Hersfelöer Tageblatt yersfelöer Kreisblatt' Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
Nr. 20 Montag, den 25. Januar 1926 76. Jahrgang
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Neues vom Tage.
— Der Reichspräsident hat den Regierungspräsidenten Dr. Haslinde, Münster, zum Reichsminister für Ernährung und Land- Wirtschast ernannt.
— Der Reichspräsident empfing außer den neueruannten Ministern Dr. Külz und Dr. Reinhold den Reichsjustizminister Reichskanzler a. D. Marx.
— Im Reichstagsgebäude haben Verhandlungen des Reichsministeriums des Innern mit den Ländern über einen Beamten- austausch zwischen Reich und Ländern zur Sicherung guten Beamtennachwuchses in den Reichsministerien stattgefunden.
— Der Reichshaushaltsplan für 1925 wurde vom Reichstag in dritter Lesung endgültig angenommen.
— Infolge Ablehnung der Entscheidung des Lohnamtes werden die Delegierten der Eisenbahner die Verhandlungen bei den Eisenbahngesellschaften nächsten Montag wieder ausnehmen.
— Der Chef des belgischen Generalstabes, Maglinse, hat, wie Havas aus Brüssel berichtet, der Regierung mitgeteilt, daß er von seinem Posten zarÄcktrete. Nach dem „Journal" ist der Rücktritt auf die Mißbilligung des Regierungsentwurfs zurückzuführen, der die Dienstzeit für die Jahresklasse 1925/26 aus 10 Monate herabsetzt.
— In Moskau wurden 35 Offiziere, die im September gemeutert hatten, zum Tode und 143 zu lebenslänglichem Kerker verurteilt. Von den zum Tode verurteilten Offizieren sind bereits sechzehn, darunter ein General, erschossen worden.
SeuWlands Verarmung.
Nach einer Meldung aus Berlin gewährte Geheimrat Dr. Hugenberg dem Berliner Vertreter der internationalen News Service eine von diesem erbetene Unterredung, in der er u. a. folgendes ausführte: In Amerika herrscht die Anschauung, daß die im Dawes-Gutachten erwähnte sogenannte Entschuldung der deutschen Wirtschaft und des Deutschen Reiches durch eine gerissene Schiebung leicht und reibungslos erreicht worden sei.
der. Grund, in,, der falschen Vor- stellung, die sich weite Kreise in Amerika von der Lage des deutschen Volkes machen. Rentner, Geistesarbeiter, Angestellte und Handarbeiter mit Angehörigen, etwa 45 Millionen Menschen, das sind etwa 70 Prozent der deutschen Bevölkerung, haben durch die Inflation und die sogenannte Entschuldung Deutschlands ihr kleines Vermögen bis auf den letzten Pfennig verloren und sehen außerdem bei der allgemeinen Verarmung ihre Arbeitsmöglichkeiten eingeschränkt oder zum Teil zerstört.
Etwa 45 Millionen in Not geratener und unglücklicher Menschen ist also das Ergebnis dieser leichthin festgestellten „Verbesserung" oer Lage Deutschlands infolge der Entschuldung. Die wirtschaftliche Not ist auch der Grund für die im deutschen Volk herrschende gereizte Stimmung der jahrelangen Enttäuschung, die das deutsche Volk durch nichtgehaltene Ver- sprechungen, durch schöne Worte, denen niemals die Tat folgte. Deutschland hat ein berechtigtes starkes Mißtrauen gegen alle Aeußerungen des Auslandes. Man verlangt in Deutschland mit Recht endlich Taten. Dies gilt augenblicklich von der nächsten in Genf zu besprechenden Frage der Abrüstung. Das deutsche Volk, insbesondere die vielen in Not befindlichen Millionen verlangen, daß in erster Linie Sicherheit geschaffen wird, für gemachte Versprechungen.
In erster Linie wird man in Amerika erkennen müssen, daß Deutschlands Zahlungen wenn überhaupt doch niemals in Geld, sondern nur in Waben geleistet werden können, und daß diese Leistungen heute durch die Zollschranken gegen deutsche Einfuhr, wie sie auch die Vereinigten Staaten aufgerichtet haben, nur unmöglich gemacht werden. Die Handelspolitik darf der Reparationspolitik nicht widersprechen. Man kann nicht mit der einen Hand Leistungen fordern und sie mit der anderen Hand erdrosseln.
Für die befetzien Gebiete.
Aus dem Reichstagsausschutz.
