Hersfelöer Tageblatt Hersfelder Kreisblatt" Amtlicher Myeiger für den Kreis Hersfels
Nr. 33 Dienstag, den 9. Februar 1926 76. Jahrgang
Der Besagspreis betrüg! dmä die Poli beeegen monaffleb 1.- W., süssW/ LsltellzÄü, HU Bersleld L- M.tM kreier Zeffe&Bia, fflteoter __,80 [q^ ^ Dnu& and Vertag kb hudnig PbbIis BudidnuAerei in Bersfeld, ajitqiied des VDZV.
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Neues vom Tage.
— Wie aus Berlin mitgetcili wird, hat der Reichspräsident den Schriftsteller Heinrich Wandt, der im Dezember 1923 vom Reichsgericht wegen Landesverrates und Hehlerei zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt worden war, den Rest der Strafe im Gnadenweg erlassen.
— Nach einer Meldung aus Berlin beabsichtigt die belgische Regierung, in allernächster Zeit an die Reichsregierung mit dem Vorschläge heranzutreten, den Visumzwang im deutsch-belgischen Grenzverkehr aufzuheben, oder zum mindesten weitgehende Erleichterungen eintreten zu lassen.
— Auf der kommunalpolitischen Tagung der Deutschen Demokratischen Partei wurde eine Entschließung einstimmig angenommen, in der die Preußische Landtagsfraktion der Partei ersucht wird, den vorläufigen Entwurf der Städteordnung abzulehnen.
— Der Gesundheitszustand des Sowjetbotschafters in London, Krassin, hat sich so gebessert, daß sich Krafsin baldigst nach dem Süden begeben kann, um dort einige Monate Aufenthalt zu nehmen.
— Aus Moskau wird gemeldet, daß die einem deutschen Gelegenheitskurier gestohlene Post des Generalkonsulats in Tiflis dem deutschen Botschafter zugestellt worden ist.
Iaioes-Exymmentß.
Seitdem im Deutschen Reiche die Arbeitslosigkeit merklich um sich gegriffen hat, beschäftigt man sich bei uns und in den Staaten unserer Gläubiger, die im Sommer 1924 in London den Dawes-Plan mit unterzeichnet haben, hervorragend mit dem Gedanken einer Ueberprüfung dieses Vertrages auf seine Ausführbarkeit hin. In London ist seinerzeit der Plan sehr erst genommen worden, und namentlich seine Urheber, die Amerikaner, haben sich entschieden dagegen verwahrt, daß es sich dabei um ein zweifelhaftes Experiment handele. Der Generalagent Gilbert vertritt in jeder seiner Reden den Standpunkt, daß Deutschland zahlen könne und zahlen werde, sofern es» hm genugentien. Kreml vom Auslanoe eryaue uno metq, Staaten und Gemeinden sich ernsthafter Sparsamkeit befleißigten.
Die Durchführbarkeit des Dawes-Planes beruht bekanntlich darauf, daß der deutsche Export nach dem Auslande eine möglichst hohe Ausdehnung gewinnt. Diese Voraussetzung wird eben durch die Erwerbslosigkeit und Absatzstockung in Deutschland beeinträchtigt, und es wird deshalb sehr lebhaft erörtert, wie die Hemmnisse des Warenabsatzes beseitigt werden könnten. An allerlei guten Lehren sehlt es nicht, die auch gut gemeint sind, deren praktische Durchführungsmöglichkeit aber nicht ohne weiteres gesichert ist. Wollten wir uns daraus einlassen, so würden wir befürchten müssen, insExPerimentieren zu geraten.
