Hersfel-er Tageblatt
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Nr. 294
Mittwoch, den 16. Dezember
1925
Das Wichiigfle.
— Der Mg. Koch hat den Parteien, die für die Regierungsbildung in Frage kommen, ein Programm vor- gelext. Erst nach Einigung der Parteien wird die Personen- frage erörtert werden.
— Der Generalagent für die Reparationen ist nach Amerika gereist. Es verlautet, daß diese Reise mit der Auflegung einerzweitenDawes-AnleihefürDeutschland zusammenhängt.
— Pers ien wurde von einem schweren Erdbeben heimgesucht, das zwei Dörfer vernichtete und eine große Zahl von Menschenleben forderte.
Politik und Schule.
•• —z Von Or. M. Heilmann.
Es ist ein Grundgesetz alles historischen Werdens, daß die Zukunft nur aus dem Mutterboden der Vergangenheit erwächst, nicht aber vom Himmel heruntergeholt werden kann, daß daher auch neue Lebensformen sich nur in Anknüpfung an das Bestehende entfalten können.
An diese Erkenntnis hat jede Kulturpolitik, die die Vergangenheit des Volkes achtet und sein Bestes für die Zukunft will, anzuknüpfen. Die heutige Zeit jedoch scheint vielfach Güter, die sie neu erworben hat, nämlich Sinn für politische Orientierung und für den Wert der Gemein- s ch a f t, mit Lebensferne und einer Preisgabe des Instinktes für das volkstümlich Gewachsene erkauft zu haben.
So nur ist die kompromißhafte Behandlung der Schulsrage, gewiß eines der wichtigsten Kulturanliegen des Reiches, seitens weiter parlamentarischer Kreise zu verstehen. Um des Idealbildes willen, das man sich von dem Volke gemacht hat, wird eine Lösung der Schulsrage gesucht, in der Richtung, daß nur eine Schulform für alle Kinder besteht. Die Weimarer Verfassung glaubte als Ergebnis solcher Politik der mittleren Linie die - ÄsuMttschasisichuik mit gerrenmem mengnmsuntermcht dem Volke präsentieren zu können. Dagegen hat die intensive Arbeit, die nun über 5 Jahre die Parteivertreter im B i I • dungsausschuß am Schulgesetz entwurf geleistet haben, diese belehrt, daß nur durch Anerkennung der Forderungen aller Hauptrichtungen Kulturpolitik des Reiches möglich sei. Sie sind für ein Schulgesetz mit drei verschiedenen, aber gleichberechtigten Schularten: Gemeinschaftsschule, Bekenntnisschule und weltliche Schule, eingetreten. Schon aber wird unlängst wiederum, und gerade auch von politischen Gruppen her, der Versuch unternommen, die Konstruktion einer Einheitsschule dem Volkswillen schmackhaft zu machen, indem abermals die Gemeinschaftsschule, nun jedoch als christliche, auf den Schild gehoben wird. Daß man sich damit im Gegensatz zur Weimarer Verfassung stellt, wird möglichst verschleiert, wohl aus einer Politik des klugen Entgegenkommens gegenüber vorhandenen Machtgruppen und historischen Zuständen.
Gegen alle solche Lösungsversuche gilt der grundsätzliche E i n w a n d , daß sie wohl an einem nationalen Kulturziel, nicht aber am Kulturträger orientiert sind und daß sie daher ohne Lebenskraft sind und bleiben müssen. Kulturträger sind in einem mündigen Kulturstaat von so alter und reicher Vergangenheit wie das Deutsche Reich nicht die Staatsbehörden, sondern die organischen Elemente der Volksgemeinschaft, wie sie die Weltanschauungs- g r u p p e n darstellen, die wiederum gegenüber der Schule in den Eltern ihre natürlichen Vertreter haben, denn die Familie, in der die Generationen eine natürliche Einheit bilden, nicht die Partei oder der Verein, ist die Stätte, wo echte, das ganze Wesen durchdringende Bildung gedeiht. Darum seien hier noch einmal im Namen der Elternschaft die Gesichtspunkte herausgehoben, die sie für eine Trennung der Schularten bestimmen.
