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yersfelöer Tageblatt

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Hersfelöer Kreisblatt'

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Nr. 91

Dienstag, den 20. April 1926

76. Jahrgang

ZuiMgehalleneS deussches Ggenüm

Die erste Kunde davon, daß die Freigabe des beut« legen Eigentums in Amerika nun doch nicht so­bald vonstatten gehen soll, hatte schon der Hoffnungsfreu- bigteit der deutschen Börsen einen harten Schlag ver­setzt. Nun ist aber dieser Zweifel an eine baldige Erledi­gung zur Gewißheit geworden und die Folge ist ein noch stärkeres NachgebenderKurse gewesen, eine Baisse, Die aber nicht nur die an der Freigabe interessierten Werte traf, sondern darüber hinaus Anlaß zu einer überaus großen Börsenflauheit gab. In Newyork zweifelt jetzt kein Mensch mehr daran, daß der Gesetzentwurf über die Freigabe erst frühestens im Dezember verhandelt wird; welches dann überhaupt sein Schicksal sein wird, ob die weitgehenden Bestimmungen bestehen bleiben werden oder ob die Gegner des Gesetzentwurfes sich werden durchsetzen können, steht völlig dahin.

Es ist ein kleines Kapitel zu dem ThemaGeschäft unb Politik", das sich in dieser für uns so ungünstigen Entwicklung des Freigabegesetzentwurses abspielt. Der Urheber des Gesetzentwurfes, Mill, soll angeblich an dieser Freigabe sehr interessiert sein, was den Gegnern des Entwurfes den Angriff überaus leicht machte. Präsident Coolidge ist allerdings Freund der Vorlage, es fragt sich nur, wie bei den im November bevorstehenden Wahlenin Amerika die Mehrheit des Volkes entscheiden wird. Nicht nur persönliche Interessiertheit wird nämlich Den Urhebern des Gesetzentwurfes vorgeworfen, sonoern Die demokratischen Gegner behaupten, der von den Repu­blikanern herstammende Freigabegesetzentwurf fei nichts anderes als ein Wahlmanöver. Die Republikaner hätten damit nur die Stimmen der Deutschameri­kaner einfangen wollen. Wenn die Republikaner da- mit einverstanden sind, daß die Bill vorläufig nicht be­handelt wird, so sollen dadurch jene Kreise befriedigt werden, die grundsätzliche Gegner der Freigabe sind. Daß Die Deutschen dabei die Leidtragenden sind, ist natürlich Der republikanischen Partei außerordentlich gleichgültig.

Wenig erfreulich ist an dieser ganzen Entwicklung, baß sich Amerika auch Deutschland gegenüber als den harten Gläubiger zeigt, der sich zwar durch den Ver- sailler Vertrag nicht gebunden hat, dafür aber die Vor- ^ene, die vteser Pererag der Entente zujprteyt, in aus- gtebigster Form ausnutzt. Dieser Kampf gegen das Privateigentum hat ja im Weltkrieg und in der Zeit, die aachfolgte, eine ebenso große wie betrübende Rolle ge­spielt; während die Deutschen gezwungen wurden, den letzten Pfennig der beschlagnahmten ausländischen Gut­haben in Deutschland herauszugeben, ist das deutsche Ver­mögen im Ausland vogelfrei geblieben. Gerade Amerika, wo der Eigentumsbegriff auf die Spitze getrieben ist aus diesem Grunde bat Amerika bisher noch nicht zu dem 'ommunistischen Sowjetrußland offizielle diplomatische Be­ziehungen ausgenommen, sollte doch auch die andere Tatsache berücksichtigen, daß Deutschland wohl der größte Nachkriegsschuldner der Vereinigten Staaten ist, daß diese Schuldenlast fast täglich steigt und jetzt wohl kaum weniger als vier Milliarden beträgt. Deutsche Anleihen ieber Art sind in Amerika zu besonders bevorzugten An­lagepapieren geworden und daher sollte gerade die amerikanische Öffentlichkeit an einer höchstmöglichen Stärkung der finanziellen und wirtschaftlichen Lage Deutschlands das allergrößte Interesse haben. Man hatte sogar gehofft, daß sich auch andere Staaten dem amerika­nischen Vorgehen bei der Freigabe des beschlagnahmten oeutschen Eigentums anschließen würden, Hoffnungen, Denen sich nicht zuletzt die deutschen Börsen sehr rege Hin­zegeben haben. Davon hätten nicht zuletzt auch wieder Die ausländischen Inhaber deutscher Werte recht beträcht­liche Vorteile.

