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Hersfelöse Tageblatt

Hersfelöer Kreisblatt"

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfels

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Nr. 278

Freitag, den 27. November

Das Wichtigste.

Die Reichsregierung hat durch den deutschen Bot­schafter in Paris, Herrn von Hoesch, Protest gegen die Truppenvermehrung in Trier und Jülich erhoben.

Der Präsident der französischen Republik hat Herriot mit der Kabinettsbildung beauftragt. Die Sozialisten haben Herriot die Unterstützung versagt.

In Berlin wurde in Anwesenheit des Reichspräsiden­ten die Deutsche Automobilausstellung er. öffnet

Eine alte Kriegslüge.

Das Lügen ist eine menschliche Eigenschaft, die so lange besteht, wie es Menschen gibt. Aber selten ist derart mit Lügen gearbeitet worden wie im vergangenen Weltkriege. Richt daß ein Mensch den anderen mehr belog als in ruhi­gen Friedenszeiten, sondern daß die Lüge als offizielles Kriegsmittel benutzt wurde, das man gegen den Feind an- wandle, war das Neue.

So hatte England während des Krieges einen treuen und wertvollen Bundesgenossen in der Propaganda- und Lügenpresse ihres LordNorthcliffe. Er verstand es, von London aus mit einem Netz von Lügen und Hetzartikeln die Welt zu umgarnen, aus dem es Sein Entrinnen gab. Diese Presse erfand die Märchen von den deutschen Kriegs- greueln und der deutschen Barbarei. Sie schuf den Typ des deutschen Barbaren" im Feindesland. Systematisch wurden die Bundesgenossen Englands so gut wie die Neutralen mit . allerlei Lügennachrichten über Deutschland versorgt, und nicht zuletzt war es Englands Erfolg, daß sich kaum in der Welt während des Krieges Sympathien für Deutschland fanden. Die Northeliffe-Presse hatte Riesenerfolge zu ver­zeichnen, mindestens solche Erfolge wie die englischen Trup- pen an der Front.

Sieben Jahre sind seit Kriegsende verflossen, und noch ist es längst nicht gelungen, den guten Ruf und die Ehre des in den Schmutz gerissen wurden, wiederherzustellen. Vielleicht trägt die deutsche Presse selbst einen Teil der Schuld daran, daß sie sich während des Krieges nicht genügend gegen den Hetzfeldzug der Feindbundstaaten gerüstet hatte. Es liegt aber auch nicht im Charakter des Deutschen, sich gegen Anwürfe so niedriger Art zu wehren, wenn er von vornherein die ganze Grundlosigkeit zur Lüge und die Gehässigkeit erkannt hat. Der Deutsche ist nun einmal von jeher ein offener, gerader Mensch gewesen, der es verabscheute, gegen Intrigen und Heuchelei Front zu machen, da er meinte, sein guter und ehrlicher Name genüge, um Lüge und Hetze zunichte zu machen.

Wir leben in der Zeit, in der derGeist von Locarno" die Welt dmchdringen soll, in der Bersöhnungspolitik, die Haßpolitik ablösen soll. Da wird in London eine alte Kriegs- lüge laut, die noch einmal an jene Zeiten niedrigster Berleum- dung erinnert. Im englischen Unterhaus kam vor wenigen Tagen die alteK ad a v e r g e s ch i ch t e" zur Sprache. Der liberale Abgeordnete Kenworthy fragte den englischen Kriegsminister Evans, ab er mit Rücksicht auf die Emp­findungen, die in Deutschland durch das Wiederaufleben der Gerüchte über die sogenannteLeichenverwertungsfabrik" hinter den deutschen Linien im Weltkriege verletzt wurden, Mitteilungen über die Quelle des Gerüchtes und über den Grad geben könne, in dem es damals vom englischen Kriegs­amt gutgeheißen wurde. Der englische Kriegsminister Evans fand leider nicht die Worte, um mit einem Schlage diese elende Lüge aus der Welt zu schaffen. Ueber dieLeichen- verwertungsanstalt" wurden während des Krieges von der berüchtigten Northeliffe-Presse die wildesten Gerüchte in die Welt gesetzt. Sie knüpfen an die Meldung eines Berliner Blatts an, in dem der Kriegsberichterstatter von einer Ka- daver-Verwertungsanstalt erzählte, in der das gewonnene Fett zu Schmieröl verarbeitet und alles andere zu Pulver zerrieben als Beimengung zu Schweinekutter und als Düngemittel Verwertung fände. Daraus hat die englische und französische Presse ein Märchen gemacht, indem sie das WortKadaver" auch auf den menschlichen Leichnam bezog.

