Reisfelder Tageblatt Hersfelöer Kreisblatt^ Amtlicher /lnzeiger für den Kreis Hersfels
Nr. 293 Dienstag, den 15. Dezember 1925
Der UBeqsyrds IbeHgy tatb?Ä« ’-Pefl. bestes ■oiatilcb I.— W., aus&lctf. ItSiljaid, lür Bersleü 1.— ®r. 'bei freier Zulietiuna, Abholer —.80 01k. * Druds und Vers« pod huaHia Funks Butfidruckerel in Bcrsleld, (fitfglled des VDZC
Das Wichiigste.
— Der Reichspräsident hat den demokratischen Abgeordneten Dr. Koch mit der Bildung des Reichskabi. n e t t s beauftragt. Dr. Koch hat den Auftrag angenommen.
— Die Note der Botschafterkonferenz über die Luft- f a h r b e st i m m u n g e n ist in Berlin eingetroffens Am 18. Dezember findet eine gemeinsame Luftfahrtkonferenz statt.
— In der evangelischen Kirchenversammlung entspann sich eine lebhafte Debatte über den Antrag, den Generalsuperintendenten den Titel Bischof zu verleihen.
Die Wirtschafiskrisis.
Von Dr. Kulenkampff.
Mitglied der Reichstagsftaktton der Deutschen Volkspartei.
Mt folgendem Auffaß beginnen wir eine Artikelserie, in der wir namhafte Reichstagsabgeordnete verschiedener Parteien zur deutschen Wirtschaftslage sprechen lassen. Ohne lelbst z« den Ausfüh- rungen Stellung zu nehmen, wollen wir unseren Lesern die Möglichkeit geben, sich ein klares Bild über den Stand der deutschen Wirt- schaff z« bilden. (Red.)
Was ein Sender ist und was eine Antenne, weiß heute jeder Deutsche im Alter von mehr als 10 Jahren. Gesetzt den Fall, ein Sender wäre beseelt, was für einen trüben Eindruck würde er auf sich selbst machen, wenn er dauernd auf einer Welle sendete, für die es keine Antenne gibt!
Ungefähr so wie dieser Sender ohne Antenne kommt sich seit langer Zeit der deutsche Wirtschaftspolitiker vor. Die meisten seiner Rufe verhallen unaufgenommen, weil die An- polttik), aüf Interessenvertretung (Unternehmer- und Arbeit- nehmervertretung), auf Rentnerinteressen und Kapitattsten- wünsche gestimmt sind und die meisten Antenneninhaber nichts hören, so daß es zu keiner verständigen Zusammenarbeit kommt. Auch die Reichsregierung verwandte nicht immer die richtige Wellenlänge. Sie sprach zwar auf der Welle Wirtschaft von Preisabbau, aber sobald von den dazu nötigen Mitteln die Rede war, verließ sie die Wirtschaftswelle allzu häufig.
Wir dürften für wirtschaftliche Dinge grundsätzlich nur die Welle „Wirtschaft" verwenden und müßten an sich alle anderen Wellen daneben ausschalten, um zunächst einmal zu einem theoretisch brauchbaren Ergebnis zu kommen. Zu dieser kühlen Betrachtung ist nötig, daß man das Deutsche Reich mit seiner um viele Milliarden passiven Handelsbilanz einmal als eine Firma betrachtet mit ihren Produktionskosten, ihren Handlungskosten usw., zurzeit eine Firma, die in jedem Jahre 2 bis 3 Prozent aus ihrem Vermögen zusetzt. Vorläufig gleichen wir diese Differenz in ' der Handelsbilanz durch Anleihen beim Nachbarn aus, genau wie das im Privatleben geschieht. Und genau wie im Privat- leben werden die Dinge sich entwickeln. Eines Tages wird der Nachbar aufhören zu pumpen, und dann bricht die Familie zusammen, besonders dann, wenn es eine Familie ist, die Ansprüche an das Leben stellt, welche über das Niveau ihrer wirtschaftlichen Lage weit hinausgehen. Die Tatsachen aber liegen so, daß das, was das Leben für die heutige Generation leisten kann, maßgebend bestimmt wird durch den verlorenen Krieg. Das hinderte uns aber bis jetzt nicht daran, die Handlungsunkosten der „Firma Deutsch- land" weit über das Dorkriegsmaß, das Maß einer glücklichen Zeit, zu steigern, statt daß wir uns sagten: Vor allen Dingen kommt es auf die Handelsbilanz an, darauf, daß die Familie Deutschland von ihren Einnahmen lebt und nicht jährlich ein Defizit hat, das durch Schulden gedeckt wird. Die Frage, wie wir es anstellen, unsere Unkosten zu verringern uni) unsere Arbeitsleistung zu steigern, stellen wir überhaupt nicht. Darum: allein aber dvcht es sich.
