Hersfelöer Tageblatt
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Nr. 129
Sonnabend, den 5. Juni 1926
76. Jahrgang
Wissenschaft ist Trumpf.
Nein, es macht wirklich kaum noch Spaß, Verbrecher zu sein. Man wird allzu leicht überführt. Schon das war, vom Standpunkt des Einbrechertums aus gesehen, eine Gemeinheit, daß ein Geldschrank erfunden wurde, der als einbruchssicher gelten kann, weil es viel zu viel Lärm macht, ihn aufzubrechen. Er besteht nämlich im Kern aus Eisenbetonklötzen und stundenlang mühten sich die erfahrensten „Einbrecher" der Berliner Kriminalpolizei vergeblich an der gewaltsamen Öffnung des Schlankes ab. Und nun gar der arme Berliner Chauffeur, den man gefesselt und halbnakt im Schilf am User der Havel auf- fand und der behauptete, von seinen Fahrgästen niedergeschlagen und beraubt worden zu sein! Tagelang habe er schon dagelegen — da stellte man durch Auspumpen des Magens im Krankenhause fest, daß er ein paar Stunden zuvor — sein Mittagbrot verzehrt hatte. Da kam dann auch bald heraus, daß er nicht ein „Opfer" seiner Fahrgäste, sondern s^ner Spielverluste geworden war. Vielleicht ist jetzt seine Leidenschaft durch das Bad in der Havel etwas abgekühlt und seine Heilung wird er wohl in aller Ruhe hinter schwedischen Gardinen fortsetzen können.
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Aber schließlich: gegen den T o d ist doch letzten Endes kein Kraut gewachsen. O e s e r, der Generaldirektor der Reichsbahngesellschaft, hat schon einmal dicht vor den dunklen Toren gestanden, durch die er jetzt hat hindurchgehen müssen. Damals hat ihn eine große Bluttransfusion für eine Zeitlang gerettet: das Blut eines Jugendlichen, das dem Todkranken in die Adern geleitet wurde, hat ihm noch eine kurze Fortsetzung des Lebens gestattet. Gleichgültig, ob politischer Freund oder Gegner — beide Teile sind einstimmig der Ansicht, daß hier ein Mann auf der Bahre liegt, der die Erfolge seines Lebens seiner gewaltigen Arbeitskraft verdankt. Trotz geradezu unglaublicher Widerstände von allen Seiten — nicht bloß im Inland — hat er doch die entsetzlichen Verhältnisse persönlicher und wirtschaftlicher Art, wie sie nach dem Kriege bei der Eisenbahn eingerissen waren, mit hartnäckigem Festhalten an dem für richtig Erkannten, saniert. Und " das war wrettE-uML-lLiM. .Und manchmal, namentlich seit der Umorganisation der Reichsbahn auf e>tuno.. öe», Dawes-Planes, waren die Verhältnisse stärker als er. — Fast gleichzeitig mit ihm ist ein anderer ins Grab gesunken, der als Minister schon längst vergessen ist, dessen nachministerielle Wirksamkeit aber noch lange nicht vergessen wird. Es ist der frühere preußische Handelsminister v. Berlepsch. Weitesten Kreisen war er bekannt als Begründer und Vorsitzender der Gesellschaft für Soziale Reform, der übrigens auch noch ein anderer fehr bekannter Minister der Vorkriegszeit angehörte, der „Gras
im Bart", Posadowsky nämlich. Trotz seines hohen Alters hatte sich Minister v. Berlepsch immer noch den Arbeiten seiner Gesellschaft gewidmet, die namentlich vor
dem Kriege auf unsere Sozialpolitik einen ganz außerordentlich großen Einfluß hatte. Die Soziäldemokratie hat diese „bürgerlichen" Sozialpolitiker viel angefeindet, der Rechten waren sie viel zu radikal; aber in dieser großen Vereinigung von Politikern, hohen Verwaltungsbeamten, Wirtschaftlern, Gewerkschaftsführern und Professoren ist sehr, sehr viel bedeutungsvolle Vorarbeit für die soziale Gesetzgebung geleistet worden. Auch Minister v. Berlepsch hatte noch im hohen Alter schwer mit der Not der Zeit zu kämpfen; nur einmal in der Woche während der schlimmen Zeiten 1922 und 1923 kam Fleisch auf den Tisch dieses ehemaligen Ministers. Jetzt ruht er aus von einem langen, arbeitsreichen Leben. Auch er hat keinen Feind hinterlassen, weil sein Wollen rein war.
