Hersfelder Tageblatt
Hersfelder Kreisblatt
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Nr. 265
Mittwoch, den 12. November
1919
Set 9. Booemtet mhig rettaf»
W Berlin. 10. November. (T. M Zum eittjshri- ven Gedenktage der Revolution hielten gestern die beiden sozialdemokratischen Parteien eine große Zahl von giriern ab, die sehr stark besucht waren und in denen die ekanntesten Führer sprachen. Am Vormittag fanden in allen Teilen der Stadt und in den Vororten riesige Versammlungen statt. Die Mehrheitssozialisten ver- sauunelten sich schon um 10 Uhr morgens in zehn der größten Säle, während über 30 Versammlungen in den Vororten abgehalten wurdem Die Tagesordnung lautete überall: „Die Sozjaldemokraten und der 9. November". Nach den Versammlungen bildeten sich in einigen Stadtteilen Demonstrationszüge, die jedoch durch das Eingreifen der Sicherheitspolizei aufgelöst wurden. Der Führer eines Zuges, der in der Stärke von etwa 800 Mann in breiter Auflösung über die Bürgersteige gegen das Zentrum zog, wurde verhaftet. Sonst hatte die Sicherheitswehr keinen Grund zum Einschreiten. Eine ganze Reihe von Marmorbildern trugen in roter Goldfarbe die Ausschrift: „Hoch die Weltrevolutton, itieöer mit dem Kapitalismus!" Zu Ruhestörungen ist es fast nicht gekoulme«. Nur in zwei Fällen mußte die Polizei zu Verhaftungen schreiten, weil die betreffenden Personen ihren Aufforderungen nicht nachkamen, sondern tätlichen Widerstand leisteten.
** Berlin, 10. November. (S. C.) Der gestrige Lrinnerungstag der deutschen Revolution ist in Berlin völlig r«hig verlaufen. Polizei, Sicherheitswehr und Reichswehr fanden keinen Anlaß zum Einschreiten. Die Persammlungen der Kommunisten und Unabhängigen sparen sehr gering besucht. Auch im Reiche ist der gestrige Tag ruhig vorübergega«ge».
weitere Mildem»« der SstseebloSade.
„ ^Stettin, 9. November. (S. C.) Die Admirali- istt, Abteilung Seetransport, teilt mit, daß die allgemeine freie Fahrt für wechselseitige Vervmdun« zwischen dentschen Häfen an der Küste von Deutschland eileu-Zo«e wieder geneh
ord habe«.
Auch diese weitere Einschränkung der Ostseeblockade bat nur einen relativen Wert. Wenn auch der freie Küstenverkehr zwischen den deutschen Ostseehäfen dadurch wieder hergestellt worden ist, so besteht doch die Sperre der Ostsee für die für unsere Ernährung so nichtige Fischerei weiter. Außerdem ist auch der Handelsverkehr unsererseits mit den skandinavischen Ländern weiter unterbunden. Die Folgen der Ostseeblockade veröen daher mit geringer Abschwächung sich auch künf- ig bemerkbar machen und das Berkehrsleben in den Ostseehafenstädten äufs schwerste bedrohen. In Ver- nndung mit der von der Entente geforderten weiteren stbliefernng von Schiffsmaterial muß diese Maßnahme 'atastrophal auf das Wirtschaftsleben wirken und eine ungeheure Arbeitslosigkeit in den Hafen- und Fischerei- Betrieben zeitigen, die sich naturgemäß auch noch auf rüdere Wirtschaftsgebiete ausdehnen wird.
Die Kriegsgefangenen in Frankreich.
Eine neue Note der deutschen Regierung.
»-* Berlin, 10. November. (WTB.) Die deutsche Regierung hat in Paris eine Note über die Heimbesör- denung der deutschen Kriegsgefangenen überreichen lassen, in der darauf hingewiefen wird, daß die fran- iöfische Regierung allein den deutschen Krregsgesange- ren die Freiheit versagt. Sie habe sich zwar zu der Erklärung verstanden, daß die Heimbeförderung nach )er Ratifizierung des Friedensvertrages durch Frankreich beginnen sollte. Frankreich hat nun ratifiziert, tlier noch immer warten die deutsche Remermm und ,as deutsche Volk auf die Rückkehr der Gefangenen, ja iogar auf eine auch nur annähernde Angabe über den Festpunkt, nimm darauf gerechnet werden kann. Das »eutsche Volk kann die Haltung der französischen Re° zierung, die es als eine grausame Härte empfindet, licht verstehen. Die deutsche Regierung fürchtet diese Entwickelung umsomehr, als gleichzeitig die innere Gesundung des Volkskörpers durch schwere wirtschaft- sche Krisen in Fraße gestellt ist. So muß es unausbleiblich zu einer Lähmung der Kraft «ihren deren das deutsche Volk nicht nur für seinen eigenen Bestand, oudern auch ftir feine Mitarbeit an dem gemeinsamen Wiederaufbau der durch den Krieg zerstörten Werte so notwendig bedarf. .
