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Hersfelöer Tageblatt

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Nr. 62

Montag, den 15. März 1926

76. Jahrgang

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Eine Vernichtungskrise.

Auf der Generalversammlung des Bayerischen Jn- dustriellenverbandes verbreitete sich Ministerpräsident Dr. Held über die schwere Lage der deutschen Wirtschaft. Er führte dabei aus, die jetzige Situation sei keine Gesun­dungskrise in dem Sinne, daß eine blühende Wirtschaft wie im Jahre 1914 aus ihr hervorgehen würde; sie sei vielmehr eine Vernichtungskrise. Der Minister­präsident warnte auch vor der übermäßigen Inanspruch­nahme von Auslandskrediten, man werde sonst der Sklave des Auslandes werden. Bei Ratschlägen zur Sparsamkeit des Staates müsse immer geprüft werden, ob man bei sich zu Hause in dieser Richtung schon das Notwendige getan habe. Der Staat sei bereits so weit wie irgend möglich gegangen, aber auch in der Wirtschaft sei man überorgani­siert. , Er bedauere, daß er bei den Maßnahmen zur Preissenkung starken Widerstand gefunden habe. Auch aus währungspolitischen Gründen seien Maßnahmen zur Preissenkung dringend geboten gewesen. In bezug auf den Parlamentarismus sei zu fordern: ein höheres Wahlalter, größeres Verantwortlichkeitsgefühl und als Korrektiv für das Parlament eine kleine Gesell­schaft verantwortungsbewußter Männer aus allen Stän­den, der ein Vetorecht zu geben sei.

Einschränkungen bei -er Reichsbahn.

Keine Tariferhöhungen.

Wegen des anhaltenden Rückganges der Einnahmen bei der Deutschen Reichsbahngesellschaft sind die Reichs­bahndirektionsbezirke zu Erhebungen über mögliche um­fangreiche Ersparnismaßnahmen angewiesen worden. Da­bei hat sich die Reichsbahngesellschaft von der Erwägung leiten lassen, daß Tariferhöhungen im Augenblick untragbar sind. Hinsichtlich der Ersparnismaßnahmen sind neben technischen Verbesserungen Einschränkungen in &aJw&ü^ ver Rereysvayn tn den Bereich der Möglichkeit gezogen worden. In erster Linie könnte es sich vielleicht darum handeln, die Zahl der Güterzüge zu verringern und diese oder jene Personenzüge wegen zu geringer Benutzung ausfallen zu lassen. Von einer all­gemeinen Einschränkung des Personenzugverkehrs soll aber keine Rede sein, weil die Reichsbahu sich damit ins eigene Fleisch schneiden würde. .

Kutisler-Verfahren vorläufig eingestellt.

Schwere Krankheit Kutiskers.

Das Schöffengericht Berlin-Mitte hat auf Grund eines Gutachtens des Professors S e e l e r t, demzufolge Iwan Kutisker an hochgradiger Arteriostlerose leide und in absehbarer Zeit nicht verhandlungsfähig sei, das Ver­fahren gegen Kutisker, seine beiden Söhne und gegen die Kaufleute Blei und Blau vorläufig eingestellt.

Der betr. Paragraph der Strafprozeßordnung sagt, daß ein Verfahren vorläufig eingestellt werden kann, wenn Abwesenheit oder nachträglich eingetretene Geisteskrank­heit des Angeklagten vorliegt. Der Abwesenheit ist auch eine dauernde Verhandlungsunfähigkeit gleichzustellen. Gegen die Mitangeklagten Kutiskers mußte deshalb genau so verfahren werden, weil gegen sie allein die An­klage nicht durchgeführt werden kann, eine Abtrennung dieses Prozesses also unmöglich ist.

120000 neue Wohnungen.