Der erste Rat, der uns gegeben wird, läuft daraus hinaus, die Preise für unsere Fabrikate, die nach dem Auslande gehen, soviel als möglich herabzusetzen und die frembe Konkurrenz durch Billigkeit zu schlagen. Um diese Preisdrückerei zu ermöglichen, ist uns die Ermäßigung der deutschen Arbeitslöhne empfohlen. Das ist nun ein sehr fragwürdiges Experiment, denn von der Luft können unsere Arbeiter nicht leben, und durch Lohnherabsetzung ist die Arbeitslust bald zerronnen, die aber nicht so schnell wiederkehrt. Die deutschen gibrikate haben sich durch Modernität und hervorragende ualität ausgezeichnet, und zu diesen Leistungen gehören erstklassige Arbeiter. Die Fabrikate, die durch spezielle Ausführung und Anpassung an die Wünsche der Abnehmer den fremden Wettbewerb siegreich bekämpfen, fetzen wir ohne Preisermäßigung ab, können vielleicht sogar einen Aufschlag nehmen. Wird dafür ein Ramschpreis festgesetzt, so dürfte man im Auslande auch Mittel finden, diesen entgegenzuwirken. Diese Ratschläge sind mithin nicht für alle Fälle erprobt, und wir müssen uns auf das bewährte Mittel einer ehrlichen Konkurrenz verlassen, die jedem Teil sein Anrecht gönnt. Die Notwendigkeit zur Erhebung von hohen Zöllen ist gewiß in nicht wenigen Staaten recht groß, aber die Einsicht, daß eine Hand die andere wäscht, muß noch größer sein. Ein lieferkräftiges Deutschland ist auch kaufkräftig. Darauf kommt es an. -
Die Abrastungsfrage.
x Frankreichs Haltung. ' .
In einem Artikel über die Vertagung der Abrüstungskonferenz wendet sich der „Temps" gegen die in der angelsächsischen Presse gegen Frankreich erhobenen Vorwürfe und bemerkt dazu:
Frankreich geht in die Vorbereitende Kommission für die Abrüstungskonferenz mit dem Willen hinein, nützliche Arbeit zzu leisten und in wirksamer Weise der Sache des Friedens zu ; dienen, aber man würde sich Illusionen machen, wollte § man die Hoffnung nähren, daß es sich einzig und allein darum handle, eine Herabsetzung der ständigen militärischen Effektivbestände in dem Maße zu erlangen, um Frankreich durch ein allgemeines Abkommen in dem Maße zu entwaffnen, wie Deutschland durch den Versailler Vertrag entwaffnet worden ist, und zwar ohne daß man als Gegenleistung erreicht hat, daß Frankreichs Sicherheit hierbei garantiert ist.
Mussolini gegen Seutschlanö.
Eine unerhörte Hetzrede.
In der letzten Sitzung der italienischen Kammer snt- wortete Ministerpräsident Mussolini auf die Interpellation Farinacci, der im Anschluß an die Rede des bayerischen Ministerpräsidenten vom 5. Februar um Aufklärung über den gegenwärtigen Zustand der italienisch-deutschen Beziehungen bat. Mussolini sagte:
Ich will die Anfrage sofort beantworten, nicht, um gegen den Leiter der bayerischen Regierung zu polemisieren, sondern um Licht in die Gedanken derer zu bringen, die hartnäckig dabei bleiben, sie in Verwirrung belassen zu wollen. Ich will sprechen, denn ich denke, daß wie in den Beziehungen zwischen Einzelpersonen es auch in den Beziehungen zwischen den Völkern am besten ist, freimütig im richtigen Moment zu sprechen. Die faszistische Regierung hat während dreier Jahre eine sehr gemäßigte Politik Deutschland gegenüber verfolgt. Sie hat sich niemals diesem von der Niederlage getroffenen Volke gegenüber hinreißen lasten. Sie hat sich allen scharfen Maßregeln widersetzt. Die Deutschen, soweit sie objektiv sind, haben seinerzeit das selh^t anerkannt. Nach langwierigen Verhandlungen haben wir im vergangenen Jahr einen Handelsvertrag mit Deutschland abgeschlossen, den ersten, den Deutschland nach dem Frieden von Versailles abgeschlossen hat.
