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Reisfelder Tageblatt

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yersfelöer Kreisblatt"

Amtlicher Mnzeiger für den Kreis yersfelö

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Rr. 136

Montag, den 14. Juni 1926

76. Jahrgang

Frankreich muß fasten!

„Pain blanc" — weißes Brot, das war der Stolz des Franzosen. Mit Entsetzen und Abscheu sah er auf den Deutschen herab, der da solch ein dunkles, sestes Brot aß. Der Franzose bekam Magenverstimmungen schon dann, wenn er solches Brot nur sah. Und hat es als Gefange­nenmißhandlung betrachtet, als während des Krieges bei uns die französischen Gefangenen selbstverständlich das gleiche Brot essen mußten wie die Deutschen. „Oh, quel malheur!" — welches Unglück — stöhnte so mancher gal­lische Soldat, der aus den Schrecken des Krieges sich in die Arme der Deutschen geflüchtet hatte und nun Kommiß­brot oder gar Kriegsbrot essen mußte.

Schön war es gerade ja nicht und des Krieges Not erzwäng, daß allerhand Sachen in den Teig hineinge­mischt wurden, die nicht gerade sehr angenehm waren. Ebenso unangenehm wie die Folgen der Bestimmung, daß das Getreide so gut wie ganz ausgemahlen werden mußte, das Brot deshalb infolge der darin vorhandenen Kleie weder besonders schmeckte, noch sehr erfreulich aus- sah. Ganz fo schlimm wird's ja jetzt nicht in Frank­reich werden, wo laut Verordnung des Ministerprä­sidenten das Brotmehl mit Mais gestreckt werden muß. Das wird den Franzosen recht schwer im Magen liegen — genau so wie ihre Währung. Daß gleichzeitig auch noch eine Brotpreiserhöhung kommt, wird das Hinunterschlucken dieses Brotes nicht gerade erleichtern. Vielleicht fängt der Franzose an, demnächst das bekannte deutsche Wort zu zitieren:

„Wer nie sein Brot mit Tränen aß, -

Wer nie in kummervollen Nächten

Auf seinem Bette hungernd saß" —

um dann mit voller Wut auf Regierung, Parlament und Bäcker zu schimpfen. Aber damit ist noch nicht des Schreck­lichen genug über Frankreich verhängt worden; auch die „petits fours", die Törtchen, und sonstige Erzeugnisse der Luxusbäckerei sollen eingeschränkt werden. Frankreich fängt jetzt an, zu fasten, und wie ein Klang aus schönen vergangenen Zeiten tönt es in die harte Gegenwart, „der nicht alles. Und wenn der Franzose vor den verödeten Kuchenschüsseln seines Kaffees sitzt, da wird er sich seufzend gestehen müssen, daß er sich den Sieg im Weltkrieg doch ganz anders vorgestellt hat.

Man spricht sogar davon, daß vielleicht die Brot­karte in Frankreich eingeführt werden wird. Frankreich muß den Deutschen alles das nachmachen, was wir im Kriege und nach dem Kriege zu tun gezwungen waren. Aber ohne daß der Franzose es vermeidet, auch die bei uns damals begangenen Fehler zu wiederholen. Was bei einem Volk, das derart in dem Gehorsam gegenüber den Behörden erzogen war wie das deutsche, zur Not noch durchgesetzt werden konnte, was aber trotzdem zu zahllosen Übertretungen der behördlichen Anordnungen führen mußte, wird man in Frankreich viel weniger durch­setzen können. Das gilt auch von der Bestimmung, daß man dort den Zwischenhandel soviel wie möglich unterdrücken will, daß die zugelassenen Zwischenhändler für Lebensmittel sich eine behördliche Handelserlaubnis verschaffen müssen, für die eine hohe Gebühr erhoben werden soll. Wir wissen aus schmerzlicher Erfahrung, was bei solchen Bestimmungen herauskommt. Der Schleich­handel wird auf französischem Boden eine ganz unge­ahnte Blüte erleben. Es wird Gelegenheit geben, hinten­

nun Frankreich do

herum recht viel Geld zu verdienen.

Aber vielleicht wird das alles den Erfolg haben, daß ch endlich Ernst macht mit seiner Wäh- sierung. Wenn erst jeder einzelne

rungsstabilis

merkt, und zwar morgens, mittags und abends — denn der Franzose ißt viel mehr Brot als der Deutsche und hat nicht die Kartoffel als Entschädigung —, dann wird vielleicht der allgemeine Unwille derart anschwellen, daß die Halbgötter im Parlament und in der Regierung end­lich Vernunft annehmen.