200 Millionen R e i ch s br e d i 1 e.

Dem Reichstag wird demnächst ein Gesetzentwurf über die Förderung des Baues von Kleinwoh­nungen zugehen. Die Vorlage ist im Kabinett einstim­mig gutgeheißen worden. Zum Bau von Kleinwohnun­gen stehen aus Mitteln der Hauszinsstcuer 650 Millionen Mark zur Verfügung. Für diese Summe lassen sich nach ven bisherigen Baukosten etwa 65 000 Kleinwohnungen herstellen, so daß also jede Wohnung durchschnittlich 10 000 Mark Kosten verursacht. Damit ist natürlich die Woh­nungsnot nicht behoben. Die Regierung hoffte, durch Senkung der Baustoffpreise den Durchschnittspreis für die Erstellung von Wohnungen aus 7500 bis 8000 Mark pro Wohnung zu ermäßigen, so daß dann ungefähr 80 000 Wohnungen geschaffen werden könnten. Da das Bau­gewerbe in diesem Jahre für Industriebauten wenig in Frage kommt, muß versucht werden, die im Baugewerbe tättgen Personen nach Möglichkeit bei dem Bau von Klein­wohnungen zu beschäftigen.

Die Ankurbelung der Wirtschaft, die als Programm des Reichsfinanzministers in Aussicht genommen ist, soll isich dann auch auf das Baugewerbe ausdehnen. Die Re- 'gierung wird zu diesem Zwecke 200 Millionen als >Z w i s ch eh k r e d i t e zur Verfügung stellen. Diese sollen als hypothekarische Beleihungen bis zu 60 % hergegeben werden. Für diese als Zwischenkredite gegebenen Dar­lehen sollen die Gemeinden bzw. die Länder die Aus- bietungsgarantie übernehmen. In den Kommissionen zur Unterbringung der Pfandbriefe sollen awch die Landes- versicherungsanstalten, die Steichsversicherungsanstalten für Angestellte, die Sparkassen und^ GiroherbimL-e..heran-!

Der Entscheidung entgegen

der Geiß des Völkerbundes".

Auf dem Höhepunkt der kritischen Lage in Genf, kurz vor der Ratsitzung am Sonnabend, die die Entscheidung bringen sollte, umriß Reichskanzler Dr. Luther noch­mals in einer Besprechung mit auswärtigen Pressever­tretern den gegenüber allen Anfechtungen festgehaltenen deutschen Standpunkt. Er sagte dabei:

Deutschland ist nach Genf gekommen, um durch seinen Eintritt in den Völkerbund das Friedenswerk von Lo- carno zu verwirklichen. Die deutsche Delegation wurde zu Besprechungen mit den Signatarmächten des Rhein­paktes eingeladen, bei denen ihr der Wunsch eröffnet wurde, daß Deutschland vor dem Eintritt in den Völker­bund grundsätzlich der Vermehrung der Ratsitze um drei zustimmen sollte. Die deutsche Delegation antwortete, daß sie als künftiges Mitglied des Buydes und Rates damit einen schweren Verstoß begehen würde, denn außer den drei Mächten, die Ratsitze verlangen, sind noch drei andere, die denselben Wunsch haben, und deren Bedeutung Deutschland nicht minder hoch einschätzen könne. Außer­dem besteht innerhalb des Rates grundsätzlicher Wider­stand gegen jede Erweiterung und Deutschland könne das Gewicht dieser Auffassung nicht von vornherein abschwä­chen. In dem weiteren Verlauf der Dinge trat dann die Frage der drei Ratsitze in den Hintergrund und es wurde Deutschland nahegelegt, sich einverstanden zu erklären mit der Verleihung eines ständigen Ratsitzes an P o l e n. Auch diesem Vorschlag konnte Deutschland vor seinem Eintritt in den Völkerbund nicht beitreten; diese Forderung ist weder durch das Statut des Völkerbundes begründet noch findet sie eine Stütze in den von Deutschland übernomme­nen Verpflichtungen. Deutschlands Zustimmung würde auch gegen den Geist des SMkerbundes verstoßen. Denn es yanvM sich um eine Frage, welche Sache des Bundes ist und sämtliche Mitglieder berührt; eine solche Frage kann aber nicht zu dem Gegenstand des Interesses nur einiger Mitglieder gemacht werden. Die Verleihung eines nichtständigen Ratsitzes an eine Macht ist das souveräne Recht der Bundesversammlung. Würde Deutschland sich von vornherein in dieser Frage binden und Sonderab- machungen mit einigen Mächten treffen, so würde Deutsch­land in schwerer Weise die Rechte der Völkerbund- und Ratmitglieder beeinträchtigen."