Im weiteren Verlauf seines Berichtes im Ausschuß für die besetzten Gebiete teilte Generalkommissar Schmidt noch mit, daß durch die fremden Gerichtsurteile gegenwärtig noch 230 Deutsche in den Gefängnissen säßen, unter denen sich kein politischer Gefangener mehr befände. Der letzte wegen Zugehörigkeit zu einer verbotenen Organisation Verurteilte sei soeben freigelassen worden.
Auf den Vorhalt über langsame Regelung der Schadensanträge bemerkte der Kommissar, daß in den letzten vier Wochen nicht weniger als 17 000 Anträge eingegangen seien. Es sei nicht zu vermeiden, daß trotz beschleunigter Arbeit eine geraume Zeit damit vergehen werde.
Ein Vertreter des Auswärtigen Amtes berichtet dann noch über die Lage und nahm dann zu einem Zeitungsartikel Stellung. Er erklärte, daß die deutsche Regierung gegenwärtig der französischen ihren Standpunkt über Besatzungsfragen dahin ; präcisiert habe, daß unter normaler Stärke die deutsche Friedensstärke zu verstehen sei. Die französische Regierung habe diesen Standpunkt anerkannt. Einstimmig fand ein Antrag Becker (Hessen) (DVP.) Annahme, der die Regierung ersucht, mit allem Nachdruck und unter Anwendung aller Mittel Mbfn
zu wirken, daß die Besatzung des Rheinlandes und die Abtrennung des Saargebiets vor Ablauf der Fristen beseitigt und die Hoheitsrechte des Deutschen Reiches in diesen Gebieten wiederhergestellt werde. Solange dieses Ziel nicht erreicht ist, soll die Stärke der Besatzungstruppen auf die deutsche Vor- kriegstruppenstärke in den besetzten Gebieten herabgesetzt und die Zahl der zu besetzenden Orte vermindert werden. Zur Entlastung des Wohnungsmarktes sollen insbesondere die verheirateten Besatzungstruppen die besetzten Gebiete verlassen.
Die Memlandbeschung.
Englische und französische Stimmen.
Jaques Bainville schreibt in einer Betrachtung in der „Liberts" über die Demarche der deutschen Botschafter in Paris und London und des deutschen Gesandten in Brüssel betreffend die Herabsetzung des Besatzungsheeres:
„Wahrscheinlich wird Deutschland Genugtuung gegeben werden, wenn es die logische Schlußforderung aus dem Abkommen von Locarno zieht. Was ist denn der SicherheitsPakt? Was gilt er, wenn trotzdem militärische Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden müssen? Deutschland sagt, Locarno erfordere die schleunige und gänzliche Räumung des besetzten Gebietes. Die Räumung wird um so leichter kommen, als niemand, sowohl im Parlament als anderswo, sich auch nur den Anschein gibt, daran zu erinnern, daß die Doktrin Frankreichs jahrelang gelautet hat: „Unsere Sicherheit liegt am Rhein!"
Die englische Wochenzeitschrift „Saturday Review" führt zur Frage der Stärke der Besatzungstruppen im Rheinland aus, die Auffassung der Botschafterkonferenz, daß die Zahl der Truppen in der zweiten und der dritten Zone von 55 000 aus 75 000 Mann erhöht werden solle, erscheine auf jeden Fall befremdend und geradezu unsinnig, ja" sogar gefährlich nach den auf der Locarnokonferenz gemachten freundlichen Zusagen. Selbst in deutschen Kreisen, die ständig für den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund arbeiteten, frage man sich jetzt, ob es der Mühe Wert sei, Delegierte nach Genf zu entsenden, solange die versöhnliche Politik der dortigen britischen und französischen
lands
Vertreter durch die Haltung der französischen und britischen
werden
Deutschland und Oesterreich.
Wirtschaftliche Annäherung.
Die Wiener „Neue Freie Presse" veröffentlicht eine Unterredung ihres Berliner Korrespondenten mit dem Präsidenten Dinghofer, der erklärte, er wäre nach Berlin gekommen, um eine engere wirtschaftliche Annäherung zwischen Oesterreich und Deutschland herbeizuführen.
Diese könne zwar nicht mit einem Schlag erfolgen, der Weg müsse vielmehr etappenweise znrückgelegt werden. Als eine dieser Etappen denke er sich die Schaffung eines für beide Staaten gemeinsamen Organs, welches die Aufgabe hätte, der wirtschaftlichen Annäherung zu dienen. Diese Körperschaft hätte von Zeit zu Zeit zusammenzutreten, um wirtschaftliche Fragen int beiderseitigen Interesse zu beraten und zwar solle sich diese Körperschaft nicht nur mit der Beilegung wirtschaftlicher Streitfragen befassen, sondern unter Umständen auch ein gemeinsames wirtschaftliches Vorgehen der beiden Staaten gegenüber dritten Staaten ermöglichen.
