Hersfelörr Tageblatt fiersfelöer Kreisblatt' Amtlicher /luzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 113
Montag, den 17. Mai 1026
76. Jahrgang
Wlsuöki Herr von Polen
bisherige polnische Regierung ahgedankl.
Die zuerst zweifelhaft gebliebene Nachricht, die polnische Regierung Witos habe fluchtartig Warschau verlassen, bestätigte sich später. Die Minister benutzten zu ihrer Flucht Flugzeuge. Der Staatspräsident fuhr im Auto ab, nachdem der Widerstand der Regierungstruppen von den Regimentern P i l s u d s k i s gebrochen war. Pil- sudski blieb vorläufig unbestrittener Herr von ganz Warschau einschließlich des Regierungspalastes Belvedere, der in der Nacht auf Sonnabend besetzt wurde. Die Re- gierungsgewalt ging aus ein Dreimännerkollegium mit Marschall Pilsudski an der Spitze über. Ihm zur Seite steht der bisherige Außenminister Skrzynski und der Professor Ponikowski.
Sejmmarschall Rataj hat vom Präsidenten der Republik ein Schreiben erhalten, in dem der Präsident ihn davon in Kenntnis setzt, daß er das Amt des Staatspräsidenten niederlegt und verfassungsgemäß die Rechte des Präsidenten aus den Sejmmarschall überträgt. In einem zweiten Schreiben an den Sejmmarschall bittet die gesamte Regierung um Annahme ihrer Demission. Der Sejmmarschall hat die Demission angenommen und erklärt, die neue Regierung werde alsbald gebildet werden.
Knegszustand über ganz Polen.
Über ganz Polen ist der Kriegszustand verhängt worden Die Aufstandsbewegung hat sich von Warschau aus auf das Gebiet der ehemaligen Provinz West- Preußen ausgedehnt. In Thorn begab sich eine Delegation der Arbeitslosen k und forderte Ar
Marschall Pilsudfti.
beit und Brot. Ein großer Demonstrationszug begab sich vor das Gebäude des Wojwoden unter den Rufen „Es lebe Pilsudski*. Erst durch das Eingreifen berittener Mannschaften gelang es, die Demonstranten zu zerstreuen. Der Legionsgeneral Haller ist in Thorn eingetroffen und
hält Beratungen mit dem Wojwoden und den Ge
nerälen ab zum Zwecke der
Bildung einer nationalen
Garde Polens.
Rückzug her Regierungsiruppen.
An die der gestürzten Regierung aus der Provinz zu Hilfe geeilten Truppen, die ihren Ausmarsch rings um Warschau fortgesetzt hatten, ist der Befehl ergangen, sich in Ordnung in ihre Garnisonen zurückzuziehen. Auf Grund der in langen Verhandlungen zwischen Pilsudski und dem Sejmmarschall Rataj erzielten Verständigung erwartet man in Warschau, daß die Provinz der von Wojcziechowski und Witos ausgegebenen Parole Folge leisten wird und so weiteres Blutvergießen vermieden werden kann. Auf die Nachricht von dem Siege Pilsudskis und der Abdankung des Kabinetts haben die Gewerkschaften den proklamierten Generalstreik abgeblasen.
Der größte Teil der bisherigen Regierungstruppen soll in Auflösung begriffen sein. Aus allen Teilen des Landes laufen Kundgebungen für Pilsudski ein und dre Meldungen von Freiwilligen mehren sich fortgesetzt. In einer Kundgebung an die Öffentlichkeit über die Motive und Ziele seines Vorgehens erklärt Pilsudski, daß er den Kampf nur in Sorge um das Wohl des Landes ausgenommen habe. Die Beendigung des Kampfes hat allgemeine Zustimmung gefunden, die insbesondere durch die Demonstration einer vieltausendköpfigen Menge m Warschau zum Ausdruck kam.
Bei den Kämpfen in Warschau sollen 800 Mann gefallen und 20 000 verwundet worden sem.
*
Die Umwälzung.
Ein gelungener Putsch also - das war in Polen nicht der erste Putsch, der glückte. Die Dmge wiedecholen sich in der Weltgeschichte, zwar nie m glercher Form, Iwohl aber in Ähnlichkeiten. Der wüste Chauvinismus dieses polnischen Volkes hat ihm den Blick für politische Möglichkeiten immer verschleiert, hat es die Wirklichkeit nie so sehen lassen, wie sie ist, sondern rmmer nur so, wie man sie sich — vorstellte. Mit dem deutschen Nachbarn hat man sich nun seit fast Jahresfrist in einen -Handelskrieg eingelassen und dabei nicht sehen wollen, welche verheerenden wirtschaftlichen Folgen das gerade für Polen haben mußte, von dem Deutschland nicht weniger als fast 50 % der Gesamtausfuhr aufnimmt.
