HersMer Tageblatt
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Hersfelöer Kreisblatt'
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö
Der Bezugspreis -betrögt durch die PoM bezogen nionsllidi 1.— M., aasschllebi. Beitellgeld, für Bersfeld 1.— Wk. bei freier ZuUeHung, flbbofer —.80 Mk. * Dru* und Verlag bob hudmig Fun'is Rucbdrudcere! In Bersfeld, Ulligäed des VDZV.
Nr. 83
Sonnabend, den 10. April 1926
76. Jahrgang
Maffenstimmungen.
„Das Volk steht auf, der Sturm bricht los!" Die Massenbewegung, die wir in diesen ersten Apriltagen erlebt haben, galt nicht der Politik, nicht der inneren oder der äußeren, sie war der jubelnde Freudenausbruch über die Ankunft des Frühlings, der seinen Einzug gerade bis zu den Tagen des Auferstehungsfestes aufgespart hatte, in der sicheren Erwartung, von der nach Licht und Sonne sich verzehrenden Menschheit dann um so begeisterter empfangen zu werden. Das gab eine wahre Völkerwanderung hinaus in die schöne Gottesnatur und man konnte nur mit einem Gesühl aufrichtiger Bewunderung dem Schauspiel zusehen, wie diese seit langer Zeit zum erstenmal wieder von ungebundener Freude ergriffenen Massen von den staatlichen und kommunalen Verkehrseinrichtungen in aller Ruhe und Pünktlichkeit hin- und hergeleitet und ihren tausendfältigen Zielen zugeführt wurden, als gehörte diese Bewältigung eines nur ganz ausnahmsweise auftretenden Verkehrsbedürfnisses zu den gewöhnlichen, zu den alltäglichen Aufgaben dieser Unternehmungen. Zu der Aufgelöstheit über den herrlichen Frühlingsanfang, den wir diesmal, erleben durften, gesellte sich dann die Genugtuung über das ausgezeichnete Funktionieren unseres Verkehrsapparates wie auch über die verständige Haltung dieser Volksmassen, deren Diszipliniertheit auch manchen bedenklichen Situationen gegenüber vorzüglich standgehalten hat.
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überhaupt die Massen — tadelt mir d i e Massen nicht, könnte man in Anlehnung an Richard Wagner dozieren, der die deutschen Meister nicht getadelt sehen wollte. Gewiß, die Massen werden nicht immer nur von ruhigen, von vernünftigen Eingebungen zusammengeführt und zusammengehalten. Sie werden häufig von gewissenlosen Verführern zu nichtsnutzigen Dingen mißbraucht, von leidenschaftlichen Stimmungen zu Entschlüssen und Handlungen fortgerissen, die vor ruhigerer Überlegung nicht bestehen können. Aber schließlich beruht doch der Fortschritt und das Gedeihen des ganzen Volkes auf den guten Anlagen und vor allem auf der guten Erziehung der Massen nicht minder als auf den fagrDffkg&ätt, den Leistungen besonders begnadeter Einzelpersönlichkeiten, wie sie uns glücklicherweise aus allen Schichten und Ständen der Nation immer wieder herauswachsen. Mit Recht ist dieser Tage auf den gar nicht zu verachtenden Anteil hingewiesen worden, den die breite Masse unserer werktätigen Bevölkerung an der notwendigen Neubildung von Kapital in Deutschland zu leisten habe. Die Wirtschaft, also Unternehmertum in Industrie, Handel und Bankwesen, steht auf diesem Gebiete wohl an erster Stelle. Aber auch die Spartätigkeit des Volkes spielt dabei eine wesentliche Rolle. Wenn nun im Jahre 1925 der Gesamtbetrag der Spareinlagen bei den deutschen Sparkassen von rund 600 auf 1612 Millionen, alfo um mehr als eine Milliarde Mark gestiegen ist, obwohl doch zum mindesten vom September ab sich so ziemlich in allen Geschäftszweigen ein ganz katastrophaler Rückgang der Konjunktur bemerkbar machte, so verdient dieses Ergebnis des in den Massen wurzelnden Spürsinnes gewiß alles Lob und alle Anerkennung. Ebenso darf mit Befriedigung der trotz der Ungunst der Zeiten unaufhaltsam fortschreitende Wiederaufbau unseres Genossenschaftswesens verzeichnet werden. Hier betrug die Kapitalbeteiligung der Mitglieder bei 1110 Genossenschaften im Jahre 1925 über 26 Millionen, gegen nicht ganz 15 im Vorjahr und gegen 33 im Jahre 1914, und die Spareinlagen bei den Konsumvereinen sind in dem einen Jahr 1925 von 49,5 auf 82,7 Millionen gestiegen und betragen jetzt schon 2% Millionen mehr als 1914. Und gar die Umsätze im eigenen Geschäft hatten schon 1924 mit 594 Millionen die Ziffer des Jahres 1914 um 56 Millionen überschritten; im Jahre 1925 beliefen sie sich schon auf 702 Millionen. Das sind Leistungen, die uns vielleicht doch kein anderes Volk in gleicher Lage nachmachen und an denen man sich einigermaßen aufrichten kann, wenn die lange Dauer unserer großen Wirtschaftsnot die Aussicht auf bessere Zeiten zu versperren schien.
