Hersfelder Tageblatt
Hersfelder Kreisblatt
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Nr. 181
Mittwoch, deN 6« August
1919
Die Desetzung DsSspefls.
, Die Rumänen haben sich über die Weisungen und Anordnungen ihrer westeuropäischen Görmer Hinwegge- >etzt und die ungarische Hauptstadt Budapest besetzt. Serwunderlich ist dies nicht. Denn wir haben die Ru- nänen während des verflossenen Krieges noch von einer ganz anderen Seite kennen gelernt. Was für die Rn-
Gälten bestimmend gewesen ist, in Budapest einzuzie- >en und es zu besetzen, ist leicht erklärlich. Rumänien, ms bei seinem Eintritt in den Weltkrieg unter seiner Selbstüberhebung glaubte, wenn auch nicht einen ganz » leichten militärischen Spazierggna wie bei dem zweien Balkankriege 1912 zu haben, so doch siegreich in Innern einzudringen. Diese das rumänische Prestige viegende Hoffnung ist aber arg zunichte gemacht wor- ieiL Unter den gewaltigen Schlägen Falkenhapns un- ernahmen die Mittelmächte einen wahren Siegeszug mrch Rumänien und zwangen es bei dem russischen
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Frieden, ebenfalls die Waffen zu strecken. Nachdem lun allerdings das Kriegsglück sich gewendet hatte und sie Mittelmächte vollständig zusammengebrochen waren, erschien auch wieder Rumänien auf dem Plane, um die -ieqesfrüchte gegenüber einem zusammengebrochenen öegner zu ernten, die ihm bisher versagt geblieben wa- :en, und mit Ruhm und Ehre bedeckt aus dem Welt- triege hervorzugehen. Dies sind auch die Motive, die ien ehrgeizigen und ruhmsüchtigen General Maderescu bewogen haben, trotz des Gegenbefehls in Budapest sinzuBehen. Der Glorienschein, mit dem sich der ru- näniMe General umgibt, ist allerdings nur der Ab- Kanz eines Schattens, der bisher auf den rumänischen Kantaten ruhte. Für die schwergeprüfte Budapester lkeruug bedeutet die Besetzung eine neue harte Probe der Bedrückung. Es liegen folgende Drahtmel- mnaen vor: .
Der Einzug in Budapest.
Über die Margaretenbrücke in die Donau geworfen. Sein Begleiter, gleichfalls ein kommuniMcher Arber- terrat wurde von der empörten Dienae halb tot geprügelt.
60 Gutsbesitzer von Kommunisten ermordet.
«• Genf, 5. August. (S. Eü Havas meldet, an der Theißfront haben die Rumänen die Leichen von 60 Gutsbesitzern vorgefunden, die von der Roten Armee ermordet worden sind. Die Leichen sind nach Halas gebracht worden, wo sie von einer Enteiltekommission besichtigt werden sollen.
Wiedereiusetznug ordentlicher Gerichte in Ungarn.
im- Wien, 4. August. (S. Cü Aus Budapest wird gemeldet: Die ordeutlichen Gerichte sind am Sonntag wieder in Kraft gesetzt und die Ausnahmegerichte der Räteregierung für aufgehoben erklärt worden. Der Chef der in Budapest weitenden italienischen Mission hat im Namen der Alliierten die Beschlagnahme aller Akten der Revolutivusgerichte verfügt. Die Lebensmittelnot in Budapest ist so groß, daß am Sonnabend nur an zwei Drittel der Bevölkerung die vorgeschriebene Ration ausgegeben werden konnte.
Militärische Besetzung Ungarns.
w Zürich. 1. August. (S. C.i Der „SecRo" meldet aus Paris: Die Alliierten b- rate« über den Plan, Budapest und damit Ungarn bis zum Abschluß des Friedens militärisch besetzen zu lassen. Der Oberste Rat tritt Dienstag zusammen.
Die Besetzung der NheZulande.
Der Wkderstanv gege« den Friedensvertrag in 9(merttk
Laut «Pressebüro Radio erklärte Präsident Wilso» dem Senator Watson, wenn der Senat die Ratifikation des Friedeusvertrages noch länger hinansziehe. köm» i« Europa eine ernste Krise entstehe«. Wilscm besteht darauf, daß bei der Raiifikation Vorbehalte genmchi werden, indem er darlegte, das, die Stärke der Bereinigten Staaten im Kriege ihrer unabhängigen Stellung zuzuschreiben war und da6 diese Stellung im Völkerbund vorteilhaft sein werde. Bei dieser Gelegcw Heit erklärte Wilson auch, Rußland müsse seine Rettung selbst ins Werk setzen.
