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Kersfelöer Tageblatt

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Nr. so

Mittwoch, den 7. April 1926

76. Jahrgang

Deutscher Luftverkehr.

Nun ist am Tage nach dem Osterfest der deutsche Luft- oerkehrsdienst wieder ausgenommen worden; am gleichen Lage landete auch, von London herkommend, das erste Flugzeug auf der Gegenstrecke in Berlin. Man hat große Pläne. Einige dreißig Linien will man einrichten, vie nicht etwa nun sämtlich nur von Berlin ausgehen sollen, sondern auch andere Querverbindungen über Deutschland. Alleinige Betriebsgesellschaft ist ja jetzt die Deutsche Luft-Hansa, die dem früheren Gegen­einander verschiedener Gesellschaften durch Verschmelzung der größten von ihnen ein Ende machte.

Heutzutage ist die Fliegerei schon fast ein Beruf; aber ein Beruf, für den das Material in denkbar schärfster Form gesichtet wird. Die Männer aus der Heldenzeit des Flug­sports, also aus dem großen Kriege, treten allmählich zu­rück, und was an jungen Fliegern an ihre Stelle kommt, muß eine überaus harte Schule durchmachen. Auf dem Flugplatz Staaken bei Berlin z. B. befinden sich gleich zwei derartige Schulen, von denen die eine, die Sportflieger- fchule, in einjähriger Arbeit den Flugschüler zur unbe­dingtesten Beherrschung des Flugzeuges erzieht. Dann folgt die weitere Erziehungs- und Ausbildungsarbeit bei der Deutschen Verkehrsfliegerschule. Die Bedingungen werden immer schärfer, immer kleiner wird der Kreis der Personen, die diese Bedingungen erfüllen können, und immer sorgfältiger wird auf das letzte Ziel hingearbeitet: in Personal und Material nur Allererstklassiges heraus- zubringen, weil dabei nicht nur große wirtschaftliche Werte in Frage kommen, sondern weil völlig in die Hand des Fliegers auch das Leben der Flugpassagiere gelegt ist. Weit mehr wie bei der Eisenbahn ist der Flugzeugführer, fast möchte man sagen: absoluter Herrscher über Leben und Tod derer, die sich ihm anvertrauen. Noch ist das Flug­material längst nicht so weit, unbedingteste Gewähr zu bieten gegen Unglücksfälle, doch daß so selten derartige Unglücksfälle vorkommen, verhältnismäßig weit seltener als beim Autoverkehr, hat eben feinen Grund vor allem darin, daß die vom Deutschen Reichsverkehrsministerium herausgegebenen Bedingungen, von deren Erfüllung die Zulassung als Verkehrsflieger abhängig ist, von ganz

In Wirklichkeit hatte darum der Flugdienst schon feit einigen Wochen eingesetzt. Ebenfalls in Staaken befindet sich die große Flugwerft der Deutschen Luft-Hansa und die dreimotorigen Giganten der Luft sind seit Wochen bis auf die letzte Schraube überprüft, sind für den Dienst fertiggemacht worden. Und dann spielt sich der Flieger, der ein solches Flugzeug zu führen hat, diesen kompli­zierten Apparat nun durch unablässiges üben und Proben völlig in die Hand. Unzählige Male ist er schon die Strecke geflogen, die er jetzt während des Sommerdienstes als verantwortlicher Leiter seines Flugzeuges zu fliegen hat. Und er ist die Strecke schon geflogen bei Sonnen­schein und Regen, bei Gewitter und Nebel. Er weiß ge­nau, wohin er sich zu wenden hat, wenn ihn eine Not­landung zu Boden zwingt; sind doch an den Luftverkehrs­linien in Abständen von etwa 50 Kilometern Reparatur­werkstätten bereitgestellt, die ein notgelandetes Flugzeug sehr schnell wieder flottmachen können.

