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Hersfelöer Tageblatt

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Nr. 68

Montag, den 22. März 1926

76. Jahrgang

Amerika und wir.

In London sitzt als amerikanischer Botschafter ein Mann, der früher in Berlin war, aber in letzter Zeit ein« selbst für einen Amerikaner überraschend schnelle Karriere gemacht hat und dem man noch eine bedeutende politische Zukunft prophezeit. Das ist Herr Houghton, der schon bei der Londoner Konferenz 1924, als der Dawes-Plan beraten wurde, eine sehr wichtige Rolle spielte als sozu­sagen politischer Vertreter der amerikanischen Finanz­leute. Man weiß, wie tief gerade die amerikanischen Banken in den Gang der Dinge eingegriffen haben, wie sie den französischen Widerstand gegen eine Befriedung Europas überwältigten.

Das scheint jetzt eine eigenartige Parallele zu finden in einer Denkschrift des gleichen Herrn Houghton, den der Präsident Coolidge nach Washington berufen hatte; man will wissen, daß er Nachfolger Kellogs im Staatssekretarial für das Auswärtige werden soll. Houghton hat nun dem Präsidenten eine Denkschrift überreicht, die es offenbar an Deutlichkeit der Ansichten über die Genfer Irrun­gen und Wirrungenso wenig fehlen läßt, daß Hough­ton sich in Europa ein bißchen unmöglich gemacht hat. Frankreich ist nach seiner Ansicht der Störenfried und kann England immer als treuen Gefolgsmann haben, weil im Falle englischen Widerstrebens Frankreich sofort im­mer in Vorderasien ein kleines Feuerchen anstecke. Die Schlußfolgerungen Houghtons über die demnach gar nicht vorhandeneSelbständigkeit" der englischen Außenpolitik sind ebenso zutreffend wie für die englische Eigenliebe ver­letzend.

Frankreich hat ja auch die Abrüstungskonferenz Coolidges liebstes Kind wieder einmal bis ins Un­gewisse vertagen lassen; da empfiehlt Houghton, einen stärkeren Druck auf die europäischen Störenfriede" aus- zuüben. Was ausgerechnet bei Belgien anscheinend schon ausprobiert worden ist: das Nichtzustandekommen der belgischen Währungsanträge verursachte in Brüssel einen derartigen Franksturz, daß Vandervelde so schnell wie möglich nach Hause zu reisen aufgefordert wurde. Eben- ;o ^rro Htm «MMjchtutzeu^-Mi- 8fUM<N#i*lN* Bekanntlich ist der Hauptgrund für den Sturz des frühe­ren Finanzministers Caillaux, daß es ihm nicht ge­lang, wegen der Kriegsschulden seines Landes an Ame­rika in Washington irgendwelches Entgegenkommen zu erreichen, das über die an England gemachten amerikani­schen Zugeständnisse in der Schuldenabtragung hinaus- ging. Ein derartiges Abkommen ist auch mit Italien ver­einbart, aber vom Senat noch nicht genehmigt worden. Da schlägt Houghton vor, diese finanziellen Abhängigkeiten der beiden Hanptstörenfriede zu politischen Zwecken, vor allem für die Durchsetzung der Abrüstung auszunutzen.

Wir glauben nicht, daß eine derartige finanzielle Drosselungspolitik Amerikas dem europäischen Kontinent gegenüber sich auch auf Deutschland beziehen würde, wohl aber dokumentiert sich darin auch eine wieder stärker ge­wordene Zurückhaltung Amerikas all dem gegenüber, was an internationalen Vereinbarungen in Europa geschlossen worden ist. Nur mit Mühe hatte es Coolidge durchgesetzt, daß die Vereinigten Staaten nun auch beim Internatio­nalen Schiedsgericht im Haag teilnehmen sollten davon scheint man aber nach dem Bericht Houghtons jetzt nicht mehr viel wissen zu wollen; denn auch dies ist vom Senat noch nicht ratifiziert worden. Daß man vom Völkerbund selbst jetzt noch weniger wissen will als früher, ist eine weitere Folge der Genfer Vorkommnisse. Ausdrücklich aber hat das amerikanische Schatzamt erklären lassen, daß es deutschen Kreditgesuchen gegenüber keinerlei Änderung in seiner bisherigen wohlwollenden Haltung eintreten lassen will. Denn wir Deutschen haben ja an der allge­meinen Abrüstung selbst das dringendste Interesse, nur ist auch über dieses Thema in Genf kein Wort gesprochen worden. . _

