuführen, daß keiner den Mut hatte, dem Lande die volle Wahrheit zu sagen, nämlich, daß der Franksturz unaufhaltsam sein wird, so lange das französische Volk keine Steuern zahlt. Über Pörets Nachfolgerschaft soll bald entschieden werden. Interessant ist, daß die Börse auf die Nachricht von der Demission Pörets optimistisch reagierte, so daß das Pfund in einer halben Stunde von 179 auf 176 herunterging.
Die Sicherung der Getreideversorgung in Frankreich.
Die Kammer beriet über den vom Landwirtschaftsminister Binet eingebrachten Gesetzentwurf über die Sicherung der Getreideversorgung, der die Regierung ermächtigt, bis zum 2. August dieses Jahres die Erhebung der Einfuhrzölle auf gewisse Ge- treidcarten ganz oder teilweise e i n z u st e l l e n. Der Landwirtschaftsminister erklärte, der Brotpreis sei in Frankreich der Maßstab der Lebenshaltungskosten und es könnten schwere soziale Krisen entstehen, wenn diese den Stand des gegenwärtigen Brotpreises erreichten. Der Minister teilte ferner mit, daß für die Einfuhr von Getreide die Schaffung einer besanderen Zentralstelle in Aussicht genommen sei. Nach längerer Aussprache wurde der Gesetzentwurf unverändert ein« stimmig angenommen.
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effes nicht nur als eine der unerläßlichen Grundlagen des
Zusammenlebens überhaupt verfochten.
Zum Schluß betont Dr. Schacht, daß von allen Parteien, die auf dem Boden des Privateigentums stehen, die Deutsche Demokratische Partei diejenige gewesen ist, die die möglichen Folgen einer nicht rechtzeitig ergangenen gesetzlichen Regelung über die Fürstenabfindung erkannt und ihre Bemühungen am stärksten für eine solche Regelung eingesetzt habe. ,
Gegen und für die Mstsnenteignmigj
Beschlüsse und Äußerungen.
Warnung vor AbstimmungSterror. Nach dem Amtlichen Preußischen Pressedienst lassen zahlreiche Einzelfälle erkennen, daß mit Mitteln wirtschaftlichen Boykotts insbesondere der Androhung der Lösung von bestehenden Vertragsverhältnissen oder geschäftlicher Schädigung selbständiger Existenzen versucht wird, diejenige,t Staatsbürger, die gewillt sind, sich an der Abstimmung über den Volksentscheid zu beteiligen, clnzuschüchtern und von der Stimmabgabe abzuhalten. Demgegenüber wird vom Amtlichen Preußischen Pressedienst darauf aufmerksam gemacht, daß ein solches Unterfangen nicht nur dem Geiste der Verfassung widerspricht, sondern unter Umständen auch auf zivilrechtlichem Gebiet ernste Folgen für derartig sittenwidrig handelnde Personen nach sich ziehen kann Der Artikel 118 der Reichsverfassung gewährleistet jedem Deutschen das Recht freier Meinungsäußerung und bestimmt ausdrücklich, daß ihn an diesem Rechte kein Arbeits- oder Anstellungsverhältnis hindern und niemand ihn benachteiligen darf, wenn er von diesem Rechte Gebrauch macht. Würde ein Vertragsverhältnis durch Ausübung des Wahl- oder Abstim- mungsrechtes beendet oder sonst ein wirtschaftlicher Nachteil wegen Beteiligung an der Abstimmung bereitet werden, so konnte^ da die fragliche Bestimmung der Reichsverfassung ein zun, schütze des Staatsbürgers ergangenes Schutzgesetz bedeutet, ein Schadensersatzanspruch aus § 823 Abs. 2 G. B. gegen den Schädiger gestützt werden.
Ein Aufruf der Katholischen Vereinigung für nationale Positk zum Fürstenenteignungsbegehren. Die Katholische Vereinigung für nationale Politik hat an die Katholiken zu dem <xnrstenenteignungsbegehren folgenden Aufruf erlassen: „Katholiken! Denkt an die friedvollen Zeiten für Volk, Kirche und Staat unter den christlichen deutschen Fürsten und daran, wie ihr einst in jeder eurer Tausenden von Versammlungen Treue zu Thron und Altar geschworen habt. Der gegen Moral, Recht und historisches Verdienst verstoßende Volksentscheid ist einzig und erneut Angelegenheit der Novemberleute, denen das deutsche Volk seine jetzige Not verdankt, nicht aber ist er eine Angelegenheit ehrbarer christlicher deutscher Staatsbürger! Beweist die beschworene Treue und haltet euch von dem unsauberen, verbrecherischen Treiben des Volksentscheides fern!"
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Der Vorstand des Bundes Deutscher Lokomotivführer veröffentlicht einen Aufruf gegen den Volksentscheid. Darin heißt es u. a.:Gelingt den radikalen Elementen ihr erster Ansturm, dann werden sie ebenso gegen das Pensionsrecht der Beamten Front machen. Völlige Verproletaristerung der breiten Volksschichten wäre die Folge. Wir aber wollen nicht Verprole- tarisierung, sondern Erhaltung des deutschen Mittelstandes. Deshalb lautet unsere Parole am 20. Juni: Bleibt dem Volksentscheid fern!
Keine Anfwertungsansprüche des Hauses Wittelsbach. Die in der Läsenilichkeit kürzlich ausgestellte Bebauvtuua. dak