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Erdfelder Tageblatt Hersfel-er Kreisblatt" -Amtlicher /Inaeiger für den kreis Hersfeld

Nr. 297 (Stiles Blatt) Sonnabend, den 19. Dezember 1925

Der Bezugspreis betrögt durch die Post bezogen monatlich I.— Mir., ausscbllebi. Bestellgeld, für Bersteld L— 016. bei freier Zulteftung, Abholer —.80 (116. * Drude und Verlag von hudwlg Funks Buchdruckerei in Bersteld, (Dliglled des vDZV.

Das Wichtigste.

— Der Reichspräsident hat Dr. Luther beauftragt, die Negierungsgeschäfte bis zur Neubildung des Kabi­netts weiterzuführen. Das Zentrum hält an der Großen Koalition fest.

— In Paris hat die Luftfahrtkonferenz be­gonnen, die sich mit der Regelung der Luftfahrtbestimmungen für Deutschland beschäftigen soll.

— Eine Abordnung deutscher industrieller Gruppen ist in Paris eingetroffen, um eine Aussprache über die deutsch- französischen Wirtschaftsbeziehungen herbeizuführen. Es wurde eine Wirtschaftskonferenz im Januar be­schlossen.

Deutsche Wirtschaft.

Von Univ.-Prof. D. Dr. Dr. Bredt, Mitglied der Reichstagsfraktion der Wirffchaftspartei des Deutschen Mittelstandes.

Unsere Artikelserie über die deutsche Wirt- schaftslage setzen wir mit folgendem Aufsatz des bekannten Führers der Wirtschaftspartei fort und überlasten es wieder dem Leser selbst, zu den Ausführungen Stellung zu nehmen.

Die Ergebnisse des Weltkrieges sind viel weniger militärischer, als wirtschaftlicher Art gewesen, und wir stehen heute noch keineswegs am Ende der Entwicklung. Wir dürfen uns auch keiner Täuschung darüber hingeben, daß die Auswirkungen des Krieges noch nicht vorüber sind. Im Gegenteil wird das kommende Jahr 1926 uns vor schwerere Fragen stellen, als vermutlich alle anderen Jahre vorher. Die Frage der deutschen Wirtschaft ist aber im Grunde eine Krane d-r WMMf-';. h T..^ ;’ lich^'M"deutschen Verhältnisse isoliert zu betrachten. Der Hauptgrund für den Weltkrieg, zum mindesten für die Teil­nahme Englands, war Deutschlands großer Aufschwung im Welthandel. Dieser sollte zerschlagen werden, und er ist zerschlagen worden — keineswegs aber mit den von Eng­land erstrebten Folgen. England ist nicht etwa der Erbe Deutschlands geworden, wie es sich die Sache vielleicht vor­gestellt 'hat, sondern an die Stelle der gefürchteten deutschen Konkurrenz ist eine Weltkrise getreten. In dieser Weltkrise wurzelt aber auch die Frage der deutschen Wirtschaft.

Schon vor dem Kriege war die Welt bis zu einem ge­wissen Grade überindustrialisiert, und es war für jedes Industrieland schon eine Frage geworden, inwieweit es An- teil nehmen könne an der Versorgung der Welt mit den Produkten der Industrie. Nach dem Kriege hat die Kauf- kraft allenthalben nachgelassen, und die Bedürfnisse sind ver­mindert unter dem Drucke der Not. Damit ist die Absatz­möglichkeit für sämtliche Industriestaaten gesunken, und für alle erhebt sich die Frage, wie es seine Industrie, das ist im Grunde seine Arbeiterschaft, bei ihrer Nahrung erhalten will. Die Politik der Handelsverträge allein kann hier nicht helfen, denn auch hier läuft im Grunde alles darauf hinaus, daß der eine Staat dem anderen seine Produkte nach Mög­lichkeit aufdrängen will. Solange nicht die Kaufkraft von ganz Europa wieder erheblich zugenommen hat, solange wird man auf eine endgültige Besserung nicht rechnen können.

