hersfel-er Tageblatt
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Rr. 281
Dienstag, den 1. Dezember
1925
Das Wichtigste.
— Die deutsche Delegation zur Unterzeichnung des Locarnovertrages ist am Montag nachmittag inLondon eingetroffen.
— Ueber Die UmgruppierungüerVesatzungs- trappen ist zwischen Frankreich und England immer noch keine Einigung zustande gekommen. Frankreich will seine Besatzungsarmee möglichst wenig verringern.
— In der Frage der Regierungsum bild nie im Reiche werden schon während der Abwesenheit des Reichskanzlers unverbindliche ParteifUhrerbesprechungen stau- ftnden.
Die Leibesübungen in der neuen Lehrerbildung in Preußen.
Hon Geh.-Rat Dr. phil. u. Dr. raed. h. c. Sickinger, Mannheim.
Die von der Reichsverfassung geforderte hochschulmäßige Ausbildung der Volksschullehrer soll in Preußen nach einer Denkschrift des Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung auf besonderen Lehrerhochschulen, Pädagogischen Akademien, erfolgen. In dem für alle Besucher verbindlichen Lehr- und Stundenplan dieser Anstalten sind für Leibesübungen in allen vier Studienhalbjahren je drei Wochen st unden vorgesehen. Dazu kommen gelegentliche Wanderungen und für jeden Besucher im zweiten und dritten Halbjahr für Unterrichtsbesuche und -versuche je vier Stunden. Freiwillige Betätigung in Leibesübungen ermöglichen Arbeitsgemeinschaften in allen vier Halbjahren in je zwei Wochenstunden. Als Maßstab der Auswirkungsmöglichkeit der Leibesübungen im Gesamtplan der Lehrerausbildung können nur die verbindlichen Stunden dienen. Insgesamt beziffern sich diese für den einzelnen Besucher in jeoem Halbjahr auf durchschnittlich 29 Wochenstunden. Die drei für Leibesübungen vorgesehenen Stunden machen also rund ein Zehntel der pflichtmäßigen Wochenstunden aus.
Hält man sich die vielfachen Aufgaben vor Augen, die heute dem Erziehungsmittel der Leibesübungen weit über das gesundheitliche Ziel hinaus zur (Entfaltung von seelischen und Charaktereigenschaften zufallen, so erweckt diese Zuteilung eine starke Enttäuschung. Hier war Gelegenheit geboten, in der Persönlichkeitsausbildung nach langem Reden einen tüchtigen Schritt vorwärts zu tun, indem das Turnen nicht länger als armseliges Nebenfach zur Aneignung körperlicher Fertigkeiten, sondern als die eine lebenswichtige Seite der Gesamterziehung des deutschen Menschen aufgefaßt und ihr der gebührende Betättgungsspielraum in der Erziehung der künftigen Jugendbildner gesichert wurde. Im besonderen war in Anschlag zu bringen, daß für die Werte, die der Volksschullehrer ehedem aus dem Dienst im Volksheer gezogen hat, voller Ersatz geschaffen werden mußte.
Aber auch die künftighin erweiterten Ansprüche des Volkslebens an die Lehrerschaft waren zu berücksichtigen. Damit die körperlichen Uebungen der Schule ins Volksleben hineinwachsen, bedarf es allerorten einer steigenden Zahl von Persönlichkeiten, welche die Turn- und Sportorganisationen sowie die Jugendverbände als Berater und Führer fördern. Dafür kommen in erster Linie die Lehrer aller Schularten, vorab die Dolksschullchrer, in Betracht; denn diese haben auch im kleinsten Dorfe ihre Wirkungsstätte. Mit aller Anerkennung sei vermerkt, daß in der Denkschrift unter dem Abschnitt „Das Ziel der Lehrerbildung" der Satz vorangestellt wird: „Der Dolksschullchrer muß in erster Linie befähigt sein, als Bo lksbi l d ner und Bol kserz ieh e r zu wirken." Im engsten Anschluß an diesen Satz wird dann verlangt, daß Lebensnähe ein Wesensmerkmal seiner Bildung sein müsse: Verständnis für alle Seiten des Volkslebens, Befähigung, dem Volke die Bildungsgüter zu vermitteln, deren es bedarf. Welche Gedankengänge rufen diese programmatischen Sätze wach? Zu den Bildungsgütern, die unserem Volke zur leiblichen und sittlichen Gesundung am unmittelbarsten not tun, gehört mit in erster Reihe eine gut berat e n e K ö r p e r - kultur. Die Befähigung zu ihrer Vermittlung hat den künftigen Volksbildnern und Volkserziehern eine entsprechend gestaltete Berufsausbildung zu gewährleisten.
