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HersMer Tageblatt

Hersfel-er Kreisblatt'

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Nr. 117 Freitag, den 21. Mai 1826 76. Jahrgang

Frankreichs Mihmngskatafirophe.

Man kann es verstehen, daß die Franzosen an­fangen, nervös, sogar sehr nervös zu werden. Der Sturz ihrer Währung ist ja auch geradezu kata­strophal; am Dienstag hatte man in Paris für das Pfund Sterling über 178 Frank bezahlen müssen, für den Dollar über 36 und für die deutsche Hundertmarknote fast 900 Frank. Das war bisher der tiefste Stand; eine leichte Er­holung fetzte dann ein, aber sie ist sehr geringfügig ge­blieben. Die Flucht aus dem Frank ist die Parole drüben und namentlich im Ausland.

Die Franzosen sind aber vor allem darüber erregt, daß England es gewesen ist, das dem Frank wieder den ersten Stoß gab. Dabei haben die Engländer mit ihren Frankverkäufen nur aus überaus verständlichem Grunde gehandelt: es galt, den Sterlingkurs während des Generalstreiks mit feinen gewaltigen Störungen des Wirtschaftslebens unter allen Umständen zu halten, und das geschah eben einsach dadurch, daß die Banken von England ebenso wie dieStock Exchange", die Londoner Börse, Frankwerte und -devisen eifrigst verkaufte. Übri­gens natürlich auch andere Devisen, so daß beispielsweise auch die Lira ins Wanken geriet. Das hat nun aber Italien wieder veranlaßt, sich der notleidenden fran­zösischen Devisen zu entledigen und dadurch die Lira zu stützen. Außerdem stand die sranzösische Regierung wieder einmal vor der unangenehmen Aufgabe, zwei Milliarden Schatzanweisungen einlösen zu müssen, was man durch Ausgabe neuer Titres durchzuführen beabsichtigte.

Der Hauptgrund für den Franksturz, die Flucht aus dem Frank, liegt aber doch wohl in der Tatsache, daß die französische Wirtschaft der Währung ebensowenig traut wie das Ausland; daß also für die Zahlungen an aus­ländische Lieferanten Goldkalkulation und Devisenbezah- lung zur Notwendigkeit geworden ist, weil man sonst beim Export ins Ausland allzu große Währungsverluste er­leidet. Wir kennen das aus früherer bitterer Erfahrung und begrüßen diese Umstellung, weildadurch die französische gerade für uns so gefährliche Unterbietung wenigstens teilweise beseitigt wird. Dafür braucht die krenzösische Im-.. __immer mehr Devisen, stößt den Frank ab und die Katastrophe dehnt sich aus.

Verschärfend hat dabei aber noch gewirkt, daß die Frage der französischen Schuldenabzahlung an England immer noch nicht geklärt ist, daß die Reise des französischen Finanzministers nach London vorläufig nicht die ersehnten Resultate zeitigte. Angeblich soll Eng­land eine Jahreszahlung von 6 Millionen Pfund, also 150 Millionen Goldfrank, Verlangen was Frankreich zu öezahlen Wohl in der Lage wäre. Denn sein wirt­schaftlicher Zustand ist gut, die Handelsbilanz aktiv, das Staatsbudget ist in Ordnung gebracht allerdings wird auch dorthinein der Franksturz wieder sehr erhebliche Ver­wirrung bringen. Die Möglichkeit einer Intervention be­steht zwar, denn der Goldbestand der Bank von Frank­reich ist sehr erheblich und man verfügt außerdem immer noch über 90 Millionen Dollar der Morgan-Anleihe, die wie ein drohendes Gespenst am Horizont der Baissespeku­lanten steht. Aber man hat in Deutschland das Beispiel dafür vorAugen, daßeinderartigesEingreifen des Staates auch ohne jeden dauernden Erfolg bleiben kann. Man will zunächst die auch früher bei uns vorhandene Devisenzentrale einrichten, von der aus die Zuteilung erfolgen soll, was eine scharfe Kontrolle über den Bedarf und damit den Außenhandel ermöglichen foK. Wahr­scheinlich aber wird man trotzdem munter fortfahren, die für den Export erzielten Devisen im Ausland stehenzu- lassen, eine Kapitalflucht also, die ja bei uns einstens auch sehr beliebt war. Dagegen soll nun ein Kapitalfluchtgesetz helfen!