Die deutsche Regierung hält es ftir ihre.Pflicht, auf diese schwierige Frage mit Ernst tief mrd Feierlichst vor aller Welt hinzuweisen, und macht zum Schluß noch auf folgendes aufmerksam: Die deutsche Regierung hat sich bis an die Grenze des Möglichen bemüht, den Mmren Friedensbedingungen zu entsprechen und sich Jw W weitgehendem Entgegenkommen dercitfin^n lasten, SS^L'L ttäteMWÄ
Ä B» «ÄÄ ohne weiteres zurückgibt. '
Die Niederlage Zudeailschs.
w Helfingfors, 9. November. (S. In ^WWg-g
m. Amsterdam, 9. November. (T. H) Das yanpmuartier der Roten Armee gibt folgende« Heeresbericht aus: An der Murmanfront machten unsere Truppen an dem Westufer des Onegasees weitere Fortschritte. Am finnischen Meerbusen rückten unsere Truppen gleichfalls vor. In der Richtung auf Famburg haben wir eine Linie 30 Werst westlich Krasnoje Sselo erreicht. Wir machten zahlreiche Gefangene n»d erbeuteten viel Kriegsmaterial. 60 Werst nördlich von Lnga danert unsere Offensive erfolgreich an. An der Petersburger Front haben sich unsere Truppen zahlreicher Ortschaften bemächtigt. *
Als in der zweiten Hälfte des Oktobers der Vormarsch Judenitschs auf Petersburg gemeldet und der nahe Zusammenbruch des Bolschewismus von englischer Seite in Aussicht gestellt wurde, haben wir gleich vor allzu optimistischen Hoffnungen gewarnt, nicht aus dem Grunde, um den Bolschewismus zu verteidigen — denn es kann Lein Zweifel darüber bestehen, daß der Bolschewismus für Deutschland eine viel größere Gefahr bedeutet als für andere Länder und daß diese Gefahr mit allen Mitteln bekämpft werden muß —, sondern, weil der Bolschewismus eine Weltanschauung ist, die ihren Existenzkauwf mit rohester Gewalt führt. So gelang es Trotzkt, schnell eine Armee um Petersburg zu verfannneln, der Judenitsch auch mit Unterstützung der Entente nicht standhaften konnte. Er erlitt eine schwere Niederlage, deren Größe daraus zu erkennen ist, daß er seinen Rückzug nur mit erheblichen Verlusten durch zuführen vermag. In Sibirien ist der Feldzug des Admirals Koltschak gegen die Rote Armee vollständig zusammengebrochen. Koltschak, der einst von der Entente als der kommende Mann in Rußland ausersehen, dann aber fallen gelassen worden war, hat keine Lorbeeren erringen können. Unter seiner Verwaltung herrschte die alte zaristische Korruption, die jede Konzentration der Kräfte unmöglich machte. Seine Armee war unzuverlässig und die Bevölkerung Sibiriens mit seiner Verwaltung unzufrieden. Die schon längst unsichere Stellung ‘ iltschaks hätte trat ein entscheidender Sieg über die ,olschewisten befestigen kön-
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Trotz dieser verworrener, und hoffnungslosen Lage im Innern, des Landes beschäftigen sich Rußlands Po- lttiker eifrig mit der Ausgestaltung der zukünftigen Landesregierung, wenn auch alle diese Pläne natürlich nur auf die Theorie beschränkt sind. Marr findet die verschiedensten Ansichten. Es gilt sogar als noch nicht enffchieden, ob wieder ein Zar als Herrscher aller Reu- tzen den Thron Rntzlanös besteigen soll, oder aber ein Präsident an der Spitze des größten Slawenreiches stehen wird. Im Bordergrunde des Interesses stehen augenblicklich die schwebenden Verhandlungen des tschechischen Politikers Dr. Kramarsch mit Denikin, der immer noch die größten Aussichten hat, sich gegen die Bolschewisten zu behaupten. Besonders an der Mqldau wird viel von der künftigen Ministerpräsidentschaft Kramarschs gesprochen, wobei man noch nicht ganz genau weiß, ob dieser nicht einem Herrscher aus dem Hause Romanow oder einem sonstigen von der Entente aufgestellten russischen Kronprätendenten dienen werde. Nickst unerheblich aber ist die Zahl der Russen, die dem Tschechen die Präsidentschaft angetragen haben, die dieser angeblich bei den kormnenden Verhandlungen in Odessa übernehmen soll. Wenn die Dinge sich in dieser Richtung entscheiden würden, so wäre damit der erste kräftige Anstoß zum Wiedererwachen des ehemaligen Panslawismus gegeben. Diese ehemals gewaltige Bewegung findet heute bei den Vertretern der russischen monarchistischen Partei nicht mehr viel Anklang. Man hat scheinbar mit ihr allzu schlechte Erfahrungen gemacht und ist allmählich davon abgekonmwn, Phantomen nachzujagen. Merkwürdiger Weise sind es jetzt aber die Demokraten, die angesichts des Zerfalls der Vormacht des Slawentums nneoer eine Erstarkung herbeisehnen und das Band wiederherstellen wollen, das alle slawischen Stämme gemernsam umschlingt.
