Hersftlöer Tageblatt
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Hersfelöer Kreisblatt'
Amtlicher Anzeiger ftir -en Kreis Hersfetö
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Nr. 82
Freitag, den 9. April 1926
76. Jahrgang
Verpfändete Steuern.
Wir Deutsche vergessen manches, was wir nie vergessen sollten, rasch, oft allzu rasch — und es ist dann eine Schicksalsmahnung, wenn wir einmal auf das leicht Vergessene sozusagen mit der Nase gestoßen werden. Das geschieht auch jetzt durch den Streit, der zwischen dem R e i ch s si n a n z m i n i st e r i u m und dem Entente- ko m m i s s a r „für die verpfändeten Einnahmen" wegen der Hinausschiebung der B i e r st e u e r erhedung ausge- brochen ist und zur Anrufung des im Dawes-Plan vorgesehenen Schiedsgerichts geführt hat.
Wieviel Deutsche wissen denn, daß unsere gesamte Zollverwaltung unter der Aufsicht dieses Ententekommissars ebenso steht wie die Erhebung derAbgaben auf A l k o- h ol (also: Branntwein), Tabak, Bier und Zucker! Und zwar seit dem 3; Oktober 1924: als Sicherheitfür die Leistungen auf Grund des Dawes-Planes, und zwar hinsichtlich der Zahlungen aus dem Haushaltsplan. Sämtliche Einnahmen dieser Art gehen zunächst auf das Konto des Kommissars, und zwar die der zehn größten Zollkassen und die der Oberfinanzkassen sowie der Branntweinmonopolverwaltung. Diese Summen werden bis zum 1. September 1926 — Beginn des dritten Reparationsjahres — sofort wieder an das Reich zurückgestellt, von da ab aber behält der Kommissar von jeder der monatlichen Zahlungen soviel zurück, als nötig ist, um ein Zwölftel der jährlichen Verpflichtungen aus dem Reichshaushalt zu decken. Können Reich "Hahn und Bank für die deutschen Jndustrieobligationen d.e ihnen speziell auferlegten finanziellen Verpflichtungen rucht erfüllen, so kann der Kommissar zur Deckung auch deren dort ein- tretenden Rückstände entsprechende Summen aus den Eingängen der ihm verpfändeten Steuern zurückbehalten.
Nun haben wir im dritten Reparationsjahr aus dem Reichshaushalt 110 Millionen zu zahlen, aber — vorbehaltlich von Änderungen bis zur Höhe von 250 Millionen, je nachdem der Gesamtertrag der verpfändeten Staatseinkünfte den Betrag von einer Milliarde Mark (1926/27) oder 1250 Millionen Mark (1927/28) überschreitet oder auch nur erreicht. Ein Drittel des Überschusses geht an die Entente.
darf dre gesamte einschlägige Verwaltung kontrollieren, sämtliche Gesetze und Verordnungen, die auf die Ertragshöhe der verpfändeten Einnahmen einwirken, sind ihm mitzuteilen, und er hat gegen alle Maßnahmen dieser Art ein Einspruchsrecht. Nun sind im ersten Reparationsjahr durch jene vier Steuern und die Zölle rund 1,5 Milliarden eingekommen, ein etwa gleicher Betrag wird sich wahrscheinlich auch im zweiten Reparationsjahr ergeben. Schon in seinem Bericht über das erste Jahr sagt der Kommissar, daß sich für 1926 „die Hoffnung rechtfertigen lasse, der Beitrag werde zum größeren Teil, wenn nicht ganz, in der erhöhten Gestalt zu zahlen sein". Also nicht bloß die 110 Millionen, sondern weil mehr, „hoffentlich" 250 Millionen. Daß nun die Verschiebung der Erhöhung der Biersteuer den Gesamtbetrag der Einnahmen aus den verpfändeten Steuern vielleicht nicht auf die Höhe von 1750 Millionen kommen lassen wird, hat den Herrn Kommissar Mac Feydeau (einen Engländer) derart entrüstet, daß er Protest erhob. Er hatte sich schon darüber entrüstet, daß das Inkrafttreten der 33% %igen Biersteuer von vornherein auf den 1. April 1926 hinausgeschoben war; hatte er doch überhaupt eine „Verdoppelung der Biersteuer" — angeregt".