Notstandsmaßnahmen sind das alles, aber keine wirk­liche Heilung. Noch profitieren allzu große Teile der In­dustrie am Währungsverfall. Aber der Schrei nach Rück­kehr zur Goldwährung wozu Frankreich zweifel­los imstande ist wird jetzt doch vielleicht die Egoisten zum Schweigen bringen. Und wir Deutsche würden es begrüßen, wenn das störende Moment des Franksturzes aus den internationalen Wirtschaftsbeziehungen ver­schwinden würde.

Posen gegen Warschau. Nervenzufammenbruch des ehemaligen Kriegsministers. Nach Warschauer Meldungen wird die Polnische Nationalversammlung zur Wahl eines neuen Staatsprä­sidenten Ende Mai zusammentreten. Marschall P i l - sudski soll nach Pressemeldungen entschlossen sein, eine Kandidatur abzulehnen. Die Mission des Senats­präsidenten in Posen, einen Ausgleich zwischen War­schau und Posen herbeizuführen, scheint gescheitert zu sein. Die Regierung Bartel erklärte, daß die ablehnende Haltung der Posener Truppen die Befriedung des Landes nur hinauszögern werde, aber nicht von ausschlaggeben­der Wirkung sei.

. Große Sensation hat die Nachricht von dem plötz­lichen Nervenzusammenbruch des Kriegsmi­nisters aus dem Witoskabinett, Malczewski, Hervorge- rusen, der bei seinen Ansällen schreit, daß er keine Schuld an dem Blutvergießen der letzten Tage inWarschau ftage.

GaS- und Luftkrieg

Deutschlands Wehrlosigkeit.

Asse Graf Bernsiorffs in Genf.

Bei der Abrüstungskonferenz in Genf zeigen sich bei den praktischen Fragen starke Meinungsverschiedenheiten überoffensive" unddefensive" Rüstungen, d. h. wohl überhaupt über die e r n st h a f t e Absicht, sich dem Ab­rüstungsgedanken zu unterwerfen. In dieser Beziehung sind auch die Auseinandersetzungen interessant, die sich über den Begriff derpotentiellen" Kriegsstärke ent­spinnen. Man versteht darunter das Bestehen von Wer­ken und Industrieanlagen zur Herstellung von Kriegs­material. In der Donnerstagsitzung des Ausschusses nahm der deutsche Vertreter, Graf Bernstorfs, das Wort zu einer größeren Darlegung, in der er die Lage Deutschlands besonders beleuchtete. Er führte u. a. aus:

Die Errichtung des Völkerbundes hat ja' den Krieg mit wenigen Ausnahmen unmöglich gemacht und jenen Grund von Sicherheit geschaffen, der eine Abrüstung er­möglichen sollte.

Man hat hier überhaupt von der fehlenden Sicher­heit gesprochen. Die ganze Diskussion hätte sich doch auf der Annahme aufbauen sollen, daß diese Sicherheiten bis zu einem gewissen Grade erreicht sind. Der Völkerbund und die durch ihn eingeschränkte Rüstungsfreiheit der Staaten sind in den meisten Reden unerwähnt geblieben. Wir in Deutschland haben in bezug aus die Entwaffnung eine große Erfahrung, aber unsere Erfahrung in Rüstungsfragen ist in den letzten acht Jahren weniger groß. Ich will nicht etwa einen formellen Vorschlag unterbreiten, aber ich möchte die Anregung machen, daß Gaskrieg und Luftkriegflugzeuge verboten werden. Das wäre der beste

ver ganzen Welt-ElnbrnA machest. Der belgische Vertreter habe gefordert, daß jedes Land in der Lage sein solle, seine Zivilbevölkerung gegen Luftangriffe zu verteidigen. Dies ist in Deutschland nicht der Fall, denn Deutschland darf keinen Schutz gegen Luftangriffe besitzen! Für Deutsch- ®®S®ffi$äBS^S®B6^^

sondern daß General Zagurski der Alleinschuldige sei, der selbst vom Aeroplan aus Bomben auf Warschau geworfen habe. Malczewski mußte sofort in eine Nervenheil­anstalt übergeführt werden.

Keine Aufwerfung des Sottn'egsgeldes.

Revisionsverhandlung vor dem Reichsgericht.

