_ Von unserem Berliner M.-Mitarbeiter.
Polens sehnlichster Traum ist in diesem Kriege in Eriulluug gegangen. Es ist frei und selbständig geworden, und der Pessimist, der einst „Finis Poloniae" rief, hat nicht recht behalten, sondern der Optimist mit seinem Worte: „Noch ist Polen nicht verloren!" Die Mittelmächte haben es durch ihre Siege im Osten von den russischen Ketten befreit, und wenn der weiße Adler sich jetzt wieder im Fluge erhebt, so hat er es ihnen zu verdanken. Aber er hat es ihnen schnöde gelohnt. Er nahm seinen Flug nach dem Westen. Aus England und Frankreich hat er sein Heil erhofft. Und doch sieht die Erfüllung dieses politischen Traumes recht -trübselig aus. Ganz sicher wäre das neue Polenreich besser gefahren, wenn es sich zu den Mittelmächten gehalten hätte, denn dann wäre auch für diese manches anders gekommen, dem polnischen Volke aber wäre der Segen wirtschaftlicher und politischer Ordnuna geworden.
Die Freiheit, die den Polen geschenkt worden ist, ist ein Danaergeschenk. Der Pole beweist abermals, daß er nicht die Fähigkeit hat, staatsbildend zu fein. Dem Rausch, in den der Freiheitstraum das polnische Volk versetzt hat, ist bereits ein furchtbarer Katzenjammer . gefolgt. Es herrschen genau noch, wie vor dem Jahre 1795 in Polen wieder einzelne Kliguen, vor allem der Adel und die Klerisei. Das Volk ist genau wieder so geknechtet, wie damals, als in Polen noch das Wahlkönigtum nichts als lächerliche Dekoration war und die Aristokratie ein vielköpfiges Regiment führte. Trotz der scharfen Zensur kommen jetzt aus Polen Meldungen, die das angebliche Paradies der Freiheit als eine Hölle der Knechtschaft erscheinen lassen. Das Volk ist ins tiefste Elend hinabgesunken, und die Reaierungsmacyer leben in Saus und Braus. Der frühere polnische Reichstagsabgeordnete Korfanth ist natürlich einer der ersten mit an der polnischen Regierungsspitze: ebenso der Prälat Adamski, ein millionenreicher Herr und Auf- sichtsratsmitglied von einem Dutzend Banken und Aktiengesellschaften. Fabelhafte Staatsgehälter nehmen diese Herren ein, während im Lande der HurAertyphus grassiert. Posen, das einst unter preußischer Herrschaft eine so wohl geordnete und blühende Provinz war, gleicht jetzt einem ausgepreßten Schwamm, und deshalb sehen sich die neuen Herren nach einer neuen Quelle um, aus der sie von neuem schöpfen können. Und diese neue Quelle soll Oberschlesien sein. Dahin senden sie jetzt ihre Sirenengesänge, um die reiche Provinz vom Deutschen Reiche los zulöstn und sie in das neue polnische Paradies anfzunehmen. Wer die Oberschlesier, nicht bloß die Deutschen, sondern auch, ja, noch viel mehr sogar, die Polen, wollen nichts von den Warschauer und Posen er Lockungen wissen. Sie kennen ihre polnischen Brüder genau imö haben jetzt erst, wenn sie es nicht fchon vorher taten, Deutschland mit seiner Ordnung und seiner viel gesünderen Freiheit kennen und schützen gelernt. Das wiedererstandene Polen wird als, selbständiger Staat kein langes Leben haben. Zwischen den beiden Riesenpuffern Deutschland und IJünWmö wird es nie zur Ruhe kommen, da es die beiden Reiche nicht zur Ruhe kommen lasten wird. Aber selbst von der russischen Gefahr wird es nicht so schlimm bedroht, wie von der eigenen im Lande, denn Polen wird auch im zwanzigsten Jahrhundert wie im achtzehnten an sich selbeMzu Grunde gehen. Es wird ein Sand der Lotterwirtschaft bleiben, in dem nach wie vor zwei Klassen sich schrosf gegenübersteben und zwischen Hoch und Niedrig dke bindende '.Vimelidwbi- icMu Es wird nach wie vor nur Herrschende und Beherrschte Zeben, und nach wie vor wird Hochmut und Herzlosigkeit Berknech- tung und dumpfem Haß geaenüberstehen.