Was sind nun die Handlungsunkosten eines großen Landes? Die Hauptposten, liegen in Steuern (im Bilde der Firma geblieben: Derwaltungskosten), sozialen Lasten (Ver- sicherungen für die Angestellten), Post (interner Telephon- und Botenbetrieb), Eisenbahn (interne Bewegung von Waren aller Art). Diese vier hauptsächlichen Posten sahen vor dem
Kriege so aus:
. Steuern......5 Milliarden
Post ....... 0,750 , Bahnfrachten . « . . 2,16 , soziale Lasten 14 ,
Und das bei einer Gütererzeugung tm Werte von 40 Milliarden Vorkriegsmark. D i e Vorkriegsmark hatte eine Kaufkraft, die die der Reichsmark umrund ein Drittel überstieg. In heutigen Reichsmark betragen die Unkosten heute 18,35 Milliarden,
das heißt in Vorkriegsmark: 12,25 Milliarden. Und das bei einer Produktion, die in Reichsmark 45 Milliarden, in Vorkriegsmark 30 Milliarden beträgt. Jeder kann ausrechnen, daß, wenn vor dem verlorenen Kriege eine Produktion von 40 Milliarden 9 Milliarden Handlungsunkosten enthielt, mach dem verlorenen Kriege eine Produktion von 30 Milliarden nicht mehr als höchstens 6,75 Milliarden Handlungsunkosten enthalten darf. Jeder zieht den Schluß, daß unsere Produktton demgemäß 5,5 Milliarden zuviel Handlungsunkosten tragen muß. Das aber bedeutet, daß jede Ware, die vor dem Kriege 30 Mark kostete, heute auf 35,50 Mark verteuert wird, allein dadurch, daß der Staat der „Firma Deutschland" Unkosten aufpackt, die eine solche Steigerung des Preises der Produktion zwangsläufig bewirken. Eine Regierung., die mit Ernst Preisabbau treiben will, muß also zunächst einmal an die Handlungsunkosten des Staates herangehen.
Die Wirtschaft andererseits kann ihre Handlungsunkosten natürlich weitgehend abbauen, aber ob ohne Hilfe durch die Regierung, erscheint zweifelhaft. Die Regierung hält die Syndikate der Unternehmer mit Recht für ein preis- treibendes Moment. Sind es die Syndikate der Arbeitnehmer etwa nicht? Bedeutet die Syndizierung des Produktes Kohle etwas anderes als die des Produktes Arbeitskraft? (Durch Uebertreibung der zentralen Tarife?) Wenn heute, wie es im Westen geschehen ist, ein Werk einen großen Ausfuhrauftrag nur dann hereinnehmen kann, wenn die Arbeitnehmer sich mit einer Lohnermäßigung einverstanden erklären, die diesen Auftrag erst ermöglicht, so weiß niemand, ob die Behörde nicht nach Anfechtung dieser Vereinbarung mit einem Schiedsspruch kommt, welcher dem Werke nach- träglich die Zahlung der Differenz zwischen Tarif und vereinbartem Lohn aufbrummt und dadurch den ganzen Nutzen des Auftrages nachträglich in Verlust verwandelt.