„Newyork Times" schreiben, daß, da unter den republikanischen Senatoren verschiedene Ausichten herrschen bezüglich der zu mackeutzeu Vorbehalte, Aussprachen bereits abgehalten wurden, um ein Programm zu formulieren.
Der „Abend" veröffentlicht den Text einer am 16.
Lenins Gang nach Damaste.
Das Stockholmer „Svenska Dagbladet" meldet: Personen, die der Sowietregieruug sehr nahestünden und die in diesen Tagen aus Rusilarid angekommen seien, berichten, Laß Lenin einen völlige Umschwung in seiner । Politik plane. In zahlreiche!! privaten Zusammenkünften der Volkskommissare fei in der letzten Zeit beschlossen worden, die Macht anderen sozialistischen Parteien zu überlassen. In einer dieser Sitzungen habe i Lenin erklärt, das beste 8 ’ ittet gegen die Koltschaksche Reciktivtt sei, eine Zeitlar - die Staatsgewalt andern zu überlassen. Diese würden sich bald überzeugen, daß es ihnen ebensowenig wie den Bolschewiken möglich sei, in das russische Chaos Orönuug zu bringen. Diese Einsicht werde im Herbst kommen und dann werde die Rückkehr der Bolschewiken möglich sein. Auf Lenins ' Seite stünden unter anderen Tschitscherin und Po- ! krowskt, dagegen will Trotzn Kriegsminister bleiben.
Hierzu äußert sich die „Deutsche Allg. Ztg.": Dio- ! fen Umschwung möchten wir noch vor dem Winter für ' wahrscheinlich halten. Der politische und ivirtschaftliche. Bolschewismus hat praktish in Rußland längst ansge- ; spielt. Bolschewistisch ist noch das Heer, solange es von । Masse wird von dem noch herrschenden bolschewistischen System im kommenden Winker mit der doppelten To- I desart des Erfrierens und des Berhungerns bedroht. Zu der inneren UnhalGarkeit kommt hinzu, daß es mit Friedensfchlntz wieder einey Weltwillen geben wird, und dieser Weltwillen hängt nicht vom Bolschewisum» ab, dem damit seine Stunde schlagen wird.
Nach einer Bukarester Meldung der „Täal. Rundschau" sollen auch Lenin «nd Trotzki sich auf die Flucht vorvereite«.
Juni zwischen Wilso«, Lloyd George und Elemeuceau i getroffenen Abmachung, die wörtlich wie folgt lautet: ; Die alliierten und associierten Mächte haben noch nicht darauf bestanden, zu erklären, daß die Besatzungs- ; periotze bis zur vollkommenen Erfüllung der Wretzer- ' giitmachmcgsklauseln dauere, weil sie glaubten, daß Deutschland verpflichtet sein müsse, alle Beweise seines guten Willens und alle notwendigen Garantien vor der 000 Mann in Beende non 15 - abren zu geben. Da
»^ WieN, 5. August. (T. U.) Gestern nachmittag l Uhr wurde aus Budapest gemeldet: General Made- :esc«, der Oberkommandeur der rumänischen Armee, ist inrliritiUnaL r irdv an der Spitze von 30 000 Mann in
cks besetzt erklärt. Als Maderescu von ein in der stacht getroffenen Nebereinkommen hörte, wonach Bu- »apest nicht besetzt werden sollte, erklärte er, daß er es richt respektieren und in die Hauptstadt einziehen werde. Die rumänischen Truppen bezogen unter Führung ihrer Quartiermacher sofort die verschiedenen Kasernen. Das in Budapest befindliche ungarische Heer wurde gletch- ialls in Kasernen koufigniert. Der Einzug der rumä- rischen Truppen dauerte ungefähr 1% Stunden und voll- wa sich in voller Ordnung. Die Bevölkerung der Haupt- stadt, die nnvorbermtet war, benahm sich trotz der Verzweiflung und deMrngehenren Bestürzung sowie der begreiflichen Empörung über den rumänischen Wort- bruch vollständig ruhig. Um 6 Uhr nachmittags hatten die rumänischen Truppen die wichtigsten Gebäude der Hauptstadt und das Telegraphenamt besetzt. Gerncht- weise verlautet, daß auch König Ferdinand von Ruma- nien in Budapest einziehen werde.
^ Wien, 5. August. (S. C.) Aus Budapest wird 8 Uhr abends gemeldet: In der sechsten Nachmittags- siuude sind weitere 3000 rumänische Truppen in Budapest einmarschiert. Sie wurden von der Bevölkerung mit unbeschreiblichem Jubel begrüßt. Das Artillerie- Depot am Westbahnhof, das Hauptgliartier der Roten Armee, ist von der rumänischen Armee besetzt worden.
Die kommunistischen Arbeiterräte aufgehoben.