Jetzt nach dem Abkommen von Locarno und nach dem Abschluß des Handelsvertrages entwickelt sich in Deutschland plötzlich wie aus ein gegebenes Stichwort hin eine antiitalienische Kampagne, die ebenso abscheulich wie lächerlich ist. Abscheulich, denn sie wird begründet mit der Zusammenstellung notorischer Lügen. Lächerlich, denn sie wiegte sich in dem Gedanken, auf unser junges, stolzes, sadistisches Italien Eindruck zu machen, das sich von niemanden beeindrucken läßt. Es war eine Lüge, als man von der beabsichtigten Entfernung des Denkmals Walters von der Vogelweide in Bozen sprach. Wir respektieren »IMMWra gegenübergestellt werden, denn das hieße den Monte Pincio mit dem Himalaja vergleichen. Wir werden das Denkmal Walters auf seinem Platz belassen, aber wahrscheinlich wird sich auf dem Platz von Bozen dank der Spenden des italienischen Volkes ein Denkmal für Cesare Batisti aus denselben Fundamenten erheben, auf denen sich ein Denkmal des deutschen Sieges erheben sollte. Dieses Denkmal wird dem Andenken all der anderen Märtyrer gewidmet sein, die mit ihrer Aufopferung und mit ihrem Blut das letzte Wort unserer Geschichte, soweit Südtirol in Frage kommt, geschrieben haben.
Es ist eine Lüge, daß das Denkmal der Kaiserin Elisabeth in Brixen durch Feuer zerstört worden sei. Lange sprach mau von Ansammlungen und Expeditionen der Faszjsten. In deutschen Zeitungen erschienen haarsträubende Beschreibungen von Gewalttätigkeiten, die gegen deutsche Touristen unternommen worden feien, und von denen mir zwei mit viermonatiger Verspätung zur Kenntnis gebracht worden sind. Man sprach von einer Entschuldigung, die die italienische Regierung an die deutsche Botschaft in Rom wegen der studentischen Demonstrationen gerichtet habe. Auch das ist eine dumme Lüge. Aber wenn das alles genügt hätte, um das hervorzurufen, was die Deutschen „Stimmung" heißen, so reichte es doch noch nicht aus, um die sogenannte „Gemütlichkeit" (Mussolini wandte diese beiden deutschen Worte an) zu kitzeln, d. h. jene halb materialistische und halb weinerliche Sentimentalität. Man hat ein Verbot erfunden, das
der Tyrann Mussolini gegen die Deutschen im Etschtal wegen der traditionellen Weihnachtsbäume erlassen hätte. Aber auch das war eine bumme und lächerliche Lüge. Nach, all diesen Lügen sprach man schließlich von einem Boykott der italienischen Waren und des Reiseverkehrs nach Italien. Lassen Sie mich ein für allemal über diesen Reiseverkehr folgendes sagen: Wir sind ein hervorragend gastfreundliches Volk. Das kommt von unserer tausendjährige Kultur. Wir wollen so bleiben, selbst wenn man diese unsere Gastfreundschaft mißbraucht und wenn man sehr primitiv gekleidete Individuen durch die Straßen unserer Städte wandeln sieht. Aber niemand darf sich der Täuschung hingeben, Italien durch einen Boykott seines Reiseverkehrs gewinnen zu können. Italien lebt von ganz anderen Dingen und verfügt über ganz andere Kraftquellen. Uebrigens kommen viele dieser Leute nicht nach Italien, um uns Geschenke zu machen, sondern um zu sparen. Auf jeden Fall aber will ich
zu der Frage des Boykotts
erklären, daß, wenn morgen dieser Boykott praktisch durchgeführt würde und wenn er die stillschweigende Zustimmung der verantwortlichen Behörde hätte, so würden wir mit einem Boykott im Quadrat und auf eventuelle Repressalien in der dritten Potenz antworten. Wenn ich so spreche, so glaube ich, aufs beste der Sache der Wahrheit und der Kultur und selbst der Sache des Friedens zu dienen. Einige haben geglaubt, daß nach Protesten verschiedener Deutscher, die in Italien ruhig von ihren Handelsgeschäften leben, all das ein Ende nehmen würde. Das ist aber nicht eingetreten. Im Gegenteil stehen wir jetzt vor der Rede, die
der bayerische Ministerpräsident Held
im Bayerischen Landtage gehalten hat. Er sagte: „Wir müssen alles tun, um zu einer Besserung der Lage in Südtirol zu gelangen und alles, was den Deutschen an der oberen Etsch dw Freiheit geben kann. Von diesem meinem Platze aus muß ich den kräftigsten Protest gegen die brutalen Vergewaltigungen in Südtirol erheben." Ich erkläre, so sagte Mussolini, daß diese Rede einfach unerhört ist, unerhört vom diplomatischen Standpunkt aus, denn es bestand niemals, felbst vor dem Kriege nicht, eine Frage des deutschen Südtirol. Sodann aber wurde die Frage des oberen Trentin durch die Friedensverträge geregelt, und zwar durch den Vertrag von St. Germain mit Oesterreich. Es ist unerhört, von Vergewaltigungen und von brutalen Vergewaltigungen zu sprechen, die die faszistische Regierung im oberen Trentin begangen hätte. Wir machen im oberen Trentin eine Politik der Jtalianität. Wir betrachten seine Bewohner als italienische Staatsbürger.