Aus diesen Gründen, die so einleuchtend und selbst­verständlich wären, daß sie keiner weiteren Worte be­dürften, hätten die Deutschen unverrückbar auf ihrem an­fänglichen Standpunkt beharren müssen.

Vandervelde erklärte nach Schluß der letzten Sitzung des Völkerbundrates, daß die Völkerbundversammlung sich am Dienstag mit dem Aufnahmegesuch Deutschlands beschäftigen werde. Sollte man bis dahin zu keinem be­friedigenden Ergebnis gelangt sein, so würden eben alle interessierten Mächte vor dem Forum der Vollversamm­lung ihre Ansprüche und Auffassungen darlegen und Rechenschaft darüber ablegen müssen, was die einzelnen im Interesse der Gesamtheit zur Herbeiführung einer Eini­gung getan hätten bzw. was sie in dieser Richtung nun­mehr zu tun gedächten.

*

Das unwürdige Schauspiel in Genf wird munter fortgesetzt. Mit Händen und Füßen sträuben sich noch immer England, Frankreich und Italien, ihr Ver­sprechen einer bedingungslosen Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund zu erfüllen. Man frühstückt, man trinkt Tee und fagt sich dabei in aller Höflichkeit die größten Grobheiten. Man hält auch Sitzungen ab, überflüssige und ergebnislose. Auch die Völkerbundversamm­

gezogen werden. Dadurch hofft man, in die Möglichkeit versetzt zu werden, im kommenden Jahre 120 000 neue Kleinwohnungen herzustellen.

Karl Haus Leichs iösuiisiziert.

Noch lebend aufgefunden worden.

Die italienische Polizei hat die deutsche diplomatische Vertretung in Rom benachrichtigt, daß der Tote von Tivoli mit Karl Hau identisch zu sein scheint. Verfügun­gen über die Leiche müssen bald getroffen werden. Wenn die Leiche von Verwandten nicht reklamiert wird, würde sie in Rom auf dem Armenfriedhof beigesetzt werden, wo nur ein Kreuz und eine Nummer ohne nähere Namenbe­zeichnung Karl Haus letzte Ruhestätte anzeigen würde. Die Persönlichkeit des Toten steht auf Grund der Fingerabdrücke einwandfrei fest: der unbekannte Tote, der zunächst für einen Eng­länder namens Lee gehalten worden war, ist tatsächlich Karl Hau gewesen, der unter falschem Namen in Italien eine Zu­flucht gesucht hatte, übrigens war Hau, als mau ihn auf- fand, noch lebend, röchelte jedoch schwer unter Erstickungs­erscheinungen und starb bald nach seiner Einlieferung in das Krankenhaus, ohne die Besinnung wiedererlangt zu haben. . . . .

lung selbst ist am Sonnabend zusammengetreten und hat sich dabei über Dinge unterhalten, die keinen Men- . schen interessierten. Aber schließlich müssen doch auch diese Delegierten so tun, als ob sie etwas zu tun haben.

Am Sonnabend nachmittag ist aber auch der Völker­bundrat zusammengekommen, hat vier Stunden debattiert und ist ergebnislos auseinandergegangen. Sonntag nach­mittag war Fortsetzung der Debatte. Man steht auf genaudemselbenPunkt wie acht Tage zuvor, als die erste Zusammenkunft der Vertreter der Locarnomächte stattfand, und ist nicht um eine Haaresbreite weitergekom­men. Nun spricht man davon, daß man am Dienstag die endgültige Entscheidung fällen, also das Aufnahmegesuch Deutschlands in den Völkerbundrat genehmigen oder ver­werfen will, verwerfen nämlich dadurch, daß man die Er­ledigung des Gesuches auf den Spätherbst verschiebt. Daß ein solcher Beschluß automatisch die Zurückziehung des Gesuches zur Folge haben würde, dürfte kaum zweifelhaft fein.

