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KersMer Tageblatt

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Hersfelöer KreLsblatt^ [

Amtlicher Anzeiger für den Kreis HersfelS I

Der Bezugspreis betrügt durch die Post bezogen mondlidi 1.— Mk., ausschllebl. Bestellgeld, für Bersfeld 1.— Mb. bei freier Zustellung, Abholer —.80 Mb. * Druck und Verlag dod hudmig Funks Buchdrudrerei in Bersfeld, UJltglled des VDZV.

Nr. 296

Freitag, den IS. Derember

1925

Das Wichtigste.

— Dr. Koch hat den Auftrag zur Regierungsbildung auf der Basis der Großen Koalition zurückgegeben. Die neue Regierung wird vermutlich erst im Januar gebildet kerben.

— Die Berliner Polizei hat zwei junge Leute verhaftet, die ein A t t e.n t a t gegen den Reichsaußenminister Dr. Stresemann geplant hatten.

— Der Reichsverband der Deutschen Industrie hat ein Wirtschaftsprogramm ausgestellt, in dem er die Vorbedingungen für den Wiederaufbau der deutschen Wirt­schaft niedergelegt hat.

Zur ^SirischafiSpolttit.

Von Minister a. D. Hermann Dietrich,

Mitglied der Reichstagsfraltion der Deutsch-demokratischen Partei.

Mit diesem Artikel setze« wir die ange­kündigte Arnkelreihe über die deutsche Wirt­schaftslage fort und lassen diesmal einen demo­kratischen Abgeordneten zu Worte kommen. Nochmals bemerken wir, daß wir selbst zu den Ausführungen keine Stellung nehmen. (Red.) In mehr als gedrückter Stimmung geht die deutsche Ge­schäftswelt dem neuen Jahre entgegen. Schwerer Pessimis­mus lastet auf uns. Die Arbeitslosenziffern steigen beäng­stigend. Die Konkurse mehren sich, die Kreditverhältnisse werden zusehends schwieriger. Und doch darf man den Mut nicht sinken lassen. Wir haben in den ersten neun Monaten dieses Jahres auf dem Gebiete, nach welchem gemeinhin der Stand unserer Leistungsfähigkeit beurteilt wird, nämlich des Außenhandels, große Fortschritte gemacht. Die Einfuhr ist gegenüber den entsprechenden Monaten des Jahres 1924 von 5420 Millionen auf 8716 Millionen, also um 3,3 Mil­liarden gestiegen. Die Ausfuhr stieg in den entsprechenden ------Zeiträumen des Jahres 1925 gegen tuet o em Jahre 1924 von 3981 Millionen auf 5584 Millionen Mark. Diese Zahlen besagen, daß wir unseren Außenhandel in dieser Zeit durch effektive Warenausfuhr gegenüber dem Vorjahre um über 1% Milliarden gesteigert haben und daß wir im Ausland gleichzeitig starke Kredite in Anspruch genommen haben, die in Form einer vermehrten Wareneinfuhr, vornehmlich in Rohstoffen und Lebensmitteln, hereingekommen sind. Ich glaube, man darf auch aus den Ausfuhrziffern schließen, daß Die deutsche Mittelindustrie, die so unendlich viele Waren herstellt, langsam doch wieder auf dem Weltmarkt zur Gel­tung kommt, wie wir überhaupt vielleicht unsere Zustände deswegen zu schwarz sehen, weil wir sie zu stark nach der Großindustrie beurteilen, die vornehmlich in Westfalen und in Oberschlesien beheimatet ist, und der es allerdings zur­zeit schlecht geht. In manchen Fällen ist hier aber doch fest­zustellen, daß dieses Schlechtgehen nicht zum wenigstens auf die Nachahmung der Stinnesschen Politik zurückzuführen ist, die zu einer systemlosen Anhäufung von allerhand Betrieben führte, für die es nicht gelang, die nötigen selbständigen und fähigen Köpfe zur Leitung zu finden.

