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^ersfclHer Tageblatt

Hersfelder Kreisblatt

Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 2.10 Mark, durch die Post be- ; zogen 2.52 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei | Hersfeld. Für die Schriftleitung verantwortlich Franz Funk, Hersfeld. :

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

: Der Anzeigenpreis betragt' für die einspaltige Zeile 15 Pfennig, im : amtlichen Teile 25 Pfennig, Reklamen kosten die Zeile 40 Pfennig. Erscheint jeden Wochentag nachmittags. Fernsprecher Nr. 8.

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Montag den 17 März

1919

Bus der Heimat.

Versammlung des Landwirtschaftlichen Kreis­vereins Hersfeld.

):( Hersfeld, 17. März. Am Sonnabend nachmittag hielt der Landwirtschaftliche Kreisverein Hersfeld im Saale des Gasthauses zum Stern eine Hauptversammlung ab, die außerordent­lich zahlreich besucht.war. Der langjährige Vorsitzende des Vereins, Herr Landrak von Grunelius, eröffnete gegen 2 Uhr die Versammlung, indem er die Er­schienenen herzlich begrüßte. Er gab seiner Freude über den zahlreichen Besuch Ausdruck, und bemerkte, daß es ihn persönlich besonders freue, nun wieder nach Beendigung des Krieges den Vorsitz übernehmen zu können. Er werde auch in Zukunft mit allen Kräften bemüht sein, den Interessen des Vereins in jeder Weise zu dienen. Während seiner Abwesenheit habe der stellvertretende Vorsitzende, Herr Bürger­meister Großkurth-Unterhaun, die Geschäfte in bester Weise geführt,wofür ihm der Dank der Versammlung gebühre. Heute ständen wir nun alle vor einer neuen Lage, die nach seiner Auffassung sich für die Land­wirtschaft nicht wieder so günstig entwickeln werde, wie vor dem Kriege. Der Herr Landrat gedachte dann der großen Leistungen, welche die Landwirtschaft während des Krieges vollbracht habe. Freilich seien hie und da auch Geschäfte gemacht worden, die im Interesse der Allgemeinheit nicht hätten gemacht werden dürfen und nicht scharf genug verurteilt werden könnten. Wenn auch der Krieg zu Ende sei, so sei die Zeit doch noch nicht gekommen, wo mit den Ab­lieferungen nachgelassen ryerden dürfe. Er bat die Landwirte dringend, daß jeder seiner Ablieferungs­pflicht voll u. ganz Nachkomme, zumal die Ernährungs­lage eine derartig schwierige sei, daß nicht abzusehen wäre wie es werden sof^, P^ ^n^LM«^ äow wettyem wieder genügend Lebensmittel vorhanden sein würden, lasse sich nicht voraussehen. Die ganze politische Bewegung der letzten Zeit sei doch wohl nicht ganz unabhängig von der mangelndenErnährung. Es könne sich jeder denken, wie es enden wird, wenn es nicht gelingt, diesen Hunger, soweit dies in der Möglichkeit liegt, zu stillen.

Die Stunde sei außerordentlich ernst und er halte es für seine Pflicht hierauf nochmals besonders hinzuweisen. Deshalb sei seine dringlichste Bitte an die Landwirte, noch alles abzugeben, was noch rückständig sei. Besonders nötig sei dies mit Brot­getreide, da der Kreis noch nicht für seinen eigenen Bedarf bis zur neuen Ernte gedeckt sei, abgesehen von dem, was abzuliefern wäre. Wenn daher in der nächsten Zeit etwas scharf vorgegangen werden müßte, so möge ein jeder dieser Zwangslage das nötige Ver­ständnis entgegen bringen. Er habe in letzter Zeit sich in Besprechungen mit den hiesigen Industrie­arbeitern davon überzeugen können, daß dieselben gern bereit seien zu arbeiten. Es seien bereits Schritte eingeleitet, durch welche den Arbeitern Land zur Verfügung gestellt werden soll, durch, welches sie sich selbst versorgen könnten. Ferner würden Ko­lonnen zusammen gestellt werden, welche von den Landwirten bei größeren Arbeiten angefordert werden können. Dann kam der Herr Vorsitzende auf die bessere Organisation der Landwirte zu sprechen. In einer Zeit, in der sich alles organisierte, dürfte der Landwirt nicht abseits stehen bleiben und untätigt zusehen. Es sei in seinem eigenen Interesse sich ebenfalls zusammenzuschließen. Leider sei das hier zwischen den größeren und kleineren Landwirten bis­her nicht so zu erreichen gewesen, wie das wünschens­wert sei. Vielfach wäre auch die Ansicht vertreten, daß der landwirtschaftliche Kreisverein in erster Linie für die größeren Landwirte da sei, was er als einen großen Irrtum bezeichnen müsse. Im Land­wirtschaftlichen Kreisverein werden die Interessen des kleineren Landwirtes genau mit dem gleichen Eifer vertreten, wie diejenigen des größeren. Es gebe nun verschiedene Wege des Zusammenschlusses, entweder in dem Landwirtschaftlichen Kreisverein, in dem Bund der Landwirte oder in besonderen Bauern­vereinen, worüber später eine Aussprache erfolgen sollte. Die Ansprache schloß mit der Aufforderung nicht rückwärts, sondern vorwärts zu schauen. Die Versammlung zollte den Ausführungen ihres Herrn Vorsitzenden lauten Beifall.