Der englische Kriegsminister hätte jetzt, gerade in dem Augenblick, wo ja der überall gepredigte Veri öhnungsigeist seinen Siegeszug über die Welt antreten soll, die beste Ge- Iegenl)eit gehabt, eine so schwere moralische Verschuldung, wie sie England durch dieses Kriegsmärchen auf sich geladen hat, wieder gutzumachen. EinGentleman", wie es der Engländer stets sein will, hätte durch einen Widerruf die Lüge aus der Welt geschafft. Der englische Kriegsminister aber fand nicht die rechten Worte, die ihm bei dieser Frage zugekommen wären. Mit einer hohlen Phrase geht er um nie ganze Angelegenheit herum, und muß es sich nun gefallen * lassen, daß wir Deutsche in ihm keinenGentleman" erblicken., st Wir können nur sagen, daß die Engländer einen guten Mo- fj-nent, um sich einer moralischen Schuld gegen Deutschland zu entledigen, haben vorübergehen lassen. Und kein Englän- 1 der darf sich darüber wundern, wenn man ihm jetzt ent- gegenhält, daß das beutst Mißtrauen gegen ferne früheren Feinde einen Beweis für seine Berechtigung gefunden bat. Ein Teil der englischen Presse empfindet selbst die Würde- losigkeit des englischen Kriegsministers und scheut sich nicht, seine Art als eineNiedrigkeit der Gesinnung" zu bezeich­

nen, diekaum weniger verächtlich ist als das ursprüngliche Vorgehen". Diese Presse fühlt selbst, daß ein aufrichtiger Ausdruck des Bedauerns und ein amtliches Dementi dieser Kriegslüge England die allgemeine Achtung gewonnen hätte. Wer freilich, einem Manne, der erklärt, er könne nicht glau­ben. oaß dem öffentlichen Interesse durch weitere Fragen über diese Geschichte irgendwie gedient sei, darf man ein frei­mütiges Bekenntnis und das offene Eingeständnis, daß die ganze Geschichte eine infame Lüge ist, nicht zumutem An solchem Manne muß auch derGeist von Locarno" spurlos vorübergehen. Dr. M.

Die zweite Lesung des Locarno-Vertrages

Am Donnerstag nachmittag begann im Reichstage die zweite Lesung des Locarno-Gesetzes. Zur Be­ratung gestellt waren die drei Mißtrauensvoten der Deutsch nationalen, der Völkischen und der Kommu­nisten sowie der Antrag der Deutschnationalen Volkspartei und der Wirtschaftlichen Vereinigung, die Frage des Ein­tritts in den Völkerbund in einem besonderen Ge­setz zu regeln.

Als erster Redner nahm der Sozialdemokrat Lands- b e r g das Wort. Er beschäftigte sich zuerst mit den Schwie­rigkeiten, die ein Staatsmann finde, wenn er eine bedeut­same politische Aktion einleite, deren Wirkung man noch nicht übersehen könne. Landsberg bekämpfte dann den frühe­ren deutschnationalen Abgeordneten Roth, der die Anhänger des Locarno-Dertrages als Volksverräter bezeichnet habe___

Im weiteren Verlauf seiner Rede- fragt der Abg. Lands- berg den Grafen Westarp, ob er von Locarno die sofortige Befreiung des Rheinlandes erhofft habe. Graf Westarp antwor­tet mit einem Ja. Landsberg meint, der Locarnopakt brächte uns Schutz vor neuen Sanktionen. Du Ablehnung von Locarno würde uns in die alte Rechtlosigkeit z rückwerfen. Unte' Zischen auf der rechten Seite des Hauses behauptet der Redner, die Po­litik der Deutschnationalen sei unsittlich.

Diesen Vorwurf der Unstttlichkeit weist der nächste 'ebnet, der deutschnationale Abg. Wallrif, zurück. Der r-^net kommt dann auf die von dem Abg. Scholz den Deutschnatio- .sprechen. Er

an, das Plakat:Nimm Rücksicht auf anbere!" in jedem Frak- tionszimmer aufzuhängen. Mit dem PlakatNicht abspringen während der Fahrt" müsse er sich noch länger beschäftigen.

Der Redner geht auf die verschiedenen Sicherheitsangebote ein. Während das Angebot Eunos zeitlich.begrenzt war und schon dadurch erkennen ließ, daß damit kein Verzicht auf deut­sches Land und Volk ausgesprochen wurde, sei man wegen des Februar-Memorandums anderer Ansicht. In Europa verbreite sich immer mehr die Einsicht, daß eine Gesundung ohne ein ge­sundes Deutschland ausgeschlossen sei. Entsprechend der Bismarck- schen Politik hätte man den richtigen Moment abpaffwt müssen, das eigene Gewicht in die Wagschale zu werfen.

