Hersfelöer Tageblatt
Hersfelöer Kreisblatt'
-Amtlicher MnZeiger Mr -ea Kreis Hersfels
Nr. 81 Donnerstag, den S. April 1926 76. Jahrgang
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Der Ehrentag des Reichspräsidenten
HindMurgs MliärjobilSnm.
Ein von milder Wärme und fröhlicher Frühlingssonne erfüllter Morgen war über Berlin heraufgezogen an diesem 7. April, an dem sich 60 Jahre vollendeten, seitdem des Reiches Präsident als junger Leutnant in die preußische Armee eintrat. Die Wilhelmstraße vor dem Präsidentenpalais liegt noch still und ruhig. Aber vor der zum Garten führenden Terrasse hat sich die Regimentskapelle des 9. Infanterieregiments aufgestellt, und als der Jubilar gegen ^10 Uhr in der Feldmarschallsuniform auf die Veranda tritt, ertönen feierlich die Klänge des Chorals „Lobe den Herrn!"
Während die erhabene Melodie in die Lüfte steigt, versammeln sich auf der Veranda die Familienangehörigen des Präsidenten und sein engerer Stab, die dem Gefeierten ihre Glückwünsche darbringen. Die Musik intoniert den Chor aus „Lohengrin", Militärmärsche folgen, Händels „Tochter Zion", „Nun danket alle Gott". Der „Hohen- friedberger" schließt das Ständchen.
Mittlerweile haben sich vor der Vorderfront des Hauses, auf der Wilhelmsträße, dichte Menschenscharen angesammelt, die ihre Ausläufer bis zum Brandenburger Tyr erstrecken. Ein Sicherheitskommando sorgt für Ordnung, denn die Auffahrt der Gratulanten beginnt, zum großen Teil in Militäruniformen bis zum höchsten Grade, denn keiner der ehemaligen Kameraden will an diesem Ehrentage fehlen.
Die Wünsche der Reichsregierung
bringt Reichskanzler Dr. Luther, der um H12 Uhr empfangen wird und herzliche Worte im Namen der Regierung an den Reichspräsidenten richtet. Einige Minuten später dröhnt aus der Richtung der Linden näherkommende
GroMIerlin rückt an. Sie bringt die Fahnen der drei Regimenter, denen Hindenburg angehört hat, des 3. Garderegiments zu Fuß, in das er vor 60 Jahren als Leutnant eintrat, des Oldenburgischen Infanterieregiments Nr. 91, dessen Kommandeur er war, und des Infanterieregiments Generalfeldmarschall v. Hindenburg (2. Masurisches) Nr. 147, dessen Chef er ist. Die Fahnenkompagnie nimmt Paradeaufstellung in der Wilhelmstraße. Reichspräsident v. Hindenburg, in großer Uniform, den Feldmarschallstab in der Hand, schreitet die Stufen seines Palais herab, gefolgt vom Reichswehrminister Dr. Geßler und dessen Stab. Die Menge begrüßt Hindenburg mit stürmischem Jubel, als er aus dem Gartentor des Palais auf die Straße tritt. Unter den Klängen des Deutschlandliedes schreitet er die Front ab. Dann geht der Feldmarschall zurück, und hinter ihm tragen die Fahnenträger die neun Fahnen seiner Regimenter.
OsfizielSe Feier.
Im großen Saal des Präsidentenhauses beginnt, während die Ehrenkompagnie abmarschiert, die offizielle Feier. An ihr nahmen, aus Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften bestehend, Abordnungen der Traditionstruppenteile obiger Regimenter sowie eine Tra- drtionsabordnung des früheren Panzerkreuzers „Hindenburg" teil, ferner der Reichswehrmini st er mit den Chefs der Heeres- und der Marineleitung, die Oberbefehlshaber der Heeresgruppen, die Wehrkreisbefehlshaber, Kavallerie-Divisionskommandeure und die leitenden Offiziere des Reichswehrministeriums, die Generale des Standorts Berlin, der Kommandant von Berlin, eine Vertretung der Heeresbeamten und die beiden Feldpröbste des Heeres sowie ~ Flaggoffiziere, Stationschefs und Jnspektorn der Marine. Ferner wohnten der Reichskanzler sowie Staatssekretär Dr. Meißner dem Fest-
att bei.
Dr. Geßlers Ansprache.