Da nun der große Einfuhrüberschuß weiter nichts ist als der Kredit, den wir im Ausland beanspruchen, so ist es am Platze, die Frage des Kredits, an der nach der Meinung zahl­reicher Volksgenossen chr Schicksal hängt, kritisch unter die Lupe zu nehmen. Wenn wir vom Inlandskredit ausgehen, so ist zunächst festzustellen, daß alsbald nach dem Inkraft­treten einer stabilen Währung eine rasche Kapitalbildung in Deutschland vor sich ging. Schon im April 1924 betrugen die fremden Gelder der Banken, Girozentralen, Sparkassen und Postscheckämter 6 Milliarden. Sie stiegen rasch und er­reichten im August 1925 die Höhe von 13 Milliarden. Dann allerdings verlangsamte sich das Tempo stark. Immerhin hat sich der Bestand in den letzten drei Monaten um reich­lich eine halbe Milliarde vergrößert. Das sind im wesent­lichen die Mittel, die im Inlande zu Kreditzwecken zur Ver­fügung stehen. Von der Frage, wie weit sie sich erhöhen, hängt die Entwickelungsmöglichkeit des Inlandskredites und damit die Verringerung des Zinssatzes ab. Gesundet unsere Wirtschaft, dann werden die fremden Geldner in den oben genannten Instituten wachsen, die Zinsen werden zurück- gehen und die kreditbedürftige und auch kreditfähige Wirt­schaft wird Inlandsgeld bekonimen. Ganz anders liegt die Sache bei den Auslandskrediten. Im Ausland aufgenom- mene Kredite können dadurch hereingenommen werden, daß ‘ das geliehene Kapital, wie oben am Außenhandel dargelegt, zum'Ankauf von Rohstoffen verwendet wird. Dann steigt, wie wir gesehen haben, die Einfuhr. Oder aber die Aus- landskredite werden in Form von Devisen hereingenommen, zur Reichsbank gebracht und von dieser gegen Noten um- gewechselt. In diesem Falle steigt der Geldumlauf im In­land. Steigt aber der Geldumlauf im Inland in raschem D>^Lo, so hat er eine preis- und damit lohntreibende Wir­

kung. Die Steigerung aber der Preise im Inland hat eine Schwächung der so dringend notwendigen Konkurrenzfähig­keit auf dem Auslandsmarkts zur Folge, während sie umge­kehrt die Einfuhr des Auslandes erleichtert. Diese Gefahr wird allerdings zu einer Katastrophe nicht so leicht führen. Aber sicher ist das eine, daß die Hereinnahme von Auslands­krediten in dem wahnsinnigen Umfang, wie sie jetzt da und dort propagiert wird, dann, wenn sie in Form von Devisen erfolgt, eine verheerende Wirkung auf die deutsche Währung haben wird.

Es muß also mit Maß und Ziel operiert wer­den. Das ganze Transfer-Problem entwickelt sich hier von der umgekehrten Seite, wie wir es bei der Ausführung des Dawesgutachtens kennengelernt haben. Das Schifflein der deutschen Wirtschaft, das zwischen Scylla 'und Eharybdis schwankt, bedarf eines starknervigen Steuermannes, der den Weg ins Freie weiter verfolgt, unbekümmert um die Ge­fahren, die diesen Weg noch umlagern. Gewiß werden wir noch Auslandskredite in Anspruch nehmen, aber in be­schränktem Rahmen. Sie können jedoch nur volkswirtschaft­lich gerechtfertigt und ertragen werden, wenn sie der ge­sunden inländischen Produktion, d. h. den an sich lebens­fähigen deutschen Betrieben, wozu ich auch die Landwirt­schaft rechne, zum Zwecke der Abschüttelung zu teurer In­landskredite oder — was noch wichtiger ist — zur modernen Ausgestaltung zugefllhrt werden. Für unproduktive An­lagen, auch wenn durch deren Errichtung Arbeitsgelegenheit geschaffen wird, können wir keine Auslandskredite brauchen.

Die Große Koalition gescheitert.

Die Soziald em okraten lehnen ab.