Die Vertreter der für alle gültigen Gemeinschaftsschule verschließen die Augen vor der Tatsache, daß auch in eine sogenannte christliche Gemeinschaftsschule die Katholiken und die F r e i d e n k e r ihre Kinder nicht schicken werden und weite evangelische Elternkreise ebensowenig, wie noch jüngst wieder die Behandlung der Frage einer paritätischen pädagogischen Akademie in Frankfurt a. M. bewiesen hat, deren Besuch durch katholische Lehrerstudenten durch den Protest der Bischöfe von vornherein illusorisch wird.
Wo ist ferner heute der ch r i st l i ch e Staat, der sich (als Träger solcher christlichen Staatsschule darstellen ! würde? Wo ist Gewähr für ein Ausleben und nur für ‘ Schutz des christlichen Prinzips in einer heutigen Simultan- schule gegeben? Es braucht doch wohl nicht immer wieder an die Schulverhältnisse in Sachsen und Thüringen erinnert zu werden?
Und weiter: Erziehen ist nicht eine Frage der politischen Steuerkunst durch Kinderfragen und Weltanschauungsnöte
der Jugendlichen hindurch. Erziehen heißt klare Ziele zeigen, Begeisterung wecken und die Seelen einwurzeln lassen im Heimatboden, in der erlebbaren Wirklichkeit sittlicher und religiöser Werte, die eine in den Tiefen verankerte Charakterbildung erst gewährleisten. Daß in den Rahmen solcher Erziehung die Treue zu Volk und Staat als eine wesentliche Aufgabe ausgenommen wird, sollte wohl kaum der nachdrück- lichen Hervorhebung bedürfen.
Die Elternschaft, der durch den Staat selbst die Verantwortung für die weltanschauliche Gestaltung des Schulwesens in die Hände gelegt war, läßt sich von diesen ihren Rechten und von dem Gebrauch, den sie davon in ihrem Sinn und um ihres Gewissens willen machen will, nicht abdrängen. Und glauben darum politische Führer, und wenn auch aus Staatsnotwendigkeit, eine im letzten Grunde utopistische Schulpolitik im Gegensatz zum Mehrheitswillen der Staatsbürger treiben zu müssen, so möge ihnen der Warnungsruf im Ohre klingen: Videant consules, ne quid detrementi res publica capiati .....--------.......
Koch tegi den Parieien ein Programm vor.
2 Berlin. Als Ergebnis der Fühlungnahme der Parteien wegen der Neubildung der Reichsregierung hat Reichsminister a. D. Koch ein Arbeitsprogramm ausgearbeitet, das er den Parteiführern in einer gemeinsamen Konferenz vor- gelegt hat.
Aus demokratischen Kreisen verlautet, daß bei den Sozialdemokraten Geneigtheit vorhanden ist, die Große Koalition mitzumachen. Die Sozialdemokraten verlangen danach, daß die übrigen Parteien zu dem von der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion veröffentlichten Arbeitsprogramm Stellung nehmen. Von dem Unterhändler der Deutschen Volkspartei wurde in den Besprechungen die grundsätzliche Bereitschaft zur Teilnahme an _dLN,Verhand jungen > -ie Bedenken der Partei gegen die Forderungen der Sozialdemokraten verwiesen. Die Vertreter des Zentrums haben dem Abg. Koch ihre Unterstützung zugesagt. Auch die Bayerische Volkspartei erklärte sich bereit, bei den Verhandlungen mitzuwirken, während die Wirtschaftliche Vereinigung sich vorbehielt, eine etwaige Regierung Koch von Fall zu Fall zu unterstützen.
Der Versuch des Abgeordneten Koch, eine Regierung auf der Basis der Großen Koalition zustande zu bringen, bleibt nun bis zu der Fraktionsführerkonferenz in der Schwebe. Die Fraktionsführer haben sich zu einer Besprechung zum Reichskanzler Dr. Lucher begeben, um mit ihm über die Regelung der Beamtenbesoldung zu verhandeln.