Roch immer ist aber über die Zukunft des deutschen Luftverkehrs Endgültiges nicht herausgekommen, bei den nun schon vier Monate währenden Verhandlungen in Paris. Mag man sich dort vielleicht über die inter­nationale Lustverkehrspolitik auch einigen, für uns ist ja viel wichtiger, zu wissen, ob auch die letzten Fesseln fallen, die der Versailler Friede dem deutschenLuft- verkehr angelegt hat. Aber gerade hierin scheint man deutscherseits in Paris bei der Entente auf eine überaus hartnäckige Ablehnung zu stoßen. Weit über die Bestim­mungen dieses Friedens hinaus hat man 1921 den deut­schen Flugzeugbau einzuengen verstanden. Man will diese Bedingungen jetzt wohl etwas lockern, aber doch nicht so weit, daß die deutsche Konkurrenz sich in aller Vollkraft regen kann. Vor allem aber will man immer noch genaue Kenntnis von den deutschen Konstruktions­plänen haben, einfach in der Furcht, daß der deutsche Flugzeugbau bei einer völligen Lösung der Versailler Fesseln sich mit einem schnellen Satz an die Spitze dieses jüngsten Produktionszweiges der Welt setzen würde.

Man hört zu wenig von diesen Pariser Verhand­lungen und die interessierten Kreise der deutschen Flug­zeugindustrie verhehlen ihre Besorgnis vor einem für -uns unglücklichen Ausgang dieser Verhandlungen schon längst nicht mehr. Mit Recht; denn gewaltige Werte sind in die Flugunternehmungen hineingesteckt worden; die Industrie selbst beschäftigt schon Zehntausende von Ar­beitern. Nun aber ist sie immer noch völlig im unge­wissen darüber, was werden soll. Das ist untragbar; so schnell wie möglich muß die Berücksichtigung deutschen Lebensinteresses in der Luft bei jenen VmMsdlungen !durchgedrückt werden.

Weltkongreß der russischen Flüchtlinge.

Kampf gegen Bolschewismus und Internationalismus,

In Paris ist der Weltkongreß der russischen Flücht­linge eröffnet worden, der durch etwa 400 Delegierte der in Deutschland, Frankreich, England, Italien, Belgien, Polen, Litauen, in der Schweiz, den Vereinigten Staaten und im Fernen Osten lebenden Flüchtlinge be-

Rußland gegen denDölkerbund

Keine Teilnahme Rußlands an der Abrüstungskonferenz.

Die neueHeilige Allianz".

Der Völkerbund bemüht sich, für die im Mai statt« findende vorbereitende Abrüstungskonfe­renz auch die Teilnahme der außerhalb des Völkerbun­des stehenden Großmächte zu gewinnen. Während Deutschland und Amerika ihre Beteiligung an dieser Abrüstungskonferenz bereits in Aussicht gestellt haben, hatte Rußland bisher noch keine bestimmte Antwort auf die ihm zugegangene Einladung gegeben. Nunmehr hat der rufsische Volkskommissar für auswär- tige Angelegenheiten, Tschitscherin, Pressevertretern gegenüber erklärt, daß Rußland an der Abrüstungs­konferenz nicht teilnehmen werde, wenn sie, wie geplant, in Genf stattfinden sollte. Tschitscherin be­gründet diese abweisende Antwort mit der ablehnenden Haltung der Schweiz, die diese Rußland gegenüber im Falle des in der Schweiz ermordeten russischen Diplo- maten Worowski einnimmt.

Tschitscherin ging dann auf die Organisation des Völkerbundes überhaupt ein, den er eine Vereini­gung zur Beutesicherung undBeutever- t e i l u n g durch die Siegermächte bezeichnet. Er wirst ferner der konservativen englischen Regierung vor, sie habe den Völkerbund zu einem Organ der Herstellung der Ein­heitsfront gegen Sowjetrutzland gemacht, indem sie zuerst Rußland zu isolieren und dann alle Länder gegen die Sowjetunion zusammenzusassen sich be­mühte. Das sei der wahre Sinn von L o c a r n o, das gegen Sowjetrußland und gegen das Freiheitsstreben der kolonisierten Länder gerichtet sei. Wenn Chamberlain sich bei den Locarnoverträgen aus Englands Vertreter beim Wiener Kongreß, Lord Castlereagh, berufen habe, so bedeute das ein Rückgreifen uns die reaktionären Tenden- schsckt ist.Qüotiören^behauptet, daß weder die Sozia- listen noch die Kadetten auf dem Kongreß vertreten seien. Nur die M o n a r ch i st e n seien an ihm interessiert.

Der Kongreß soll die Schaffung einer Zen- tralorganisation vorbereiten, mit der die Regie­rungen wirtschaftliche und soziale Fragen erörtern können, die die Flüchtlinge betreffen. Der Vorsitzende erklärte in seiner Begrüßungsansprache: Das Hauptziel des Kon­gresses ist die Einigung der Emigranten gegen­über den Regierungen und dem Völkerbund. Seine Ver­wirklichung würde einen großen Fortschritt im Kamps gegen Bolschewismus und Internationalismus bedeuten.