Und das wäre auch für uns Deutsche sehr viel an­genehmer und erfreulicher als die leichte Schadenfreude, mit der wir jetzt die französischen Experimente betrachten.

Magm öss BauemstaNhes.

Ein Empfang beim Reichskanzler.

In Vertretung der Vereinigung der deutschen Bauern­vereine hatten sich Hofbesitzer Stamerjohann, Vizepräsi­dent, Dr. Crone - Münzebrock, geschäftsführendes Vor­standsmitglied, und Dr. Kayser, Genealsekretär, zu einer Besprechung der Lage der Landwirtschaft beim Reichs­kanzler eingefunden. Sie führten etwa folgendes aus: In­folge der unzulänglichen Preise für landwirtschaftliche Pro­dukte und der hohen Lasten hat sich in der Landwirtschaft eine schwere Krise herausgebildet. Es muß durch eine gesundeHandelspolitiksür eine Rentabili­tät der Landwirtschaft gesorgt werden und ein entsprechender Abbau der steuerlichen und sonstigen Lasten erfolgen. Im schwedischen Handelsvertrag sind die Agrar- zölle nicht entsprechend hoch festgesetzt worden wie die Jndustriezölle in anderen Verträgen. Herr Stamerjohann wies darauf hiy, daß gerade für bäuerliche Wirtschaft der Schutz der Viehhaltung von ausschlaggebender Bedeutung sei. Herr Dr. Crone machte auf Gefahren, die Sh aus den jüngsten Handelsvertragsverhandlungen für e LandwirtschM ergeben, aufmerksam. Herr Dr. Kavser

Der Reichspräsident in Mecklenburg

HiudetlbmgS Wif in AeustreW.

Hilfe für d i e Landwirtschaft.

Reichspräsident von Hindenburg stattete am Sonn­abend der Regierung von Mecklenburg-Strelitz einen Be­such ab. Bei seiner Ankunft in Neustrelitz wurde der Reichspräsident von dem Staatsminister Dr. Hustaedt, dem Besehlshaber des Wehrkreises II sowie anderen hohen Staatsbeamten empfangen. Der Reichspräsident begab sich in einem offenen Wagen durch die Stadt zum Schloß, lebhaft begrüßt durch die herzlichen Zurufe der Menge. Vor dem Betreten des Schlosses schritt Reichspräsident von Hindenburg die Front der dort versammelten Kriegsteilnehmer von 1866 und 1870/71 ab und nahm anschließend die Meldung der in Neustrelitz ansässigen Generäle entgegen.

Bei einem Frühstück, das zu Ehren des Reichsprä­sidenten im Schlosse gegeben wurde, hielt Staatsminister Dr. Hustaedt eine Ansprache, in der er seiner freudigen Genugtuung über den Besuch Hindenburgs Ausdruck gab. Der Minister erinnerte daran, daß sowohl Marschall Blücher wie der geniale Schlachtenlenker Helmuth vonMoltkeals auch die edle, unvergeßliche Königin Luise Kinder Mecklenburgs gewesen seien. Er wies ferner darauf hin, daß der überwiegende Teil der Mecklen­burger das zum Leben Notwendige mühsam dem Boden «bringen müßte. Die Schwierigkeiten der Wirtschaft treten gerade in dem reinen Agrarlands Meck­lenburg besonders stark hervor.

HBmiiMimimw.....■hihi........mini............in.................iiiimmbwbiiimb wies auf die mangelhafte Berücksichtigung des Bauern­standes bei der Bildung des Wirtschafts-Enquete-Aus- schusses usw. hin.

Der Reichskanzler betonte in seinen Ausführungen, daß er den handelspolitischen Verhandlungen eine große er der Ansicht sei, daß bei der Landwirtschaft zu Beginn der nächsten Ernte ein ausreichender Schutz vorhanden sein müsse. t

Der Mampf um Professor Lessing.

Weitere Protesterklärungen.