Angesichts der jetzt mehr denn je wieder trostlosen Verhältnisse in Osteuropa mag es verwunderlich erscheinen, daß die Russen sich noch n^f solch mehr oder weniger romantischen Erwägungen beschäftigen. Wenn man jedoch bedenkt, wie fchr Steife Romantik zu einem ernsten politischen Faktor im Bölkergeschehen werden kann, wird man sie verstehen: denn die Sowjet- Regiernng wird doch einmal ihre Macht an eine rechtmäßige Regierung abtreten müssen. Und auf Gründ derartiger Ueberlegungen wird man auch begreifen, daß eine monarchische Herrschaft über Rußland in der Zukunft nicht als ausgeschlossen und unmöglich gelten kann. Das russische Volk ist noch sehr jung. Es verfügt noch über ein unerschöpfliches Kräftereservoir. Trotz der Untergrabung aller wirtfmaftlidien und moralischen Grundlagen ist man nicht am völligen Ende an= gelangt. Und daraus folgt wieder', daß die Entwicklungsmöglichkeiten des großen Reimes im Osten unseres Kontinents nicht begrenzt sind, und wir uns noch ans mancherlei Ueberraschungen gefaßt machen müssen. Man könnte aber den russischen Politikern der Gegenwart den berechtigten Vorwurf machen, daß sie sich um des Kaisers Bart streiten. Der Ntederkämpfung des Volscheivismus wenden sie noch viel zu wenig Anfmerk- samkeit zu und überlassen es größtenteils fremden Händen, das Werk zu vollbringen, dessen Vollendung etn= zig und allein ihnen gebührt.. Was im Unterbewußtsein des Volkes schon längst vorhanden ist, nämlich die Ab- lehnuna des übergroßen fremdländischen, namentlich britischen Einflusses, das hat seinen Weg noch immer nicht zu jenen Kreisen gefunden, denen augenblicklich die Zukunft ihrer russischen Heimat so sehr am Herzen
zu liegen scheint. In Paris arbeitet, man an der M. sammensetzung einer künftigen Regierung, und auf einem Enteuteschiff begibt sich Dr. Kramarsch nach Odessa. Ob Republik oder Kaiserreich, dre Hauptaus- gabe des russischen Volkes wäre neben der Vernichtung der Sowjetmacht die Befreiung von den schweren, wenn auch goldenen Fesseln Großbritanniens.
Der Zusammenbruch des Feldzuges Koltschaks.
w Rotterdam, 10. November. lWTB.) Dem „Tele- graaf" zufolge meldet der „Times"-Korrespondent im Aufträge Koltschaks vom 8. November: Die Ereignisse der letzten Wochen haben die Lage ganz verändert. Die linke Flanke der Armee ist auseinanöergetrieben. Pe- tropawlowsk mußte aufgegeben werden. Die Bolsche« misten verfügen über 650 000 Mann neuer Truppen. Die Lust zum Kämpfen gegen die Bolschewisten in Sibirien ist nicht besonders groß.
Riga von Engländer« und Letten genommen.
w Rotterdam, 10. November. (S. C.) Die „Tb mes" melden: Die Engländer und Letten haben Rig< wieder genommen. Die Deutschen sind auf die Mitaue: Vorstadt zurückgeworfen worden.
Die russischen Frkedensbedingungen.