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Der noch amtierende Reichskanzler Dr. Luther hatte die Vertreter aller Reichstagsfraktionen zu einer Besprechung versammelt, in der die verschiedenen Anträge auf einmalige Auszahlung einer Beihilfe und auf Erhöhung der Beamtengehälter besprochen wurden. Der Reichskanzler beabsichtigt, die Fraktionsführer zu veranlassen, bei der Abstimmung über die Anträge so zu verfahren, daß der Antrag der Bayerischen Volkspartei, der mit den Absichten der Regierung überein- stimmt, als letzter zur Abstimmung kommt, weil die Ablehnung aller übrigen Anträge ziemlich sicher ist. Die Aussicht, daß sich in diesen Besprechungen mit dem Reichskanzler noch ein neues Kompromiß finden läßt, ist sehr gering.
Die Minister des Kabinetts Koch.
Berlin. Man glaubt im Reichstag, feststellen zu können, daß der Abgeordnete Koch den Sozialdemokraten auf jeden Fall das Innenministerium anbieten will, wofür der augenblickliche Gesandte in Riga und früherer Reichsinnenminister Köster genannt wird. Außerdem sollen die Sozialdemokraten das Amt eines Vizekanzlers erhalten, für das der Abgeordnete Hermann Müller genannt wird. Für die Demokraten wird es schwierig werden, die Forderung der Sozialdemokraten zu erfüllen, daß der bisherige Reichswehrminister Dr. Geßler, der der Demokratischen Partei angehört, im neuen Kabinett nicht vertreten sein dürfe. Als sein Nachfolger wird der volksparteiliche Abgeordnete B r ü n n i n g h a u s wiedergenannt. Für das Reichsjustizministerium würde im Falle der Bildung der Großen Koalition der Abgeordnete Marx in Betracht kommen. Strittig ist noch, ob der bisherige Reichskanzler Dr. Luther im neuen Ministerium der Großen Koalition vertreten sein wird. Ein Kabinett auf obiger Basis würde sehr befristet sein.
Dr. Wirth vor dem rheinischen Zentrum.
Köln. Zu der Aussprache des Provinzialausschusses der rheinischen Zentrumspartei mit Dr. Wirth hatten sich zahlreiche Delegierte eingefunden.
In einem besonderen Schreiben hatte die Leitung der rheinischen Zentrumspartei Dr. Wirth die Gründe dargelegt, die sie veranlaßt haben, ihn nach Köln zu bitten. Das Schreiben war hervorgegangen aus dem Verantwortlichkeits- gefühl der Wählerschaft gegenüber und entspricht dem Emp- minden, daß der Parteitag in Kassel nicht restlose Befriedigung gebracht hat, noch bringen konnte. Insbesondere legte das Schreiben Gewicht auf eine offene Darlegung der Gründe, die Dr. Wirth veranlaßt haben, aus der Reichstagsfraktion auszutreten. Dr. W i r t h führte darauf aus, daß ihm hauptsächlich die feste politische Linie des Zentrums am Herzen liege. Jetzt fei der Augenblick da, wo Führer- Persönlichkeiten eingesetzt werden müßten.
Zur Außenpolitik übergehend, erklärte Dr. Wirth, daß Luther und Stresemann in
Locarno etwas voreilig abgeschlossen hätten. Es hätte nicht so geeilt mit der großen Weltfrage eines Sicherheitspaktes. Gerade die Zentrumspartei müsse in die Völkerbundpolitik den nationalen Geist hinein bringen, und zwar den gemäßigten Geist, der mit Stolz die Völkerbundideale pflege und verwirkliche, nicht den der Sozial- demokratie und nicht den der Deutschen Volkspartei. Wir müssen den nationalen Gedanken in seiner tieferen Form pflegen. Sein Schritt sei nur der Ausdruck einer durch das Zentrumsvolk tiefgehenden mächtigen Bewegung, die die Nachfolgerin der alten nationalliberalen sei. Die Sozialisten hätten nur darum den Reichsschulgesetzentwurf so in den Vordergrund gestellt, um zum Liberalismus nicht in eine schiefe Lage zu kommen.
