Sie Fortführung der LocaroopoM.
Beratungen beim Reichskanzler.
In einem unter dem Vorsitz des Reichskanzlers abgehaltenen Ministerrat wurden die Genfer Verhandlungen durchberaten, nachdem die beiden Delegierten ihre fortlaufenden schriftlichen Berichte durch mündliche Darlegungen ergänzt hatten. Das Reichskabinett billigte einstimmig die Haltung der deutschen Delegation und nahm insbesondere davon Kenntnis, daß durch die in Gens getroffenen Abmachungen die beiderseitige Fortführung der Locarnopolitik gewährtet st et ist. Reichskanzler Dr. Luther hat ferner die Führer der Regierungsparteien empfangen und sie von dem Verlaus der Genfer Konferenz unterrichtet. Dr. Etresemann sprach bei diesen Beratungen über die Ergebnisse von Genf und die jetzige Lage.
Nach Beschlüssen des Ältestenrates des Reichstages beginnt am Montag vormittag die Beratung des Etats des Reichskanzlers und des Auswärtigen Amtes. Bei dieser Gelegenheit wird auch die Besprechung der außenpolitischen Lage und der Vorgänge in Genf erfolgen. Von der kommunistischen Reichstagsfraktion ist ein M i ß- trauensantrag gegen das gesamte Kabinett nnge- gangen. Außerdem haben die Kommunisten eine Interpellation eingebracht, die die Regierung fragt, ob Deutschland nicht sein Eintrittsgesuch in den Völkerbund zurückziehen wolle. *
Beschlüsse des Völkerbundrates.
Der Völkerbundrat hat seine Arbeiten beendet. Nach seinen Beschlüssen wird die vorbereitende Abrüstungskonferenz am 17. Mai stattfinden. Die Kommission für die R ate rw eite r u ng wird am 10. Mai zusammentreten, um den Bericht an den Rat vorzubereiten. Ferner beschloß der Rat, die erste Tagung des vorbereitenden Ausschusses für die Weltwirtschaftskonferenz auf den 26. April nach Genf einzuberufen. Der Völkerbundrat hat ferner ein Schreiben an den russischen Volkskommissar für Auswärtiges, Tschitscherin, aufgestellt, in welchem der Rat den lebhaften Wunsch bestätigt, auf die Mitarbeit Sowjetrußlands bei den Beratungen der vorbereitenden Kommission für die Abrüstungskonferenz zählen zu können.
VerlrallensvolM für Vriand.
Eine dramatische Kammerszene.
Die Französische Kammer hat dem neuen Kabinett Briand mit 361 gegen 164 Stimmen das Vertrauen ausgesprochen. Die Sitzung, in der Briand die Regierungserklärung abgab und sein neues Kabinett dem Parlament vorstellte, verlief außerordentlich dramatisch. Von der rechten Seite der Kammer waren gegen den neuen Innenminister Malvy schwere Vorwürfe erhoben worden, daß er während des Welttrieges Verrat an Frankreich begangen habe, da er Angriffspläne der französischen Heeresleitung über die Kämpfe am Chemin des Domes an den Feind verraten habe. Ministerpräsident Briand erhob sich sofort zur Verteidigung seines Innenministers und auch Malvy hatte die Rednertribüne betreten und sich kurz gegen die Angriffe gewandt, als er ohnmächtig zusam - menbrach und aus dem Sitzungssaal getragen werden mußte.
Es kam, obwohl die Sitzung sofort unterbrochen wurde, zu Ausbrüchen größter Erregung zwischen den Parteien, und die Saaldiener mußten eine Kette bilden, um einen Zusammen^ 'ß zu vermeiden. Malvy wurde in seine Wohnung geschafft, wo die Arzte einen schweren Nervenzusammenbruch feststellten, so daß er sich sür die nächste Zeit große Schonung auferlegen muß. Nach kurzer Zeit wurde die Kammersitzung wieder eröffnet. Sofort ergriff Briand noch einmal das Wort. Unter stürmischem Beifall der Linken erklärte er, daß die Kammer sowie Poincarö die Überzeugung ausgesprochen hätten, daß Malvy schuldlos sei. Wenn man derartige Gemeinheiten sieht, so sagte der Ministerpräsident, so erfasse einen für immer ein Ekel vor der Politik. ........ ......
I preußischer Landtag.
(145. Sitzung.) tt. Berlin, 19. März.