An der einen Seite des Saales waren die Fahnen ausgestellt und der Reichspräsident nahm vor ihnen Aufstellung. Reichswehrminister Dr. Geßler hielt folgende Ansprache:
„Herr Reichspräsident! Heute jährt sich zum 60. Male, daß Sie, Herr Reichspräsident, in die preußische Armee
daß Sie, Herr -------------------- .... .
eingetreten sind. An diesem Gedenktage nimmt die junge Wehrmacht des Reiches den herzlichsten Anteil, und es ist mir eine hohe Ehre, in dem Saale, in dem Sie die Fahnen der Regimenter grüßen, in denen Sie gestanden haben, ihre ehrerbietigsten und aufrichtigsten Glückwünsche
überbringen zu dürfen. z o
Richt nur, weil Sie kraft Ihres hohen Amtes an der Spitze der Deutschen Republik unser Oberbefehlshaber sind, sondern vor allem, weil wir in Ihrem Leben, das eine der ruhmreichsten Epochen der deutschen Geschichte erfüllt, die Verkörperung der höchsten militärischen Tugenden sehen. Der Tugenden, auf denen die bewunderns- werten Leistungen der alten Armee beruhten und die zu pflegen die oberste Pflicht der Reichswehr, der Erbin dieser hohen Tradition, sein muß, wenn sie die Erwartung unseres Vaterlandes erfüllen soll. Diese Tugenden aber haben immer und überall geheißen und werden immer und überall heißen, solange es brave und ehrliebende Soldaten
gibt: Pflichttreue, Tapferkeit, Vaterlandsliebe. Die denkwürdigen Tage Ihres Lebens, die für immer der Weltgeschichte angehören, haben sich mit diesen Tugenden zu einem goldenen Kranz gewoben und haben Ihnen nicht nur die Liebe und Verehrung von Volk und Heer, sondern auch die Achtung und Bewunderung der Welt verschafft. Sollen wir Ihnen mehr danken für die stolzen Siege, die Ehrentage der deutschen Waffen, oder für den Heldenmut in den Tagen des Unglücks und der Niederlage, wo so viele sich an Ihrem Beispiel der Pflichterfüllung bis zum Letzten aufrichteten?
Wir haben heute ein Recht, unsere Blicke mit Stolz und Dankbarkeit auf den Feldmarschall des alten und Oberbefehlshaber des neuen Heeres zu richten, und wir richten die heiße Bitte zum Himmel, daß Gott Sie, Herr Reichspräsident, als großes Vorbild dem Heere und als treuen Führer dem Vaterlands noch recht lange erhalten möge!"
Hindenburgs Antwort.
Sofort nahm der Reichspräsident mit kräftiger Stimme das Wort zu folgender Antwort:
„Mein Herr Reichswehrminister! Haben Sie herzlichen Dank für die Glückwünsche, die Sie mir zum heutigen SOjährigen Gedenktage meines Diensteintritts namens der Wehrmacht des Reiches dargebracht haben. Aus den Worten, die Sie an mich richteten, entnehme ich mit besonderer Befriedigung die Zusicherung, daß die Reichswehr sich als Erbin der hohen Tradition der alten Armee fühlt und es als ihre oberste Pflicht empfindet, die Tugenden, die unser altes Heer beseelten, zu pflegen.
Sie werden es mir altem Soldaten nicht verdenken,
daß ich heute, umgeben von diesen ehrwürdigen, ruhm- bedeckten Feldzeichen, unter denen ich den größten Teil
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>ie stolze alte Armee zuruckdenke. des Völkerbundes ist. Es waren Gerüchte aufgetaucht,
licher Erinnerung an bi . „
Sie war ein Volksheer, das nicht nur seinen Zweck, das Vaterland zu schützen, ehrenvoll erfüllt hat, sondern darüber hinaus eine Erziehungsstätte für unser ganzes Volk, eine hohe Schule der Pflichterfüllung und der Vaterlandsliebe. Was wir an ihr verloren haben, können wir in feiner vollen Bedeutung erst jetzt empfinden, wo sie nicht
mehr ist. Die neue Wehrmacht des Reiches, deren Vertreter ich hier vor mir sehe, mußte auf anderer Grundlage errichtet werden. Nur gering ist ihre Stärke, und an die Stelle der Ehrenpflicht allgemeinen Waffendienstes ist die freie Dienstverpflichtung getreten. Aber dadurch, daß die neue Wehrmacht an die große Tradition unserer militärischen Vergangenheit anknüpft und sie wahrt, dadurch, daß sie die hohen Tugenden selbstloser Pflichttreue, hingebender Vaterlandsliebe und opferfreudiger Tapferkeit übernimmt und erhält, ist auch sie ein Hort nationaler Kraft und eine Gewähr für die Erhaltung der soldatischen Eigenschaften in unserem Volke geworden. Von diesem Geist erfüllt, wird — so bin ich überzeugt — auch die gegenwärtige Reichswehr und Reichsmarine getreu ihrem Fahneneide stets ihre Pflicht tun; sie wird, unbeirrt vom Lärm der Gegenwart, sich von keinem anderen Gedanken leiten lassen als von dem hingebender Vaterlandsliebe lind von der Überzeugung, in stiller selbstloser Arbeit der Zukunft des deutschen Volkes am besten zu dienen.