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Auch im schöneren Süden, von wannen der Frühling zu uns gekommen ist, im Land des Herrn Mussolini, spielt die Masse des Volkes eine große Rolle. Es ist nicht so, daß dieser moderne Diktator etwa einsam auf steiler Höhe seinen Platz gesucht und gefunden hätte und nun von oben herab feinen trotzigen Willen dem Volksganzen aufzwänge. Nein, gegen fein Regiment, und namentlich gegen die furchtbare Unduldsamkeit seiner Führung lassen sich gewiß mit Recht sehr viele Einwendungen erheben, aber zu bestreiten ist nicht, daß er es verstanden hat, das Herz der Italiener in ganz ungewöhnlichem Maße für sich zu gewinnen. Das ist in diesen Tagen, da die Kugel seiner geistesgestörten, landesfremden Frau ihn gerade 1 noch so obenhin getroffen hat, ganz überwältigend offen- bar geworden. Man glaubt manchmal Spuren von ; Größenwahn an ihm zu bemerken und hat es in Wirklichkeit vielleicht doch nur mit Auswirkungen eures südländischen Temperaments zu tun, das nicht mit unserer ungleich kühleren nordischen Vernunft gemessen werden .darf. Allerdings, er wird auch in Italien namentlich von bestimmten Teilen der gebildeten Schichten abgelehnt, und der wilde Fanatismus ferner Anhänger, die vor
Warenaustausch mit Frankreich
Zollermaßigungen zwischen
Deutschland und Frankreich.
Bis zum 30. Juni.
In Paris ist am Donnerstag zwischen den französischen und deutschen Beauftragten im Namen der beiderseitigen Regierungen ein kleineres Zusatzabkommen zu dem Teilabkommen über den Warenaustausch vom 12. Februar d. J. vereinbart worden. Das Teilabkommen vom 12. Februar billigte Frankreich die Meistbegünstigung des Zolltarifs für die Einfuhr von 27 000 Doppelzentnern Gemüse nach Deutschland für drei Monate zu, ebenso fiu einige andere Artikel. Zum Ausgleich wurden für bis Einsuhr einer Anzahl deutscher Ausfuhrwaren nach Frankreich Zollermäßigungen gewährt.
Über das neue Zusatzabkommen wird von amtlrcher Seite erklärt: Da das Kontingent von 27 000 Doppelzentnern Gemüse bereits 14 Tage nach dem Begrnn der Laufzeit (1. März) erschöpft war, hat die französische Regierung sich vor kurzem mit dem Wunsche an dre deutsche Regierung gewendet, Frankreich während des dreimonatigen Laufes des Teilabkommens noch einmal ein meistbegünstigtes Gemüsekontingent zu gewähren. Die deutsche Regierung hat sich im Hinblick auf den Widerstand, den schon das Teilabkommen vom 12. Februar beim deutschen Gemüsebau gefunden hatte, nur widerstrebend aus diesen französischen Wunsch eingelassen, hat aber schließlich das gleiche Kontingent von 27 000 Doppelzentnern Gemüse (außer Blumenkohl und sonstigen Koblarten) dann
Mord und Totschlag und Brandstiftung nicht zurückschrecken, wenn es gilt, ihrem vergötterten Duce irgendeine Genugtuung zu verschaffen, kann auch feurrge Naturen zuweilen bedenklich stimmen. Aber auch hrer ist e» schließlich der Erfolg, der entscheidet, und den kann ihm selbst der wütendste Gegner nicht abstreiten, ^um luinpefte» in der.inneren Bantik und Wirtschaftsführung seines Landes. Als Meister oder gar als Gropmernee der äußeren Politik hat er sich allerdings bis jetzt nicht erwiesen. Er versucht es auch da allzusehr mit ähnlichen Mitteln, mit denen er seine heimischen Gegner in Schach zu halten versteht: bald etwas Zuckerbrot, bald viel Peitsche. Aber hier versagt sein Wille, versagt auch sein psychologischer Scharfblick. Er will die neue Staatsidee, die er für sich in Anspruch nimmt, nachdem er Italien für sie erobert hat, jetzt auch über Europa, über die Welt hin zum Siege führen; anscheinend soll mit der pompösen Fahrt nach Tripolis ein Anfang mit Diesem Programm gemacht werden. Aber je naher er per afrikanischen Küste kommt, desto mehr entfernt ei sich, begreiflicherweise, von den Gefühlen der eben