Hersfelder Tageblatt
Hersfelder Kreisblatt
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 2.10 Mark, durch die Post bezogen 2.52 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Schriftleitung verantwortlich Franz Funk, Hersfeld.
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 15 Pfennig, im amtlichen Teils 25 Pfennig, Reklamen kosten die Zeile 40 Pfennig. Erscheint jeden Wochentag nachmittags. — Fernsprecher Nr. 8.
Nr. 288
Montag, den 9. Dezember
1918
Nur der Heimat.
* (Die Wahlen in Hessen). Nach der Verordnung über die Wahlen zur verfassunggebenden deutschen Nationalversammlung bildet die Provinz Hessen-Nassau ohne die Kreise Schaumburg und Schmal- kalden, dagegen mit dem Kreis Wetzlar und mit Waldeck den 19. Wahlkreis. Dieser Kreis, der nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 2 551629 Einwohner hatte, wird 15 Abgeordnete zu wählen haben. Die Grafschaft Schaumburg, sowie beide Lippe gehören zum 17. Wahlkreis (Münster und Minden), Schmalkalden zum 36. Wahlkreis (Thüringische Staaten und Erfurt).
* (Aus dem Kriegervereinswesen.) Generaloberst v. He er in gen, der frühere Kriegsminister, wurde zum Präsidenten des Deutschen Kriegerbundes und des Preußischen Landes-Krieger- verbanöes gewählt. Als Präsident des Preußischen Landes-Kriegerverbandes ist Heeringen, der bekanntlich Ehrenbürger der Stadt Cassel ist, zugleich Präsident des Kyffhäuser-Bundes der Deutschen Landes- Kriegerverbände.
* (Stärkerer Abschuß desWilöes.) Das Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten teilt mit, es komme noch fortgesetzt vor, daß die örtlichen Arbeiter- und Soldatenräte in den Forstbetrieb eigenmächtig eingreifen u. die geregelte Jagdausübung der Forstberechtigten unterbindest, ja selbst Treibjagden unter Hinzuziehung von zur Jagd unberechtigten Personen veranstalten. Dieses Vorgehen verstößt gegen die Verordnungen, die die Reichsregierung und der Vollzugsrat des Arbeiter- und Soldatenrates erlassen haben. Im Jntereffe der Volksernährung und zur Vermeidung von Wildschäden ist bereits angeorö-
Das eigenmächtige Eingreifen in die Befugnisse der Forstbehörden und in die Rechte der Iagdberechtigten muß unterbleiben. Alle Iagdberechtigten werden gleichzeitig vom Ministerium darauf hingewiesen, daß im Interesse unserer Volksernährung ein stärkerer Abschuß des Wildes dringend geboten erscheint.
* (Garne vom Heer für die bürgerliche Bevölkerung.) Die Stoffnot wird auch von der Heeresverwaltung nach Möglichkeit gemildert werden. Alle beim Heere frei werdenden Nähgarne, Web-, Wirk-, Filz-, Strick- und Setlerwaren und daraus hergestellte Gegenstände werden, soweit sie wieder herstellbar sind, zur Verfügung gestellt. In erster Linie müssen alle Nähgarne abgegeben werden.
* (Unsere Schuhversorgung). Ueber die Schuhversorgung der Zivilbevölkerung veröffentlicht die Reichskommission für Schuhversorgung folgende Mitteilung: Die bisher für die Zivilbevölkerung zur Verfügung stehenden Ledermengen ergaben stach der Erzeugung der letzten Monate, auf das Jahr gerechnet, etwa 20 Millionen Paar Lederschuhwerk. Hiernach könnte ungefähr der dritte Teil der Be- xölkerung des Deutschen Reiches im Jahre ein Paar
VerhanSeln oder aZIehneo'?