Ganz aufgegeben ist aber noch nicht die Hoffnung, daß Coolidge selbst grundsätzliche Erklärungen über das Schicksal des Gesetzentwurfes abgeben wird, genau so, wie ja das amerikanische Schatzamt selbst sich ziemlich energisch für die Freigabebill eingesetzt hat. Geschieht das, bedeutet die jetzige Entwicklung nur eine Hinaus- zögerung des Entwurfs, so würde Deutschland daraus zwar eine indirekte Schädigung erfahren, nicht aber eine direkte, weil im Gesetzentwurf eine Verzinsung des liqui­dierten deutschen Eigentums vorgesehen ist. Freilich wird das alles abhängen vom Ausgang der amerikanischen Wahlen, nicht etwa vom Präsidenten allein.

Gerade Amerika hat viel dafür getan, die Überreste des Weltkrieges im Wirtschaftsleben beseitigen zu helfen; es wäre außerordentlich betrüblich, wenn dieses Land, das wohl allein als Kriegsgewinner zu bezeichnen ist, hartnäckig dabei verharren sollte, einen der übelsten Über­reste zu erhalten.

Die deutsch-russischen Verhandlungen.

(Stresemann: Keine Abkehr von Locarno.

Auf einer in Stuttgart abgehaltenen Tagung der Deutschen Volkspartei kam Außenminister Dr. Strese- mann, der inzwischen wieder in Berlin eingetroffen ist, aus die deutsch-russischen Verhandlungen zu sprechen. Dr. Stresemann betonte hierbei, daß die deutsche Regierung es für richtig gehalten habe, die Mächte, mit denen Deutschland sich über alle außenpolitischen Grundfragen geeinigt hatte, auch über diese Verhandlungen aus dem laufenden zu halten, ein System, dessen Gegenseitig-

neuer Kampf um die Aufwertung

soMMeidMldAufwelttmgsstage

Der Reichswirtschaftsminister gegen den Sparerbund.

Der bei den Auswertungsverhandlungen im Reichs­tag wiederholt hervorgetretene Abgeordnete Best hat einen Gesetzentwurf aus gearbeitet, den der Sparerbund dem Volksentscheid unterbreiten will. Er sieht eine grundsätzliche Auswertung aller Ansprüche, auch der Jndustrieobligationen, auf 50 % des Goldmarkbe­trages vor, ein Satz, der je nach den persönlichen Ver­hältnissen herab- oder heraufgesetzt werden soll. Die per­sönlichen Forderungen sollen bis zur vollen Höhe ausge- wertet werden können. Die Rückwirkung des Gesetzes soll bis auf den 1. Januar 1919 ausgedehnt werden. Gegen diese Forderungen des Sparerbundes hat sich aus dem Parteitag der Deutschen Volkspartei Badens in Mann­heim Reichswirtschastsminister Curtius gewandt, der u. a. erklärte: Leider werde die deutsche Innenpolitik am kräftigen Vorwärtsschreiten auf dem als richtig an­erkannten Wege immer wieder durch neue Hindernisse ge­hemmt. So drohe eine neue Krise durch die Volksbegehren der Auswertungsgläubi­ger, Kriegsbeschädigten, Mietervereine usw. hereinzu- brechen. Das angekündigte Volksbegehren einer Hypo- thekenaufwertung aus 50 % werde den Hypotheken- und langfristigen Kapitalmarkt, der eben erst wieder aufge­lebt sei, vernichten. Die schon stark belastete Landwirt­schaft werde hoffnungslos verschulden. Der Haus besitz werde die immer noch rückständige Wiederinstandsetzung der gerade von der ärmeren Bevölkerung bewohnten Häuser nicht durchführen können. Die Aufwertung der Reichs-, Staats- und Kommunalanleihen und der Frie-