^ Berlin. Die Parteiführerbesprechung unter Vorsitz des Abgeordneten Koch (Dem.) war nur von ganz kurzer Dauer. Am Schlüsse der Sitzung wurde folgendes Kommunique aus­gegeben:

„In der abschließenden Parteiführerbesprechung gab der Abgeordnete Müller- ^ra n ren folgende Erklä­rung ab: Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion erkennt an, daß der Abgeordnete Koch, dessen republikanische und demokratische Zuverlässigkeit außer Zweifel steht, sich auf das eifrigste bemüht hat, für eine Regierung der Großen Koalition eine Basis zu finden^ die für die Sozialdemo- kratie, das Zentrum, die Demokraten und die Deutsche Volkspartei anuchmbar ist. Die Fraktion muß jedoch fest- stellen, daß durch das mangelnde Entgegenkommen der Deutschen Volkspartei, besonders in den sozial- und wirt- schaftspolitischen Maßnahmen, die in diesem Winter durch­aus dringend sind, diesen Bemühungen kein Erfolg be- schieden war. Selbst zu dem Programm des Abgeordneten Koch hat die Deutsche Volkspartei jede klare Stellung­nahme vermieden. Die Fraktion kann in der Formulie­rung, die ihr auf Grund der Besprechung der Parteien neuerdings vorgelegt wurde, eine geeignete Grundlage für die Bildung einer Regierung der Großen Koalition nicht erblicken."

Das Zentrum erklärte, daß es sich auf den Boden der Richtlinien gestellt habe. Die Deutsche Volkspartei erklärte gleichfalls, daß sie zwar an einigen Stellen Bedenken erhoben habe, sich aber trotzdem auf den Boden der Richt- linien stellen könnte. Dieselbe Erklärung wie das Zentrum gab die Demo kratis che Partei ab. Der Abgeordnete Leicht erklärte für die Bayerische Volkspartei, daß diese von einer endgültigen Stellungnahme absehe.

Der Abgeordnete Koch stellte darauf hin fest, daß die Be­mühungen um die Errichtung der'Großen Koalition gescheitert seien. Er hat seinen Auftrag dem Reichspräsidenten zurück- gegeben. Der Reichspräsident hat sich seine weitere Entschlie­ßung vorbehlaten.

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Nachdem der Versuch des Abgeordneten Koch, die Große Koalition zu bilden, erledigt ist, hält man es in parlamen­tarischen Kreisen für das Wahrscheinlichste, daß gegenwärtig eine neue Auftragerteilung für die Regierungsneubildung nicht beabsichtigt ist. Vielmehr glaubt man, daß auch der Reichspräsident zunächst die "Weihnachtspause vorübergehen lassen wird und erst im Januar einen neuen Auftrag erteilt. In den Kreisen der bürgerlichen Mittelparteien hat man nach dem Scheitern der Aktion des Abgeordneten Koch selbst­verständlich volle Handlungsfreiheit gewonnen, was in erster / Linie auch für die Zentrumspartei von besonderer Wichtigkeit ist, da diese in besonders starkem Maße auf die Große Koali­tion festgelegt war. Man glaubt übereinstimmend, daß die Situation einen Versuch zur Bildung eines politischen Kabi­netts der Mitte verlangt, nicht aber ein Beamtenkabinett.

Die bürgerlichen Mittelparteien find, soweit aus parla­mentarischen Kreisen verlautet, in dieser Auffassung im wesentlichen einig. Man hält es für das Richtige, daß eine solche

Regierung unter der Führung Dr. Luthers stehen müsse. Die Zusammensetzung einer derartigen Re­gierung, an deren Zustandekommen Anfang Januar kaum ge­zweifelt wird, würde voraussichtlich den bereits vor einiger Zeit geäußerten Vermutungen entsprechen, d. h. also, daß zunächst eine Zusammenlegung einiger Ministerien stattfinden würde, so daß die Zahl der Portefeuilles ver­ringert würde. Für das Innenministerium käme in erster Linie der demokratische Abgeordnete K o ch in Be­tracht; für die Justiz spricht man vom volksparteilichen Abgeordneten Dr. Curtius, und für die Wirtschaft vom Zentrumsabgeordneten Sommers. Der Kampf gegen den Reichswehrmini st erGeßler ist bekanntlich vor allem von den Sozialdemokraten geführt worden, so daß jetzt einem Verbleiben dieses Ministers im Amte nichts im Wege stünde. Vielmehr wird es von den für ein Mittelkabinett in Betracht kommenden Parteien lebhaft gewünscht. Die Deutschnationalen würden voraussichtlich einem derartigen Kabinett gegenüber in einer ganzen Anzahl vor­wiegend innerpolitischer Fragen eine wohlwollende Haltung einnehmen. Dagegen müßte man natürlich mit einer scharfen Opposition der Sozialdemokra­ten in diesen Fragen rechnen.