Man will also gewisse europäische Machte durch einen finanziellen Druck zur Nachgiebigkeit zwingen; denn daß gerade in Genf das alte System einer Bündnispolitik mit den damit verbundenen Gefahren kriegerischer Ver­wicklungen allzu deutlich zum Ausdruck kam, hat man in Amerika sofort erkannt. Wo die Schuld liegt, ist noch klarer und man befürchtet, daß sich in Europa der Krisen­zustand verschärfe. . __

Wenn diese Ansichten Houghtons Billigung der maß­gebenden Regierungskreise in Washington nicht bloß fin­den, sondern diese Ansichten offenbar darstellen die Ver­öffentlichung des Berichtes scheint das zu beweisen - so setzt hier ein Druck ein, dem finanziell notleidende Staaten wirklich nur schwer widerstehen können. ...^i^^

Branvkaiastrophe in Tokio.

650 Häuser eingeäscher 1.

Die Stadt Tokio, die in den letzten Jahren mehrfach durch schwere Katastrophen heimgesucht worden ist, war erneut der Schauplatz eines ungeheueren Brandes, der ein ganzes Stadtviertel einäscherte. Es handelt sich fast um die gleiche Gegend, in der vor einem Jahre der Rresenbrand wütete, der 700 Häuser vernichtete. Etwa 650 Häuser wurden von den Flammen ergriffen. Glücklicherweise scheinen die Menschenopfer nur gering zu sein. Fast alle Bewohner der gefährdeten Häuser konnten ihr Leben ret­ten, doch sollen bei der Panik etwa zwölf Personen im Gedränge verletzt worden sein. Die Zahl der durch die Katastrophe obdachlos Gewordenen beträgt rund 4000.

Unsere Ernährungslage 1918

Die Schuld an dem

inneren Zusammenbruch.

Sitzung d e s Untersuchungsau-.,..,.,,

Der vierte Unterausschuß des Untersuchungsaus­schusses des Reichstages über die Kriegsfragen hielt zwei Sitzungen ab.

Aus einem dem Ausschuß zur Kenntnis gebrachten Schreiben des Reichsministers für Ernährung und Land­wirtschaft ergibt sich, daß sich Ende Oktober 1918 in den Händen der Reichsgetreidestelle Brotgetreidebestände in Höhe von insgesamt 600 000 Tonnen befanden. Diese Menge deckte nicht ganz den Bedarf von zwei Monaten. Für das Wirtschaftsjahr 1918/1919 bestand ein Fehlbe- dars von etwa 420 000 Tonnen; diese Menge entsprach nahezu einem Monatsbedarf, der also im Wirtschaftsjahr 1918/1919 bei der Brotversorgung gefehlt hätte und auch nicht aus anderweitigen Quellen (Ukraine, Rumänien und sonstigen besetzten Gebieten), die entweder für Österreich in Anspruch genommen oder infolge der militärischen Lage für uns verlorengegangen wären, hätte gedeckt wer­den können.

Es folgte dann die Aussprache über das vor kurzem ge­haltene Referat des Abgeordneten Grafen Eulenburg (Dtn.), der sich scharf gegen die Revolution gewandt und von neuem behauptet hatte, daß die Front einem Dolchstoß erlegen sei.

Abg. Bergsträfser (Dem.) wandle sich gegen die Ausfüh­rungen Eulenburgs. Sein Referat sei ohne wissenschaftlichen Wert. Aus den Berichten der Divisionen aus den letzten Tagen vor dem Zusammenbruch geht hervor, daß der Ersatz vielfach manaelbakt ausaebildet war. Dies sei ein wicktiaer Grund

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I

Hindenburgs Memlandreife.

Der Reichspräsident in Köln.

Reichspräsident von Hindenburg, der sich zur Teil­nahme an der rheinischen Befreiungsfeier in das Rhern- land begeben hat, ist am Sonntag vormittag in Köln eingetroffen, wo ihm ein jubelnder Empfang be­reitet wurde. In Begleitung des Reichspräsidenten be­finden sich etwa 30 Herren, an der Spitze sein persönlicher Adjutant, Major von Hindenburg, und Staatssekretär Dr Meißner. Vom Reichskabinett nehmen an den Feier­lichkeiten Reichsminister Dr. Curtius, Dr. Marx und Dr. Brauns teil.