** Wien, 5. August. (S. C.) Das Wiener ^Abendblatt' meldet aus Budapest, der rumänische Militär- konrmandant hat über den Kopf der Regierung hinweg die Institutionen der kommunistischen Arbeiterräte für aufgehoben erklärt. Mehrere Mrhere Volksbeanftragte wurden in die Radetzktkaserne gebracht.
Die Regierung hat beschlossen, das hinsichtlich der Autonomie der deutschen Nation heransgegebene Volks- gesetz und die auf die Rechtsstellung der deutschen Na- tion bezüglichen Verordnungen der Räterepublik aufrecht zu erhalten.
Die Regierung hat ferner beschlossen, das von der Regierung Karolvi herausgegebene Wahlrechtsgesetz nahezu unverändert aufrecht zu erhalten und die Wahlen für die verfassunggebende Nationalversammlun« unverzüglich auszuschreiben.
unverzüglich auszu
Der Schutz der Bevölkerung.
im Genf, ^August. (S. C.) Eine Havasdepesche nreldet, das rumänische Hauptguartter erklärt, daß die Truppeil zum Schutz des Bürgertums und der friedlichen gewerbstätigen Bevölkerung in Budapest eingerückt seien. Weitere rumänische Truppen seien «ach Budapest »uterwegs.
, Beagerungszustand über Budapest.
»* Wien, 5. August. lS. C.» Wie aus Budapest gemeldet wird, hat der rnmänische Militärbefeblshaoer Montag mittag über die Hauptstadt Budapest den Belagerun gszustaud verhängt. Die Ablieferung der Waffen ans dem Besitz der revolattionäreu Arbeiterichast würde mit einer nur sechsstündigen Frist befohlen. Ar- boiter, die nach dieser Zeit noch im Besitze von Waffe« sind, solle« erschossen werden.
Die Empörung über die gestürzte Räteregierung.
o-t Prag, 5. August. lS. CJ „Narvöui Listy" meldet aus BnäMest, die Empörung -er BevölkeMUS ge- ^en die gestürzte Rateregicrnng äußerte sich in zahlrei- hen Angriffen auf Atttglieder der geweieuen kommu- pistischeu Regierung. Der Arbeiterrat Szegal, ein z reunb Bcla Khuns, wurde auf dem Lcovoldriug von Sivilpersonen anaehalM und Mch %W Wortwechsel
___ ______„ . .. aviNMgWWWWMM «"i-MMW^K--" entsprechende Verminderung der für die Wiedergut- machung zur Verfügung stehenden Summe nach sich ziehen mühe, haben die alliierten und associierten Regierungen durch Artikel 481 des Friedensvertrages festgesetzt, daß, wenn vor Beendigung der 15 Jahre Deutschland seinen Verpflichtungen mlchgekommen ist, die ihm der Friedensvertrag auferlegt, die Besaeungs- trrtppen sofort zurückgezogen werden. Wenn Deutschland zu einem früheren Termin den Beweis seines guten Willens und die erforderlichen Garantien gegeben hat, um die Erfüllung seiner Berpflichtnnaen sickerzu- stellen, werden die daran interessierten alliierten und
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associierten Mächte bereit sein, unter sich ein Abkommen zu treffen, um der Besatzungsperiode früher ein Ende zn machen. Für fetzt und die Zukunft sind die Mächte, um die Lasten für die Wiedergutmachung zu vernrin- dern, bereit, zuzugeslehen, daß, sobald sie davon überzeugt werden, die Summe, die Deutschland für die Unterhaltung des Besatzungsheeres auszugeben har, die Sunmie von 240 Millionen Goldmark nicht übersteigen wird. Dieses Abkommen kann modifiziert werden, sobald die alliierten und associierten Regierungen der Ansicht sind, daß eine derartige Abänderung notwendig ist.
Berbreiternug -er neutralen Zone?
w Düsseldorf, 5. August. lT. u.) In der bei der Regierung abgebaltenen Besprechuua teilte der Bertre, ter des Abschnittskommandeurs Wesel mit, daß die neutrale Zone auf 50 Kilometer verbreitert werden würde. Damit würde ein Teil -es Industriegebietes in die neutrale Zone fallen.
Nückkehr der Kriegsgefangener;.
m- Rotterdam, 4. August. (S. C.) „Daily News" meldet, die ersten fünf Transportdawpfer mit deutsche« Kriegsgefangenen verlassen am Donnerstag die englischen Häken. Die Heimbeför-evrcng der -entsche« Kriegsgefangenen ist am Freitag endgültig vom Mi«i- sterrat beschlossen worden.