**r Rotterdam, 10. November. (WTB.) Dem „Nieuwe Rotterdamschen Courant" zufolge veröffentlich! der sozialistische Londoner „Daily Herald" den Text der Friedensvorschläge der russischen Sowjetregiernug, die Oberst Malone aus Rußland mitgebracht hat. Danach ist ein Waffenstillstand auf zunächst 14 Tage abzuschlie- tzen. Keine der Parteien darf den Zugtransport von Truppen oder Kriegsmaterial benutzen. Die Bürger der russischen Sowjetregierung sollen freien - Zugang zu den alliierten und assoziierten Ländern und zu deu Ländern erhalten, die auf dem Gebiet des früheren rms- sischen Reiches entstanden sind. Die russische «owjet- regierung erkennt die finanziellen Verpflrchtnnge« des frühere« russischen Reiches gegenüber den fremde« Ländern an, die den Friedensvertrag unterzeichnen. Die Friedenskonferenz soll in einem neutralen Land stattfinden. Die russische Sowjetregierung erklärt sich ^unlltin^wne der.« ^-: tdr ausgestellten
anerkannt werden.
Entlassung von Geisel« in Sowjet-Rußland.
** Stockholm, 9. November. (T. II.) Die Sowjet- Regierung hat zugestimmt, daß im Austausch mit Radek die drei deutschen Geiseln Konsuln Parlat, Stratz und Brandel die Heimreise nach Deutschland ««treten dürfen
Die Ratifikation.
m- Genf, 10. November. (S. E.) Havas meldet daß der Oberste Rat den Austausch der Ratisikations- utckunden des Friedensvertrages mit Deutschland Bo schlössen hat.
Vertagung der Friedenskonferenz.
w Mailand 9. Noveuwer. (T. 1L) Italien Scan- tragte nach dem „Corriere della Sera" die Vertagn«« der Friedenskonferenz um einige Monate. Dieser Vorschlag will »ermitteln zwischen den amerikanisch-englischen Bestrebungen, die Friedenskonferenz aufzulösen und dem französischen Wunsch, sie bis zur Verabschiedung aller Geschäfte fortzusetzen.
Aenderung in der Besetzung der RHeinlande.
** Köln, 9. Noveuwer. (T. U.) Der britische Mi- lftärgmwerneur macht bekannt, daß ein Teil des britisch besetzten rheinischen Gebietes an Sie französisch« und belgische Mlitärbehörde abgegeben werde.
Genf, 10. November. (S. C.) „Temps" uu! „Journal des Debats" berichten in Londoner Telegrammen, daß vom 1. Oktober n. Js. an der bisher uc; den Engländern besetzte Teil des RöeingebietcS Sei französischen Okknvatiousbehörde unterstellt wird. Englische Truppen bleiben lediglich in kleineren Detachc- meMs in Köln und in den RheinstüStem
entlasten« der Zivilgefangenen in Frankreich.
«-•> Genf, 10. November. (T. C.) Das Parkst „Journal" meldet, daß der französische Ministerrat an Freitag der Freilassung der deutschen Zivilgefangene, zngestimmt hat. Sie »erlassen vom 10. November a« Frankreich.
Die Vorbehalte Amerikas.
o-* Zürich, 9. November. (S. C.) Der amerikanische Senat hielt mit 48 gegen 40 Stimmen die Bestimmung aufrecht, durch welche die anderen Mächte die vo« Amerika gemachten Vorbehalte aunchme» müffc«, wen« nicht Amerika ans der Reihe der vertragschließenden Mächte ansfcheide» soll. Er hat einen Zusatzantrag «b- gelebnt, nach dem statt der vorgesehener, drei, vier Großmächte diese Vorbehalte annehmen müsien. •
Die Schlnßabstimmnngcn im Senat.
Versailles, 9. November. (S. C.) Der Sonderberichterstatter des „Echo de Paris" in Washington meldet, es sei wahrscheinlich, daß die Scklnßabckmmun.z über den Friedensvertrag im Senat am 15. November stattfinden werde.
Heimkehr der Zivilgefangenen anS Südamerika.
^ Hamburg, 10 November. (T. U.) Ein kürzlich aus Argentinien zurückaekekrter Deutscher teilte, mit, daß alle in den südanlerikanischeu Staaten Araentinreu, Brasilien usw. internier, gewesenen Deutschen, soweft sie nicht freiwillig dort zu bleiben beabsichtrgern auf dem Heimwege begrisien seien. Es ist an.zunelnnen, daß bis Weihnachten der Rest aller Deutschen aus Südamerika zurückgekehrt sein tvird.