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§»t den Kulissen der SHMmelr.
Ein Auto stand mitten auf einer verlorenen Straße Berlins. Kinder ringsum. Was? Berliner Iungens wegerr eines verlorenen Autos? Das wäre aber klern- städtisch!
Doch nein! In dem Auto sitzt ein Herr,, ganz närrisch aufgeputzt. Ich glaube, er ist aus der Bredermmer- zeit in unser revolutions-republikanisch-fchwarzwertzrot- schwarzrotgoldenes Jahrzehnt hereingefallen, wce der Mann aus dem Monde. Glückliche Zert danmls, als die Kinder noch den dämmrigen Glauben an den Mann auf dem Monde hatten und noch nicht so grell aufgeklärt waren wie heute! „ .
Die Jungen hatten also eine Berechtigung, den sonderbaren Mitteleuropäer anzuschauen.
Dort drüben ist die Auffahrtshalle nach dem ReiHs- tagsgebäude. Davor der riesige Bismarck. Ein herrliches Denkmal, das zur tiefsten Seele spricht, wenn auch nicht zum verfeinerten Kunstsinm .
Und vor dem Tore, durch das der Gewaltige ernst oft geschritten war, ein Filmregisseur mit fernem KMr- belfritzem Und auf der Treppe aufgeputzte Herren und Damen mit Theatcrfchnsinke. Ein optisches Mnnnando. Der Regisseur hebt den Arm wie ein Srgualholz. Das Auto ganz dahinten laust Duftend und ratternd heran.
Me Herzhaften steigen von der Treppe herab mit 'theatralischen Gesten. Der Mann aus dem Monde oder der Biedermeierzeit steigt theatralisch aus. Allgemeines stummes Verneigen, Spiel und Gegenspiel, und die ganze,Filmgeschichte ist zu Ende.
Ein Teil von einer Szene ist es, die jedenfalls in den nächsten Wochen schon von Leinewand zu Leinewand durch alle Städte wandern wird. Wo überall? Das weiß ich nicht. Und wann? Das weiß ich ebenfalls nicht. Aber irgend ein Stück eines Filmdichters ist es, und was sich soeben abgespielt hat, ist eine kurze Szene aus ihm, die als kleines Glied in das lauge, flimmernde Band eingekettet wird. Auf diesem langen, flimmernden Bande, was ist da für Leben geheftet! Und wie wird dieses Leben, das sich bald in hundert Gestalten und Schicksalen zeigen wird, mühsam zusannnenge- tragen! Schon die kleine Szene, die kaum in einer Mi- nute über die Leinewand huscher« wird, was für stundenlange Mühe hat sie gemacht! Und vor allem, was such: ein solcher findiger Filmregisseur alles für Orte auf, um irgend einer leichten Tändelfzene eine gute Fassade zu geben. Auf derselben Treppe, wo einst der Gewaltige säbelklirrend zu weltereignisvollen Tagungen schritt, tänzeln jetzt verliebte Pärchen, um kleine Her- zensromane stürmn einem lauschenden Publikum zu erzählen, das für solche Dinge mehr Sinn und Zeit hat, als für die ernsten großen weltbewegenden Stundem C. M.
Bus der Heimat.
D-^, 11. Ilugüst. Die 50 Mk.-Scheine mit schwarzem Stand gelten nur noch bis zum 10. September 1919 als öffentliches Zahlungsmittel. Bon da ab werden dieselben nur noch bei der äleichsbank in BaH- lung und Umtausch genommen.