Schon am Vorabend der Ankunft des Reichspräsiden­ten zeigte die Stadt Köln ein buntbewegtes, sestl, ches Aussehen. Zahlreiche Fremde belebten die Straßen, deren Häuser teilweise in einem Wald von Fahnen und Fähnchen in allen Farben prangen. Viele Schaufenster zeigen Bildnisse des Reichspräsidenten oder weisen sonstige Hindenburg-Huldigungen auf. Es herrscht kühles, aber angenehmes Wetter. o ..

Sonntag mittag fand in den Messehallen Kolns dre große vaterländische Kundgebung der Stadt Köln statt; abends wurde eine Feier im Gürzenich abge­halten. Am Montag vormittag nahm der Reichspräsident mit den übrigen Gästen in Bonn an den Kundgebungen im Rathaus und in der Universität teil. Montag nach­mittag wohnten sie in Krefeld einem Festakt in der Stadt­halle bei. Dienstag vormittag wird der Reichspräsident wieder in Berlin eintreffen. -

Führer in schwerster Zeit.

Die Kölnische Zeitung, die auf der Titelseite das Bildnis des Reichspräsidenten bringt, schreibt in einem Leitartikel u. a.: Wir Rheinländer der ersten Zone des besetzten deutschen Ge­bietes, die nach Jahren der Unfreiheit zum ersten Male das Oberhaupt der Deutschen Republik auf dem befreiten Boden der engeren Heimat empfangen, sehen in dem Reichspräsiden­ten den Führer Deutschlands in schwerster Zeit, der treu blieb als alle untreu wurden. Wir sehen in ihm die besten Zuge deutschen Wesens verkörpert und hoffen, daß sein Bei­spiel eine Überlieferung schafft, die uns nottul.

Die Parteiführer beim Reichskanzler

Deutschlands Teilnahme an der Genfer Studienkommissio»

Reichskanzler Dr. Luther hat, nachdem er mit den Führern der Regierungsparteien Rücksprache genommen hatte, nunmehr auch in Anwesenheit des Reichs außen. Ministers die Führer der deutschnationalen und sozial­demokratischen Reichstagsfraktionen sowie den Abg. Dre- Witz von der Wirtschaftspartei empfangen. Der Reichs­kanzler gab den Parteiführern einen eingehenden Bericht über die Vorgänge in Genf. Die Besprechung hat sich, wie von gut unterrichteter Seite gemeldet wird, um die Frage gedreht, wie sich die Reichsregierung zu einer T e i l n a h m e an der in Genf beschlossenen Studien- kom mission für Erweiterung des Völkerbundrates verhalten werde. Die Regierung ist der Auffassung, an

für das Nachlasse allgemeinen Ersä

für das Nachlassen der Kampfkraft und ein Zeichen unserer allgemeinen Erschöpfung gewesen. Der Sachverständige Dr. Herz bezeichnete als das Charakteristische der Revolution den völligen Mangel an Widerstand, den man als Folge der seeli­schen und körperlichen Erschöpfung ansehen müsse. Nachdem sich die sozialdemokratischen Abgg. Dittmann und Moses gegen die Quellenbenutzung des Abg. Grafen zu Eulenburg gewandt hatten, verneinte der Abg. Dr. Brüninghaus (D. VP.) ent­schieden die Frage, daß während eines Krieges Agitation zur Beseitigung der bestehenden Staatsform erlaubt sei. Das Hineintragen der parteipolitischen Gegensätze in die Wehrmacht sowie die Verbindung der Verteidigung des Vaterlandes mit der Durchsetzung innenpolitischer Forderungen sei fraglos einer der Faktoren für den Zusammenbruch Deutschlands ge-

Hineintragen der parteipolitischen Gegensätze sowie die Verbindung der Verteidigung des

Wesen. Erst die Revolution habe das

Auseinanderlaufen der Armee

zur Folge gehabt und den Friedensvertrag von Versailles er­möglicht. Stach Äußerungen eines Vertreters des ameri­kanischen Generalstabes hätte die amerikanische Armee Schluß machen müssen, wenn es nicht schon die deutsche vorher ge­macht hätte. Abg. Graf zu Eulenburg erklärte, bei der Auf­fassung zu bleiben, die er in seinem Referat vertreten habe. Die von ihm benutzten Quellen seien durchaus authentisch. Der Sachverständige General v. Kuhl teilte mit, daß sich die in Berlin anwesenden Offiziere in den Tagen der Revolution gemeldet hätten und bereit gewesen feien,

ihr Leben in die Schanze zu schlagen.