Auf der Tagesordnung des Kongresses stehen die Er­örterung der Lage der Emigranten, die Frage der Hilfe­leistung für Studenten und vor allem das Problem einer offiziellen Vertretung der russischen Flücht­linge beim Völkerbund. Bei einer Rede über die innere Lage Rußlands erklärte Semenoff u. a.,

das russische Volk, besonders die Bauern, lehnten gegen die kommunistische Diktaflur auf, sie niemals anerkannt hätten.

sich die

Klärung der Lage in China.

Neue Bombenabwürfe auf Peking.

Nach einer Meldung derChicago Tribune" Peking verlautet aus gut unterrichteter Quelle, daß

aus eine ehe-

Koalition zwischen Fengyuhsiang und seinem maligen Feinde Wupeifu gebildet worden sei. Danach soll Wupeifu bei der Vernichtung der vereinigten Armeen von Tschili und Schantung helfen, die unter dem Befehl

des Gouverneurs der Provinz Tschili, Litschinglin, jetzt Peking bedrohen.

Mandschurische Flugzeuge haben von neuem über Peking 12 B o m b e n in der Nähe der Tempel des Acker­baus und des Himmels abgeworfen, als sich zahlreiche Menschen versammelt hatten, um der alljährlichen Zere­monie der Baumpflanzung beizuwohnen. Unter den Zu­schauern brach eine Panik aus, doch sind keine Ver­luste zu verzeichnen. Das Diplomatische Korps erwägt wegen der Bombenabwürfe eine Protestnote.

DerHeilige Krieg" in Marokko.

Die Friedensverhandlungen mit Abd-el-Krim.

Der Führer der Rifkabylen, Abd-el-Krim, hat an die Häuptlinge der marokkanischen Stämme einen flam­menden Aufruf zur Fortsetzung des Krieges gegen Frankreich und Spanien erlassen. In diesem Aufruf heißt es:Vereinigt Euch und bildet einen Wall gegen die Christen! Metzelt sie nieder, wo Ihr auf sie stoßt! Setzt dem Feinde überall zu. Schneidet ihm die Verbindungs­wege ab. Tretet in den heiligen Krieg ein, um unsere Ration zu verteidigen und unser Vaterland zu retten. Trotzt dem Tode aus Liebe zu Gott!"

Dieser Aufruf wird sicher nicht dazu beitragen,^die

zen Der Heiligen Allianz durch den Völkerbund. Tschi- tscherin zweifelt an der Möglichkeit, daß Deutschland auch im Herbst dem Völkerbund beitritt. Tschitscherin beschul­digte Chamberlain, er versuche, Deutschland und Frankreich in Gegensatz zueinander zu bringen. Rußland würde eine Annäherung zwischen Frankreich und Deutschland gern sehen, da sie den Frieden

für Europa bedeuten würde.

Nachdem Tschitscherin die vergeblichen deutschen Be­mühungen, in dem schönen internationalen Gebäude einen Platz zu eKalten, ironisiert und auf die Gefahr hinge­wiesen hatte, die die mögliche Aufhebung des Einstimmig­keitsprinzips im Völkerbundrat für Deutschland bedeute, wies er darauf hin, daß das Hauptproblem der nächsten Zeit darin zu sehen fei, welche Formen die weitere Unter­werfung Westeuropas unter das amerikanische Kapital annehmen werde.

Scharfe litauische Note an den Völkerbund.

Der Generalsekretär des Völkerbundes hat von der litauischen Regierung eine für die Mitglieder des Völker­bundrates bestimmte Mitteilung erhalten, die nach Mei­nung des diplomatischen Korrespondenten desDaily Telegraph" wahrscheinlich die schärfste diplomatische Note ist, die dem Völkerbundrat jemals von einem Mitglied zugegangen ist. In der Note beschwert sich Litauen darüber, daß polnische Truppen immer noch einen litauischen Gebiets st reifen besetzt hiel­ten, obwohl Polen vom Völkerbundrat aufgefordert sei, den bisherigen Zustand herzustellen. Litauen habe die so­fortige Einberufung einer Untersuchungskom- mission verlangt. Der Vorsitzende dieser Kommission, Graf Jshii, sei indessen der Auffassung gewesen, daß der Völkerbundrat sich nicht mit den Einzelheiten zu befassen brauche. Der Korrespondent meint, die Notwendigkeit einer unparteiischenUntersuchungfei um so dringender, als die polnisch-litauische Grenze in dem strittigen Gebiet noch nicht festgelegt fei. _____