Nunmehr wurde in die Erledigung der umfang­reichen Tagesordnung eingetreten. Punkt 1 betraf die Aufnahme neuer Mitglieder, gegen die kein Wider- * spruch erhoben wurde. Der Kassierer des Vereins, Herr Gutsbesitzer Schimmelpfeng, erstattete alsdann den Kassenbericht. Die Einnahmen betrugen 2463.55 Mk., die Ausgaben 936.86 Mk., so daß ein Kassenbe- stand von 1562.69 Mk. verbleibt. Der Vermögensstand beläuft sich zur Zeit auf 2842.30 Mk. Dem Kassierer wurde Entlastung erteilt. Der nächste Punkt betraf den Bettritt des Vereins zur Forschungsgesellschaft für Landwirtschaft. Wie Herr Bürgermeister Groß- kurth hierzu mitteilte, ist die Gründung der Gesell­

schaft einstweilen zurückgestellt worden, doch habe die Landwirtschaftskammer empfohlen, den Bettritt doch bereits zu beschließen, womit die Versammlung unter Bewilligung der erforderlichen Mittel einverstanden war. Auch in diesem Jahre soll wieder ein Kartoffel­anbauversuch gemacht werden. Herr Winterschul- direktor Fürst gab hierzu die näheren Erläuterungen. Herr Landwirt Otto auf Hof Wehneberg stellt das hierzu erforderliche Land zur Verfügung. Der Land­wirtschaftliche Kreisverein bewilligte zu den Kosten einen Betrag von 75 Mk.

Für die Vereinsausschußsitzungen der Ländwirt- schaftskammer in Cassel wurden folgende He.rren ge­wählt: Bürgermeister Großkurth-Unterhaun, Guts­pächter Schnaar-Kirchheim, Landwirt Schmidt-Aua, Bürgermeister Bätz-Biedebach, Gutsbesitzer Hoßbach- Hof Weißenborn, Bürgermeister Schwalm-Gersdorf und als Stellvertreter Direktor Fürst. Im übrigen ist es jedem Mitglied des Landwirtschaftlichen Kreis­vereins gestattet, diesen Sitzungen beizuwohnen. Ueber die letzte Sitzung der Landwirtschaftskammer erstattete Herr Bürgermeister Großkurth-Unterhaun Bericht betreffs eines Vvrtrages des Herrn Land- stallmeisters über die einheimische Pferdezucht. Diese Mitteilungen riefen eine rege angeregte Aus­sprache hervor, so wurde u. a. gewünscht, daß der Landwirtschaftliche Kreisverein dahin vorstellig werden sollte, daß die Hengste einige Wochen länge wie bis- herau-fden Stationen verbleiben. Ueber die Jubiläums­schrift des Bundes der Landwirte hatte Herr Oberland­messer Kussin-Hersfeld das Referat übernommen. Anläßlich des 28jährigen Bestehens des Bundes im vorigen Jahre ist eine Festschrift erschienen, welche in sesselnd geschriebener Weise die Geschichte des Bundes enthält, da die Zeit nicht dazu angetan war, dieses Ereignis festlich zu> begehen. Die Ausführungen des Herrn Redners wurden mit großem Interesse und Beifall ausgenommen. Es schloß sich noch

^ immer Herr Dootermann- Hattenbach für eine bessere Organisation der Landwirte lebhaft eintrat. Dieser unbedingt erforderliche Zu- sammensthluß sei im Landwirtschaftlichen Kreisverein am zweckmäßigsten möglich.