Man habe sie aber nicht verwendet, über die revolutionäre Verseuchung des Ersatzes liege authentisches Material vor. Professor Martin Hobohn nahm als Sachverständiger Stellung gegen die entschiedene Formulierung der Dolchstoßtheorie, die das Referat des Abg. Grafen von Eulenburg enthalte. Er be­tonte, die revolutionäre Propaganda wurzele in den Verhält­nissen der wilhelminischen Ära im ganzen. Die Wichtigkeit dieser Propaganda neben den anderen Gründen des Zusam- menbruches sei gering. Die nächste Sitzung des Ausschusses soll nach Ostern stattfinden.

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den..Beratungen StudltzMSKwiM^ .teilzMetzm weil Deutschland als Beobachter in der Kommission jeder­zeit sagen könnte, ob ein Beschluß für uns tragbar wLr« oder nicht.

Genf vor dem Michsiag.

Die Regierungsparteien billigen die Außenpolitik.

über die näheren Dispositionen für die große poli tische Aussprache, die am heutigen Montag im Reichstag, ihren Anfang nimmt, wird gemeldet, daß dre zwei« Lesung des Haushalts des Auswärtigen und des Reichs­kanzlers, mit der die drei Anträge der Deutschnationalen der Völkischen und der Kommunisten auf Zurück ziehung des Gesuchs um Aufnahme in de« Völkerbund verbunden werden, mit einer Rede des Reichskanzlers Dr. Luther eingeleitet werden soll in der er eine Darlegung der Vorgänge in Genf geben wird. Als erster Redner der Parteien wird dann Abg Müller-Franken (Soz.) sprechen. Es folgen dann die Ab­geordneten Graf Westarp (Dtn.), Kaas (Ztr.), Frhr. von Rheinbaben (D. Vp.), Graf von Bernstorff (Dem.). Vor­aussichtlich wird auch Reichsaußenminister Dr. Strese- mann schon am ersten Verhandlungstage in die Erörterun­gen eingreifen. Auch die Billigungssormel bei Regierungsparteien wird sogleich mit zur Be­ratung gestellt werden. In dieser Billigungsformel soll auf die gemeinschaftliche Erklärung der Locarnomachte in Genf hingewiesen werden, wonach nach dem Willen dieser Mächte die bisherige Locarnopolitik fortgesetzt wer­den soll. Im Anschluß daran soll die Reichsregierung auf­gefordert werden, in ihrem Bestreben sortzusahren, bie tu Locarno vereinbarten Rückwirkungen auszubauen. Ein Vertrauensvotum wird von den Regierungsparteien nicht eingebracht werden.

Im Reichstag fanden vertrauliche Bespre­chungen zwischen dem Reichskanzler, dem Finanzmr- nister, dem Ernährungsminister und den Führern der Re­gierungsparteien statt. Gegenstand der Besprechungen waren zum Teil auch die Genfer Verhandlungen, in der Hauptsache bezogen sie sich aber auf die Steuerfragen und das Gesetz über die Fürstenabfindung.

Knse m Peking.

Rücktritt des chinesischen Kabinetts.

In Peking wurde der Ausnahmezustand erklärt. Die Regierung hat die Verhaftung der kommunistischen Rädels­führer und Universitätsprofessoren beschlossen. Eine starke Fluchtbewegung hat eingesetzt. Die Zeitungen wer­ben zensiert. Bei den letzten blutigen Zusammenstößen zwischen den Truppen und Studenten in Peking gab es 50 Tote und 70 Verwundete.

Das Kabinett beriet in einer besonderen Zusammen­kunft über eine Depesche von Feng-Vu-Hiang, worin er Den Ministerpräsidenten des Kabinetts tadelt wegen der Studentenunruhen und der Todesopfer. Das Kabinett be­schloß feine Demission und reichte sie sofort dem Präsidenten ein.