Noch ist es Zeit, eine Katastrophe zu vermeiden. Die - grosse Krise selbst, an deren Anfang wir stehen — wir s i n d noch lange nicht am Tiefpunkt angelangt —, ist heute unvermeidbar. Sie muß kommen, weil die Beteiligten den Sinn des Gesetzes von der Leistung nicht rechtzeitig erkannt haben. Ihre Auswirkungen mildern kann man trotzdem heute noch.
Dr. Koch versucht die Kabinettsbildung
Berlin. Der demokratische Parteiführer Dr. Koch hat am Montag vormittag nach einer Unterredung mit dem Reichspräsidenten den Auftrag zur Regierungsbildung übernommen.
Amtlich wird hierüber folgende Mitteilung ausgegeben: „Der Herr Reichspräsident empfing am Montag vormittag den Reichsminister a. D., Abgeordneten Dr. Koch (Dem.) zu einer Besprechung über die zurzeit gegebene politische Lage und die Regierungsbildung. Er richtete hierbei an Herrn Dr. Koch das Ersuchen, auf der Grundlage der Großen Koalition die Regierungsbildung zu über- nehmen. Reichsminister a. D. Dr. Koch erklärte sich zur Annahme dieses Auftrages bereit.
Dr. Koch erklärt über die Gründe, weshalb er den Auftrag angenommen hat: „Ich habe den Auftrag des Reichspräsidenten zur Bildung des Kabinetts angenommen, weil ich die alsbaldige Bildung einer Mehrheitsregierung für eine Notwendigkeit ansehe und es nicht genügt, den Gedanken der Großen Koalition nur zu empfehlen, sondern weil es darauf antommt, sich dafür mit der Tat einzusetzen. Es ist erforder. lich, die Hindernisse klarzustellen, die sich hier entgegenstellen, und alles daran zu setzen, sie zu überwinden."
*
Dr. Koch hat sich sofort nach der Unterhaltung mit dem Reichspräsidenten in den Reichstag begeben, wo er die für die Große Koalition in Betracht kommenden Parteien zu einer Besprechung eingeladen hat. Der Abgeordnete Koch verhandelt zunächst über das von den Sozialdemokraten dem Reichspräsidenten vorgelegte Wirtschaftsprogramm und wird im Anschluß daran die Personenfrage erörtern. Man vermutet in parlamentarischen Kreisen, daß Koch
Dr. Luther als Reichsfinanzminister
in das Kabinett nehmen möchte und im übrigen der Deutschen Volkspartei eine Reche wichtiger Ministerien über, lassen will, um Bedenken der Deutschen Volkspartei nach Möglichkeit zu überwinben.
Wahrscheinlich aber werden die Verhandlungen schon bei bei Erörterung des fachlichen Programms scheitern, zu- mal die lozialdemokratische Fraktion immer weniger Neigung zur Bildung der Großen Koalition zeigt. Sollten Kochs Ver- Handlungen vergeblich letn, wird der Reichspräsident Dr Luther mit der Bildung eines Bean ntabmetts beauftragen, das dann insofern einer Mehrheit tm Reichstag sicher sein könnte, als nach dem Scheitern aller anderen Kom
binationen eine Billigungsformel wohl die Unterstützung einer Mehrheit finden würde.
♦
Am Montag nachmittag trat die demokratische Reichs» tagsfraktion zu einer Sitzung zusammen, in der der Vorsitzende Reichsminister a. D. Dr. Koch über seine Besprechungen mit dem Reichspräsidenten Bericht erstattete und in der die Demokratische Partei die Richtlinien für Dr. Koch festlegte.
Die Verhandlungen zur Bildung der Großen Koalition.