Du mußt es dreimal sagen ..." kann man zwar zitieren, doch trifft das Zitat für Genf nicht ganz zu, weil die deutsche Delegation ihren Standpunkt schon mindestens zehnmal entwickelt hat, man auf der Gegenseite aber trotzdem an die Unverrückbarkeit des deutschen Standpunktes immer noch nicht zu glauben scheint. Nun hat es Dr. Luther in einem längeren Interview der schweizerischen Presse noch einmal gesagt: Deutschland werde, noch bevor es Mitglied des Völkerbundes sei, unablässig von ein paar Mächten zu einer Festlegung seiner Politik im Völkerbünde gedrängt. Das sei eine Un­möglichkeit schon deswegen, weil andere Mächte ganz anderer Ansicht über die künftige Organisation des Völkerbundes sind. Solange man mit den anderen Mäch- w'ö«rw vsintr.n ^'eurManVs verhandelt habe, sei nie von einer Umgestaltung der Völkerbundorganisation die Rede gewesen. Selbstverständliche Voraussetzung unseres Eintritts sei eben immer nur der Völkerbundrat gewesen, sowieerjetztist. Was später werden wird, wenn wir erst einmal Mitglied sind darüber werden wir erst später reden können. Und sämtlichen in Genf ver­sammelten Berichterstati rn der ausländischen Presse hat es der Reio außenminister Dr. S t r e s e - mann auch noch ehn rl gesagt und er scheute sich nicht, das Kind beim richtigen Namen zu nen­nen, indem er die Situation in Gens alsbei­nahe grotesk" bezeichnete. Immer foK. : wir ohne Mitglieder des Völkerbundes zu sein, wend Stellung nehmen zu seiner weiteren Entwicklung. Und dabei sind sich die Mächte des Völkerbundrates selbst über diese Entwicklung uneinig. Deutschland sei aber einverstanden mit der Bildung einer Kommission, die diese zukünftige Umgestaltung beraten und sogar hier­für ganz bestimmte Richtlinien mit auf den Weg er­halten soll doch das habe ja alles gar nichts mit der versprochenen Aufnahme Deutschlands in den Völker­bund zu tun.

Und Dr. S t r e s e m a n n hat es in einem langen Artikel imJournal d e Genöve" noch einmal ge­sagt:Deutschland ist bereit, sich nach seiner Auf­nahme in den Völkerbund dafür mit einzusetzen, daß die Frage einer Änderung des Völkerbundrats im Herbst gelöst werde." Dazu eben als Vorbereitung die Kommission! Und wie sich dann im Herbst die Mehrheit der Völker­bundversammlung entscheiden wird, wird Deutschland gleichgültig, ob es in der Mehrheit oder in der Minder- heit bleibt hinnehmen.

Wirklich möchte man jetzt nur noch zitieren:Der Worte sind genug gewechselt, nun laßt uns endlich Taten fetzen!"

Maffenvergistzmgsn durch BrasmiWem

Warnung vorneutralem" Branntwein.

In einigen Gegenden des Reiches sind in letzter Zeit Massenvergistungen durch den Genuß von Trinkbrannt- wein, der Methylalkohol enthielt, festgestellt worden. Die Vergiftungen haben schwere Gesundheitsschädigungen ver­ursacht, in einigen Fällen auch Todesopfer gefordert. Nach Mitteilungen der Fachpresse ist zu diesem Trinkbrannt- Wein aus Baden stammender Branntwein, sogenannte Süddeutsche Ware", verwendet worden, demneutraler Alkohol zur Erhöhung der Alkoholprozente", in Wahrheit aber Methylalkohol, zugesetzt war. In den Fachzeit­schriften werden jetzt zur Verhütung solcher Fälle Unter­suchungsmethoden für die Prüfung von Branntwein auf Methylalkohol empfohlen, nach denen angeblich jedem Brenner die Feststellung von Methylalkohol leicht möglich sein soll. Diese Untersuchungen sind keineswegs leicht auszuführen, setzen vielmehr Fachkenntnisse und Erfah­rungen voraus. Eine Untersuchung von Laienhand kann leicht zu Trugschlüssen und zum Ankaus einer irrtümlich für methylalkoholfrei gehaltenen Ware führen. Es kann daher nicht dringend genug vor dem Ankauf und der Ver­wendung sogenannterneutraler oder Mischbranntweine" überhaupt gewarnt werden.