Doch noch einmal gesagt: Blut ist ein ganz besonderer Saft, das soll jetzt auch hinsichtlich der — Vaterschaft benutzt werden. In Wien will nämlich ein Gelehrter festgestellt haben, daß man die Vaterschaft bzw. Nichtvater- schaft hinsichtlich eines Kindes durch Blutreaktion wissen- fchaftlich beurteilen könne. Das Blut des Kindes weist nämlich die charakteristischen Merkmale des väterlichen Blutes auf, und ein Vergleich zwischen den beiderseitigen Blutproben ermögliche ein Urteil, ob die Vaterschaft vor- liegt oder nicht. Das hat nun ein Berliner Gericht benutzt und hat in einer Alimentationsklage beschlossen, daß dem verklagten Vater, der Mutter, dem Kind und einem anderen Mann, dessen Vaterschaft angeblich auch in Frage kam, die Durchführung dieser Blutsprobe auferlegt wird. Je nachdem wie diese nun ausfällt, soll auch die Entscheidung fallen. Die Sache ist insofern sensationell, als ein derartiger Beschluß, vor allem aber eine wissenschaftlich exakte Feststellung durch Blutprobe auf vielen Gebieten des Rechts, die weitestgehenden Folgen zeitigen würde. Erinnert sei z. B. an den Wohl nicht ganz vergessenen Kwilecki-Prozeß, wobei der Streit um die Vater- bzw. Mutterschaft die entscheidende Rolle spielte. Es gibt ja nicht wenige Prozesse dieser Art. Auch die — moralischen Folgen einer solchen wissenschaftlichen Entdeckung wären nicht zu verachtende. In Wien hat denn auch die erste Kunde von dieser Entdeckung nicht bloß gewaltiges Aufsehen, sondern auch in manchen Kreisen heftige — Besorgnis erregt. Aber — Wissenschaft ist Trumpf.
. ■ , . . . Dr. Pr.
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Die 700-3ahr-Feier in Lübeck
Lübecks Ehrentag.
Die offizielle Feier aus Anlaß des 700. Jahrestages der Reichsfreiheit Lübecks begann Freitag vormittag im Stadttheater. Es waren u. a. erschienen: Rcichs- Verkehrsminister Dr. Krohne als Vertreter des Reichspräsidenten, des Reichskanzlers und der Reichsregierung, Reichspressechef Ministerialdirektor Dr. Kiep, der Vizepräsident des Reichstages, Geheimrat Dr. Rießer, eine Reihe von Mitgliedern des Reichsrates, Vertreter deutscher und ausländischer Staaten, die Präsidenten der Senate der Freien Hansestädte Hamburg, Bremen und Danzig.
Im Namen des Senats und der Bürgerschaft Lübecks sprach der Ehrenvorsitzende des Hauptausschusses für die Jubiläumsfeier, Senator Dr. Vermehren, die begrüßenden Worte.
Michsverkehrsemmster Dr» Krohne sprach im Namen der Reichsregierung und führte aus:
Zu seltener Feier haben wir uns zusammengefunden, es gilt, die alte Stadt Lübeck am 700. Jahrestage ihrer Reichsfreiheit zu ehren. Durch seine hohe Kultur, durch wirtschaftliche und staatenbildende Leistungen in gleicher Weise ausgezeichnet, hat Lübeck in der deutschen Reichsgeschichte eine weit über seine Grenzen hinausreichende Mission erfüllt. Gruß und Glückwunsch gelten der Hüterin des Deutschtums an der Ostsee, der Vorkämpferin für die Wiedergewinnung der Ostseeküste an das deutsche Volks- tum, dem sie in der unruhevollen Zeit der Völkerwanderung verlorengegangen war. Bei der innigen Verknüpfung Lübecks mit dem Deutschen Reich und der deutschen Wirtschaft, in dessen aufsteigender Entwicklung sich der kleine Stadtstaat durch große eigene Werke vorausschauend seine eigene Verkehrsgrundlage geschaffen hatte, konnte es nicht ausbleiben, daß die schwere Krisis auch das wirtschaftliche Leben von Lübeck erfaßt hat. Und so liegt auch über dieser Feier der Schatten banger Sorge um die
Wlkstums
Mosciekis Vereidigung»
Die Kommunisten machen Lärm.