Würden wir in den Völkerbund eintreten, schlössen sich die Türen unweigerlich hinter uns. Das Mißtrauen gegen den Völ­kerbund sei uns geradezu aufgezwungen worden. Die Bedenken gegen den Artikel 16 habe der Reichskanzler nicht entkräften kön­nen. In militärischer Hinsicht dürfe man Deutschlands geogra­phische Lage nicht vergessen.

Herr B e n e s ch habe zwar gesagt, daß Deutschland im Völkerbund selbst entscheiden könne, ob es mittun wolle oder nicht. Würde dann aber nicht im Völkerbund ein Konflikt zwischen dem deutschen Beschluß und dem Beschluß der anderen Völkerbund­mitglieder entstehen können? Ein solcher Konflikt würde immer zuungunsten Deutsichlands entschieden werden. Deutschland solle einen Sitz im Völkerbundrat erhalten. Auch Polen beanspruche einen solchen Sitz. Dadurch würde Deutschlands Stellung nur verschlechtert. In Frankreich habe man sich dahin geäußert, daß der Vorteil des Vertrages von Lycarno vom belgischen und fran- \ zösischen Standpunkt aus der sei. daß Deutschland freiwillig den bisherigen Zustand anerkenne. Es sei gesagt worden, wir könnten leichten Herzens auf das verzichten, was uns doch verschlossen sei. Habe aber Frankreich sieben Jahre nach dem Frankfurter Frieden in einem Staatsvertrag freiwillig erklärt, daß die Rechte und Pflichten aus dem Frankfurter Frieden unberührt bleiben? Fürst Bismarck selbst sei der Meinung gewesen, man könne es Frankreich als einer Großmacht nicht zumuten, daß es sich mit dem Frieden von Frankfurt abfinden solle.

Dann kommt der Kommunist Schneller zum Wort. Der Pakt von Locarno solle nach den Aeußerungen des Herrn Eham- berlain keine Spitze gegen eine andere Macht enthalten.

Abg. Dr. Der n bürg (Dem.) erklärt, die deutschnationale Politik sei dieselbe, die schließlich zum Sturze Bismarcks und zu Versailles führte. Die Welt nach Locarno sei nicht mehr die Welt von Locarno. Wenn die Regierung rechtzeitig den Eintritt in den Völkerbund erklärt hätte, dann hätte sie den Umweg über Locarno vermeiden können. Locarno ist eine Rotgemeinschaft der­jenigen, die die ungeheuren Folgen des Weltkrieges gespürt haben. Die Vernntwortnngslosigkeit der Deutschnationälen und Stammn» nisten gehe über alles Maß hinaus. Locarno muß und wird an­genommen werden. Gesunder Menschenverstand und guter Wille seien allein heute notwendig, um den Frieden aufrecht zu erhalten

Abg. H a m p e (Wirtsch. Vereinigg.) fordert Regelung der Völkerbündsfrage durch ein besonderes Gesetz. Der Redner gibt zu, daß Meinungsverschiedenheiten in seiner Partei bestehen.

Der Abg. D-. Bayersdörser von der Bayerischen Volks- partei verweist auf die überstarke Besetzung im Rheinland und bat dadurch hervorgerufene Wohnungselend, das zur Verelendung »et

Bevölkerung führe. Wenn das Werk von Locarno überhaupt einer Zweck haben soll, müßte die Besatzung beseitigt oder die Besatzungs- fristen abgekürzt werden. Wenn der Vertrag nicht den Gesamt- intereffen Deutschland diene, müßte er abgelehnt werden.

Der Völkische Abg. H e n n i g warnt vor der Locarno-Psychose, die uns ins. Unglück bringe.

Damit ist die Debatte beendet.

Die Abstimmung über Artikel 1, Genehmigung der Locarno- Verträge, ist auf Antrag der Deutschnationalen namentlich Artikel 1 wird mit 271 gegen 159 Stimmen angenommen. Dagegen stimmen die Deutschnationalen, die Völkischen, die Kommunisten und ein Teil der Wirtschaftlichen Vereinigung.

Hierauf trägt der Abgeordnete Leicht von der Bayerischen Volkspartei folgende folgende Entschließung seiner Fraktion zum Artikel 2 der VorlageEintrit in den Völkerbund" vor.

Die Regierung wird ersucht, von der Ermächtigung des Artikels 2 des Gesetzes nur Gebrauch zu machen, wenn durch weitere Tatsachen die Auffassung der Regierung bestätigt wird, daß die Gegenseite in den schwebenden Fragen, insbesondere bei Rheinlande, eine Politik der friedlichen Verständigung befolgt." .