Nun kommt noch hinzu, daß Amerika aus der Stellung des Konsumenten mehr und mehr in die des Produzenten übergegangen ist. Der Krieg hat in Amerika eine große Industrie hochkommen lassen, die sich nrehr und mehr von der europäischen unabhängig macht, die sogar der euro- päischen eine immer gefährlichere Konkurrenz bereitet, vor- nehmlich durch ihre bessere Produftionsweise, Serien­fabrikation und ähnliches.

In Amerika liegt auch der Schlüssel zur wichtigsten Frage der deutschen Wirtschaft, aber auch der übrigen euro­päischen Wirtschaft: die Kapitalbeschafftmg. Das deutsche Kapital ist durch den Krieg zum großen Teil zerstört worden, das französische, englische und italienische Kapital ist zu einem wesentlichen Teile nach Amerika übergeströmt, soweit es nicht auch zerstört ist. Amerika ist heute der Weltkapitulist und Weltbankier, mit dieser Tatsache hat auch die deutsche Wirt­schaft zu rechnen. Es wäre aber völlig verfehlt, wenn man etwa das ganze Heil in amerikanischen Krediten für Deutsch­land erblicken wollte. Wir haben heute schon so viel mneri- kanisches Kapital in Deutschland angelegt, daß es uns mit einer gewissen Sorge erfüllen kann. Es ist zunächst die Dawes-Anleihe, die wir aber in ihrer Wirkung auf die Valuta nicht zu hoch anschlagen wollen. Es sind weiter die kommunalen Anleihen, die schon eine schwere Belastung der deutschen Kommunalwirtschaft darstellen, und die wir mit Recht jetzt von der Regierung bekämpft sehen. Es sind end­lich die privaten Industrieanieihen, über die wir uns noch kein rechtes Bild zu machen vermögen Schreitet diese Der- MOuug an Amerika noch in nenne--werter Weise fort, so

gchen wir hier neuen und großen Gefahren entgegen. So gut die Kapitalbeschaffung an sich ist für die deutsche In­dustrie, so gefährlich ist sie für die deutsche Gesamtwirtschaft.

Wie nun unter solchen Umständen in den kommenden Jahren die Lasten aus dem Dawesbericht aufgebracht werden sollen, ist noch eine offene Frage. Mit aller Bestimmtheit können wir heute schon sagen, daß wir nicht in der Lage sein werden, die geforderten Zahlungen in baar zu leisten. Der Transferagent, dem hier die sachgemäße Prüfung obliegt, wird die Tatsache wohl oder übel bestätigen müssen Die Entente- staaten werden dann vor der Frage stehen, wie sie das ge­schuldete Geld in Deutschland anlegen oder in Industrie- produkte umsetzen wollen Zu beidem werden sie keine große Neigung haben Wir werden daher auch auf diesem Gebiete sehr schwierigen Auseinandersetzungen entgegengehen.

Nun kann aber die Gesundung der deutschen Wirtschaft dennoch in letzter Linie nur aus Deutschland selbst kommen Der wirtschaftliche Wiederaufstieg ist im Wesentlichen iden­tisch mit der Neuansammlung deutschen Kapitals. Es muß daher in der ganzen wirtschaftlichen Gesetzgebung der Schwerpunkt gelegt werden auf die Ermöglichung solcher An­sammlung Vornehmlich die Steuergesetzgebung muß so aus­gestaltet werden, daß Ersparnisse nicht bestraft, sondern be­lohnt werden Nichts hat verderblicher gewirkt als das Empfinden, daß Sparen nichts helfe, da das Ersparte in irgendeiner Weise doch wieder weggenommen werde. Hier müssen ganz andere Grundsätze Platz greifen.

Es muß auch die soziale Belastung in anderer Weise angesehen werden. Ganz gewiß wollen wir unsere Sozial- politik nicht nur erhalten, sondern noch weiter ausbauen. Es ist aber verfehlt, wenn die Sozialpolitik gemacht wird nur auf der Einnahmeseite und nicht auch auf der Ausgabe- seite. Was auf der einen Seite aufgewendet wird, muß auf der anderen Seite wieder aufgebracht werden, und die Konkurren"fähiakLiLDeutschlaruo& -n.x --rUo «ichb- ^mw- mindesten an der großen sozialpolitischen Belastung. Auch die Preisgestaltung im Innern wird dadurch beeinflußt, und mancher Groschen wird nur scheinbar gegeben, weil er wie­der die Unkosten der notwendigen Produktion erhöht.