Das Haus setzt zunächst die zweite Beratung des Haus
haltes des Ministeriums des Innern fort. Abg. Casper (Komm.) verweist auf den Fall des von den Franzosen inhaftierten und im Mainzer französischen Gefängnis sitzenden Deutschen Schärer, der in der französischen Haft ein todkranker Mann geworden sei. Der Redner fragt den Minister Severing, was gegen die deutschen Denunzianten veranlaßt sei.
Abg. Barteld-Hannover (Dem.) weist die deutschnationale Kritik an der Tätigkeit des Innenministers Severing zurück. Man beginne allmählich auch auf der Rechten den Wert Seve- rings anzuerkennen. Bezüglich der Einstellung der Beamten zur Republik habe der Reichsinnenminister Dr. Külz mit seinen prägnanten Programmpunkten einen großen Sieg davonge- tragen.
Innenminister Severing beantwortet zunächst die kommunistische Anfrage wegen der Denunziation des Deutschen Schärer an die französischen Polizeibehörden im besetzten Gebiet dahin, daß die deutschen anzeigenden Beamten pflichtwidrig gehandelt hätten und daß die Angelegenheit der Staatsanwaltschaft übergeben sei. Dann beschäftigt sich der Minister mit der Forderung des deutschnationalen Abg. Graf Garnier, daß man gegen den Roten Frontkämpferbund anders vorgehen müsse als gegen die rechtsgerichteten Organisationen. Solange ich, erklärt Minister Severing, noch Polizeiminister bin, werde ich aus dem Boden der bestehenden Gesetze alle Organisationen gleichmäßig behandeln. Sie (nach rechts) riefen die Geister und werden sie nun nicht los; und Sie dürfen sich nicht darüber wundern, daß die Linke ähnliche Organisationen einsetzte.
Abstimmung über die Hauszinssteuer.
Das Haus unterbricht die Beratung, um die Abstimmungen zur Hauszinssteuer vorzunehmen. — Es ist eine große Zahl namentlicher Abstimmungen beantragt.
Das Hauszinssteuergesetz wurde in zweiter Lesung angenommen.
Daraus vertagte sich der Landtag auf Sonnabend.
Die Lage der Reichspost.
Geplante Verbesserungen im Po st betrieb.
Im Haushaltungsausschuß des Reichstages gab Reichspostminister Dr. Stingl einen Gesamtüberblick über die Verkehrs- und Wirtschaftslage der Reichspost. Der Briefverkehr hat im Monat Dezember annähernd den Vorkriegsstand erreicht. Seitdem ist ein gewisser Stillstand eingetreten. Der Drucksachenverkehr hat zugenommen. Doch im Paket- Verkehr macht sich eine rückläufige Bewegung bemerkbar. Besondere Aufmerksamkeit wurde der Entwicklung des Post- krastwagenverkehrs zugewendet. Gegenwärtig bestehen im Überlandverkehr mehr als 1200 Linien. Die Zahl der Kraftomnibusse und sonstiger Personenwagen beträgt über 2700. Der Flugpostdienst wird weiter ausgebaut, besonders der Nachtflugverkehr gefördert. Die Zahl der Postscheckkunden hat sich seit 1914 versiebenfacht. Das Guthaben der Postscheckkunden hat sich in derselben Zeit nur verdoppelt. Seit Januar ist ein Rückgang eingetreten. Der Überweisungsverkehr ist erfreulicherweise entsprechend dem eigentlichen Wesen des Postscheckverkehrs feit der Vorkriegszeit auf das Zwölffache gestiegen. Der Telegraphenver- k e h r entwickelte sich auch im abgelaufenen Wirtschaftsjahr nur sehr langsam. Zurzeit beschäftigt sich die Reichspost mit einer durchgreifenden Umgestaltung des ganzen Telegraphenbetriebes, um die neuesten technischen Errungenschaften nutzbar zu machen und die Wirtschaftlichkeit zu heben. Die Telegraphie arbeitet jetzt mit Unterbilanz. Der Brieftelegrammverkehr hält sich dauernd auf mäßiger Höhe. Das Fernsprechwesen befindet sich auch jetzt noch in einer Aufwärtsentwicklung. Zurzeit sind trotz umfassender Anstrengungen noch rund 29 000 Anträge auf Einrichtung von Neu- anschlüffen rückständig. Bemerkenswert ist, daß die Intensität des Fernsprechverkehrs gemessen an der Zahl der Anschlüsse in den letzten Jahren wesentlich gesunken ist. Die Frage einer Tarifänderung wird zurzeit im Ministerium geprüft. Das Funkwesen entwickelt sich in rasch aufsteigender Linie. Die Zahl der Rundfunkteilnehmer hat bereits im Dezember die erste Million überschritten. Es sind zurzeit 19 Sender im Betriebe Der wettere Ausbau der Zugtelephovie Ut im Gange.