Frankreich behält die Hand am Säbelgriff.
m- Genf, 4. August. lS. Cü In der Heereskommission der französischen Kammer erklärte am Freitag Cle- mencean, Frankreich sei nicht in der Lage, den Bestandes Heeres auf Friedensstärke wie es England beabsichtigt, herabzusetzen. Vorläufig sei der Frieöensver- tw mit Deutschland noch nicht rechtskräftig. Sodann müsse aber auch erst die Erfüllnvg der Verpflichtungen durch Deutschland abgewartet werden. Er selbst nlaube nicht an neue Komplikationen, müsse sich aber die Freiheit schnellen Handelns vorbehalten.
Protestkundgebungen in Paris.
m Genf, 4. August. (S. C.) Nach Meldungeu aus Paris waren für Sonntag in Paris abermals 11 Massenversammlungen der Syndikalisten einberufen worden, um gegen die Ratifikation des .zrieöeusVertrages in der Kammer zu benumftrierem Ueber den Verlauf der Kttndgebuuqen lagen bis Sonntaa abend Nachnch- ten noch nicht vor.
Die französtsche Sommer für die Ratifikation.
m- Genf, 5. August. (S. Ei Der AusschntzMr stan-- Mischen Kanmrer hat sich mit allen gegen-drei Stim- ----- u- - ---Mxatio« des Frie-eRsvertraseS «rit
wen für die Rat...^ „ _______ _____
Deutschland ausgesprochen und einen Beschluß durch den der Ministerpräsident beauftragt wi
Meutereien polnischer Truppen.
** Bromberg, 5. August. (T. U.) Der nxrft« Grund des Rücktritts des Hüchstkommandie rentzen der polnischen Truppen in Posen, des Generals Dambor- ; Rusnicki» ist in blutigen Revolten der posenschen polnischen Truppen zu suchen, die in den in Posen und Gne- sen auf den Truppenübungsplätzeu befindlichen Lagern und teilweise an der Front ausgebrochen sind. Ganze i Kourpagnien und Bataillons haben den Gehorsam verweigert, ihre Offiziere mißhandelt und sogar Offiziere, die mit Waffengewalt vorzngshe« suchte«, erschösse» oder schwer verwundet.
Das neue Reich.
Ueber die Reichsverfassung, die jetzt abgeschlosse« und angenommen worden ist, schreibt der Berliner Professor Eduard Heilfron:
Das Rechtsgebände, in dem das junge Deutsche Reich wohnen und sich entwickeln soll, ist geschaffen. Ein Rahmen ist hergestellt, so groß und so ausbaufähig, wie « noch niemals bet Gründung eines Reiches geschehen ist. Es ist nicht neuer Wein in alte Schläuche gefüllt worden: der neue demokratische Geist, der von der Revolution des 9. November 1918 ausgegangen ist, bat do- hin gewirkt, daß von der bisherigen staatsrechtlichen Struktur Teutschlauds fauni die Umfassungsmauer» sieben geblieben sind. Der Eingang der Reichsverfas- suug vom 16. ApM 1871 gegenübergestellt dem Eingang der neuen ReiclMmfasfmm zeigt am deutlichsten die Berschiedenheit der Grundlagen. Dort die Erklärung, daß „Seine Majestät der König von Preußen im Name« des norddeutschen Bundes, Seine Majestch, der König von Bauern, Seine Majestät, der König von Württemberg, Seine Königliche Hohen der G. oßherzog von Hessen und bei Rhein für die südlich vom Rhein gelegene« Teile des Großhcrzogtnms Sofien einen ewigen Bund schließen" — hier die Erklärung, „Das deutsche Volk, einig in seinen Stämmen, uns von dem Willen beseelt, sein Reich in Freiheit und Gerechtigkeit zu erneuern und zu befestigen, dem inneren und dem äußeren Frieden zu dienen u i den gesellschaftlichen Fortschritt zu fördern. M sich diese Verfassung gegeben. . -." In ihrer änderen Form nutz im inneren Gehalt haben die beiden Reichsverfafsnnaen von 1871 und 1919 kaum etwas Ge- meinsames. Wie sich aus der oben mitgeteilten Eiuler- tung ergibt, war die alte Reichsverfassung nidits weiter als eine Kodifikation der Bündnisse vom November 187a ebenso wie die Verfassung des Norddeutschen Bunde» eine Zniannnenfassung der AugustLündnisse von 1866 baifteUtc. Die jetzt geltende Verfassung ist in den mehr» soeben Wandlungen, die seit dem ersten, vom Reichs- minister Preutz, aufgestellten Entwurf durchgemE bat, erfreulicherrveise zu einem Werke umgestaltet worden, das den ©inbeitsgedanfen zivar noch nicht in g-mzer Klarheit verkörpert, aber der Entwicklung in «nitarisch«