Berlin. Ueber die Verhandlungen des Reichsministers a. D. K o ch mit den Parteien, die für die Bildung der Großen Koalition in Frage kommen, wird aus parlamentarischen Kreisen bekannt, daß bei den Sozialdemokraten Geneigtheit vorhanden ist, an dieser Großen Koalition mit- zumachen. Die Sozialdemokraten verlangen, daß die anderen Parteien zu dem von der sozialdemokratischen Reichstagsftaktton veröffentlichten Arbeitsprogramm Stellung nehmen. Die Vertreter der Deutschen Volks- partei erklärten, daß sie bereit seien, an den Verhandlungen des Abgeordneten Koch teilzunehmen, daß sie aber hinsichtlich des Programms manche Bedenken haben. Die Vertreter des Zentrums sagten dem Abgeordneten Koch ihre Unterstützung zu. Auch die Bayerische Volks- partei erklärte sich bereit, bei den Verhandlungen mitzu- wirken. Die Wirtschaftliche Vereinigung behielt sich vor, ein etwaiges Ministerium Koch von Fall zu Fall zu unterstützen. Reichsminister a. D. Koch wird nun ein Arbeitsprogramm ausarbeiten und es am Dienstag vormittag den Parteiführern vorlegen. An diesen Verhand- lungen wird auch der Reichsarbeitsminister Brauns teil- nehmen.
Zur Hilfsaktion für die Bramien.
^ Berlin. Aus Kreisen der Beamtenschaft wirb mitgeteilt: Die Zeitungsnachrichten, wonach der ursprünglich im Hauptausschuß eingebrachte Antrag der Deutschen Volkspartei, des Zentrums und der Wirtschaftspartei, der eine sozial ab- gestufte Beihilfe für alle Beamten vorsah, zurückgezogen und durch denAntragErsing (Zentrum) ersetzt werden soll, hat in den Kreisen der mittleren und oberen Beamtenschaft größte Beunruhigung ausgelöst.
Die gesamte Beamtenschaft wünscht eine Beihilfe für die am schwersten unter der Not leidenden Gruppen, hält aber eine B es chränkung auf bestimmte Besoldungsgruppen fil r nicht richtig, wie dies auch von der Re- gierung betont wurde. Ganz unerträglich wäre es aber, mit dieser Frage eine plötzliche und grundsätzliche Neuregelung des Besoldungsgesetzes zu oerbinben. Die Beamtenschaft erwartet, daß diese für den Staat sehr wichtige Frage reiflicher Ueberlegung vorbehalten bleibt.
Um die Freiheit der deutschen Luftschiffahrt.
Am 18. Dezember Luftfahrtkonferenz.
Berlin. Die seit einigen Tagen ermattete Note der Bot» schasterkonferenz über die kommenden Luftfahrtverhanblun- gen ist in Berlin eingetroffen. Sie enthält die Einladung der deutschen Delegierten zum Freitag, den 18. Dezember, nach Paris. Die deutsche Delegation besteht aus Vertretern des Auswärtigen Amtes und des Reichsverkehrsmini- steriums. Die wird am Mittwoch von Berlin abreffen.
Ueber den Inhalt der Note, die recht kurz sein soll, be- wahren die beteiligten Stellen völliges Stillschweigen. Immerhin soll die Hoffnung berechtigt sein, daß die Verhandlungen im Geiste der Verständigung geführt werden.
Der deutsche Gedanke in der Welt.
Ansprache Dr. Stresemanns.
In jedem Jahre einmal empfängt die größte unter den reichshauptstüdtischen Pressevereinigungen, der „Verein Ber- liner Presse" die Reichsregierung im Reichstagsgebäude. Den: eigentlichen Empfang am letzten Sonntag ging ein hervorragendes künstlerisches Konzert voran, in welchem u. a. Elaire Dux zum letzten Male, bevor sie wieder auf längere Feit nach Amerika geht, ihre wundervolle Stimme ertönen ließ. Neben den Mitgliedern der Regierung des Reichstages und des Landtages waren Kunst und Wissenschaft sowie alle führenden Kreise Berlins in reichem Maße vertreten. Nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden des „Vereins Ber- liner Presse", Dr. Kurt Metger, ergriff Reichsaußenminister Dr. Stresemann das Wort zu einem
Vertrag über kulturpolitische Probleme.
Dabei ging ör auf die Tatsache ein, daß 30 Millionen deutschen Volkstums außerhalb der Grenzen des Reiches ansässig seien. An dem Beispiel von Bozen, wo das Denkmal Wal»