Politische Rundschau»
Deutsches Reich.
Die Aufgaben der Reichsbahn.
Auf einem parlamentarischen Abend, den der Generaldirektor der Deutschen Reichsbahn, Dr. Oeser, ver- anstaltete, sprach dieser über die Aufgaben der Deutschen Reichsbahn. Er erinnerte daran, daß die Reichsbahn eine gewaltige Umstellarbeit vollzogen habe, um sich von einem Zuschußbetrieb zu einem Überschußunternehmen umzu- stellen. Dr. Oeser wies ferner darauf hin, daß die Deutsche Reichsbahngesellschaft als Trägerin von 40 % Reparationstasten ihre Erwerbsaufgaben mit den volkswirtschaftlichen Interessen Deutschlands in Einklana bringen müsse.
Schwerwiegend sei die' Tatsache des ständigen Rückganges der Einnahmen. Die durch Reichstagsbeschlüsse verursachten Mehrausgaben seien ohne Deckung. So dürfe es aber nicht weitergehen. Dr. Oeser verwies ferner auf die Verkehrs- und Betriebsverbesserungen der Reichsbahn in letzter Zeit. Allein im Sommer 1925 sind 474 Sommersonderzüge gefahren worden.
Das deutsche Eigentum in Amerika. I
Nach Mitteilung des amerikanischen Staatssekretärs« Mellon steht die Ausarbeitung des Gesetzentwurfes für die Freigabe des deutschen Eigentums in Amerika unmittelbar vor dem Abschluß. Die amerikanische Regierung glaubt, daß die Angelegenheit etwa Mitte Mai erledigt sein wird.
Freiligrath-Spende des Lippeschen Landespräsidiums.
Aus Anlaß der 50. Wiederkehr des Todestages Ferdinand Freiligraths hat das Lippesche Landespräsidium an den noch lebenden Sohn des Dichters, Wolfgang von Frei- ligrath, in Külz (Hunsrück) ein Telegramm gesandt, in dem der unvergänglichen Verdienste seines Vaters und der inneren Verbundenheit der Familie Freiligrath mit dem lippeschen Lande gedacht wird. Gleichzeitig hat das Landespräsidium eine Freiligrath-Spende in Höhe von 2000 Mark ausgesetzt, die in der Weise verwendet werden soll, daß im Laufe der nächsten zwei Jahre fünfmal je 400 Mark als Zuwendung an befähigte Kinder unbemittelter Eltern zu ihrer Aus- und Fortbildung durch das Landespräsidium gewährt werden.
Aus In- und Ausland.
Berlin. Zwischen der d e u t s ch e n und der j a p a n i sch e n Regierung ist eine Vereinbarung getroffen worden, derzufolge vom 20. März ab die Angehörigen des einen Staates das Gebiet des anderen Staates jederzeit lediglich auf Grund eines gültigen Heimatpasses ohne Sichtvermerk des Gegenstaates betreten und verlassen können.
Berlin. Im Rechtsausschuß des Reichstages teilte der Abg. Dr. Rosenseld (Soz.) mit, daß etwa 12 Millionen Stimmen für das Volksbegehren abgegeben worden sind.
Wien. Bundespräsident Dr. H a i n i s ch wird sich zur Er- öjsnung der Zugspitzebahn im April nach München begeben. Bei diesem Anlaß wird er sich mit Reichspräsident v. H i n d e n- b u r g zu einer freundschaftlichen Begegnung treffen.
Prag. Das neue Ministerium Cerny ist gebildet worden. Dr. Benesch hat das Ministerium des Äußeren behalten.
London. Die A r b e i t s z e i 1 k o n s e r e n z hat ihr Programm beendigt und ist zu einer Einigung gekommen. Von den fünf beteiligten Staaten wurde ein Protokoll über die Auslegung des Washingtoner Abkommens unterzeichnet.