MifiÄe TagessKau.
" Abschied des Grafen Kanitz von seinen Beamten. Im Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft verabschiedete sich Reichsminister Kanitz mit warmen Worten von seinen Beamten. Er warf bei dieser Gelegenheit einen kurzen Rückblick auf seine Tätigkeit, die er vor nahezu 2% Jahren in einer Zest schwerer politischer und wirtschaftlicher Stürme angetreten hat. Er skizzierte kurz die Ziele und Erfolge des Ministeriums in dieser Zeitspanne und gab der Hoffnung Ausdruck, daß durch die Wiedereinführung von landwirtschaftlichen Zöllen die Gründung der Rentenbankkreditanstalt und die übrigen Kreditaktionen wenigstens die Grundlage geschaffen sei für die Sicherung und den allmählichen Wiederaufbau unserer Ernährungsbasis. Er dankte den Beamten für ihre treue und vertrauensvolle Mitarbeit, ohne die es ihm nicht möglich gewesen wäre, das zu erreichen, was schließlich in . mühsamer Arbeit erreicht wurde. Der Minister wies weiter darauf hin, daß er niemals ein ausgesprochener Parteipolitiker gewesen sei, vielmehr hätte den großen volkswirtschaftlichen Aufgaben von jeher sein Hauptinteresse gegolten. Mit einem Hoch auf das deutsche Vaterland schloß er seine Ausführungen. Staatssekretär Hagedorn dankte dem Minister im Namen der Beamten für das Vertrauen und persönliche Wohlwollen, das er seinen Beamten stets entgegengebracht habe. Er sei der Ueberzeugung, daß die Landwirtschaft trotz mancher Anfeindungen, die in letzter Zeit von dieser Seite her gegen Kanitz erfolgt seien, in späterer Zeit dem Minister gewiß aufrichtig Dank wissen werde für das, was er in schwerer Zeit für sie getan habe. Im übrigen gab er der Hoffnung Ausdruck, daß Graf Kanitz nach einer vorübergehenden Ruhepause zu gegebener Zeit wieder als Führer in das politische und wirtschaftliche Leben zurückkehren werde.
■^ Die Laufbahn des neuen Reichsernährungsministers.
Der neue Reichsernährungsminister Dr. Heinrich Haslinde ist am 21. Mai 1881 in Berlin geboren. Er besuchte dort das Gymnasium und studierte an den Universitäten in Bonn, Heidelberg, Münster, Paris und Berlin. Dann war er als Gerichtsreferendar tätig und später als Regierungsassessor. Als Assessor war er dann bei den Landratsämtern Brilon, Hörde und Arnsberg tätig. Am 21. Dezember 1916 wurde er Landrat in Arnsberg. Den Krieg machte er als Batterieführer mit und erwarb sich neben andern Auszeichnungen das Eiserne Kreuz erster Klasse. Am 17. Oktober 1922 wurde er an Stelle des ausscheidenden Grasen von Merveldt Regierungspräsident von Münster.
^ Rheinlandreife des Reichspräsidenten im März. Der Besuch des Reichspräsidenten in dem von der Besatzung geräumten Gebiet, der für den 28. Februar in Aussicht genommen war, wird voraussichtlich im März, nicht erst int Sommer, stattfinden, da für den 28. Februar der Reichstrauertag angesetzt ist. Ueber den Empfang des Reichspräsidenten finden zur Zeit Verhandlungen mit dem Oberpräsidenten der Rheinprovinz, dem preußischen Innenminister und dem Kölner Oberbürgermeister statt.
^ Sozialdemokratisch-kommunistische Einheitsfront in der Fürstenabfindung. Ueber die gemeinsame Sitzung der Sozial- demokraten und Kommunisten unter Mitwirkung des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes zur Besprechung des Volksentscheides über die Fürstenabfindung wird ein Bericht ausgegeben, in dem es heißt: Es ergab sich, daß über die grundsätzlichen Fragen Einigkeit bestand und daß auch die beiden Entwürfe, der bereits eingereichte und der von der Sozial- demokratischen Partei vorgelegte, grundsätzlich nicht voneinander abweichen.