Der 4. Zivilsenat des Reichsgerichts in Leipzig hat unter dem Vorsitz des Senatspräsidenten Dr. Meyer als Revisionsinstanz die Klagen des Oberfeuerwehrmannes Jänsch-Dortmund und des Betriebsanwalts Winter-Leip­zig, hinter denen der Reichsbankgläubigerverband steht, gegen die Reichsbank auf Anerkennung der Vorkriegsbank- noten abgewiesen. Die Kosten der Revisionsinstanz wer­den den Revisionsklägern auserlegt. Die Entscheidungs­gründe werden später bekanntgegeben.

Der Zusawmenhruch von 1918»

Erklärungen des Abg. Dittmann.

Im Untersuchungsausschuß über die Ursachen des Zu- sammenbruchs Wandle sich der Abg. Dittmann in Erwiderung auf das Referat des Abg. Brüningshaus gegen die Unter­stellung, er habe falsch zitiert und Akten gefälscht. Es gehöre eine starke Stirn dazu, nach den vorliegenden Dokumenten noch zu behaupten, daß eine Tätigkeit von Lockspitzeln nicht erwiesen sei. Nicht ein einziges Dokument sei in all den Ver­fahren ermittelt worden, das auf eine Verschwörung zur Wehr- losmachung der Flotte schließen lasse. Würde man bei der gegenwärtigen Verfolgung der Rechtsputschisten die damaligen Urteilsgründe anwenden, dann müßten ohne weiteres alle jetzt Beteiligten

wegen vollendeten Aufstandes verurteilt

werden. Die Tatsache sei nicht wegzuleugnen, daß die Rechts­berater der Marineleitung die Todesurteile als Fehlurteile be­zeichnet hätten und daß Admiral Scheer sie doch bestätigt habe. Die vom Abg. Brüninghaus angeführten Proteste der Marine­vereine seien tatsächlich bestellte Arbeit gewesen. Der Redner verlas weiter zahlreiches Material, das Klagen über die Be­handlung der Mannschaften und das Treiben der Offiziere in der Marine enthielt. Er könne nachweisen, daß Prinz Hein­rich von Preußen dem Staatssekretär von Capelle erklärt habe, er laffe sich keine Vorschriften darüber machen, ob er die Schriften der Alldeutschen in den Schiffen auslegen lasse oder nicht. Für die Richtigkeit der Behauptungen, daß die Unter­suchungsführer

Terror geübt

hätten, lagen viele dokumentarische Beweise vor. Dr. Lösch habe die Todesurteile gestützt aus Aussagen des Lockspitzels Adams hin, den derselbe Dr. Lösch als einen Hysteriker und Psychopathen bezeichnet habe. Mit Objektivität und Gerechtig­keit habe das Verfahren Dobrings und Löschs nichts zu tun. In raffinierter Weise seien die Vernehmungsprotokolle so ab- gefatzt worden, datz bU Leute damit hineingeriIen worde»

land ist es im Augenblick nicht einmal möglich, auch nur seine Hauptstadt gegen Luftangriffe zu verteidigen.

Zur Frage der potentiellen Kriegsstärke wies der deutsche Delegierte darauf hin, daß Deutschlands wich­tigste Industriegebiete an der Grenze gelegen und gegen jeden Angriff wehrlos seien. Bei der Beur­teilung der Verwendung der wirtschaftlichen Hilfsmittel des Krieges müsse man in Betracht ziehen, daß gewisse Länder darauf angewiesen seien, Rohmaterialien und Nahrungsmittel aus dem Auslande und aus den Kolo­nien zu beziehen. Auch die Ernährung und Versorgung Deutschlands hänge zum großen Teil vom Ausland ab. Wichtige Fragen seien bisher in der Diskussion nicht ein­mal gestellt worden.

Warum spricht der Fragebogen, fuhr Bernstorff fort, so wenig von der Möglichkeit eines Verbotes von Luft­angriffen, des Gaskrieges, der schweren Artillerie, der Tanks? Warum spricht er nicht von der Herabsetzung oder Ausschaltung gewisser Kategorien der bestehenden Waffen? Er, der Redner, müsse feststellen, daß der Völker­bund und die Kommission etwas erreichen müssen, wenn nicht beide in der Öffentlichkeit schweren Schaden leiden wollen. Die Regierung der Deutschen Republik sei bereit, jeder Regelung sich anzuschliefftzu, die Europa und die Welt einer wirklichen Herabsetzung der Rüstungen ent- gegenführt.