Und über die innere Brüchigkeit konnte selbst die verhält- nißmäßig glänzende außenpolitische Rolle nicht hinwegtäuschen, die dieser verhätschelte Liebling Frankreichs noch in Locarno, in Genf und hernach spielen konnte. Graf Skrzynski, der Leiter dieser Außenpolitik, ist jetzt ebenso hinweggefegt worden wie das stärker nach rechts — zum Übernationalismus hindrängende Kabinett Witos. An und für sich war es gewiß nicht ungeschickt, durch nationalistischen Lärm, durch wilde Deutschenverfolgungen wie in Ost-Oberschlesien die Aufmerksamkeit etwas von der inneren Misere abzulenken. Aber schließlich ist eine solche nationalistische Begeisterung auch nicht gerade eine Pökelware von unbegrenzter Dauerhaftigkeit, namentlich dann nicht, wenn Bürger und Bauer jeden Tag ein weiteres Sinken des Zlotys verspüren.
Dazu kamen echt polnische Zustände im Heer, das vor allem einen unheilvollen Überfluß an politisierenden Generalen hatte, — gleichgültig, ob das Haller, Pil- f u d s k i oder andere waren. Derartiges ist immer das Verhängnis Polens gewesen und die gestürzte Regierung Witos wird jetzt ihre Schwäche verwünschen, durch die sie sich verhindern ließ — um das Palladimm Polens, die „großartige* polnische Armee, sich nicht vermindern zu lassen —, in diese Wühlereien und Treibereien
einzugreifen. Und dabei hatten alle diese Generale eine anscheinend erfolgreiche Politik getrieben, gegen Deutschland natürlich, was nicht übermäßig schwer war, weil sie dabei die tatkräftigste Unterstützung der Entente genossen — da konnten sie sich billige Lorbeeren holen.
Nun hat Pilsudski das Rennen gemacht, er, der als alter Sozialist in letzter Zeit immer heftigerer Gegner der übernationalistischen Entwicklung geworden war. Doch das hätte nicht genügt, ihm, dem militärischen Abgott und linksstehenden Politiker, den Sieg in die Hand zu spielen, wenn man nicht in Polen einfach nach dem Verzweiflungs- ter kann's doch nicht werden. Und daß Pilsudski ein Mann von großen Fähigkeiten ist, hat er in 20 Jahren bewiesen.
Wir Deutsche mögen das grundsätzlich begrüßen, daß unter dem Einfluß Pilsudskis eine weniger antideutsche Politik betrieben werden wird, obwohl man allerdings nicht wissen kann, ob die unteren Behörden nach dieser Richtung hin den Befehl der oberen befolgen werden. Infolgedessen kann aus dem einstweiligen Erfolge Pil- sudskis für uns Deutsche ein gewisse Erleichterung der Lage herauswachsen. Aber man kann als Deutscher die jetzigen Geschehnisse auch von einer ganz anderen Seite aus betrachten und sie dann weniger begrüßen, dann nämlich, wenn man die Überzeugung hat, daß die ungestörte Fortsetzung der bisherigen Politik glatt zu einer vierten Teilung Polens geführt hätte! Das ist ein Gedanke, das ist ein Wort, das ist eine Überzeugung, die nicht in deutschen Kreisen entstanden ist, sondern das ist ein Wort, das in einem französischen Buche der jüngsten Vergangenheit geschrieben steht. Natürlich hat das in Polen größte Aufregung verursacht. Aber schließlich ist vor 150 Jahren den polnischen Schlachzizen oft genug, aber eben so vergeblich die Wahrheit gesagt worden, bis sie ihnen zur niederschmetternden Wirklichkeit wurde. Und jetzt sind mehr Mächte da, die bei einer Teilung zugreifen möchten und zugreifen können. Vielleicht wird auch einmal in Polen das Sprichwort wahr, daß Gottes Mühlen zwar langsam mahlen, aber schrecklich klein —, ein Staat, der auf Gewalt und Raub sein Dasein aufbaut, besitzt als Grundlage nicht die geschichtlichen Kräfte, die jedem Volke das Dasein bestimmen.
Regierungsbildung in Warschau.
Pilsudski Herr der Lage.
Der Sejmmarschall Rataj hat die Regierungsgeschäfte übernommen und sofort die Bildung der Regierung begonnen. Bisher sind folgende Ernennungen erfolgt: Außenminister Graf Skrzynski, Eisenbahnminister der sozialistische Abgeordnete B a r t e l, Minister für Schul und Bildungswesen der Abgeordnete Ponikowski. Die Sozialdemokraten werden ferner noch die Abgeordneten Moraczewski und Daszynski in das neue Kabinett entsenden. Gleichzeitig hat sich Pilsudski, der, wie es heißt, das Ministerium für Heerwesen übernommen hat, bereit erklärt, den Kampf einzustellen und die Truppen nach ihren Garnisonen zurückzube- ordern. Die Kämpfe bei Czenstochau endeten damit, daß die regierungstreuen Truppen des Generals Galicy zu Pilsudski übergingen. . . . ,
Eine weitere Meldung besagt: Die Sozialistische Partei wird dem neuen Kabinett nicht beitreten, da sie die Zusammenarbeit mit rechts ablehnt. Die Sozialisten fordern die Bildung einer Arbeiter- und Bauernregierung mit gleichzeitiger Änderung der Politik gegenüber den nationalen Minderheiten, ferner sofortige Auflösung des Sejms und des Senats sowie Kandidatur Pilsudskis zum Staatspräsidenten. Das neue Fachkabinett soll nur acht Tage im Amt bleiben bis zur Einberufung der National- verfammlung und Wahl des StaMpräsidenten. Sejm
und Senat werden vor der einzuberusenden Nationalversammlung nicht mehr tagen.