In Gegenwart der Mitglieder der Nationalversammlung, des Kabinetts und des Diplomatischen Korps wurde am Freitag im Großen Saal des Warschauer Schlosses die Vereidigung des Staatspräsidenten Moscicki vorge- nourmen. Nachdem der Präsident der Nationalversamm- lung an Moscicki die . Frage gerichtet hatte, ob
- er willens sei, das Amt ' "Mn zu übernehmen, und Ä , V ' Präsident Moscicki be-
M jahend geantwortet hat- ' y te, schritt man zur Ber- . eidigung. Im Anschluß " daran erfolgte im Mar-
1 mors aal die feierliche | Unterzeichnung derEin-
- /' ! fetzungsurkunde. Der
■ : Staatspräsident nahm " ’ dann die Glückwünsche x ? des Kabinetts und der ■ dsT / " Vertreter der auswär- ' tigen Mächte entgegen- I Die Zeremonie der ’ Vereidigung wurde 4 durch kommunistische Zwischenrufer gestört. . Der Staatspräsident < X hatte gerade die letzten ' Worte des Eides ge-
’ Präsident Moscicki. sprachen, als Rufe er- ■ tönten: Wir verlangen
Freilassung der politischen Gefangenen und Arbeit für die Arbeitslosen. Diese Störung rief in der Versammlung, die den Kommunisten mit Hochrufen auf Polen und Moscicki antwortete, große Erregung hervor. Allge- nrein wurde bemerkt, daß die Sozialisten geschlossen der Feier ferngeblieben sind. Präsident Moscicki wird ebenso wie Marschall Pilsuldski im Schloß Wohnung nehmen, r ' -----------------------------
Die Trazzer um OZser.
Wer wird sein Nachfolger? '
Die Trauerseier für den verstorbenen Generaldirektor der Deutschen Reichsbahngesellschaft Oeser findet in dem Verwaltungsgebäude der Reichsbahngesellschaft am 7. Juni statt. Neben zahlreichen anderen Ehrengästen werden u. a. sämtliche 31 Eisenbahnpräsidenten Deutschlands an der Trauerfeier teilnehmen. Gleichzeitig mit der Berliner Trauerfeier werden auch sämtliche Eifen- bahndirektionen örtliche TrauerfLiern veranktalten. Im
Jahre der Freien und Hansestadt mit ihrem Auf und Nieder schwerer, fast vernichtender Kämpfe und der immer wiederholten Befreiung aus eigener Kraft mögen dem deutschen Volke ein Beispiel sein, an dem es sich aufrichtet zur Hoffnung auf eine neue Zukunft.
Ein Handschreiben Hindenburgs.
Insbesondere gereicht es mir zur hohen Ehre, namens des Herrn Reichspräsidenten nachstehens Handschreiben von ihm an den Senat Lübecks vorlesen zu dürfen:
Sehr geehrte Herren! Zur Feier der Erinnerung an die vor 700 Jahren durch den Hohenstaufenkaifer Friedrich II. vollzogene Verleihung der 8!eichsfreiheit an die Stadt Lübeck entbiete ich Ihnen und den Einwohnern der Stadt meinen Gruß und den Ausdruck meines aufrichtigen Gedenkens. Meine wärmsten Glückwünsche gelten heute dem Wohl und der weiteren Entwicklung der alten Hansestadt. Möge sie die Rückschläge der neuesten Zeit kraftvoll überwinden und einer Zukunft entgegengehen, würdig ihrer großen Vergangenheit. Möge sie, getreu den Überlieferungen der Väter, ihre Söhne weiterhin erziehen zu treuen Mitarbeitern an Deutschlands Aufstieg und Größe, gez. von Hindenburg.
Die Grüße des Reichstages überbrachte Vizepräsident Geheimrat Dr. Rießer, im Namen des Reichsrats sprach der bayerische Gesandte Dr. von Preger. Nach weiteren das gerneinsame Geschenk dieser Städte an Lübeck, die St. zig, Finnland, Lettland, Estland, Litauen, Dänemark und Schweden sowie des mecklenburgischen Ministerpräsidenten, Freiherrn von Brandenstein, im Austrage der angrenzenden deutschen Länder hielt Studienrat Dr. Fritz E n d r e s die Festrede.