Es folgten sodann zwei Vorträge von Schülern der hiesigen Landwirtschaftlichen Winterschule, und zwar sprach Herr Vetter-Unterhaun über Flachsanbau und Herr Jakob-Unterhaun über SteigeruttgSmög- lichkeiten der landwirtschaftlichen Produktion. Beide Redner entledigten sich ihrer Aufgaben in fließender Weise und verstanden die zahlreichen Zuhörer zu fesseln. Herr Landrat von Grunelius dankte beiden im Namen der Versammlung', ebenso galt sein Dank Herrn Direktor Fürst, welcher durch diese Vorträge zeige, wie fleißig und eifrig in der Winterschule ge­arbeitet werde, um die jungen Leute so weit zu bringen. Herr Direktor Fürst sprach dann noch über die Futterknappheit, die noch lange nicht behoben sein werde, und wies darauf hin, daß jeder Landwirt selbst dafür Jörgen müsse, dieselbe zu bessern. Eine sehr gute Konservierungsmethode sei das Einsäuern des Futters, womit bereits von praktischen^anöwirten die besten Erfahrungen gemacht worden seien. Zum Bau der Konservierungsanlagen stehen reichliche Mittel seitens der Landwirtschaftskammer als Beihülfe zur Verfügung und Redner empfahl dringend den Bau einiger Musteranlagen. Bei dem letzten Punkt der Tagesordnung trat Herr Dootermann nochmals für die bessere Organisation der Landwirte ein und empfahl zu diesem Zwecke einen weiteren Ausbau des Landwirtschaftlichen Kreisvereins durch Gründung von Ortsgruppen in den verschiedenen Teilen des Kreises. Herr Fürst bemerkte hierzu, daß es sich in nächster Zeit vor allem um die Festsetzung der Löhne für die landwirtschaftlichen Arbeiter handeln werde, zu welchem Zwecke bereits eine Kommission gebildet worden sei, welcher Landwirte aus allen Teilen des Kreises angehören. Der Vorstand des Landwirtschaft- lichen Kreisvereins wird die weiteren Schritte ver- anlassen. Den Schluß der Versammlung bildete ein kurzer Vortrag des Herrn Direktor Fürst über die Notwendigkeit einer vermehrten Schafzucht. In­folge der vorgerückten Zeit konnte dieser Punkt nicht mehr genügend besprochen werden und wurde für die nächste Versammlung zurückgestellt. Herr Landrat von Grunelius konnte dann um 5 Uhr die Sitzung mit Dank an die Erschienenen schließen.

* (Keine Einschreibpakete!) Die,,Deutsche Parl.-Korresp." berichtet: Das Reichspostmintsterium hat auf erneute Anträge zur Wiedereinführung von Einschreibpaketen einen ablehnenden Bescheid erteilt, in dem es u. a. heißt: Die erneute Prüfung der Frage, ob die Einschreibung bei Privatpaketen jetzt wieder zugelassen werden kann, hat ergeben, daß sich die Betriebsbehörden auf Grund eingehender Beob­achtung des Verkehrs für die Aufrechterhaltung des Verbots der Einschreibung ausgesprochen haben Aus­schlaggebend hierfür ist, daß es bei den gegenwärtigen Verhältnissen,insbesonderebet derfortgesetzt zunehmen­den Beschränkung und Verlangsamung der Eisenbahn- züge, nicht möglich ist, den zu erwartenden steigenden

Einschreibpaketverkehr ordnungsmäßig und pünktlich zu bewältigen. Das Fortbestehen der Beschränkung dürft» übrigens für die Handelskreise an Bedeutung verloren haben, nachdem seit dem 15. November 1918 die besondere Gattung von Wertpaketen bis zu 100 Mk. eingeführt worden ist.

* (8 Pfund Kartoffeln und 1 Pfund Fleisch für den Landarbeiter.) Durch eine neuerliche Verfügung des Reichsernährungsamtes sind dem Landarbeiter, der in Selbstversorgungsbetrieben arbeitet, Zulagen zur Lebensmittelration gewährt worden, die voraussichtlich einen beträchtlichen An­reiz auf die Aufnahme der Landarbeit durch die städtischen Arbeiter ausüben dürften. Wie wir nun vom Reichsernährungsamt erfahren, beträgt die Wochenration für Kartoffeln für den Landarbeiter 7 Pfund (außerdem zur Brotstreckung 600 Gramm), die Fleischration 500 Gramm wöchentlich, die wöchent­liche Buttermenge 100 Gramm. Der Landarbeiter, so­weit er Selbstversorger ist, erhält ferner monatlich 9 Kilogramm Brotgetreide, 2 Kilogramm Gerste, Hafer und Mais, 1 Kilogramm Hülsenfrüchte. Endlich werden ihm für das ganze Wirtschaftsjahr an Buch­weizen zugewiesen 25 Kilogramm, an Hirse 10 Kilo­gramm und an Grünkern 3 Kilogramm.