Dazu bedarf es aber eines zweiten Zehntels der Pflichtstunden für den Betrieb der Leibesübungen, das heißt, Durchführung der täglichen Turn stunde. Mit diesem Ausmaß der Leibesübung wird zugleich der notwendige Ausgleich gegenüber den .allzu hohen Forderungen der Neuordnung an die Aufnahme- und Leistungsfähigkeit der jüngeren Akademiebefucher geschaffen.
Uebrigens wird stch bald erweisen, daß die aus Sparsamkeit gewühlte zweijährige Berufsausbildung des Volksschullehrers zu knapp bemessen ist; sie muß, sobald es die Verhältnisse ermöglichen, durch die drei- jährige ersetzt werden. Die Denkschrift ist sich der Unvollkom- menheit der jetzigen Regelung auch bewußt. Sie enthält den aungerweckenden Satz: „Es kommt zur Zeit bei der Neu- ung der Volksschullehrerbildung nicht so sehr darauf an, Fertiges als vielmehr Entwicklungsfähiges zu schaf- fen." Die Entwicklungsfähigkeit des vorliegenden Programms
der Lehrerhochschulen ist ohne weiteres zuzugestehen. Daß die Entwicklung den Leibesübungen in der Lehrerbildung das gekennzeichnete volle Bürgerrecht wirklich auch bringen wird, dafür bürgen folgende Tatsachen: Zunächst die vom Ausland her wirkenden Antriebe, wie die Einführung einer täglichen Turnstunde in den französischen Volksschulen (1923) und die Schaffung eines Turn- und Sportpflichtgesetzes in Frankreich, Belgien, Rußland, Polen, Ungarn und in der Tschechoslowakei. Sodann das rasche Wachsen der Turn- und Sportbewegung auch in unserem Volke, wofür u. a. aus der jüngsten Zeit die im Hauptausschuß des Preußischen Landtages erfolgte Annahme eines Antrages auf Einführung der täglichen Turnstunde in allen Schulen zeugt. Endlich, aber nicht an letzter Stelle, der fortschrittliche Geist, der in neuerer Zeit aus verschiedenen Erlassen des Preußischen Unterrichtsministeriums spricht: so aus dem Erlaß über die Pflege der Leibesübungen in den höheren Lehranstalten vom 24. Juni 1924, aus den Richtlinien für den Lehrplan der höheren Schulen, aus dem Erlaß über die Verpflichtung der künftigen Lehrer an den höheren Schulen zur Teilnahme an gymnastischen Kursen während ihrer Studienzeit.
Möge der Vormarsch nach dem bezeichneten Ziel nicht lange auf sich warten lassen!
Die Besprechungen in London.
£ London. Gegenstand der Verhandlungen in London wird, wie von französischer Seite verlautet, der gesamte, mit dem Vertrage von Locarno zusammenhängende Fragenkomplex und insbesondere die Erleichterungen des Besatzungsregimes bilden. Wahrscheinlich werden gelegentlich der Unterzeichnung des Vertrages von Locarno die polnischen und tschechoslowakischen Delegierten über gewisse Fragen einen Meinungsaustausch zwischen den englischen und französischen Unterhändlern herbeiführen, und man glaubt zu wissen, daß bereits eine Unterredung zwischen Chamberlain und Skrzynski vereinbart ist.