Bon unterrichteter Seite werden einem Berliner Mitarbeiter folgende Mitteilungen über die von englischer Seite stammenden Meldungen gemacht, die sich mit der Grundlage des Friedensprogramms der Entente befassen: Die Londoner „Daily News" veröffentlichen die Grundzüge eines Programms, das die Entente dem kommenden Frieden unterzulegen beabsichtigt. Das Blatt, das gemäßigt ist und im großen und ganzen als zuverlässig angesehen werden darf, nimmt zu diesem Programm keine Stellung, es ist auch sehr wahrscheinlich, daß von englischer liberaler Seite derartige Förde Zungen nicht gulgeyeißen werden. Dennoch ist leider mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß tn den Ententeländern der chauvinistische Ueberschwang maß- gebend bleibt und jene Forderungen auf der Friedens- tonserenz erhöhen werden. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat man es mit einem Maximal Programm zu ^""'Die Entente stellt sich voraussichtlich die Abwicklung der Dinge so vor, daß sie mit diesem MaxiMalprogramm an die deutschen Unterhändler herantritt stch anf weitere Verhandlungen vorläufig garnicht einzulassen beabsichtigt, dann sich unter Umständen gnädig bereit er klärt über Einzelsragen in Unlerhand ungen em ten und vielleicht noch gerttigsngige Zuges audniße zu gewähren. Ginge man auf diese Meihodc ein, dann sa fien sich die deutschen Delegierten vor die ebenso fürchterliche wie wenig aussichtsreiche Aufgabe tMellt, unter unzähligen Demütigungen üichtdsagend^ zu erreichen. Man hatte zum ^jlust den rernen Ge- iiKiiffTtcbiML einen Abiiftcutih her intci tüftHd) iiL uiiLou-
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Zustand, der den dauernden «r^eden nlenmls »n ge- währleisten vermag. Da aber den sttzigw
Hern der Entente gegenüber mit Emwandeu Wstischer Vernunft nicht beizukommen ist, wird wvlst ilichtv anderes übrig bleiben, als von vornherein elue derartige Basis des Friedensschlusses energisch ®° ungeheuerlich und trostlos eine solche Aussicht auchan- muten mag, für Deutschland gibt es ,,nr deü Ausweg, von vornherein klipp und klar an sagen. Auf einer der-
Lederstiefel erhalten. Durch den Fortfall des Heeresbedarfes darf eine erhebliche Steigerung der Schuherzeugung erwartet werden. Die Steigerung wird sich indessen nur langsam vollziehen, da von den 600 Schuhfabriken der größte Teil wegen der bestehenden Lederknappheit stillgelegt war. Die Wiederaufnahme der Arbeit hängt davon ab, wann die Fabriken die notwendigen Rohstoffe und Kohlen erhalten. Vorausgesetzt, daß zu dem vorhandenen Bodenleder auch die nötigen Mengen Oberleder für Zivilschuhwerk beschafft werden können, werden die Lederabfälle im Laufe von ungefähr 6 Monaten eine Verdoppelung der jetzigen Schuherzeugung von 20 auf 40 Millionen Paar ermöglichen. Es werden somit bis weit in 1919 hinein höchstens 75 Prozent der Be völkerung für das Jahr ein Paar Lederschuhe erhalten können. Sämtliche entbehrlichen militärischen Bestände an Schuhwerk und Leder werden nach einem Uebereinkommen zwischen Heeresverwaltung und Reichskommission dem Zivilbedarf zur Verfügung gestellt.
* (Gewaltige Sum inen sind den Sparkassen z u g e f I o f f e n.) Trotz der ungünstigen Zeitverhältnisse und der Geldhamsterei sind den deutschen Sparkassen auch im Oktober gewaltige Summen zugeflossen. Die „Sparkasse", das Amtsblatt des deutschen Sparkassenverbandes schätzt den Zuwachs der Spareinlagen bei allen deutschen Sparkassen für Oktober zusammen auf 300 Millionen Mark. In der ersten Hälfte des November drohten den Sparkassen stärkere Abflüsse, doch ist inzwischen wohl überall eine Beruhigung der Sparer eingetreten, sodaß auch für den November mit einem stattlichen Zuwachs der Spareinlagen gerechnet wird.
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§ Hersfeld, 9. Dez. (10 000 P fun d Sp e i s e ö 1). Nichts vermag die Bedeutung der Sammlung von
bis zum 20. Oktober dieses ähres 10 000 Pfund Speiseöl allein durch die Bucheckern geschaffen wurden. Es sammelten die Schulen und außerdem viele Erwachsene als freie Sammler. Wer 16,6 kg. Bucheckern abliesert, erhält 27,3 Mark und 1 kg. Speiseöl, für das er etwa 15,40 Mk. bezahlt. Die Handsammler erzielten einen täglichen Verdienst von 8—10 Mark, jene Sammler, welche Siebe benutzten, kamen aber auf 25-30 Mk. tägliches Verdienst. Daraus ersieht man, daß die Bucheckernsammlung nicht nur Gewinn bringt, sondern auch ganz erheblich zur Linderung der Fettnot beiträgt. Wir müssen gegenwärtig mit vermehrter Kraft im ganzen Lande dahin wirken, daß möglichst viel Bucheckern gesammelt werden, bis wir genügend Fett im Lande haben werden, dürfte noch lange Zeit vergehen.