Vor allem müssen wir uns klar darüber sein, daß die eigentliche Wurzel der wirtschaftlichen Kraft Deutschlands nur in der privaten Initiative liegt, nun und nimmer in einer Planwirtschaft oder gar Zwangswirtschaft, möge sie noch so gut gemeint und durchdacht sein. Die Hauptaufgabe der Zeit ist heute die Lösung aller der Kräfte, die heute in der privaten Initiative .schlummern und niedergehalten werden. Was uns not tut, ist ein gesunder wirtschaftlicher Liberalismus im alten Sinne. Unter ihm ist Deutschland groß geworden, und in sofern ist er heute die eigentliche konservative Wirtschaftspolitik. Es wird nicht möglich sein, mit einem Schlage dieses Ziel zu erreichen. Es ist aber dennoch das Ziel, dem wir auch im kommenden Jahre schon zustreben müssen.

Wetterführung -er Geschäfte durch das Kabinett Luther.

- Berlin. Im Hinblick auf die im Reichstag beschlosse­nen Weihnachtsferien des Parlaments ersuchte der Reichs­präsident den Reichskanzler und die Reichsminister, die Ge­schäfte auch fernerhin weiterzuführen. Der Reichspräsident wird seine weiteren Entschließungen in der Frage der Neu­bildung der Reichsregierung rechtzeitig vor dem am 12. Ja- nuar n. I. erfolgenden Wiederzusammentritt des Reichs­tages fassen.

Das Zentrum hält an der Großen Koalition fest.

Berlin. Die Zentrumsfraktion des Reichstages trat zu einer Besprechung der politischen Lage zusammen. Ueber die Sitzung wird von der Partei folgender Bericht aus­gegeben:

„Die Zentrunisfvaktion des Reichstages hat .sich ein­gehend mit der durch die Ablehnung der Sozialdemokraten geschaffenen Lage befaßt. Sie hält einmütig an ihrer bis- herigen Auffassung fest, daß die Große Koalition allein den Erfordernissen der Gegenwart entspricht, und wird dieses Ziel auch weiterhin mit aller Entschiedenheit verfolgen. Aus Wunsch der Reichstags, fraktion wird der Vorsitzend der Partei, Reichskanzler a. D. Marx, den Porteivorftand und die Vorstände der Zen- trumsfraftionen des Reichstages und Landtages vor dem Wiederzusammentritt des Reichstages zu einer Besprechung über die zu unternehmenden Schritte einberufen/

Der Beschluß der Reichstagsfraktion des Zentrums, in dem sie das Festhalten an der Großen Koalition als die den Erfordernissen der Gegenwart allein entsprechende Regie- rungsmöglichkeit bekundet, wird in Zeutrumskreisen dahin aus gelegt, daß man nach den Weihnachtsfeiertagen den Sozialdemokraten nochmals die Frage vorlegen wird, ob sie

sich grundsätzlich von der Großen Kocckition ausschließen wollen. Wenn das Zentrum bei den neuen Besprechungen, die der Reichspräsident mit den Fraktionsführern nach dem Weihnachtsfest vorgesehen hat, an dem Gedanken der Großen Koalition mit Einschluß der Sozialdemokraten festhatten sollte, so könnten außerordentliche Schwierigkeiten entstehen, da der Reichspräsident größtes Interesse daran haben wird, nicht wieder den Versuch zur Regierungsbildung scheitern zu lassen.

Beginn der Luftfahrtkonferenz.

Französische Quertreibereien.