Madrid. Wie verlautet, gedenkt Ab d-e l- K r i m sich im kommenden Ramadan mit einer Tochter des verstorbenen Häuptlings Raisuli zu verheiraten. Die Hochzeit soll mit großen Festlichkeiten in Gegenwart aller Führer vollzogen werden.
Rewyorl. Der Vater des Präsidenten C o o l i d g e ist gestorben. Coolidge hat sich sofort nach dem Sterbeort Plymouth begeben.
Peking. Die Antwort des chinesischen Auswärtigen Amtes aus das Ultimatum der Mächte wird von diesen für befriedigend erachtet.
Aus der Heimat.
Für diese Rubrik find (Ilifteilungeo lokalen Sniereiies aus dem heferkrehe liess erpünfcbi und tnerden auf Wumch bezahlt.
Frühlmgs-Anfang.
Nun ist es wieder so weit! Morgen zum Sonntag ^udwa halt der Frühling seinen offiziellen Einzug. Hoffentlich ist es für die kommenden Wochen ein gutes Omen, daß der Lenz in diesem Jahre ein Sonntagskind ist. Vom sogenannten „Vorfrühling" haben wir Heuer nicht allzuviel verspürt. Dazu war der März tu seiner ersten Hälfte zu unfreundlich. Nun aber tft’i wieder. an dem, oder sollte es wenigstens so sein, daß wir mit Morme fingen und sagen können:
„Frühling läßt sein blaues Band wieder flattern
Süße wohlbekannte Düfte streifen ahnungsvoll
_ , durchs Land.
Veilchen träumen schon, wollen balde kommen — Horch! Von fern ein leiser Harfentoni Frühling zu du bist's.
Dich hab ich vernommen."
Der junge Frühling wird gewöhnlich als ein pausbäckiger Knabe abgebtlöet mit lachenden Augen und lockigem Haar, der frisch und lustig in die weite Welt hinausblickt mutig den Kamps ausnehmend mit aller
MiMsMo.
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Roman von Hans Reis.
(Nachdruck verboten.)
„Sehr liebenswürdig .. ." meinte Ruth, zögerte aber unwillkürlich. Der Gedanke, daß er die Adresse lesen könnte, war ihr unangenehm. Dann aber fiel ihr ein, daß ihn die Ablehnung dieses eigentlich doch nur Höflichen Anerbietens beleidigen könnte; so reichte sie ihm den Brief, richtete es aber so ein, daß er die Aufschrift nicht lesen konnte.
Natürlich merkte er sofort ihre Absicht und quittierte über das Mißtrauen mit einem ironischen Lächeln. Während er den Stratzendamm überschritt, wandte er sein Gesicht so ostentativ nach links, daß ein indiskretes Erforschen der Adresse dadurch zur Unmöglichkeit wurde.
Auch Ruth konstatierte diese Tatsache mit Befriedigung. Daß er aber den ihm anvertrauten Brief äußerst geschickt in die Brusttasche seines Ueberziehers steckte und mit einem anderen, dort bereit gehaltenen vertauschte, bemerkte sie nicht. Sie sah nur, wie er die Klappe des blauen Postkastens öffnete und ein schreiben, das sie natürlich für das ihrige halten mußte, darin verschwinden ließ. . , ., ... „
Nun, gnädige Frau, die Riesenarbeit ist getan", sagte er mit spitzbübischem Lächeln, als er wieder neben ihr stand. Sie errötete, in dem Bewußtsein, ihm wieder einmal unrecht getan zu haben.
Auf dem Nachhausewege kam er dann doch auf das Liebhabertheater zurück, doch nicht in der von ihr erwarteten Weise. Er bat sie nur, ihm bei der Auswahl Lr Stücke behilflich zu sein, da seine ihn augenblicklich sehr in Anspruch nehmende juristische Tätigkeit ihm für solche Extravaganzen wenig Zeit übrig lasse. Be- reittvillia aewährte ihm die junge Frau diese Bitte. — EMnachdem der S ?inen Diener mit einem Auftrage fortgeschickt hatte, zog er Ruths Schrej-- pe« aus der Ueberziehertasche.
„Dacht' ich's doch," murmelte er ingrimmig, nachdem er die Adresse gelesen hatte. „Dieser Brief wurde nicht umsonst mit so glühenden Wangen und aufgeregt leuchtenden Augen geschrieben."