Staatsrat gegen Preußischen Landtag. Der preußische Staatsrat nahm in seiner letzten Sitzung die namentliche Abstimmung über die Frage des Einspruches gegen den Landtagsbeschluß über die einheitliche Stimmenabgabe im Reichsrat vor. Der Verfassungsausschuß hatte beantragt, Einspruch zu erheben, weil das vom Landtag beschlossene Gesetz unvereinbar mit dem Geist der preußischen Verfassung sei. Die Abstimmung, bei der eine Anzahl von Mitgliedern nicht im Saale anwesend war, ergab die Annahme des Ausschutzantrages mit 51 gegen
** Die Reparationslieferungen im Dezember. Für Frankreich sind im Laufe des Dezembers 1925 157 Reparationsverträge im Werte von insgesamt 10,6 Millionen Reichsmark genehmigt worden. Insgesamt beträgt der Wert der feit dem Inkrafttreten des Sachverständigenberichts bis Ende Dezember 1925 abgeschlossenen Verträge auf Reparationslieferungen — ohne Kohlen- und Farbstofflieferungen — 160,3 Millionen Reichsmark. Der größte Teil der Lieferungen ist für die zerstörten Gebiete bestimmt gewesen. Belgien hat im Dezember 106 Verträge int Gesamtwerte von 4,6 Millionen Reichsmark abgeschlossen. Seit Inkrafttreten des Sachverständigenplanes . sind — wieder ohne Kohlen- und Farbstofflieferungen — Verträge über Reparationssachlieferungen im Betrage von 28,4 Millionen Reichsmark abgeschlossen worden.
«-» Das unzureichende Bauprogramm der Reichsbahn. Von zuständiger Stelle wird mitgeteilt, daß die Reichsbahn- Gesellschaft nicht mehr in der Lage ist, die erforderlichen Erneuerungsarbeiten an den Gleisanlagen vorzunehmen. Es heißt dann weiter: Diese Fahrbahn macht etwa 21 % des gesamten Anlagekapitals der Reichsbahn aus. Die stete Erneuerung ist im Interesse des Verkehrs nötig. Die Beschleunigung des Verkehrs hängt von dem Zustand des Oberbaues ab. Vor dem Kriege wurden jährlich 5,33 % (das sind rund 4000 Km.) der durchgehenden Hauptgleise erneuert. In den Jahren 1924—25 war es nach der wirtschaftlichen Lage nur möglich, etwa 2,5 % (das sind rund 2100 Km.) zu erneuern, trotzdem mindestens 4 % (das sind 3000 Km.) hätten erneuert werden müssen. Die Reichsbahn ist also mit 9600 Km. im Rückstand und kann deshalb nicht mehr die im Interesse der Wirtschaft gewünschte Verkehrsbeschleunigung dnrch- führen. In Wirklichkeit ist also die Reichsbahn gezwungen, aus der Substanz zu leben, zehrt doch die Nichtdurchführung des notwendigen Oberbauprogramms an dem Material, zumal -520 Mill. Mark jährlich verwendet werden müssen für die Planmäßige Umänderung, Erneuerung und Nachholung
^ Die Grötzenverhältnisse der Luftschiffhalle in Friedrichshafen. Dieser Tage ging, offenbar in der wohlmeinenden Absicht, die Sinnlosigkeit einer Zerstörung der Zeppelinbau- Werke nachzuweisen, eine Mitteilung durch die Blätter, wonach die Luftschiffhalle in Friedrichshafen nur geringen technischen und wirtschaftlichen Wert haben und viel zu klein sein sollte, um Luftschiffe der heute erreichten Dimensionen zu erbauen. Ihr Wert, hieß es, liege vielmehr auf moralischem Gebiet, sozusagen als Denkmal der Wirksamkeit Zeppelins. Diese Darstellung stimmt mit den Tatsachen keineswegs über- ein. Die Halle entspricht im Gegenteil, wie von maßgebender Seite festgestellt wird, nicht nur allen Anforderungen des modernen Lustschiffbaues, sondern reicht sogar zur Herstellung von Zeppelinen bis zur Größe von 125 000 Kbm. aus. Wenn man bedenkt, daß Z. R. in nur 70 000 Kbm. hatte und daß das zunächst zu bauende Schiff, welches vor allem den Zwecken wissenschaftlicher Expeditionen zu dienen berufen ist, nur zirka 105 000 Kbm. haben soll, kann selbstverständlich nicht die Red« davon sein, daß die Halle in bezug auf ihre Größe irgendwi« zu wünschen übrig lasse.