Die erwartete offizielle Stellungnahme des preußi­schen Kultusministeriums zum Falle Lessing ist, obwohl Professor Lessing wie auch der Rektor der Technischen Hochschule von Hannover in den letzten Tagen nochmals ihre Ansichten dem preußischen Kultusminister dargelegt haben, bisl'er noch nicht erfolgt. Dagegen hat der Kultus­minister Professor Dr. Becker in einer Unterredung zum Fall Lessing Stellung genommen. Der Minister bedauerte hinerhei, daß sich eine in ihrer überwiegenden Mehrheit sachlich eingestellte Studentenschaft zur offenen Auf­lehnung gegen die Hochschulbehörde und damit gegen die Staatsautorität hat verleiten lassen. Noch bedauerlicher sei es, daß Studenten durch eine Reihe von Stimmen in der Öffentlichkeit in ihrer Auflehnung, gegen Hochschule und Staat unterstützt und ermuntert worden seien. Das illegale Vorgehen der Studentenschaft, das sich heute gegen Professor Lessing wendet, könne sich morgen gegen jeden anderen Dozenten wenden, der aus irgendwelchen Gründen einem Teile der Studentenschaft nicht paßt. Die Studenten trieben in der Angelegenheit Lessing nichts anderes, als daß sie an Stelle von Recht und Gesetz den Behörden das Recht der Straße aufzwingen wollen. Das sei nackter Terror, der nicht weniger Terror wird dadurch, daß er ein akademischer ist. Das kann in einem Rechtsstaat nicht geduldet weden und wird von der preußischen Regierung auch nicht geduldet werden. Weiter betonte der Minister, daß kein einziger Student wahllos relegienrt worden sei, sondern Unter­suchung und Urteil sind in den gesetzlich vorgeschriebenen Formen erfolgt und werden in gleicher Weise ihren Fort­gang nehmen.

Nach diesen Darlegungen des Kultusministers sieht man in den Kreisen des Lehrkörpers der Technischen Hoch­schule Hannover keinen Weg, wie der Konflikt beigelegt werden könnte. Das Professorenkollegium beharrt auf dem in seiner Erklärung vom 10. Juni gekennzeichneten Stand­punkt, wonach es ein Zusammenarbeiten mit Professor Lessing ablehnt. Die Studentenschaft der Technischen Hochschule wird auch am kommenden Montag geschlossen dem Hochschulbetrieb fernbleiben, weil sie nicht gewillt ist, fernerhin zugleich mit Herrn Professor Lessing in den Räu­men der Hochschule zu weilen. Sie bringt dadurch nur zum Ausduck, daß sie jede Gemeinschaft mit Herrn Professor Lessing ablehnt. In Verfolg der Anregung des Vorstandes der Deutschen Studentenschaft bleibt die Stu­dentenschaft der Technischen Hochschule Hannover auch am darauffolgenden Dienstag der Hochschule fern, um gemein­sam mit der ganzen deutschen Studenten- schast gengen die Haltung und die Maßnahmen des preußischen Kultusministers Dr. Becker zu protestieren. Wie es heißt, soll in sämtlichen Hochschulen eine Streikpropaganda für den Fall eingesetzt haben, wenn es zu einer Schließung der Hochschule in Hannover kommen sollte. Der Bund Alter Akademiker hat auf

Nach einem Hoch auf den Reichspräsidenten dankte Hindenburg für die ihm zuteil gewordene freund­liche Begrüßung. In seiner Erwiderungsrede betonte er besonders, daß er wohl wisse, daß besonders die Land­wirtschaft Mecklenburgs mit ernsten Schwierigkeiten kämpfe. Der Reichspräsident ver- S, daß die Reichsregierung auch weiter das in ihren en Stehende tun werde, um helfend einzugreifen und eine Erleichterung der Verhältnisse für die Landwirtschaft herbeizuführen. Was er selbst dazu beitragen könne, werde geschehen. Im übrigen hoffe er, daß die allgemeine Erholung der deutschen Wirtschaft auch den Landwirten bessere Zeiten bringen werde. Dazu gehöre aber, daß wir, ein jeder an seinem Platze und in seinem Berufe, einträchtig zusammenarbei­ten für das Wohl und die bessere Zukunft unseres Vater­landes. Der Reichspräsident schloß mit herzlichen Wün­schen für das Blühen und Gedeihen des Landes und mit einem Hurra auf Mecklenburg-Strelitz und das deutsche Vaterland.

Nach dem Frühstück fand eine Fahrt nach dem Schloß Hoheuzieritz statt, wo das Sterbezimmer der Königin Luise besichtigt wurde.