Er faßt sein Amt überhaupt sehr ernsthaft auf, hat schon im ersten Jahr die elf wichtigsten Oberfinanzkassen geprüft, ebenso die verschiedenen Hauptzollämteli Aber auch die Bücher einer Großbrauerei und einer Zuckerfabrik hat er geprüft. Daß bei der Abänderung des Tabak- steuergesetzes gewisse Erleichterungen — neben den viel zahlreicheren Erhöhungen — vorgenommen wurden, hat seiner Einwilligung bedurft; und diese hat er davon abhängig gemacht, daß die Erleichterungen sofort wieder aufgehoben werden müßten, wenn etwa die Gesamterträge dieser Steuer leiden würden.
Man sieht also schon aus diesen kurzen Andeutungen, wie tief sich der „Kommissar für die verpfändeten Einnahmen" in die deutsche Steuerverwaltung hineingebohrt hat, wie weit und zielbewußt er sein Tätigkeitsfeld ausdehnt. Und wie rücksichtslos er die Interessen der Entente wahrnimmt.
Fach Hinöenburgs Jubiläum.
Der Dank des Reichspräsidenten.
Das Bureau des Reichspräsidenten gibt bekannt: Anläßlich seines 60jährigen Militärjubiläums sind dem Herrn und auch von zahlreichen Gebieten des Deutschen Reiches und auch von zahlreichen Deutschen aus dem Aus-! lande Glückwünsche in überaus großer Fülle zugegangen. Zu seinem Bedauern erlauben die Amtsgeschäfte dem Herrn Reichspräsidenten nicht, die Zuschriften und Telegramme einzeln zu beantworten. Er bittet deshalb alle, die an diesem Tage freundlich seiner gedacht haben, seinen herzlichen Dank auf diesem Wege entgegenzunehmen.
Abschluß der Feierlichkeiten.
Donnerstag mittag wurden in Berlin die Regimentsfahnen, die Mittwoch zum Reichspräsidenten gebracht
Das Attentat einer Geisteskranken
Der Anschlag auf Mussolini.
Eine Engländerin als Täterin.
Nach den Feststellungen der italienischen Polizei handelt es sich bei der Attentäterin, die auf Mussolini das Revolverattentat unternommen hat, um eine etwa 50 jährige Frau namens G i b f o n, die in Dalkey in der Grafschaft Dublin geboren ist. Sie ist die dritte Tochter des verstorbenen Barons Ashbourne, des ehemaligen Lordkanzlers von Irland, ihr Bruder ist ein vielfacher Millionär, der in Frankreich seinen Wohnsitz hat. Die Attentäterin hat einen großen Teil ihres Lebens bereits in Jrrenan st alten zugebracht, da sie von einem religiösen Wahnsinn befallen ist. Sie soll auch die Absicht geäußert haben, den Papst zu ermorden. Von ihrer Geistesgestörtheit zeugt auch ein Selbstmordversuch, den die Attentäterin im vorigen Jahr unter romantischen Begleiterscheinungen begangen hat. Sie hatte sich damals in ein Zimmer eine Reihe von Kandelabern, Kerzen und schwarzen Tüchern bringen lassen. Darauf errichtete sie aus einem Tisch und aus Stühlen einen Altar und verwandelte so ihr Zimmer zu einer Totenkammer. Darauf legte sie sich ins Bett und schoß sich in die Brust, trug jedoch nur leichte Verletzungen davon.
Mussolini war nach dem mißglückten Attentat Gegenstand begeisterter Kundgebungen seiner faschistischen Anhänger. Aus das stürmische Drängen der Menge hin betrat Mussolini den Balkon des Palazzo Chigi, von dem aus er eine Ansprache hielt, in der er den siegreichen Vormarsch der Faschisten feierte und zur Ruhe und Ordnung mahnte. Bei einer Begrüßungsansprache bei Vorstellung der neuen faschistischen Parteileiter forderte er dazu aus, alle Geschäftsmacher aus der Partei auszuschalten. Er schloß mit den Worten: Es geht vorwärts! Wenn ich vorwärtsschreite, folgt mir, und wenn
Das gesamte diplomatische Korps, darunter auch der deutsche Botschafter haben Mussolini ihre Anteilnahme ausgesprochen. Das Königliche Haus sowie der Papst und auch Chamberlain haben Mussolini telegra- phisch oder persönlich zu seiner Errettung beglückwünscht.