Wieder Ruhe in Warschau.
In Warschau war zu bemerken, daß die Bevölkerung sich zum größten Teil beruhigt hatte. Eine große Anzahl Geschäfte, die in den letzten Tagen geschlossen hatten, war wieder geöffnet, nachdem Pilsudski in einem Dekret erklärt hatte, daß die Polizei dafür Sorge tragen werde, die Ruhe in der Stadt aufrechtzuerhalten. Nur ein Teil der Banken war noch geschlossen, wahrscheinlich aus Angst vor Plünderungen. Beruhigend wirkte hauptsächlich die Nachricht des „Robotnik*, daß der Streik zurückgezogen worden sei. Dagegen hört man von Zeit zu Zeit, hauptsächlich in den Nachtstunden, nicht weit von der Stadt Schießen.
Marx mit der Kanzlerschaß betr
Ein Brief Hindenburgs. — Adenauer ergebnislos.
Reichspräsident von Hindenburg empfing Sonnabend den Reichswehrminister Dr. Geßler zur Berichterstattung über seine Fühlungnahme mit dem Oberbürgermeister Dr. Adenauer, der auf Wunsch der Zentrumsfraktion des Reichstages aus Köln in Berlin eingetroffen war, und seine anschließende Besprechung mit den Mitgliedern der geschäftsführenden Reichsregierung. Im Laufe des Abends richtete der Reichspräsident an den Reichsjustizminister Dr. Marx das nachstehende Schreiben:
„Sehr verehrter Herr Reichsjustizminister! Aus den Berichten, die der von mir mit der Klärung der politischen Lage betraute Reichswehrminister Dr. Geßler nur erstattet hat, habe ich ersehen müssen, daß eine Änderung der parteipolitischen Verhältnisse und Zusammensetzung entweder überhaupt nicht oder nur nach langwierigen, im Erfolge zweifelhaften Verhandlungen erreicht werden könnte. Eine solche lange Regierungskrise verträgt aber die gegenwärtige Lage des Reiches nicht. Es erscheint mir daher zur Überwindung der gegebenen Schwierigkeiten und zur Lösung der vor uns liegenden Aufgaben notwendig, dah-die bisherige Reichsregierung ihre Tätigkeit unter neuer Führung fortsetzt, und ich bitte Sie daher, Herr Reichsminister, als das älteste Mitglied der Reichsregierung und als Vertreter der größten in ihr enthalteten Partei, das Amt des Reichskanzlers zu übernehmen.
Mit der Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung bin ich Ihr ergebener gez. von Hindenburg.*
Warum Adenauer verzichtete.
Oberbürgermeister Dr. Adenauer bestätigt in einer Erklärung, daß er auf Wunsch der Zentrumsfraktion zu Verhandlungen mit ihr über eine Lösung der Regierungskrise nach Berlin gekommen sei. Eine wirklich ersprießliche Regierung hielt er bei den außerordentlich schwierigen innen- und außenpolitischen Verhältnissen nur auf Grund einer festen Mehrheit im Reichstag für möglich. Seine Fühlungnahme ergab jedoch, daß die Deutsche Volkspartei weder für jetzt noch auch nach Erledigung der schwebenden Streitpunkte für absehbare Zeit der Herbeiführung der Großen Koalition geneigt sei. Unter diesen Umständen bat Dr. Adenauer, von dem Vorschlag seiner Person gegenüber dem Reichspräsidenten Abstand zu nehmen. _________
Die Gireiklage in England.
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Der englische Ministerpräsident Baldwin hat Grubenbesitzern und Bergarbeitern die Einign« Vorschläge übermittelt, welche gesetzgeberische Maßnahmen zur Durchführung der Empfehlungen der Untersuchungskommission für den Kohlenbergbau und eine neue finanzielle Beihilfe für die schwächeren Betriebe bis zur Höhe von drei.Millionen Pfund Sterling sowie die Einfetzung einer gemischten Kommission mit einem unabhängigen Vorsitzenden zur Festsetzung von Lohn- herabsetzungen vorsehen. Indessen soll bei Löhnen bis zu 45 Schilling wöchentlich keine Herabsetzung stattfinden. Bekanntlich hatten sich die Bergarbeiter unter Führung C o o k s jeder beabsichtigten Lohnherabsetzung entgegen- ~ - gestellt, was schließlich, da , die Bergwerksbesitzer dieser buhrer der Bergarbetter. Forderung nicht nachgeben wollten, zum Streik der Bergarbeiter und weiterhin zum Generalstreik führte.
In einem großen Teil des Landes ist die Arbeit mit Ausnahme der Eisenbahnbetriebe fast in vollem Umfange wieder ausgenommen worden. Abgesehen von einigen unbedeutenden Zwischenfällen ist es zu keinen Störungen der Ordnung gekommen.
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