Es ist kaum anzunehmen, daß die verschiedenen zur De- M*. SMM MgW ' % Zon^L.. e^Lfm^ behondelt werden, und man rechnet daher damit, daß die Besprechungen gelegentlich eines Pariser Aufenthaltes Chamberlains wieder ausgenommen werden. Bekanntlich begibt sich der englische Außenminister nach Genf, um der Abrüstungsdebatte des Völkerbundrates beizuwohnen. Es wird mit der Möglichkeit gerechnet, daß Briand ihn begleiten wird, wenn es ihm die parlamentarische Situation erlaubt, sich für 48 Stunden aus Paris zu entfernen. Man glaubt jedenfalls zu wissen, daß der englische Außenminister schon einen dahingehenden Wunsch geäußert hat. Chamberlain wird während seiner Reise nach Genf eine Zusammenkunft mit T s ch i t s ch e r i n haben.
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Eine Note der Reichsregierung an die Alliierten.
Nach einer Pdriser Meldung sollen die Alliierten eine Note der deutschen Regierung erhalten haben, in der folgende Forderungen gestellt werden:
1. Erhebliche Verringerung der Besatzungstruppen.
2. Verkürzung der Räumungsfristen.
3. Aufhebung der Vorschriften für den Bau von Flugzeugen.
Insbesondere beanspruche die Reichsregierung das Recht zum Bau von Riesenflugzeugen. Sie habe sich dagegen schriftlich verpflichtet, daß von dem Bau militärischer Flugzeuge abgesehen werde.
Noch keine Einigung über die Umgruppierung der Besatzungstruppen.
94 000 Franzosen im Rheinland.
- Paris. Zwischen Paris und London- ist über die Bei- behaltung der Besatzungstruppen im Rheinlaude ein reger Meinungsaustausch im Gange. Zwischen der Botschafterkonferenz und den Generalen D u c a n e und Guilleau - mat haben in dieser Frage Beratungen stattgefunden. Die Botschafterkonferenz erklärte sich aber mit dem Umtausch der in der zweiten und dritten Rheinlandzone verbleibenden Truppenbestände nickst einverstanden. Man erwartet nunmehr, daß diese Frage durch den Meinungsaustausch zwischen Paris und London eine wesentliche Klärung erführt.
Die Belgier hatten im besetzten Gebiet 15000 Mann und werden fortan nur 7000 haben. Die englischen B e s a tzu n g s t r u p p e n betrugen 8900 nimm und werden auf 8000 vermindert. Die Franzosen hatten alles in allem 94 000 Mann, davon 64 000 Mann in der zweiten und dritten Zone, 30 000 Mann werden im Zusammenhang mit der Räumung der ersten Zone abtransportiert. Was die ver- bleibenden 64 000 anbeiaugt, so sollen sie wesentlich vermindert werden. Obwohl hierüber noch kein endgültiger Beschluß gefaßt ist, glaubt man zu wissen, daß sie auf 30 000 bis 35 000 Mann herabgesetzt werden und zusammen mit den Sanitätern und dem Büropersonal 40 000 bis 45 000 Mann ausmachen. Jedenfalls ist die Frage der Umgruppierung und der Unterbringung der französischen Truppen in Wiesbaden noch nicht endgültig geregelt.
Die Freude über die Ablösung der französischen Besatzung durch die Engländer im größeren Teil des Regierungsbezirks Wiesbaden ist so groß, daß sogar in Wiesbaden.
dem Sitz des Kommunallandtags, sämtliche Zeitungen beschlossen hatten, am Sonntag keinen Dienst zu tun.
Englischer Besatzungsabbau.
$ London Nachrichten aus Köln zufolge verlassen am 1. Dezember 1 Offizier und 100 Mann Köln. Am folgenden Tage wird wieder eine kleine Abteilung abfahren. Am 3. Dezember wird das L Bataillon des Manchester-Regiments nach Königstein abgeetm. Die Rheinflottille, bestehend aus 5 Motorfchaluppen und 6 kleinen Booten, stellt ihre Operationen am 1. Dezember einstelle«. Die Besatzungen werden am 6. Dezember die Heimreise antreten.
Belgien stellt die Schandprozesse ein.
Berlin. Die Berliner belgische Gesandtschaft teilt mit: Die deutsche Regierung ist durch die belgische Regierung be- nachrichtigt worden, daß der Beschluß gefaßt worden ist, die in contumaciam noch schwebenden gerichtlichen Verfahren für Verbrechen oder Delikte, welche durch Deuffche in Belgien während des Krieges begangen sein sollen, nicht weiter zu verfolgen. Dieser Beschluß ist wegen der damit verbundenen Schwierigkeiten in bezug auf gerichtliche Verfahren, welche in contumaciam nach vielen Jahren verfolgt werden, und wegen der hohen Kosten dieser Prozesse, die keinen praktischen Wert darstellen, gefaßt worden.