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Der Eindruck in Berlin.
Wie aus Berlin gemeldet wird, hat die Kammerrede Mussolinis in politischen Kreisen Berlins außerordentlich befremdet. Man weist darauf hin, daß die Sprache des Ministerpräsidenten wohl kaum geeignet ist, ihm als einen Unterzeichner des Locarnovertrages und Italien als ein Mitglied des Völkerbundes zur Ehre gereichen. Mussolini hat außerdem offenbar die D i s k u s s i o n s b a s i s verschoben. Kein Mensch denkt zur Zeit in Deutschland daran, die Brennerfrage überhaupt zu diskutieren. Es ist aber möglich, daß Mussolini es für notwendig hielt, aus innerpolitischen Gründen die Grenzfrage auszuwerfen. Für die deutsche Oeffentlichkeit handelt es sich in der Frage Südtirols lediglich um eine Kulturfrage, da sie sich dafür interessiert, daß die seit 1800 Jahren dort ansässige deutsche Bevölkerung der deutschen Kultur erhalten bleibt und sich weiter ihrer angestammten Sprache und Kultureinrichtungen bedienen kann. Von amtlicher Stelle kann zur Rede des italienischen Ministerpräsidenten noch nicht Stellung genommen werden, da ihr amtlicher Wortlaut noch nicht vorliegt. Es ist aber nicht ausgeschlossen, daß der Reichsaußenminister anläßlich der Beantwortung der deutschnationalen
SeuWiand und der Völkerbund.
Eine englische Stimme.
Zu dem bevorstehenden Eintritt Deutschlands in den Völkerbund schreibt der „Observer": Von dem Tag des deutschen Eintritts an wird aus dem Völkerbund etwas, was er längst hätte werden sollen.
Bisher war er zu schwach für seine Aufgaben. Die Versuche, die in der Vergangenheit mit ihm gemacht worden sind, ohne ihm Aufgaben zu stellen und ohne ihm eine Verantwortung aufzuerlegen, die über seine Kräfte gingen, waren sehr unglücklich. Seine Tätigkeit in kleineren Angelegenheiten war höchst nützlich, aber nicht bedeutsam. In allen Hauptfragen hat der Völkerbund nichts tun können, als auf der Stelle zu treten.
Seine Hauptleistung in den vergangenen sieben Jahren seiner Existenz bestand darin, daß er eine neue Maschinerie internationaler Zusammenkünfte und Erörterungen geschaffen
hat. Seine Brauchbarkeit für alle wesentlichen Fragen beginnt erst mit dem Eintritt Deutschland, obwohl diese auch nicht vollständig sein kann ohne Teilnahme Rußlands. Der künftige Eintritt Rußlands würde von großem Vorteil für Deutschland und den Völkerbund sein und eine Belohnung sür die tapsere Politik der Wiedervereinigung, an der Herr Luther und Herr Stresemann einen so großen Anteil haben.
politische Lagesscha«.
"^ Haussuchungen bei Arbeitgeberberbänden in Berlin. In Berlin fanden Durchsuchungen in den Büros der Vereinigung der Arbeitgeberverände und in denen des Zentral- Verbandes der christlichen Landarbeiter statt, um die Bücher zu Prüfen, in denen das Darlehen an den in der Femeangelegen- heil vielgenannten Oberleutnant Schulz gebucht und ausgebucht wurde.