Sontra, 18. März. Den Hamstern scheint man nunmehr auch hier kräftig zu Leibe gehen zu wollen. Nachdem kürzlich ein ganzer Wagen voll Lebens­mittel im Betrage von 2000 Mark abgefaßt wurde, hat die Polizei jetzt sechs Kisten mit Mehl (ungefähr neun Zentner) beschlagnahmt, bevor diese unter der DeklarationBackpulver" zur Beförderung aufgegeben werden konnten. Zwei der Aufkäufer sind ertappt worden.

Frankenberg, 12. März. In einem Nachbardorf verendeten bei einem Oelmüller zwei wertvolle Pferde die Bucheckern-Oelkuchsn gefressen hatten, an schweren

Mit «ourrrampsen.

Gotha, 14. März. In einem Garten versuchte ein 14jähriger Knabe mittels einer Armeeselbstlade­pistole sich zu erschießen. Er richtete die Waffe gegen seine linke Brustseite. Die Kugel durchschlug die Lunge und ging zum Rücken heraus. Aus Furcht vor seiner zukünftigen Lehre soll der Junge diese Tat vollbracht haben.

MehliS, 14. März. Ein nach Unterschlagungen bei einer hiesigen Fabrikgeflüchteter Prokurist hat in Kissingen seine Frap erschossen und sich dann durch einen Schuß schwer verletzt.

Preisentwicklung und Aussuhrmöglichkeiten.

Welche Erwartungen und Befürchtungen unsere Industrie und unsere Handelsunternehmungen im Hinblick auf die gegenwärtige Lage für die Zukunft hegen, davon gibt ein wenig erfreuliches Bild eine Rundfrage, die der Verband sächsischer Industrieller unter seinen Mitgliedern veranstaltet hat. Die Preisunterschiede der deutschen Waren selbst gegen­über unseren westlichen Gegnern sind zu groß, um irgendeine Hoffnung auf baldige Belebung der Ge­schäfte aufkommen zu lassen. Unsere Spezialmaschinen, die vor dem Kriege einen großen Ausfuhrartikel bildeten, werden jetzt von England um 100% billiger teilweise zu Preisen von 1910 angeboten. Die Her­stellungskosten für künstliche Blumen betragen 2436 Mark in Deutschland: Frankreich bietet dieselbe Ware das Dutzend zu 69 Mark in Holland an. In der Tuchindustrie sind die Preise für Farbe und Appretur, also für die Ausrüstung der Ware, in fast allen Qualitäten so hoch wie das Fertigfabrikat selbst im Jahre 1914: bei verschiedenen Sorten stellt sich der Ausrüstungspreis auf das doppelte rmd mehr. Den Fabrikanten schon kostet die Herstellung von 1 Paar Schuhe 7-10 Mark mehr als vor dem Kriege. 100 kg. Knochen kosten die sie benutzende Möbelindustrie heute 410-470 Mark gegen einen Friedenspreis von 6670 Mark. Diese Beispiele lassen sich beliebig ver­mehren. An erster Stelle sind natürlich die teueren Rohstoffe dafür verantwortlich zu machen. Im all­gemeinen auch die Leere des Marktes, bei der einer riesigen ' Nachfrage ein verschwindendes Angebot gegenübersteht. Die Differenz der Löhne seit 1914 übersteigt in allen Branchen 100»/« und mehr und erreicht in der Tabakindustrie den Rekord von 270 bis 300%!! Wenn man in Betracht zieht, daß einige Industrien eine Ausfuhr von 7080% (Spitzen), sogar 90% (Lampen und Laternen) im Frieden hatten, so werden die schwersten Befürchtungen für ünsere Aus­fuhraussichten begründet erscheinen.

Die Lage der Industrie ist trauriger als jemals zuvor und treibt einer Katastrophe zu, wenn nicht alle Vernünftigen ihre ganzen Kräfte dagegen stemmen. Was soll aus der sächsischen, der deutschen Industrie werden, wenn sie nicht exportieren kann, wenn das Ausland ihre teueren Produkte verschmäht und die deutsche Valuta nicht steigt?(1 Holl. Gulden - 3,35M!j Wenn sogar das Inland mit fremden billigern Produkten überschwemmt wird, die wir vielleicht nicht bezahlen können, sondern borgen müssen und dabei der heimischen Industrie die Hoffnung auf spätere Befferung deS GeschäftS entziehen?