Die bisherigen Verhandlungen hätten den Eindruck bei ihm erweckt, daß man bisher mehr Gründe gesucht Hütte für den Satz:Wie kann man der Abrüstung aus dem Wege gehen?" als zu der anderen Frage:Wie kann man zu einer Abrüstung kommen?"

Sofort nach dem deutschen Vertreter erhob sich Lord Robert Cecil, um den vom Grafen Bernstorff angeführten Gedanken zu unterstreichen, daß durch das Bestehen des Völkerbundes gegenüber der Vorkriegszeit eine vollkom­men veränderte Lage geschaffen sei EstÄMd könne sich, nicht vorfteüen, daß e» noch irgendeinen anderen Krieg geben könne, als einen Völkerbundkrieg gegen einen An- greiserstaat. Er wies sodann darauf hin, daß die Inter­nationale Konferenz zur Kontrolle des Waffenhandels im vergangenen Jahre sich in ihrem Schlußprotokoll ausdrück­lich gegen den Gaskrieg ausgesprochen hat. ..... /

Explosion einer Pulverfabrik.

Etwa 20 Tote und 30 Verletzte.

Bei Wertheim a. M. flog in dem bayerischen Ort H a ß l o ch die Pulverfabrik Haßloch in die Lust. Die Fabrik ist vernichtet und ein Teil der umliegenden Wohn- gebäude schwer beschädigt. An der Explosionsstelle be­findet sich ein riesiger Trichter. Die Zahl der Toten ist noch nicht bekannt, doch rechnet mau mit mindestens 13 bis 20. Die Zahl der Verwundeten ist erheblich größer. In das Krankenhaus zu Wertheim sind bisher etwa 30 Verletzte eingeliesert worden, von denen drei inzwischen gestorben sind.

Wie Fabrik beschäftigte 90 Arbeiter. Die Rettungs­arbeiten sind mit Gefahr verbunden, da weitere Explo­sionen zu befürchten sind. Die Lufterschütterung hat nicht nur in Haßloch, sondern auch in den umliegenden Orten Fensterscheiben zerstört. Selbst in Wertheim a. M. wur­den Fensterscheiben zertrümmert.

Weiter wird zu der Explosionskatastrophe folgendes bekannt: Die Urfache der Explosion ist noch vollständig ungeklärt. In der Fabrik wurde Jagdmunition ange- fertigt und sie war auf diesem Gebiete weit bekannt.

Die Explosion erfolgte unter furchtbarem Getöfe und vernichtete die Fabrikanlage vollständig. Die umliegenden Gebäude wurden fchwer befchädigt. Die durch die Explo­sion erzeugte Lufterschütterung war außerordentlich stark und machte sich in den umliegenden Ortschaften bis aus viele Kilometer hin bemerkbar. In diesen Ortschaften wurden Schaufenster von Geschäften eingedrückt, Fenster in Häusern zertrümmert, Türen ausgehoben und verein­zelte Gebäude sogar durch Risse beschädigt. Der Bevölke­rung bemächtigte sich eine ungeheuere Erregung. -

Frankfurt a. M. Nach den letzten Meldungen aus Wertheim hat sich die Zahl der Todesopfer auf 41 erhöht. Die Zahl der Verwundeten soll 50 weit übersteigen. Unter den Verletzten befinden sich auch viele Frauen, die in der Fabrik bei Hilfsarbeiten beschäftigt waren.

Die gesamten Fabrikanlagen sind durch die Explosion mit einem Schlage von Grund auf zerstört worden. Die Unglücks­stelle bietet ein t r o st l o s e s Bild der Verwüstung. Der umliegende Wald ist bis zur halben Bergeshöhe vollkommen umgelegt. Lastautos mit Rettungsmannschaften und Ärzten waren zur ersten Hilfeleistung an der Unglücksstelle erschienen, wo sich herzergreifende Szenen abspielten. Die Ber­gungsarbeiten gestalten sich sehr schwierig, da weitere Explo- fronen zu befürchten sind. DieUnglücksstätte wurde von Gen­darmerie und Polizei im weiten Umkreis abgesperrt. Den aus den umliegenden Ortschaften herangeeilten Angehörigen der Opfer mußte der Zutritt zu ihren Verwandten aus Grün­den persönlicher Sicherheit verweigert werden.