— Anträge an die Lndenöorffsyende. Um den Kriegsbeschädigten unnötiger: Zeitverlust zu ersparen, sei darauf hingewiesen, das; die Mittel der Bolksspende für Kriegsbeschädigte (Ludendorffspendes nicht durch den Reichsausschuß der Kriegsbeschädigten- und Kriegshin- terbliebenenfürsvrge in Berlin verwaltet werden, sondern durch die Hauptfürsorgestellen in den einzelnen Bundesstaaten und Provinzen. Kriegsbeschädigte, die einer Unterstützung bedürfen, richten ihre Anträge am besten an die örtliche Fürsorgestelle ihres Bezirks (Magistrat, Landratsamt, Bezirksamt usw »
— Post für die Gefangenen in Serbien ist nach einer Mitteilung des Landesausschusses der Vereine vom Roten Kreuz in Sachsen an den Kommandanten der Kriegsgefangenen in Belgrad zu richten. Die Weiterlciiung der Korrespondenz übernimmt das Internationale Komitee vom Roten Kreuz in Genf. Die Heimschaffung invalider nnd kranker Gefangener aus Serbien hat nach einer Meldung der serbischen Regierung unter Kontrolle des serbischen Hauptquartiers begonnen.
— Die Erbölmng der Postgebühren. Die vom Staatenausschuß beschlossene Erhöhung der Postgebühren zerfällt in drei Teile, in ein Gesetz über die Telegramm- und Fernsprechgebühren, ein Gesetz zur Aenderung des Postscheckgesetzes und ein Gesetz über das Posttarmesen. Die Telegrammgebühren sollen künftighin für Ortstelegramme acht Pfennig für das Wort, mindestens aber SO Pfg. für gewöhnliche Telegramme, im Fernverkehr zehn Pfg. für das Wort, mindestens
Teilnehmeranschlüssen 160 Mark, bei mehr als 50 bis einschließlich 100 3 cilnehmcranschlössen 200 Mk., bis zu 200 Anschlüssen 240 Mk., bis zu 500 Anschlüssen 280 Mk., bis zu 1000 Anschlüssen 800 Mk., bis zu 5000 Anschlüssen 320 Mk., bis zu 20 000 Anschlüssen 340 Mk. und bei einer darüber hinausgehenden Anschlußzahl 360 Mk. für den Anschluß. Bei den Apparaten mit Grund- und Einzelgesprächsgebübren beträgt die Grundgebühr in Netzen von nicht über 1000 Anschlüssen 120 Mk. Sie steigt dann bis zu 5000 Teilnehmern auf 150 Mk., bis zu 20 000 Teilnehmern auf 180 Mk. und darüber auf 200 Mk. Die Einzelgesprächsgebühr beträgt zehn Psen- mg. Auch der telephonische Fernverkehr wird neuen Bestimmungen unterworfen. Ein Ferngespräch kostet bei der Entfernung bis zu 25 Km. 40 Pfg., bis zu 50 Km. 50 Pfg., bis zu 100 Km. 1 Mk., bis zu 500 Km. 2 Mk., bis zu 1000 Km. 3 Mk. und darüber hinaus 4 Mk. In der Begründung wird darauf hingewiesen, daß die neuen Sätze gegenüber dem gegenwärtigen Stande, also den früheren Sätzen einschließlich der jetzt erhobenen Zuschläge von 20 Prozent eine Erhöhung von 66^ Prozent bedeuten. Die Mehreinnahmen werden aus etwa 100 Millionen Mark geschätzt. Der Entwurf über die Aenderung des Postscheckgefetzes besteht nur aus zwei Paragraph:n. Für jede Auszahlung soll ■ künftighin eine feste Gebühr von 10 Pfg. und außerdem eine Steigerungsgebühr von einem Zehntel vom Tausend des auszuzahlenden Betrages entrichtet werben.
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— ErMhnitg der Selbswersorgerration. Selbstvev sorger dürfen vom 16. August an aus selbstgebauten Früchten an Brotoetreide monatlich 12 Kilogramm und an Gerste monatlich 5 Kilogramm verbrauchen. Danach ist zu erwarten, daß die neue Errcke auch eine Erhöhrmg der allgemeinen Brotration brirrgen wird.