FrkedenZveryansruugen, Die grinsten Frankreich Äo Livo- el-Krim in letzter Zeit schwebten, zu fördern, obwohl die französische Regierung das größte Interesse für einen baldigen Friedensschluß an den Tag gelegt hat. übrigens bestehen zwischen der französischen und der spanischen Regierung noch gewisse Meinungs - Verschiedenheiten über den Friedensschluß mit den Marokkanern. Die spanische Regierung ist der Meinung, daß der Augenblick zum Friedensschluß noch nicht ge« kommen sei. Du das Prestige und die Docht Abo-el-KrimS noch nicht genügend niedergerungen seien.

Dis Beisetzung August Thyssens.

Die Erfolge des Industriekapitäns.

Die Beisetzung August Thyssens findet am Mittwoch nachmittag von Schloß Landsberg aus nach dem Neuen Friedhof in Kettwig vor der Brücke statt. Die Thyssenschen Zechentürme im Industriegebiet haben h a l b st o S ge­flaggt. Im Trauerhause sind zahlreiche Beileidskund­gebungen eingetroffen. U. a. haben Reichspräsident von Hindenburg und Reichskanzler Dr. Luther Bei­leidstelegramme gesandt.

Mit August Thyssen ist der Senior der rheinisch-West­fälischen Montanindustrie dahingegangen. Er war eine der markantesten Persönlichkeiten, Selfmademan, mit einer aus­geprägten konservativen Einstellung. Politisch gehörte er der Zentrumspartei an, ist aber im Parteileben niemals hervor­getreten. August Thyssen wurde am 28. Mai 1842 in Esch- Weiler geboren und ist unter dürftigen Verhält- nissen aufgewachsen. Ende der sechziger Jahre grün­dete er in Duisburg eine Eisenwarenhandlung und siedelte 1871 nach Mülheim-Ruhr über, wo er die Firma Thyssen u. Co. gründete. Hier arbeitete er sich bald zu einer ange­sehenen industriellen Stellung empor und legte den Grund­stock zu dem gewaltigen Werk, das heute seinen Namen trägt. Dann erwarb er die GewerkschaftDeutscher Kaiser". Mit zäher Energie und weitblickendem Geschäftsgeist begann die Firma, zu der auch sein Bruder Joseph gehörte, mit der Ausnutzung des Schachtes. 1890 legte Thyssen in Hamborn ein Hüttenwerk an, darunter ein Siemens-Martin-Stahlwerk. 1896 kam mit dem Bau von Hochöfen ein Thomas-Stahlwerk hinzu. Vor dem Weltkrieg umfaßte das Hüttenwerk sechs Hochöfen. Im ganzen beschäftigte Thyssen vor dem Kriege 50 000 Arbeiter. Die Verkehrseinrichtungen des Riesen­werks umfassen u. a. ein normalspuriges Eisenbahnnetz von 200 Kilometer Schienenlänge und zwei eigene Rheinhäfen, die auf zum Teil eigenen Schienen einen Ge- samtumschlag von weit über drei Millionen Tonnen ver­mitteln. Die Hüttenanlage Thyssens mit acht Hochöfen in Hagendingen (Lothringen) und ein eigener Hafen zur Erz­ausfuhr sowie ein Hüttenwerk in Caen in der Normandie gingen während des Krieges verloren. 1903 erwarb Thyssen das Bergschlotz Landsberg, in dem er bis zuletzt lebte. Die Leitung der Firma hat heute sein ältester Sohn, der 1873 ge­borene Fritz Thyssen, der während des Ruhreinbruches einen Zusammenstoß mit der französischen Besatzungsbehörde hatte und in Mainz zu hoher Geldstrafe verurteilt wurde, weil er sich weigerte, dem französischen Befehl nachzukommen. Mit seinem zweiten Sohn August befand sich der Vater seit Jahren in Konflikten, die zu schwierigen Prozessen führten.

Persönlich war Thyssen sehr einfach. Bis in die