keit sich durchaus empfehlen würde. Wer, so sagte Dr. Stresemann weiter, die Vertragsverhandlungen mit Ruß­land als eine Abkehr von der Locarnopolitik ansieht, verkennt den Grundgedanken dieser Politik. Die Verträge von Locarno bezweckten die Friedenssiche­rung in Europa. Sie hatten keinen aggressiven Cyaratter gegen trgenoeme Brach« Wennchie rnffische Psychologie lange Zeit daraus eingestellt war, in den Verträgen von Locarno eine Art Kreuzzug gegen Ruß­land zu sehen, so dars ich daraus Hinweisen, daß diese Auffassung bei den Aussprachen in Locarno von Chamber- lain, Briand und Vandervelde ebenso zurückgewiesen worden ist wie von unserer Seite. Wenn Deutschland mit Rußland Bertragsverhandlungen führt, die für beide Mächte darauf hinausgehen, sich einer aggressiven Hand­lung gegen einen der beiden Staaten nicht anzuschlietzen, und im übrigen in wirtschaftlichen, freundschaftlichen und beiderseits vorteilhaften Verhältnissen zu bleiben, so ist das ein Grundgedanke, den auch andere Staaten ihrem Verhältnis zu Rußland zugrunde gelegt haben. Unsere ganze Politik muß darauf eingestellt sein, unter Anerkennung deutscher Gleichberechti­gung eine wirkliche Befriedung Europas herbeizuführen und auf der Grundlage des Friedens Deutschlands Fort­entwicklung zu sichern. Wenn die Verträge mit Rußland zum Abschluß kommen, so werden sie die natürliche Ergänzung zu Locarno sein, um diesen obersten Grundgedanken der deutschen Politik erneut zum Aus­druck zu bringen.

Wie der diplomatische Korrespondent desDaily Tele­graph" berichtet, betrachtet man die Zusicherungen der deut­schen Regierung an England und Frankreich als sehr be­deutungsvoll, denn darin würde erklärt, daß die wich­tigsten Klauseln des neuen Vertrages den Vorstellungen der Westmächte Rechnung tragen würden. Die Erklärun­gen, so führt der diplomatische Korrespondent aus, seien in dieser Hinsicht völlig befriedigend und auch die Neutralitätsklausel werde so vorsichtig abgefaßt sein, daß sich keinerlei Konflikte zwischen Deutschlands künftigen Völkerbundverpflichtungen oder seinen Pflichten aus den Locarnoverträgen und dem neuen Vertrage ergeben wür­den. Es verlautet übrigens, daß inPrag und inWar - schau einige Zweifel über die Tragweite des neuen deutsch-russischen Vertrages bestehen. Dr. Benesch hat in voller Übereinstimmung mit Graf Skrzynski bereits die Aufmerksamkeit der britischen, der französischen und der italienischen Regierung auf die Notwendigkeit einer Erörterung der Wirkung des neuen Vertrages auf die Frage des Eintritts Deutschlands in den Völkerbund im nächsten September gelenkt.

Amerika für die Abrüstungskonferenz.

Diplomatische Schritte in London und Paris.

Nach demDaily Telegraph" ist ein bedeutung s- voller diplomatischer Schritt Amerikas im Zusammenhang mit der Abrüstungsfrage erfolgt. Es ist so gut wie sicher, daß ohne die Aktion des amerr- kanischen Botschafters Houghton der Zusammentritt der vorbereitenden Abrüstungskommission, der für den 18. Mai vorgesehen war, nochmals um sechs Monate oder mehr ausgeschoben worden wäre mit der Begründung, daß Rußland die Teilnahme abgelehnt habe. In der letzten Woche hatten einige der Regierungen, die für Aufschub sind, aber dies nicht zu saaen waaen. einen Ausweg er­

densbanknoten auf 50 % werde den öffentlichen Kredit ruinieren. Schon die Zulassung dieser Volksbegehren werde unermeßlichen dauernden wirtschaft­lichen und staatlichen Schaden anrichten. Die Volksbe­gehren seien aber auch gegen den Geist der Verfassung. Die Reichsregierung werde sich deshalb mit allen Mitteln und mit ihrer ganzen Autorität gegen diese Volksbe­gehren stellen.

Bei der Erörterung der Wirtschaftsfragen erklärte sich Curtius gegen einen Systemwechsel in der Zoll- und Handelsvertragspolitik, deren Grundlagen erst im Sommer des vergangenen Jahres nach langen, schweren Kämpfen festgelegt worden feien. So rasch als möglich müßten die noch ausstehenden Handelsvertrags- oerhandlungen abgeschlossen werden und alsdann müsse man an die Schaffung eines endgültigen Zolltarifs Herangehen.