Der Redner erklärt, daß mit Rücksickt auf diese Entschließung er bei der dritten Beratung der Vorlage nicht zur Abstimmung kommen wird und seine Fraktion sich in der zweiten Lesung bei der Abstimmung über Artikel 2 der Stimme enthalten werde.

Die Abänderungsanträge der Deutschnationalen Volkspartei und der Wirtschaftlichen Vereinigung, die beide die gleiche Forde­rung enthalten, nämlich die Ermächtigung der Reichsregierung, die für den Eintritt des Deutschen Reiches in den Völkerbund er- forderlichen Schritte zu tun, durch besonderes Reichsgesetz zu regeln, werden abgelehnt, der deutschnationale Antrag mit 242 gegen 169 Stimmen bei 19 Enthaltungen, der Antrag der Wirt­schaftlichen Vereinigung mit 245 gegen 170 Stimmen bei 19 Ent­haltungen.

Es folgt dann die Abstimmung über Artikel 2 selbst, wo­nach die Reichsregierung ermächtigt wird, die zum Eintritt Deutschlands in den Völkerbund erforderlichen Schritte zu tun. Dieser Artikel wird in einfacher Abstimmung gegen Deutschnatio- nale, Völkische, Kommunisten und einen Teil der Wirtschaftlichen Vereinigung angenommen. Angenommen wird auch Artikel 3, wonach dieses Gesetz mit dem auf die Verkündigung folgenden Tage in Kraft tritt. Damit ist die zweite Lesung des Locarno- gesetzes erledigt.

_ Nbr zur dritten Lesung des Locarnogesetzes.

»

Bei den Verhandlungen des Auswärtigen Ausschusses ist auch das juristische Gutachten über den Charak­ter der Locarno-Verträge Gegenstand der Erörterung ge­wesen. Dieses Gutachten ist auf Veranlassung des Reichs­kanzlers vor etwa vierzehn Tagen hergestellt worden. In- zwischen sollen jedoch einzelne Darlegungen dieser kompli­zierten juristischen Arbeit durch die Aussprache zwischen Re­gierung und Parteiführern überholt worden sein. Der Wortlaut des Gutachtens selber ist von der Regierung dem Auswärtigen Ausschuß zur streng vertraulichen Behandlung übermittelt worden. Bei der dritten Lesung der Locarno- Verträge im Reichstag wird die Regierung über die Streit­frage des verfassungsändernden Charakters der Locarno-Ver­träge eine eingehende Erklärung abgeben.

Wer unterzeichnet den Locarno-Vertrag?

£ Berlin. Die Frage der Unterzeichnung der Locarno- Vertrüge ist auch jetzt noch nicht endgültig entschieden. Es hat sich inzwischen berausgefteüt, daß diese Frage lediglich von der Entwicklung der Kabinettskrise in Frankreich ab. hängig ist. Die deutsche Regierung würde, wie verlautet, sowohl mit der Unterzeichnung durch die Botschafter wie durch die Delegierten einverstanden sein. Sollte die fran­zösische Regierungsfrage rasch gelöst werden, so bestünde immer noch die Möglichkeit, daß sich die Außenminister nach London begeben. Für den Fall der fortdauernden Krisis ist es wahr, scheinlicher, daß die Unterzeichnung, die keinesfalls aufge- schoben werden soll, durch die Botschafter vorgenommen wird.

Deutscher ploiest gegen die Truppen- verwehrung in Trier und Zülich.

^ Paris. Die Reichsregierung hat ihren Botschafter in Paris, Herrn v. Hoesch, beauftragt, gegen die Verstärkung der Besatzungstruppen in Trier Protest einzulegen. Der deutsche Botschafter hat zum Ausdruck gebracht, daß es sich weder mit dem Geist noch dem Buchstaben von Locarno ver­tragen würde, wenn die Truppen der ersten Zone jetzt ein­fach in der zweiten und dritten Zone untergebracht werden würden.

Gleichzeitig ist gegen einen Befehl der Besatzungsbe- behörden in Iülich protestiert worden, wonach 145 Wohnun­gen sofort für die Bedürfnisse der Besatzungsbehörden frei- zumachen seien. Auch dieser Befehl ist noch nicht zurückge- nominell worden.

Rückkehr der englischen Rheinflotte nüch England.

Köln. DieKölnische Zeitung' melbet, daß die aus mehreren kleinen Einheiten bestehende englische Rheinflotte nach England zurückkehrt. Wie weiter verlautet, wird am 3. Dezember ein Bataillon des Regiments Manchester nach Königstein im Taunus verlegt werden.