Zweimal las er das Schreiben sehr aufmerksam durch. Aha, also man wollte wieder anbandeln! Und eifersüchtig war die kleine Frau gewesen aus Fräulein Szechenyi ... sieh, sieh ... das war ja sehr interessant und wichtig. Freilich, weit wichtiger noch war es, daß es ihm gelungen war, diesen Brief so geschickt abzu- fangen.
„Der positive Vorteil," brummte er, „den mir diese elende Bude," ein verächtlicher Blick streifte das kleine, nur niedrige Zimmer, „und mein Beobachtungsposten bis jetzt eingetragen haben."
Freilich — es war ein nicht zu unterschätzender Vorteil, denn wenn der Brief in die Hände seines Adressaten gelangt wäre, so hätte das für ihn wahrscheinlich geheißen: Adieu, Ruch. Deshalb .. .
Langsam ließ er das Schreiben in das offene Kaminfeuer gleiten und sah aufmerksam zu, wie die slak- kernden Flammen Brief und Kuvert gierig verzehrten. Nachdem er mit der Feuerzange auch die letzten Spuren des verbrannten Papiers vertilgt hatte, steckte er beide Hände in die Jackettasche und lehnte sich weit in den Kaminstuhl zurück.
„Na, das wäre getan," dachte er dabei befriedigt. Nach drei oder vier Wochen, je nach ihrer Stimmung, wollte er dann der kleinen Frau einen anderen Brief an ihren Mann vorschlagen, der hoffentlich zu dem von ihm angestrebten Resultat führen würde. Die Scheidung mußte sich ja, da böswillige Verlassung ihrerseits vorlag, ziemlich glatt abwickeln, und dann würde die schöne Ruth — freilich auf dem Umwege einer Frau von Dohlen — doch noch die Seine werden.
Als er dabei an den jungen Künstler dachte, zog sich seine Stirn in drohende Falten. Die Heirat mit der geschiedenen Frau eines Schauspielers war nicht sehr nach seinem Geschmack und konnte auch seiner ge- fellschaftlichen Stellung schaden. Wer je mehr Hm die
Klugheit gebot, seine unsinnige Leidenschaft niederzu- kämpfen, desto begehrenswerter erschien sie ihm.
Vergeblich, von Tag zu Tag, von Woche zu Woche ängstlicher und verzweifelter wartete Ruth auf einen Brief ihres Mannes. Endlich gab sie die Hoffnung auf, und nun kam die nagende Reue.
Aber er sollte nicht lange über sie triumphieren! Sie mußte ihrem ersten Schreiben jetzt gleich ein zweites folgen lassen, in dem sie die gerichtliche Scheidung ihrer Ehe von ihm erbat, nein, mit aller Entschiedenheit forderte!
Indes wollte sie selbst nichts mehr mit ihm zu tun haben. Ein Rechtsanwalt konnte ihm das viel besser und schonungsloser mitteilen. Ob das angängig war? ... . Der Staatsanwalt mußte das wissen,'er sollte ihr einen Rat geben.
,. , Als Götze ihr Schreiben empfing, lächelte er befriedigt. Ah, das war ja ausgezeichnet! Da kam sie ihm schon auf halbem Wege entgegen.
Am nächsten Vormittag zur Besuchszeit trat er mit emer der Situation angemessenen, ernsttraurigen Miene bei Ruth ein.
„Sie haben meinen Rat verlangt, meine sehr verehrte, gnädige Frau. Ich stehe selbstverständlich mit meiner ganzen Kraft zu Ihrer Verfügung und bedauere nur, daß eine so traurige Veranlassung —"
Eine ablehnende Handbewegung der jungen Frau machte ihn verstummen. In mehr geschäftsmäßigem Tone fuhr er fort:
„Mein Rat ist also zunächst der, daß wir sofort einen gewiegten Rechtsanwalt — ich würde einen Freund von mir in Vorschlag bringen, — mit der Vertretung Ihrer Interessen betrauen. Er würde auch einen Brief in der von Ihnen angedeuteten Weise an Ihren Herrn Gemahl verfassen und Sie hätten nur nötig, Ihren Namen darunter zu setzen. Wenn Sie also gestatten, gnädige Frau, so bespreche ich noch heute das Nötige mit dem Rechtsanwalt und hole Sie dann morgen nachmittag ab, damit diese für Sie so peinliche Angelegenheit so schnell wie möglich geordnet wird."
(Fortsetzuna folgt.)