Nach dem Wiedereintreffen in Neustrelitz nahm der Reichspräsident vom Schlosse aus den Vorbeimarsch des aus Innungen, Korporationen, Vereinen und sonstigen Verbänden zusammengestellten Festzuges ab. Nach einem anschließenden kurzen Imbiß trat der Reichs­präsident die Rückreise nach der Reichshauptstadt an.

»einer tn Hannover avgenhauenen Tagung eine Ent­schließung gefaßt, in der ausgeführt wird, daß der preu­ßische Kultusminister durch seine schweren Mißgriffe die Autorität feines hohen Staatsamtes untergraben habe. Die Versammlung stellte mit Bedauern fest, „der Minister demrker und der Bürgerschaft Hannovers. Den Studenten in Hannover sind weiterhin zahlreiche Sympathiekundge­bungen zugegangen, während sich mehrere republikanische Studentenvereinigungen für Professor Lessing ausge­sprochen und ihn aufgefordert haben, auf seinem Posten auszuharren. Die I n d u st r i e- u n d H a n d el s k a m - mer Hannover hat beschlossen, den Minister für Handel und Gewerbe zu bitten, beim Kultusministerium auf eine sofortige Beilegung des Hannoverschen Hochschul- streites hinzuwirken.

Der Magistrat der Stadt Hannover hat einstimmig be­schlossen, Professor Dr. Lessing zu ersuchen, daß er von seinem Lehramt an der Technischen Hochschule freiwillig zurücktrete. Professor Dr. Lessing hat in der Verhandlung mit Oberbürgermeister Dr. Menge dieses Ersuchen abge­lehnt. Der Magistrat wird nunmehr am Dienstag über weitere Schritte Beschluß fassen. Prof. Lessing erklärte, daß jetzt nicht mehr seine Person in Frage stehe, sondern die ganze Angelegenheit jetzt eine Angelegenheit der Staatsgewalt sei. Prof. Lessing beabsichtigt nicht, feine Vorlesungen abzusagen.

Der engSisch-russische Konflitt.

EinProtest de ^Gewerkschaftskongresses.

' Der Wortlaut der englischen Protestnote an Rußland wegen der Streikgelder für die Begarbeiter soll erst ver­öffentlicht werden, wenn die Note in Moskau überreicht worden ist. Der diplomatische Korrespondent des „Daily Telegraph" erklärt, die Note stelle kein Ultimatum dar, sondern sei nur eine Präliminarnote. Sie beziehe sich Acht auf das gegenwärtige Verhalten der Sowjets zum Kohlenstreik, das noch durch ein Kabinettskomitee geprüft werde, sondern nehme auf die Vorgänge während des Generalstreiks Bezug. Die Note soll der Sowjetregierung einen höflichen aber bestimmten Wink übermitteln, daß, falls sowjetrussisches Geld weiterhin den englischen Berg arbeitern übersandt werde, Moskau einen weiteren und stärkeren Potest erwarte» könne, der einem Ultimatum gleichkommen würde und einen Bruch der diploma­tischen Beziehungen i n s i ch schließe. Nach einer Reutermeldung aus Moskau hat die englische Berg- arbeitergewerkschaft am 8. Juni die Summe von 300 000 Rubel, ungefähr 30 000 Pfund, erhalten. Einschließlich früher bereits erhaltener Zahlungen hat die englische Ge­werkschaft nunmehr ungefähr 362 000 Pfund aus Rußland erhalten.

Der russische Geschäftsträger in London läßt durch die Presse eine Erklärung veröffentlichen, in der es heißt, daß die Sowjetregierung niemals Gelder irgend­einem britischen Streikfonds überwiesen hat. Der Ge­neralrat des Gewerkschaftskongresses hat an Ministerpräsident Baldwin mit Bezug auf die englische Note an Rußland ein Schreiben gerichtet, in dem er nach­drücklich Protest dagegen einlegt, daß man versuche, dem Bestreben der russischen Gewerkschaftskreise, die den englischen Arbeitern helfen wollten, eine falsche Be­deutung unterzuschieben, und daß man von der Tatsache dieser Unterstützungsbestrebungen in einer Weise Gebrauch mache, die geeignet sei, die Beziehungen zwischen der englischen Regierung und Sowjetrußland ernstlich au gefährden. .......