Darauf begab sich die festliche Versammlung in die benachbarte Katharinenkirche, wo mit festlichen Ansprachen der Präsidenten der Senate von Hamburg und Bremen das gemeinsame Geschenk dieser Städte an Lübeck, die St. Jürgengruppe, die Nachbildung eines Meisterwerks des lübeckischen Bildschnitzers Bernt Notke aus dem Jahre 1490, feierlich enthüllt wurde. Später fand im Ratsweinkeller ein festliches Mahl statt.
Läuerhaus sind s^/r -a;c Beikind^ tun ogrvurrgen, u. -. des Reichspräsidenten und des Reichskanzlers, eingegangen.
Die Geschäfte des verstorbenen Generaldirektors der Deutschen Reichsbahngesellschaft, Oeser werden bis auf weiteres vom stellvertretenden Generaldirektor Dr. Dorp- müller fortgeführt. Die Wahl des Nachfolgers nimmt der Verwaltungsrat der Deutschen Reichsbahngesellschaft, der aus 18 Mitgliedern besteht, vor, und zwar muß eine Dreiviertelmehrheit erzielt werden. Der Reichspräsident muß den Gewählten bestätigen. Obwohl dem Verwaltungsrat vier Ausländer angehören, muß den Gesetzesbestimmungen nach ein Deutscher den Generaldirektorposten einnehmen. Als Nachfolger Oesers wird vielfach der ehemalige Reichskanzler Dr. Luther genannt.
Mit dem Amt des Generaldirektors der Reichsbahn sind verhältnismäßig hohe Bezüge verbunden. Der verstorbene Generaldirektor Oeser bezog alles in allem, einschließlich der besonderen Zulagen und Aufwandsgelder, ein Jahresgehalt von rund 100 000 Mark. Um einen Vergleichsmaßstab zu haben, sei hier mitgeteilt, daß der Reichspräsident ein Gehalt von 60 000 Mark und die Summe von 120 000 Mark als Aufwandsgelder erhält. Der Reichskanzler bezieht ein Gehalt von 33 000 Mark und 18 000 Mark Aufwandsgelder, wohinzu noch neuerdings ein Wohnungsgeldzuschuß in Höhe von 2100 Mark getreten ist. Wie daraus zu ersehen ist, muß die Stellung des Generaldirektors der Reichsbahn als eine der best- dotiertesten überhaupt gelten.
(177. Ditzung.)
preußischer Lauöiag^
tt. Berl in, 4. Juni.
Vor Eintritt in die Tagesordnung gibt Abg. Dr. von Campe (D. Vp.) eine Erklärung ab, die auf die Ausführungen des Vertreters des preußischen Innenministers, Ministerialdirektors A b e g g, vom 1. Juni im Preußischen Landtage Bezug nimmt, und in der davon gesprochen wurde, daß die Aktion der Polizei in der P u t s ch a n g e l e g e n h e i 1 von einem prominenten Mitgliede einer Rechtspartei der Polizei gegenüber lebhaft begrüßt worden sei und daß ferner der Polizei angeregt worden sei, in möglichst weitem Umfange die Durchsuchungen vorzunehmen, scharf zuzugreifen und selbst vor der Immunität nicht haltzumachen. Redner erklärt, die von Ministerialdirektor Abegg herangezogene Erklärung sei etr^ Äußerung des Außenministers Dr. Stresemann, Ä
die in einer telephonischen Unterredung mit Herrn Dr. Friedensburg als Vertreter des Polizeipräsidenten gefallen ist. Redner verliest dann eine zu der Sache veröffentlichte Erklärung des Ministers Dr. Stresemann, in der dieser sagt, seine Äußerung sei vor dem Bekanntwerden der amtlichen Veröffentlichung über die angeblichen Putschgefahren erfolgt. Dann heißt es weiter: „Ich habe mich aus den inzwischen be- kanntgewordenen Akten und nichtamtlichen Veröfsentlichun- nicht davon überzeugen können, daß die Voraussetzungen ~ "" 'en der Regierung tatsächlich gegeben it. die Richtigkeit dieierAusfübrnnaen
gen nicht davon überzeuge für ein derartiges Vorgehe Waren." Der Redner schließe