— Militärische Hinterbliebeuenbezüge sind nicht ge, meindesteuerpfUchtig. Nach einer Entscheidung des preußischen Qberverwaltungsgerichts vom 4. Juni 1918 sind in Preußen alle militärischen Witwen- und Wai- sengelder von der Gemeinöeeinkommenstener beireit. Die Witwen- und Waisenaelder dürfen also zur Gemeindeeinkommensteuer nicht herangezogm werden und müssen bei der Berechnung des gemeindesteuer- pflichtigen Einkommens unberechnet bleiben. Dagegen ist Befreiung von der staatlichen Einkommensteuer nicht vorgesehen. Zu beachten ist aber bei der Berechnung des steuerpflichtigen Einkonrmens, daß die Waisengel« der nicht dem Einkommen der Mutter zuzurechnen sind, sondern ein selbständiges Einkommen der Kinder bilden.
- Größere Abholzungen in den preußische« Staalssursien sollen angeordnet werden, um den starken Kolstenmangel durch stärkere Belieferung mit Brennholz auszuqleichem Es soll um ein Drittel mehr eingeschlagen werden. Auf die Gemeinden und auf die sonstigen Waldbesitzer soll in ähnlichem Sinne einge- wirkt werden. Für Staatsforsten, die bisher 12 Millionen Festmeter lieferten, würde sich das Ergebnis um 8 Mill. Fest Meter steigern, für die Gemeinden und Privaten sogar um ungefähr die Hälfte. Genügend Arbeiter seien vorhanden. Schwierig bleibe natürlich die Transportfrage. Mit dem dlbschlagen soll so schnell be- gonicen werden, daß das Holz möglichst noch auf dem Wasserwege abtransportiert werden kann.
— Der Postverkehr mit der Union. Für gewöhnliche Briefe und Postkarten nach den Vereinigten Staaten von Amerika bestehen zur Zeit folgende Beförderungs- gelegenheiten: 1. jeden Dienstag und Freitag von Kopenhagen über Hull, 2. am 13., 24., 31. August und 12. September von Kopenhagen über Kristiania ohne Anlaufen weiterer Häfen mit dänischen Schiffen, 3. jeden Montag, Mittwoch und Freitag von den Niederlanden über Folkestone, 4. am 16. August, 6. und 27. September und 18. Oktober von Kristiania über Großbritannien mit norwegischen Schiffen, 5. Mitte August von Gothenburg unmittelbar nach Nennwrk, 6. über Le Havre, Postabgang von Genf jeden Montag. Sendungen ohne Leit- vermerk werden den dän. Schiffen (zu 2) zugeführt.
Schmalkalden/11. August Der Bankfirma Wachen- feld u. Gumprich wurden 100 000 Mark gestohlen. Sie sandte ihrer Zweigniederlassung Zella-Mehlis einen Betrag von 100 000 Mark. Das Paket wurde von einem Angestellten des hiesiger, Geschäfts in Sketnbach-HMen- berg an zwei Angestellte der Zella-Mehliser Filiale überliefert. Als die Sendung in Zella-Mehlis geöffnet wurde, enthielt sie statt des Papiergeldes 10 Pfund Speck. Die Bankfirma hat für Ermittelung des Täters und Herbeischaffung des Geldes eine Belohnung von 5000 Mark auSgsetzt. Der Raub selbst muß in einem der einzelnen Tunnels zwischen Steinbach-Hallenberg und Zella-Mehlis ausgeführt worden sein. Vermutlich hat der Täter den Rucksack aus dem Gepäcknetz genommen, ist damit in den nebenbefindlichen Abort getreten, hat dortselbst die beiden Pakete vertauscht und im nächsten Tunnel den Rucksack wieder an seinen alten Platz gelegt.
Hier erschoß der Kriegsinvalide ehemalige Unteroffizier Kühn seinen Vater, den Korbmacher Tpeoübr KRHu, während eines Wortwechsels. Der Mörder zeigte nach der Tat feinerlei Gewissensbisse.