§ Hersfeld, den 9. Dezember. (Feldpost für ö a s O st h e e r.) Unsere Truppen in Kurland, Estland, Livland, Litauen, den besetzten Teilen von Großrußland und der Ukraine, Heeresgruppe Kiew klagen lebhaft über das Ausbleiben v. Nachrichten aus der Heimat. Es wird deshalb erneut darauf hingewiesen, daß für die Truppen in diesen Landesteilen Briefe, Postkarten,
artigen Grundlage verhandeln wir nicht! Wir haben nicht die Macht, eure Gewalttaten zu hindern, tut, was ihr wollt, sehet zu, wie ihr selber fertig werdet!
Immerhin wäre die Entente dann in großer Ber- legenheit, was sie beginnen soll. Auch die Gewalt hat Grenzen. Es ist unmöglich, Deutschland auf Jahre hinaus mit Truppen besetzt zu halten, und noch viel weniger möglich ist es, das deuriche Volk zur Fron- arbeit zu zwingen. Deutschland würde unvermeidlich einer maßlosen Verelendung entgegengehen, aber an eine Zahlung der Kriegsentschädigungen wäre dann natürlich nicht im entferntesten zu denken, und die Entente würde begreifen müssen. daß sie mit diesem System sich nur ins eigene Fleuch schneidet Sie wurde zur Erkenntnis gelangen mitnen, daß man auf solche Weise nicht Frieden machen kann. In den Kreisen der deutschen Regierung gibt man sich keiner Täuschung darüber hin, baß es nicht ausgeschlossen ist, zu erneut derartigen Akt der BerzMeinung - darum würde es sich schließlich handeln -.letzten Endes greifen zu müssen. Wenn Deutschland Hzu verurteilt ist, zu sterben, dann wird es dieses ungeheuerliche Schicksal, das in der Geschichte nicht Seinesgleichen hat, mit Würde' hinnehmen. Betteln und bitten aber wäre ebenso un= würdig wie fruchtlos, und Sie Schmach der Ernieöri- gung müßte durch Jahrzehnte von Kindern und Kin- deskindern wie eine Sklavenkette geschleppt werden. Die Zukunft, die die Entente uns bereiterl will,, ist das Los des "Mmarßeitcrd, des Proletariats, und dieses Los auf sich zu nehmen, wäre langsamer Selbstmord.
Unsere ErnShrlMMirssichlen.
Von einer gut unterrichteten Persönlichkeit im ReichsernährunWamte erfahre ich: Das brennendste Interesse wendet sich augenblicklich selbstverständlich der Ernährungsfrage zu. der noch größere Wichtigkeit bei- zumessen ist, als allen anderen Angelegenheiten des Tages. Denn die Regelung aller sonstigen Probleme gehen in letzter Linie zweifellos auf die Regelung der Volks- erttährung zurück. Vor allem muß vor überschwängli chem Optimismus gründlich gewarnt werden. Daß in
Wertbriefe, Postanweisungen und Zahlkarten nach wie vor angenommen werden. Nur Pakete und Briefe mit Wareninhalt (Päckchen) sind von der Beförderung ausgeschlossen. Es empfiehlt sich, Sendungen für die Truppen im Osten in der Aufschrift mit dem Zusatz „Osten" zu versehen.
§ Hersfeld, 9. Dezember. Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordnetenversammlung am Montag, den 9. Dezember 1918, nachmittags 4 Uhr, im Rathaussaal. 1) Neuwahl des Stadtverordneten- vorstehers an Stelle des verstarb. Herrn Apothekers
L. Becker. 2) Ersatzwahl für den vorgenannten zur Gesundheitskommission, Baukommission, Forst- und Holzmagaziuskommission, Sparkassenkommisston, Statutenberatungskommission u. Stadtschuldeputation.
3) Wahl zweier Aufsichtsratsmitglieder für die Gemeinnützige Baugesellschaft. 4) Beitritt der StadtzumWerra- Kanal-Verein. 5) Nachbewilligung von Kosten für das Augusta-Vietoria-Haus. 6) Desgleichen der Kosten für eine elektrische Leitung nach dem Ofenhaus der Gasanstalt. 7) Bewilligung der Kosten eines Fahrrades für den Dienstgebrauch des Direktors der städtischen technischen Werke. 8) Verschiedene sonstige Angelegenheiten der städtischen technischen Werke. 9) Bewilligung der Kosten für Herstellung einer elektrischen Lichtleitung an der Wehnebergerstraße. 10) Aufnahme einer Anleihe für das Gaswerk. 11) Bestimmungen über Erwerbslofen-Fürsorge. 12) Ver- waltungsordnung fürs Lyzeum und Wahl von Mitgliedern des Schulausschusses. An die öffentliche Sitzung schließt sich eine vertrauliche an.