Einen breiteren Raum nahmen dann in der wechselseitigen Aussprache
die jüngsten Regierungsverhandluuge» ein. Abgeordneter Giesberts rechtfertigte die jüngste Haltung der Fraktion. Das ZieldesZentrums bleibe die Große Koalition. Auch andere Redner erklärten sich mit Entschiedenheit für die Große Koalition.
Mit besonderem Nachdruck hob dann der Abg. I o o s "den ^trm^rWl«TW5T^^
und die Bedeutung einer gerade'vom Zentrum auszuführen- den nationalen Politik umschwebten. Zwei Dinge seien es, die eine Einigkeit herbeiführen könnten und müßten: Aktivität in der Fraktion und die Frage der Führung. Bei einer klar vorausschauenden Führerpersönlichkeit sei der Fall Wirth nicht möglich gewesen.
Nachdem noch einige Redner zu Wort genommen waren, betonte Dr. Wirth zum Schluß mit aller Deutlichkeit, daß er keine neue Partei gründen wolle.
Durch die kommunistische Brille gesehen.
Sowjetrußland, das Paradies.
❖ Essen. Im Essener Saalbau sprach die komnruniskische Abgeordnete Klara Zetkin, die kürzlich von einem längeren „Erholungsurlaub" aus Sowjetrußland zurückgekehrt ist, über die Verhältnisse in Sowjetrußland. Sie sagte u. a.:
Der heutige wirtschaftliche Wiederaufbau Sowjetrußlands strafe alle Aussagen Lügen, die über die wirtschaftliche Depression der Sowjetunion verbreitet würden. Im Gegensatz zu dem Stadium von Stillegungen in Deutschland zeigen sich dem Reisenden in der Sowjetunion vom Nord- meer bis Baku rauchende Fabrikschlote, blühende Unternehmungen, weitausgedehnte Strecken neuer Gleisanlagen (?). In den wichtigsten Industriezweigen fei eine hervorragende Verbesserung der Unternehmungen und der Herstellungs- methoden eingetreten. Die kommunistische Wirtschaft in Sowjetrußland verbürge, daß dort der kapitalistische Profit nicht nur einzelnen zugute tomme, sondern die Erträgnisse aus den nationalisierten Unternehmungen würden zur Unterstützung, zur geistigen und gesundheitlichen Förderung der werktätigen Bevölkerung verwandt. An direkten und indirekten Steuern zusammen zahle der russische Arbeiter nur 14 Rubel jährlich, der beruflich entwickeltere Arbeiter nicht mehr als 30 Rubel, etwas mehr als 60 Mark jährlich. Der Arbeiter verdiene bei achtstündiger Arbeitszeit einen Lohn, der 90 Prozent des Wertes der Vorkriegszeit erreicht habe. Dazu habe er Anrecht auf einen 14tägigen Urlaub, der in Krankheitsfällen bis zu sechs Wochen verlängert werden könne.
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Seltsam, daß all die anderen vielen Deutschen, die ebenfalls urch das . eue Sowjetrußland gereift sind, nichts von dem Haben feftfteücn können, was die tüchtige Klara Zetkin zu berichten weiß. Mit derartig schönfürberisch aufgenmchten Reden kann die Zetkin doch nur bei solchen Menschen Glauben finden, denen jedes selbständige Denken abgeht. Aber schließlich passen ja solche Reden in die Verdummungspolitik der Kommunisten. Welcher Kommunist würde auch nur den geringsten Zweifel an den Worten seiner großen hysterischen Führerin hegen! Was Klara Zetkin sagt, ist wahr, und wenn andere, die nicht so verbohrt sind, tausendmal anders sagen. Armseliger Kommunismus! _ _