Witzenhausen, 11. August. Der neue kommissarische Verwalter unseres Landratsamtes, erschstruth, wendet sich in einem Aufruf an die Bevölkerung des Kreises, indem er erklärt, er werde während seiner voraussichtlich nur kurzen Amtszeit sich streng an die Richtlinien der Regierung halten. Dann nimmt er zur Wohnungsfrage, Lebensmittelversorgung, Erwerbslosenfütz- wrac und der Frage der Arbeiter- und Betriebsräte Stellung.
Haun.-Münden, 11. August. Hier tagte die deutsche Botanische Gesellschaft, die Bereinigung der systematischen Botaniker und die Bereinigung für angewandte Botanik.
Cassel, 11. August. Zur Beseitigung der Wohnungsnot wurden noch von der Militärvenvaltung die sechs Schuppeir bei Wolisanger zur Einrichtung von Kleinwohnungen DereitaefteUf.
— Auf dem Oberftadtbalmhof traf ein Transport von 40 Zivil-Iuternierteu aus Kanada ein.
Huuoelshauseu 11. August. Bei der letzten Iagdver- pachtung wurden auch hier bedeutend höhere Preise als in Borhahren erhielt. Die 106 Hektar große Interessentenjagd kostete früher 550 Mark, jetzt pachtete sie Dr. Hofmann-Eassel für 3090 Mark.
Battenberg, 11. August. 105 000 Mark für die diesjährige Kirschenernte vereinnahmte unsere Gemeinde.
Das SIKi der Andern
Original-Roman von Erich Eben st ein.
35) lNachdruck verboten.)
„Ach so — die Närrin!"
Das vorhin unterbrochene Gespräch wieder ausnehmend, setzten sie ihren Weg fort, bis Magnus ahnungslos sagte: „Sollte man mich aber etwa auf ernen zu weit entlegenen Posten schicken wollen, würde ich ein- faclc aus dem Staatsdienst austreten und dauernd in Rettenegg leben."
Wie ;mit Blitz getroffen, blieb Evelyn stehen.
„Das wolltest — das könntest Du?" stammelte sie bestürzt. Hub als er ruhig bejahte, erstaunt, daß dieser Gedanke ihr unangenehm schien, begann sie in leidenschaftlicher Weise auf ihn einzureden. Das könne doch nimmer fein Ernst sein. Er so jung, so begabt! Ob er denn gar keinen Ehrgeiz habe? Zum ersten nZale vielleicht, seit sie verlobt waren, hing sie sich schmeichelnd an seinen Arm, fand warnte Worte und heiße Blicke, um ihm begreiflich zu machen, wie sehr sie ihn bewundern würde in irgend einer wichtigen Mission, wie stolz sie auf ihn wäre, wenn fein Geist mitarbeiten würde an der Politik Europas . . .
Sie war hinreißend in ihrer Beredsamkeit, bild- 'djöt' in ihrer Begeisterung. Und trotzdem schien ihr -Zauber zum ersten Male völlig wirkungslos auf ihn zu bleiben.
Das anfängliche Befreu'detr in seinen Zügen hatte sich unter ihren weiteren Worten in deutliches Unbeha- nen verwandelt. Und als sie endlich schwieg, sagte er kurz: „Nun, noch ist die Sache ja nicht aktuell. Warten wir ab, wie die Dinge sich gestalten. Eines aber möchte ich, daß Du Dir inzwischen klar machst Evelyn: In Berufssachen soll und muß der Mann allein das entscheidende Wort haben!"
Sie sagte nichts mehr. Aber BerSruß und Enttsin- schnng spiegelten sich nur zic deutlich in ihren Zügen. Er aber schien da von ^ nicht- M dauerten. Gelassen
schritt er an ihrer Seite weiter und machte nur ab und zu eine gleichgültige Bemerkung über die Gegend.
War das Thema für ihn abgetan? Evelyn wußte es nicht. Für sie aber war es durchaus nicht erledigt.
„Und müßte ich bis zmn Aeußersten dafür sümpfen," dachte sie aufgeregt, „ich gebe nicht nach! Ich habe genau dasselbe Recht wie er, mir das Leben nach meinem Sinn zu gestalten, und dieses »tecOt lasse ich nicht mit Füßen treten!"