erst von ihm so fehr gehätschelten französischen Schwesternation. Und wenn er gar sich dazu versteigt, in Anlehnung an ein bekanntes Kaiserwort davon zu sprechen, daß Italiens Zukunft auf dem Wasser liege, was also natürlich besagen will: auf dem Wasser des Mittelmeeres, so werden solche Verkündigungen seinen Ruf als Friedensstörer gewiß nur von neuem befestigen. Er will ja ein Mann der Tat sein, nicht der Worte — aber schon der erste Schritt auf dem Wege, den er offenbar einzuschlagen im Sinn hat, muß ihn mit anderen Mächten, und zwar mit bewaffneten, sogar mit sehr gut bewaffneten Mächten, m Konflikt bringen. Dann wird sich ja zeigen, ob die faschistische Idee sich wirklich über die Grenzen des Königreiches hinaustragen läßt oder nicht. Die Massen, die ihm heute noch blindlings folgen, könnten dann sehr bald seinen Kopf zum Pfand verlangen, denn nach einer Neuauflage des Weltkrieges steht gewiß auch ihnen nicht der Sinn. Es ist mancher schon mit stolzen Plänen in See gefahren — und mif ungleich bescheideneren Sinnen wieder heimgekehrt . . , ......... Dr. Sy.
Das Attentat auf Mussolini.
Der Geisteszustand Violet Gibsons.
Im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses in Italien steht nach wie vor das mißlungene Attentat auf Mussolini. „Tribuna" meldet, daß Miß Gibson häufig in den Arbeiterorten von Rom weilte, Almosen austeilte und die Klagen sozialistischer Elemente anhörte, was sie mit Haß gegen Mussolini erfüllt zu haben scheine. „Giornale d'Jtalia" berichtet, daß Miß Gibson bei ihrer Vernehmung erklärt habe, keine Kommunistin zu sein, aber tuet Sympathie für den Bolschewismus zu haben. Bei der Durchsuchung der Wohnung der Miß Gibson wurden außer vielen religiösen Gegenständen mehrere faschistische Blätter gefunden, in denen die Angaben über die tägliche Arbeit und den Aufenthalt Mussolinis, seine Teilnahme an Versammlungen usw. mit Bleistift angestrichen waren.
Der Arzt des Sanatoriums, in welchem Violet Gib- son nach ihrem Selbstmordversuch 1925 zwei Monate in Behandlung blieb, erklärte den Zeitungen, seine Patientin hätte niemals mit ihm über politische Fragen gesprochen, sie hätte aber mehrere Male behauptet, einer
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doch nochmals gewährt, nachdem die französische Regie, rung für eine Reihe von deutschen landwirtschaftlichen Erzeugnissen, nämlich Käse, Milch, Gemüse, Sämereien, Kartoffelstärke und Kartoffelstärke- erzeugnisse und Holz, sowie für eine Anzahl wichtiger industrieller Ausfuhrerzeugnisse neue Zollzugeständnisse an Deutschland gemacht hatte.
Das Zusatzabkommen wird dem Reichsrat und dem Reichstag nach seinem Wiederzusammentritt am 27. April zur Genehmigung vorgelegt werden. Das Abkommen wird aber schon vom 16. April ab vorläufig augewendel werden. Die Reichsregierung hat sich zu dieser vorläufigen Anwendung entschlossen, von der Erwägung ausgehend, daß einerseits der Wettbewerb des französischen Gemüses für den deutschen Gemüsebau um so weniger schädlich ist, je früher das Frankreich gewährte Gemüsekontingent aus- genützt wird, und daß andererseits dann auch der deutschen Landwirtschaft und der deutschen Industrie ein um so längerer Zeitraum zur Verfügung steht, um die französischen Zollzugeständnisse auszunützen. Die drei Monate laufen bekanntlich für die an Frankreich gemachten Zollzugeständnisse vom 1. März bis 31. Mai, während die drei Monate für die Deutschland gewährten Zollermäßigungen vom 1. April bis 30. Juni laufen. Frankreich hat danach also noch sechs Wochen Zeit für die Ausnutzung seines neuen Kontingentes, während für die Ausnützung der Deutschland gemachten neuen Zugeständnisse noch
254 Monate zur Verfügung stehen.
Die Verhandlungen über den Hauptvertrag, d. b. den allgemeinen Handelsvertrag, gehen weiter.