Die belgische Regierung ist außerdem der Meinung, daß nach der Konferenz von Locarno die Weiterverfolgung der- arttger Prozesse unnützerweise ein Hindernis für die zu wünschende Beruhigung zwischen beiden Ländern bilden würde.
Deutschlands Anmeldung zum Völkerbund erst nach der Räumung Kölns.
£ London. Aus Genf wird berichtet, daß Deutschland im Laufe der kommenden Tagungsperiode keinen Antrag auf Zulassung zum Völkerbund stellen werde. Deutsch- ^..land habe den Wunsch, die Räumung der Kölner Zone ab» zuwarten, ehe' es sich zu der Ginreichung des Aufnahme- gesuches entschließe.
Der Deutsche Ostbund zu Locarno.
£ Berlin. Der Deutsche Ostbund, der in Berlin zu einer mehrtägigen Tagung zusammengetreten war, um zu der politischen Lage, insbesondere den für die Ostprovinzen geschaffenen Verhältnissen Stellung zu nehmen, hat zum Schluß der Tagung folgende Entschließung gefaßt:
„Der Deutsche Ostbund stellt sich in Uebereinstimmung mit der Reichsregierung auf den Standpunkt, daß der Kampf
um Abänderung der Ostgrenzen durch das Vertragswert von Locarno keine Beeinträchtigung erfahren hat, und wird weiter in alle friedlichen Bestrebungen, die auf Zurückgewinnung der alten Heimat im Osten (Ostpreußen, Westpreußen, Posen und Oberschlesien) gerichtet sind, in jeder nur möglichen Weise fördern und stützen."
Zur Neubildung der ReichSregierung.
£ Berlin. In der Frage der Regierungsneubildung werden bereits während der Abwesenheit der deutschen Delegation in London und noch vor der für Sonnabend in Aussicht stehenden Gesamtdemission des Kabinetts Vorbesprechungen geführt werden. Die unverbindlichen Diskussionen über diese Fragen sind ja schon seit längerer Zeit im Gange, jedoch werden im Laufe dieser Woche die ersten offiziellen Beratungen zunächst zwischen den Vertretern der bisherigen Regierungsparteien ausgenommen werden. Ursprünglich war für Montag eine solche Parteiführerbesprechung in Aussicht genommen, jedoch ist diese erste Unterredung verschoben worden. Sie wird jedenfalls in diesen Tagen stattfinden. Irgendwelche positiven Aus sichten für die Neubildungdes Kabinetts, welches wahrscheinlich wieder unter der Führung des bishrigen Reichskanzlers stehen dürfte, sind noch nicht vorhanden, und man rechnet ganz allgemein mit einer längeren Dauer der Krise.
Neue Anträge im Reichstag.
Berlin. Im Reichstage sind wieder eine große Anzahl von Anträgen aller Parteien eingegangen, die Maßnahmen verlangen, um der gegenwärtigen schwierigen Wirtschaftslage Rechnung zu tragen.
Ein'Antrag Lambach (Dnatl.) fordert einen Gesetzentwurf zum Schutze des nationalen Arbeitsmarktes. Der Gesetzentwurf soll Deutschland befähigen, Absperrungsmaß- mahmen fremder Regierungen gegen deutsche Angestellte, Arbeiter und sonstige Persönlichkeiten deutscher Staatsangehörigkeit durch entsprechende deutsche Gegenmaßnahmen zu beantworten. Ein weiterer deutschnationaler Eintrag ersucht die Reichsregierung, die bisher gestundeten und jetzt fällig werdenden Steuern in den Füllen offenbarer Zahlungsun» fähigkeit weiterhin zu stunden und gegebenenfalls ganz oder teilweise zu erlassen. — \
Ein Antrag Mollath (Wirffch. Vergg.) fordert Auf- Hebung der erhöhten Umsatzsteuer mit Wirkung vom 1. Ja-