Sie hatten unterdes die „Warte" erreicht, einen nach allen Seiten offenen Kiosk, der die Spitze eines felsigen Hügels krönte.
Vorne gegen das Dorf Berdstetten zu, das gerade unter der Warte lag, fiel der Hügel in senkrechter Felswand zu Tal. Rückwärts zog er sich als langgestrecktes Plateau gegen bewaldete Berge und senkte sich zuletzt ziemlich steil in eine Waldschlucht.
Die Aussicht über das weite Berdstettner Tal mit seinen bewaldeten Höhen, malerischen Felsformationen. Schlössern, Villen und Seitentälern war unvergleichlich schön.
„Schade, daß wir Modesta nicht überreden konnten, mftzngehen," sagte Magnus, der sich, mit dein Gesicht gegen das offene Tal zu, auf eine der Ruhebänke niedergelassen hatte, „das Bild Hier hätte ihr gewiß gefallen. Sie hat so viel Liebe zur Ratur und schon — einzig schön ist es da!" Er blickte entzückt in die Runde.
Evelyn antwortete nicht. Ihr sagte die Dlatur nichts, ia sie langweilte sie, wenn nicht Menschen als Mütel- punkt da waren.
Auch Magnus langweilte sie, wenn er, wie jetzt, versunken in seine „Rmurduselei" war. Ihr Blick streifte thu flüchtig, und Mist dann gleichgültig über das Plateau, dem sie zuaewandt saß.
Plötzlich aber öffneten sich ihre Augen weit und groß. Am Ende des Plateaus, da, wo es sich bereits zur Waldschlucht niedersenkte, waren zwei Personen aus dem Wald getreten: Das alte Fräulein Webster und eine stramme hochgewachsene Männergestatt, in der Evelyn auf den ersten Blick Paul Gottörb, den einstigen Hoitneifter der Millne eschen Knaben. erkannte.
Einige Sekunden lang saß sie ganz starr. Dann schoß ihr das Blut heiß zu Kopf.
Wie kam er hierher — in Fräulein Wcbsters Gesellschaft?^
Aber dann begriff sie plötzlich alles, als habe er selbst es ihr gesagt: Fräulein Webster war die Tante, die irgendwo ein Gut besaß und mit der er zerfallen gewesen war. Und nun hatte er sich ausgeföhnt, um nach Buchegg kommen zu können .. . das Rettenegg so nahe lag!
Um ihretwillen war er gekommen — um ihretwillen ....
In dem jäh anfflanmumden Zorn über seine zähe Dreisiigkest, die nid)t begreifen wollte, immer wieder fam — vielleicht noch einmal versuchen wollte . . . . mischte sici) eine leise weiche Stimme in ihrem Innern, die flüsterte: Wie sehr muß er Dich lieben, daß er, der Stolze, Hochn'.ütige, das über sich vermochte!
Magnus, der korrekte Magnus, hätte es nie getan.
Aber eS war zu spät. Sie wollte ja nicht. Sie war ja aus freiem eigenem Willen die Braut des anderen geworden. Wie durfte er sich da noch einmal an sie drängen? Sie von neuem beunruhigen?
Stolz richtete sie sich aus. Da grüßte Gottorb herüber. Und es war etwas sieghaft Triumphierendes in diesem Gruß . . .
Magnus, der mit dem Rücken gegen die Waldschlucht saß, konnte die beiden nicht sehen. Evelyn erwiderte den Gruß nicht. Starr, fast feindselig blickte sie hinüber, oimc mit einer Wimper zu zucken.
Aber sie konnte nicht bindern, daß ihr das Blut in heißen Strömen ins Gesicht stieg und ihr Herz in wilder Aufregung schlug.
filmt waren sie beide in der Schlucht verschwunden — gottlob!
Brüsk erhob sie sich.
„Laß uns heimgeben, Magnus!^
*^a. ES ist so schwül hier oben. Ich halte eS «M
l<Wr aus
(Fortsetzung fotoU