Faschistische Ausschreitungen.
Der Mahnung Mussolinis zur Ruhe sind seine faschistischen Parteianhänger in Rom nicht nachgekommen. So versuchten einige faschistische Studenten auf das Gerücht hin, daß die Täterin eine Slawin sei, in die russische Botschaft einzudringen, woran sie im
waren, durch die Ehrenkompagnie wieder aus dem Palais des Reichspräsidenten abgeholt. An dem Fe st essen, das Hindenburg Mittwoch abend gab, nahmen von der Reichsregierung der Reichskanzler und der Rei'chswehrminister teil. Ferner waren die alten Kameraden des Jubilars, Generale und Admirale, geladen. In einem besonderen Saal war eine Tafel für Vertreter der Unteroffiziere und Mannschaften der Traditionstruppen gedeckt. Reden wurden nicht gehalten.
Zum Jubiläum waren Tausende von schriftlichen und telegraphischen Glückwünschen aus dem In- und Ausland eingetroffen. Genannt seien von den Gratulanten nur die Regierungen von Preußen, Bayern, Württemberg, Baden, Mecklenburg-Schwerin, Oldenburg, Hamburg und Lübeck, der Oberbürgermeister der Stadt Berlin und die Oberbürgermeister fast aller großen deutschen Städte sowie der Bayerische Städte- bund und der Oberpräsident der Provinz Brandenburg; die von Berlin abwesenden Reichsminister Dr. Marx und Dr. Stresemann, Reichsgerichtspräsident Dr. Simons, Reichskanzler a. D. Fürst Bülow, österreichischer Bundesminister Dr. Vauguin, ungarischer Reichsverweser Horthy, Kardinalerzbischof von Köln, Schulte. Vom Diplomatischen Korps haben der Apostolische Nuntius Monsignore Pacellt und der türkische Botschafter Kemal Eddin Samt Pascha schriftliche Gratulationen übermittelt. Durch persönliche Besuche im Hause des Reichspräsidenten haben der englische Botschafter und seine Frau Gemahlin, der spanische Botschafter, der Botschafter der Sowjetrepubliken, der französische Botschafter und der italienische Botschafter, der amerikanische Botschafter sowie die Gesandten von Schweden, Norwegen, Argentinien, Bulgarien, Lettland, Estland, Finnland, Bolivien, Griechenland, Polen und der Schweiz, Ungarn, ferner der österreichische, der mexikanische, der portugiesische und der litauische Geschäftsträger ihre Teilnahme zum Ausdruck gebracht.
Glaubenswechsel der rumänischen Königin
Die in jüngster Zeit wieder aus Anlaß des Zwistes mit dem Kronprinzen vielgenannte Königin Marie, von Geburt eine englische Prinzessin, ist am Gründonnerstag zum orthodoxen (griechisch-katholischen) Glauben übergetreten. Sie hat an diesem Tage den rumänischen Patriarchen zu sich gerufen und ihm mitgeteilt, sie hege den Wunsch, zur orthodoxen Kirche überzutreten. Die Königin, die bisher der anglikanischen Kirche angehörte, erklärte auf die Fragen des Patriarchen, daß sie ihren Kindern, die im orthodoxen Glauben erzogen seien, geistig näherstehen wolle. Nach Ablegung des ortho
letzten Augenblick von der Polizei gehindert werden konnten. Von Demonstranten wurden in der russischen Botschaft und im Konsulat Fenstereingeworfen. Innerhalb der rufsischen Botschaft hatte sich das Personal bewaffnet. Die russische Botschaft hat wegen des Überfalls bei der italienischen Regierung P r o t e st eingelegt. Auch bei ausländischen Journalisten wurden die Wohnungen von faschistischen Demonstranten demoliert.
Nach Blättermeldungen sind nach dem Attentat auf Mussolini zwei Ausländer verhaftet worden, deren Namen nicht bekanntgegeben werden. Außerdem soll eine große Anzahl von Kommunisten, etwa 60 an der Zahl, von der Polizei verhaftet worden sein.
Mussolinis ungünstiger Stern.