BESsS
revolutionären Familie zu entstammen. Violet Gibson half oft den Armen und besonders den Frauen, sie verwendete dazu die ziemlich bedeutenden Beträge, die ihr in einer römischen Bank zur Verfügung standen. Im Parkhotel, wo sie letzten Dezember wohnte, machte sie den Eindruck einer sehr nervösen Religionswahn- sinnigen. Sie litt oft an Halluz inationen, ging »pip.unter.....Hypnose, mit steifem Körper und erhobenem Gesicht, ihre Augen blickten starr in die Leere, ihre Arme hingen wie leblos herunter, sie war völlig geistesabwesend, grüßte nicht und erwiderte keinen Gruß.
Die Marokkovechandluugen.
Typhusepidemie im Risgebiet.
Nach einer Meldung der „Times" soll die französische Regierung bereit sein, mit Abd-el-Krim einen Waffen- st i l l st a n d für die französische Front abzuschließen. Endgültige Friedensverhandlungen sollen dagegen nur zusammen mit Spanien stattfinden. Eine Begegnung französischer und spanischer Delegierter mit Vertretern Abd- el-Krims in Rabat steht in naher Aussicht. Es wird nur noch die Zustimmung Spaniens zur Wahl des Ortes erwartet; Spanien würde eine Stadt vorziehen, die nicht vollkommen unter französischem Einfluß steht.
Aus Tanger wird gemeldet, daß unter der Bevölkerung des Rifgebietes eine Typhusepidemie ausgebrochen ist. Die Sterblichkeitsziffer soll sehr hoch sein. Die französische Heeresleitung hat alle Vorsichtsmaßregeln getroffen, um ein Übergreifen der Epidemie auf die französischen Truppen zu verhindern. Abd-el-Krim hat sich in einem Briese an den König von Schweden gewandt und die Unterstützung des schwedischen Roten Kreuzes erbeten.
Vor ^egmn des Kuiisker-proZsffes.
Kutisker für der handlungsfähig erklärt.
Professor S e e l i n g, der auf erneutes Ansuchen Iwan Kutisker abermals eingehend auf feinen Gesundheitszustand untersucht hat, gab sein sehr eingehendes Gutachten dahin ab, Das? Kutisker an vorgeschrittener Arteriosklerose leidet. Ku- tisfer wäre schonungsbedürftig, aber nicht verhandlungs- unfähig. Unter diesen Umständen ist der Beginn der Hanpt- verhandlung gegen Kutisker, Holzmann und Genossen, die für den 12. April angesetzt ist, nicht mehr in Frage gestellt und die Abtrennung einzelner Verfahren vermieden.
Vor dem Großen Schöffengericht Berlin-Mitte werden elf Angeklagte vor Gericht erscheinen. Iwan Kutisker wird sich wegen Betruges zum Schaden der Preußischen Staatsbank und schwerer Urkundenfälschung, seine Söhne Max und Alexander, Direktor Blau, der Prokurist Blei von der Stein-Bank, der Direktor Paul Grieger von der Mechanischen Treibriemen-A.-G., die zum Kutisker-Konzern gehörte, die Kaufleute Jsrdor Stern, Fritz Grobe, Paul Winter, Henry Daniel und endlich Michael Holzmann werden sich wegen Beihilfe zu verantworten haben.
Iwan Kutisker, der bis 1914 in Libau gelebt hatte, war mit Kriegsausbruch nach Petersburg gezogen und durch Kriegs- lieferungen ein reicher Mann von allerdings nicht erstklassigem Ruf geworden. Ende 1919 siedelte Kutisker mit seiner Familie nach Berlin über. Später kaufte er eine vornehme Villa im- Grunewald. Kutisker machte in Berlin zunächst Geschäfte mit Heeresgut und erwarb insbesondere von der Altlederverwer- tungsstelle große Heeresbestände. Als die Geschäfte mit Heeres-, artikeln nicht mehr lohnend waren, begann er, sich mit Banktransaktionen zu beschäftigen. Daraufhin trat Kutisker, der unbedingt Verbindung mit einer Großbank haben wollte, im Oktober 1923 an die Preußische Staatsbank (SeehandlruM