So grüße ich, der alte Soldat, an diesem Tage der Erinnerung an die Ruhmeszeit des alten Heeres die neuerstandene Wehrmacht des Reiches mit gläubiger Zuversicht, daß sie stets der Taten der Väter würdig sein wird. Gemeinsam, als Kameraden wollen wir uns zu Deutschland bekennen, indem wir rufen:
Unser geliebtes teures Vaterland, hurra!"
Auf die Glückwünsche der Abordnungen der kameradschaftlichen Verbände und Kriegervereine, nämlich des Vereins Graf Schlieffen, des Vereins 3. Garde-Regt. zu Fuß, des Regiments Hindenburg, des Jnf.-Regts. 191, der ehemaligen Kadetten, des Reichskriegerbundes Kyffhäuser und der Offiziersverbände antwortete der Reichspräsident mit Worten des Dankes für die erwiesene treue Gesinnung und Anhänglichkeit und fuhr dann fort:
„Die Kameradschaft, wie wir sie immer verstanden haben, bedeutet Zusammenhalt und Einigkeit. Diese Einigkeit tut uns gerade jetzt besonders not, wo unser Volk in Gefahr ist, sich in Tageskämpfen politischer und konfessioneller Gegensätze, zu zersplittern und zu schwächen. Wir können nur wieder groß und stark werden und in der Welt zu Ehren kommen, wenn wir uns in solchem Zusammenhalten begegnen. Dazu mitzuverhelsen sind gerade Sie berufen, die Sie sich zum Geist der Kameradschaft bekennen. Mit diesem Wunsche sage ich Ihnen nochmals herzlichen Dank für Ihr so freundliches Meingedenken!"
Damit war der offizielle Teil der Feier beendet und die neun Fahnen wurden im Arbeitszimmer des Präsidenten aufgestellt, wo sie bis Donnerstag mittag verbleiben. Während der Feier begehrte die vor dem Palais angesammelte Menge stürmisch den Reichspräsidenten zu sehen. Hindenburg zeigte sich mehrmals auf den Balkon, wobei er durch begeisterte Zurufe begrüßt wurde. Auch wurden die Nationalhymne und andere, vaterländische
Lieder gesungen. Abends fand ein gemeinsames Festessen statt, an dem zahlreiche alte Kameraden, die Abordnungen der Traditionstruppenteile, die Generalität der Reichswehr und die leitenden Offiziere des Reichswehrmmiste- riums, die Admiralität der Reichsmarine sowie die Führer der Vereinsabordnungen teilnahmen. ,
Weitere Glückwünsche.
Vormittags war der englische Botschafter in Reichspräsidentenpalais erschienen und hatte seine Karte abgegeben. Lord d'Abernon brächte damit dem Reichspräsidenten die Glückwünsche des diplomatischen Korps zum Ausdruck. _
Die Deutsche Volkspartei (Nationalliberale Partei, Landesverband Bayern) hat an den Reichspräsidenten von Hindenburg folgendes Telegramm gerichtet: „Am Tage des 60jährigen Militärjubiläums des Herrn Reichspräsidenten gedenken wir in unauslöschlichem Dank des großen Heerführers. Dem zielbewußten Führer im schweren Kampf um Deutschlands Aufstieg gelten unsere Wünsche für die Zukunft. Ihm geloben wir vertrauensvolle Gefolgschaft." , -
TeoWand braucht Kolonien!