Der amerikanische Astrologe Reverend Arthur Brooks stellte Mussolini in vergangener Woche in einer bekannten Zeitschrift ein Horoskop. Er erklärte, daß Mussolinis Ge- burtsstern Skorpion, der vom Planeten Mars beherrscht werde, eine ernste Gefahr für Mussolini verkünde. Der italienische Diktator werde schwere politische Fehler machen und,sich starke Blößen gegenüber seinen Feinden geben. Die Sterne „bewiesen", daß demnächst eine große Gefahr über Mussolinis Person schweben werde.
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Reise Mussolinis nach Tripolis.
Befriedigender Zustand des Diktators.
Von der Berliner italienischen Botschaft wird " mitgeteilt, daß der Zustand Mussolinis durchaus zufriedenstellend ist. Der italienische Staatsches wurde sofort von dem berühmten römischen Chirurgen Bafianielli behandelt, und der Arzt erklärte, daß derH^ilungsprozeß sehr schnell vor sich gehen wird. Mussolini hat daher am Donnerstag seine beabsichtigte Reise in das italienische Kolonialgebiet angetreten.
Vorher beauftragte er noch seinen Staatssekretär Grau 1^-^« J8<a3i^«a^vei-eg^«^ - schiedsgruß auszusprechen und zu erklären, daß seiner Reise nicht die übertriebene Bedeutung beikomme, die man ihr vielfach im Auslande beilege. Sie erfolgte nur deshalb in besonders feierlicher Form, weil es das erstemal sei, daß der Regierungschef eine Kolonie besuche. Die Nachrichten, Italien trage sich mit der Absicht, im Einvernehmen mit der Türkei einen Teil Anatoliens zu besetzen, seien phantastischer als ein Roman. Italien sei viel friedlicher gesinnt, als man annehme, und halte bec- spielsweise trotz Genf den Locarnovertrag nicht für erledigt.
boxen Glaubensbekenntnisses empfing die Königin das Abendmahl nach orthodoxem Ritus, mit welchem Akt der Glaubensübertritt vollzogen war. ,
Zrie-ensverhan-lungen mit Abd-el-Krim?
Französisch-spanisches Einvernehmen.
Über Verhandlungen zwischen der französischen und der spanischen Regierung zur Vorbereitung des Friedens mit Abd-el-Krim wird auf Grund der neuen Unterredung, die zwischen Briand und dem spanischen Botschafter stattgefunden hat, mitgeteilt, daß man gegenwärtig die militärischen Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Sicherheit während der Verhandlungen erwäge. Die französischen und spanischen Generalstäbe könnten während der Verhandlungen nur mit äußerster Vorsicht vorgehen. Abd-el-Krim werde sich außerdem nur versöhnlich zeigen, wenn er den direkten Eindruck habe, daß er durch die uneinnehmbaren Stellungen der Spanier und Franzosen eingekreist sei. Aus weiteren Mitteilungen ist zu entnehmen, daß die Taktik der Franzosen und Spanier darauf hinausläuft, Abd-el-Krim lediglich als Führer der Beni Uriagel zu betrachten. Jüngst habe ein Kaid die französischen Linien überschritten, um dem französischen Vertreter mitzuteilen, daß Abd-el-Krim bereit sei, eine gewisse Anzahl Vertreter zu entsenden, um die Friedensbedingungen zu erörtern. Diese Angelegenheit habe diesmal ein ernsteres Gepräge erhalten, als bei gewissen mehr oder weniger offiziell von Abd-el-Krim beauftragten Europäern. Was die Friedensbedingungen selbst anlange, so seien sie durch das Madrider Abkommen sowohl in den politischen wie in territorialen Fragen geregelt. Davon sei nichts zurückzunehmen.
Die Beisetzung August Thyffens.
Die Ruhestätte auf dem Waldfriedhof.
In dem zu einer Kapelle umgewandelten großen Saal des Thyssenschen Schlosses Landsberg bei Kettwig v. d. Brücke fand die Trauerfeier für August Thyssen statt. Kardinal Schulte nahm in Gegenwart von Vertretern des Reichspräsidenten und der Reichs- und Staatsbehörden, in Anwesenheit des Oberpräsidenten der Rhein- provrnz, zahlreicher führender Persönlichkeiten der Wirt- swast und mehrerer Bürgermeister der größeren umliegen-