Marburg, 6. Dezember. Im nahen Dörfchen Mar- bach ist es nach Mitternacht zu einem kleinen Putsch gekommen. Eine größere Abteilung Soldaten hatte M dort untergebrachte Artillerie des Sturmtrupps, der sich der Gewalt in Marburg bemächtigt hat, nach :rei. die zum Glück gut ablief, zur rWgabe der Kanonen^und^Wrrffmr - gezwungen. „ der Frühe wurde der alte Zustand wiederherge- stellt. Auch die auf dem) Rathaufe untergebrachten Waffen wurden von einer Abteilung des Sturmtrupps abgeholt.
Saugerhaufe«, 3. Dez. Dem hiesigen Bezirks- kommando wurde von der Polizei ein interessanter Fall zur Untersuchung übergeben, der sich in Artern ereignet hat. Der dort beheimatete Ersatzreservist Unger hat es verstanden, unter der Deckadresse eines Leutnants einen ganzen Wagen schöner Sachen aus dem Westen heimzuleiten. Der Waggon hatte enthalten: zwei Pferde mit Geschirr, zwei Esel, Hühner, Militärdecken, einige Häute Leder, eine große Getreide- plane, zwei Motoren, Geschirre, Betten, Reisekörbe mit Bekleidung usw., ein Sack Soda, eine Kiste Farbe, eine Kiste Lichte und Seife, acht Kisten Wein, drei Kisten Bonbon, eine Kiste Schokolade, einen halben Zentner Zwieback, Reis, Gerste uüö eine Anzahl Brote. So wirds gemacht.
Fulda, 80. Nov. Der Kreistag sprach heute sich mit 14 gegen 3 Stimmen und 2 Stimmenthaltungen für den Bau der Linie Fulda-Großenlüder der Kleinbahn Fulda-Weidenau aus.
absehbarer Zeit eine einschneidende Aenderung tn Sey Gesamtverhältnissen der Ernährung eintreten werd« muß für ausgeschlossen betrachtet werden. Es kann sich nur ein langsamer und allmählicher Slööcii der bisherigen Verhältnisse vollziehen. Das TeuW dieses Abbaues hängt nicht von uns Mein, sondern in maßgebender Weise vom Verhalten der Entente ab.
Vor allem hat die Bevölkerung erwartet, daß die Belieferung an Zucker größer sein werde. Es ist bekannt, daß während des Krieges Zucker zur Sprengstofferzeugung benutzt wurde und daß nicht zuletzt aus diesen Umstand die Zuckerknappheit zurü kzuführen war. Aus Zucker wurde Glycerin gemacht. Diese Erzeugung samt nicht plötzlich eingestellt werden: nichtsdestoweni ger darf eine Erhöhung der Zucker-ration in etwa 2—1 Wochen bestimmt tn Aussicht gestellt werden. Die Erhöhung der Brotration war ffchon lange geplant und erfolgt durch Streckung mit Kartoffeln. Unsere ganzer Fzofsnmlgen richten sich augenblicklich auf Amerika. Soweit wir darüber unterrichtet sind, können wir erwarten, daß Amerika uns zuerst mit Fett, d. h. mit amerikanischem Schweineschmalz, beliefern wird. Dabei dürften hauptsächlich jene Fettmengen in Betracht kommen die für die amerikanische Armee zur Verfügung gestellt werden sollten.und jetzt als überflüssig anzusehen sind. Aber nur wenn eine gerechte Verteilung in Deutschland stattfindet wird Amerika liefern. Fernerhin wird die Enterrte (Getreide liefern, aber da dafür ein größerer Krachtraum notwendig ist als für Fett, so wird es mit den Getreidelieserungen noch einige Zeit dauern. Ebenso mit Fleisch, wofür nicht alle Schiffe verwendbcrr sind, sondern nur solche, die Gefrierräume besitzen. Dagegen dürften bald die deutschen Grenzen gegen die Schweiz und gegen Holland geöffnet werden, sodaß wir innerhalb kurzer Frist ziemlich reichlich über Kakao und Schokolade, auch über Kaffee verfügen werden können. Daß die Preise für diese Erzeugnisse schnell sinken, ist selbstredend. Das Rationierungssystem für diese Produkte wird dann wohl aufgehoben werden, nicht oder für andere Lebensmittel, da erst ein oder mehrere Welternten vorüber sein müssen, ehe in Deutschland arrnäherrid normale Fricdensverbültnisse Platz greisey.