Man kann wirklich nicht gerade sagen, daß alles, was unter der Firma „Rückwirkungen von Locarno" läuft, sehr klar und durchsichtig ist. Zu den bisher schon die Öffentlichkeit beschäftigenden Kapiteln ist nun ein neues getreten, das uns nicht minder stark berührt wie etwa die Frage der Stärke der Besatzungstruppen, des. Regimes im Saargebiet und anderer zahlreicher deutscher Beschwerden. Was jetzt ganz überraschend stark in den Vordergrund tritt, das ist die Frage, ob und wann Deutschland Träger eines
daß Italien wegSn des ehemaligen Deutsch-Ost- afrikas mit England verhandle, das ja diese früher deutsche Kolonie in Besitz genommen hat oder vielmehr — um mit den Worten des Versailler Friedens zu reden — Mandatar dieser Kolonie ist. Diese Gerüchte hatten nicht gerade viel Wahrscheinliches an sich, aber sie gaben Veranlassung zu einer regierungsoffiziösen Erklärung in dem Londoner „Daily Telegraph", wonach uns zwar in Locarno die grundsätzliche Zusicherung gegeben worden ist, oaß wir Träger eines Kolonialmandats theoretisch werden können, wenn wir erst Mitglied des Völkerbundes find, daß aber praktisch an die Übertragung eines solchen Mandats gar nicht zu denken sei.
Erfreulicherweise hat nun die deutsche Regierung mit einer Antwort auf diese merkwürdige Erklärung nicht lange warten lassen und hat einen Weg hierfür gewählt, der nicht ganz unoriginell ist. Das Berliner Auswärtige Amt hat sich nämlich den Berliner Berichterstatter der Londoner „Times" kommen lassen und es ist ihm dabei mitgeteilt worden, daß in keiner Frage die deutsche öffentliche Meinung so empfindlich und zugleich so entschlossen sei, wie bezüglich der Wiederaufnahme kolonialpoliti- scher Tätigkeit zu dem frühmöglichen Zeitpunkt. Man hat den „Times"-Berichterstatter darauf hingewiesen, daß der deutsche Außenminister die Forderung nach Kolonien wiederholt als einen Teil der deutschen Politik innerhalb des Völkerbundes bezeichnet. Und weiter hat man sich nicht gescheut, in die deutsche Antwort eine recht bemerkenswerte Spitze hineinzubringen: Da der Völker- bund die Rationen in solche einteile, die unfähig oder fähig seien, Mandate zu verwalten, müsse Deutschland sich zur letzten Gruppe rechnen. Was ja auch eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist, weil ein Volk, das man theoretisch oder praktisch für unfähig oder unwürdig er» klärt, Kolonien zu haben, doch im Bunde der Nationen nichts zu suchen hat.
Die Auslassungen Englands gegen unsere Absicht haben des weiteren zur Folge gehabt, daß die deutsche Außenpolitik unzweideutig zu verstehen gab, Deutschland werde sofort nach seinem Eintritt in den Völkerbund Ko- lonialmandate verlangen. Auch darauf hat der „Times"- Berichterstatter in feiner Mitteilung hingewiesen, dabei aber gleich hinzugefügt, daß man in englischen und französischen Regierungskreisen einen wesentlich anderen Standpunkt habe. Eine Reihe von Kolonien sei unrentabel, verlange Zuschüsse — vielleicht denkt man dabei besonders an Syrien! Und infolgedessen denke man aus zwingendsten Ersparnisgründen an den Abbau unrentabler und politisch unwichtiger Mandate oder älteren Kolonialbesitzes. Die „Times" fügen hinzu, man werde sich vielleicht in London und Paris dahin einigen, besonders da Deutschland in Genf eine schwere moralische Enttäuschung erlitten habe, auf unsere kolonial-politische Sen- timentalität ein möglichst billiges Pflästerchen zu packen.
Diese Naivität grenzt an das Groteske. Die deutschen Kolonien, die in jahrzehntelanger mühseligster Arbeit und unter schweren finanziellen Opfern Deutschland wirtschaftlich emporgebracht hat, will man zu behalten die Freundlichkeit haben. Wir sollen dagegen die zweifelhafte Ehre genießen, irgendwelchen verlotterten Kolonial