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Keine Reichstagssitzung mehr vor Weihnachten.

Nach den Beschlüssen des Aeltestenrates findet vor der Weihnachtspause keine Sitzung des Reichstags mehr statt. Es besteht keine Aussicht, daß in den nächsten zwei Tagen noch eine Regierungserklärung erfolgen kann. Der Reichstag soll seineArbeiten am 12. Januar wiederaufnehmen. Der Präsident soll jedoch ermäch­tigt werden, den Reichstag zu einem früheren Termin einzu- Uumufen^wenn «na nyigebübe^ chM. Regierungs­erklärung früher abgeben könnte.

Ein Niieniaisplan gegen Dr. Strefemann.

4- Berlin. Bor zwei Wochen sind in Berlin zwei Ver­haftungen vorgenommen worden, die mit der Vorbereitung eines Attentats auf den Außenminister Dr. Strefemann in Verbindung stehen. Es handelt sich dabei um einen ehe­maligen Studenten namens Kaltdorff, den Sohn eines höheren Beamten, mehrmals vorbestraft, u. a. wegen Be- truo.es und wegen Teilnahme an einem Putsch. Der andere Täter heißt Lorenz. Er ist Bürogehilfe und der Sohn eines Oberstudienrates.

Die beiden hatten den Plan gefaßt, ein Attentat auf Dr. Strefemann auszuführen. Zu diesem Zweck setzten sie sich mit einem Münchener Rechtsanwalt in Verbindung, der früher der Völkischen Partei angehörte und in dem sie einen Gesinnungsgenossen vermuteten. Durch seine Vermittlung hofften sie in bat Besitz des nötige« Geldes zu komme«, um x das Attentat vorzubereiten und auszuführen und nach der Tat im Fluogeug zu flüchten. In ihrem Vertrauen auf den Münchener Rechtsanwalt sahen sie sich aber getäuscht. Der Rechtsanwalt machte der Münchener Polizeidirektion von dem Plane Mitteilung, und diese wandte sich an das Berliner Polizeipräsidium. Der Berliner Polizeipräsident griff sofort ein, ließ die beiden verhaften und eine Wohnungsdurch- suchung vornehmen. Anfangs versuchten die beiden zu leug- nen, legten aber schließlich ein Geständnis ab.

Zu dem Attentatsplan auf Dr. Stresemann wird jetzt bekannt, daß der Oberreichsanwalt wegen § 1 des Re- publik-Schutzgesetzes Anklage erhoben hat. § 1 selbst stellt im Gegensatz zum Strafgesetzbuch auch schon die Vorbe- reitung zum Morde unter schwere Strafe. Ueber das weitere Ergebnis der Untersuchung wird offiziös mitgeteilt, daß irgendwelche konkrete politijche Beziehungen zu Persönlichkeiten oder Parteibüros bei den beiden Verhaf­teten nicht f e st g e st e l l t sind. Der verhaftete Kaltdorff hat ursprünglich in der Räteregierung in München mitge- arbeitet und ist deswegen auch mit IX Jahren Gefängnis bestraft worden. Er hat sich dann später zu den National- sozialisten geschlagen.

Man hat es auch nach dem Ergebn» ^er Vorunter- suchung mit Psychopath Ischen Fanatikern zu tun, die aber vielleicht aus krankhaften Neigungen in der Lage gewesen wären, vor einem Attentat nicht zurückzuschrecken.