Verfassungsänderung öder das Voltsbegehren?

In einer Versammlung in Breslau bezeichnete Reichstagspräsident Löbe die Fürstenabfindung als das innerpolitisch wichtigste Problem. Dem für Ende Juni zu erwartenden Volksentscheid ständen noch genü­gend Reserven zur Verfügung. Weiter teilte Löbe mit, Dass man im Kreise der Reichsregierung angesichts der beiden Aufwertungsentwürfe, die zum Gegenstand eines neuen Volksbegehrens gemacht werden sollten, daran ge- vacht habe, durch eine Verfassungsänderung Die Bestimmungen für das Volksbegehren z u ver­schärfen.

dacht, wonach die Kommission zum vorgesehenen Datum zusammentreten, aber nach einem Meinungsaustausch be­schließen sollte, die Ausarbeitung eines detaillierten Pro­gramms an den ständigen beratenden Rüstungsausschutz des Völkerbundes zu verweisen, zu dem die amerikanische und die deutsche Regierung Vertreter zu entsenden einge-

Dieser Gedanke aber hat, so fährt der diplomatische Korrespondent fort, in Washington einen sehr unan­genehmen Eindruck gemacht, da das Weiße Haus und das Staatsdepartement darin einen neuen Versuch sehen, die Stellung der Vereinigten Staaten zum Völker­bund zu gefährden durch Hineinziehen amerikanischer Vertreter in ständige Organe des Bundes. Infolge­dessen sind die britische, die französische und andere Regie­rungen, vermutlich auch Genf, auf dem normalen diplo­matischen Wege verständigt worden, daß die amerikanische Regierung nicht in der Lage sei, einem solchen Verfahren zuzustimmen, und daß diese Anregung Überraschung und Mißvergnügen in Washington hervorgerufen habe. Diese Vorstellungen scheinen sehr nachdrücklich ge­wesen zu sein. , .

Tschangisolins Truppen in Peking.

Forderung nach Abberufung des russischen Botschafters.

Wie derChikago Tribune" aus Peking gemeldet wird, befindet sich die Stadt unter vollständiger Kon­trolle Tschangtsolins. Der provisorische Präsident Tu- anschijui habe die Exekutivgewalt übernommen und einen Erlaß veröffentlicht, in dem zum Ausdruck gebracht wird, daß ihm und seinem Kabinett angesichts der Bolsche - wistengesahr nicht die Möglichkeit gegeben sei, auf die Durchführung ihrer Ausgabe zu verzichten, daß sie aber zurücktreten wollten, sobald die militärischen Be­fehlshaber eine Verordnung zwecks Aufrechterhaltung der Zentralregierung erlassen hätten.

Nach einer Meldung desNewyork Herald" aus Peking fordern Tschangtsolin und seine Generäle die so­fortige Abberufung des Sowjetbotschaf­ters Karachan mit dem Hinweis, daß sie ihn sonst wegen feiner Umtriebe zugunsten des Kommunismus in Über- schreitung seiner Kompetenzen verhaften lassen müßten. ;

Mussolini in Vom.

Das beunruhigte Frankreich.

Mussolini ist von seiner Tripolisreise wieder in Rom eingetroffen, wo ihm ein begeisterter Empfang bereitet wurde. Er wurde vom König in längerer Audienz empfangen und erstattete über seine Reise Bericht. An­schließend empfing Mussolini den englischen Botschafter, mit dem er, wie es heißt, über die abessivische Frage sprach. Die eigentliche Feier der Rückkehr aus Tripolis wird mit der großen Rationalfeier am 21. April ver­bunden werden und ihr ein besonderes Gepräge geben, da das Volk in dieser Reise Mussolinis eine Kundgebung des italienischen Machtwillens erblickt und sie als Ein­leitung zu einer neuen Phase der Kolonialpolitik be­trachtet.

Trotz der Gelassenheit, die offizielle Pariser Kreise zur Schau tragen, ist die Presse über die Reden Musso­linis stark beunruhigt. Alle Blätter besprechen die Fol­gen der Tripolisreise. Die Linkspresse protestiert