$ Paris. Die deutschen Flugsachverständigen, die die Verhandlungen mit den alliierten Sachverständigen über die Revision der für das deutsche Flugwesen gültigen Vertrags­bestimmungen wieder aufnehmen werden, sind in Paris ein­getroffen. Gegenstand der Verhandlungen bilden die neun Bestimmungen, die Deutschland auf Grund des Versailler Vertrages durch die Note der Botschafterkonferenz vom 14. April 1922 auserlegt wurden. Die Pariser Presse glaubt, daß die drei ersten Vorschriften keine Abänderungen erfahren werden, weil sie die Kampf- und Jagdflugzeuge beschreiben. Die Bestimmungen 4—7 beziehen sich besonders auf das Ge­biet des Transporfflugwesens. Sie sollen geändert werden. Die beiden letzten Bestimmungen beziehen sich auf die Kon­trolle des deutschen Flugverkehrs. Die alliierten Sachver­ständigen sind übereingekommen, daß das interalliierte Ga- rantiekomitee die Kontrolle gemäß den Bestimmungen des Versailler Vertrages an den Völkerbund abgibt.

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Der Vizepräsident der Pariser Kammer und Bericht­erstatter des Kriegsbudgets weist aus Anlaß der Wiederauf­nahme der deutsch-französischen Lufffahrtverhandlungen auf _ n s gofin ch . M i h --^ s p-^-'-chs ivdei» Haltung der deut­schen Regierung hin. Als die Londoner Konferenz am 5. Juni 1925 im Einvernehmen mit dem Garantiekomitee ge­wisse Erleichterungen in den Luftfahrtbestimmungen be­schlossen habe, sei diese Entscheidung in Deuffchland wider Erwarten ohne Genugtuung ausgenommen worden. Er be­hauptet, daß die Zahl der deutschen Flieger in keinem Ver­hältnis zu den vorhandenen Flugfahrtlinien stände. Deuffch­land versuche die unmöglichsten Einwände, um einer Kon- troüe des Garantiekomitees zu entgehen. Er spricht sich dann gegen eine verfrühte Auflösung der inter­alliierten Kontrollkommission aus und warnt, daß der Völkerbund bie' Kontrolle bereits jetzt in die Hand nehme. Deutschland habe auf dem Gebiete des Luftfahrt- Wesens noch nicht gezeigt, daß es von dem Geist von Locarno durchdrungen sei. (?)

Deutsch-französische Wirtschafts­konferenz im Januar.

- Paris. Ueber die Verhandlungen der deutschen und französischen Wirtschaftsdelegationen wurde folgender Be­richt ausgegeben:

„Die deutsche und die ftanzösische Handelsvertrags- delegation hat ihre zweite Besprechung abgehalten. Während in der ersten Unterredung vor allem die Bedeutung und die Tragweite der vorher ausgetauschten schriftlichen Vorschläge präzisiert worden waren, sind die aus diesen Vorschlägen sich ergebenden Schwierigkeiten besprochen worden. Beiderseits wurden

vermittelnde Vorschläge

gemacht, über deren Inhalt die Delegationen beraten wer­den und deren Erörterung fortgesetzt wird."

Von französischer Seite verlautet hierzu, daß die fran­zösische Delegation neue Vorschläge unterbreitet hat, wonach nicht ein Provisorium, sondern ein endgültiger Han­delsvertrag unter Einräumung des Mindesttarifes in Aussicht genommen werden soll. Da jedoch der ftanzösische Tarif noch nicht fertiggestellt ist, ist das Niveau dieses Min­desttarifes noch nicht zu übersehen. In dieser Frage hatte die deutsche Delegation Einwände gemacht, worauf die Fran­zosen erklärten, daß sie bereit seien, Deutschland eine be­sondere Kündigungsfrist einzuräumen. Hierüber, wie auch über die Schwierigkeiten, die sich aus der Frankbaisse für das Zustandekommen des Handelsvertrages ergeben, wird weiter verhandelt. Die Verhandlungen zwischen den beiden Volldelegationen werden wahrscheinlich Mitte Januar wieder ausgenommen werden.

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Paris. Halbamtlich kommt aus Paris folgende Mit- teihung: Eine Abordnung deutscher industriel­ler Gruppen, die gelegentlich der im französischen Han­delsministerium stattfindenden Verhandlungen nach Paris gekommen ist, wurde in der französischen Kammer empfangen. Sie hatte mit einer Anzahl Parlamentarier eine Arrssprvche über die Grundlagen einer französisch-deutschen wirtschaft-