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Hersfel-er Tageblatt Hersfelöer KreLsblatt" Amtlicher /inZeiger für den Kreis Reisfeld

Nr. 262 Sonnabend, den 7. November 1925

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Das Wichtigste.

Die Botschafterkonferenz wird nach Beendi­gung ihrer Beratungen die neuen Forderungen an Deutsch­land inderFragederEntwaffnung veröffentlichen. Sie werden sich wieder vor allem auf die Einschränkung der Befugnisse des Generalstabschefs und die Umorganisierung der Schutzpolizei beziehen.'

In dem Prozeß der Landespfandbrief- a n st a l t wurde gegen die Angeklagten das Urteil gefällt.

In Rom wurden Attentatspläne gegen Mussolini entdeckt und verschiedene Verhaftungen vor­genommen.

Der Hexenkessel Oberschlesien.

Der Zusammenbruch der Warschauer Korfanty-Banken mit ihren etwa 100 Zweigstellen in Polen, besonders in Ost­oberschlesien, hat zah-reiche Existenzen vernichtet und eine un- geheure Geldknappheit in Ostoberschlesien nach sich gezogen, so daß am 15. September zum ersten Male die Löhne gar nicht oder nur zum Teil ausgezahlt werden konnten. Die 9lot der ostobevschlestschen Arbeitslosen steigt inzwischen ins Angemessene. Der schlesische Sejm hat am 9. September 2,5 Millionen Zloty zum Kauf von Kartoffeln für die ganz Un­bemittelten bewilligt, aus Krediten natürlich, die erst ausge­nommen werden sollen. Dabei betonte der Wojewode Bilski in seiner Rede, daß ungefähr 340 000 Personen mit Kar­toffeln nach der amtlichen Schätzung zu versorgen wären. Das sind etwa ein Viertel der Bevölkerung eines Landes, das früher eine eigentliche Not gar nicht kannte.

Jede sechste Person muß also in Ober-schlesien staatlich gefüttert werden, um überpaupt nicht zu verhungern! Schon heute wird aber berichtet, daß die Zentralkartoffelstelle min­destens 4,5 Millionen Zloty sofort haben muß. Die Re­gierung ist nur imstanöeherne yack^ß W«iLjo«j zur Verfügung zu stellen.

Nach den Angaben des Arbeitgeberverbandes waren im vorigen Jahre in der ostoberschlesischen Bergindustrie noch 157 000 Arbeiter beschäftigt. Heute zählt sie noch 80000, wovon ein großer Teil nur drei Schich­ten in der Woche verfährt. Im ganzen obevschlesi- schen Jndustriebeziri sind rund 100 000 Arbeiter in den letzten zehn Monaten arbeitslos geworden. Dabei steigt die Arbeitslosigkeit ständig weiter. Kattowitz hatte z. B. am 2. September 23 000, heute mehr als 26 000 Arbeitslose; etwa 80 000 Arbeiter sind ausgewandert, zum größten Teil nach Frankreich. Trotzdem sind noch immer mehr als 60 000 Arbeitslose im Lande. 75 Prozent der Beschäftigten ver­dienen nur etwa 70 bis 75 Zloty monatlich. Das macht bei einem Ernährer von fünf Kindern auf den Kopf und Tag 35 Groschen, also etwa 20 Pfennige. Es ist leicht begreiflich, daß unter den Arbeitenden fast eine ebenso große Not herrscht wie unter den Arbeitslosen. Diese Tatsache bietet ein Bild vom Niedergang der Wirtschaft in Ostoberschlesien. Inzwischen hat der Kohlenmarkt eine weitere Verschlechterung erfahren. Die Preise für pol­nische Exportkohlen liegen nach wie vor unter den Selbst­kosten. Die zur Rybniker Steinkohlengewerkschaft gehörige Römergrube in Nierobschütz muß wegen der zunehmenden Produktionsschwierigkeiten geschlossen werden. Ueber die unmöglichen wirtschaftlichen Zustände in Ostoberschlesien be­richtet in einem Aufsatz der ehemalige englische Minister, präsident Sir Robert Donald auf Grund seiner Stu­dienreise durch Ostoberschlesien. Er bezeichnet Ober- schlesien als wahren Hex enkessel, der jeder- zeit überkochen könne.

Die neuen Forderungen der Botschafterkonferenz.

Vielleicht Räumung Kölns am 1. Dezember.

ch Paris. Es wird in Paris angenommen, daß die wichtigsten Schlußfolgerungen des interalliierten Militär- komitees in Versailles Deutschland von der Botschafter- konferenz zur Kenntnis gebracht werden. Nach den Pariser Blättern Ijat das interalliierte Militärkomitee den Stand der Erfüllung der fünf früher von der Botschafterkonferenz ge- fi ell ten Forderungen folgendermaßen beurteilt:

1. Die Vollmachten des Generals von Seeckt wird Deutschland durch einen besonderen Erlaß abkürzen.

2. Dar interalliierte Militärkomitee hat nichts gegen das Fortbestehen der Sportoerbände früherer Offiziere einzu-

wenden, verbietet jedoch, daß sie die Jugend militärisch aus­bilden.

3. Das Komitee steht nach wie vor auf dem Standpunkt, daß die deutsche Armee keine illegalen Waffen haben darf, die im Versailler Vertrag genannt sind.

4. Es wird darauf hingewiesen, daß sich in der Festung Königsberg 22 Kanonen großen Kalibers befinden. Die deutsche Regierung wird um eine Begründung gebeten, wes­halb dieses Waffenmaterial nicht zerstört worden ist.

5. Das Militärkomitee ist der Meinung, daß der Bestand der Polizei 150 000 Mann nicht übersteigen darf und daß für die deutsche Polizei dasselbe Regime bestehen muß wie in anderen Ländern.

Weiter heißt es, daß die interalliierte Militärkontroll­kommission vorläufig noch im Amte bleiben wird, um die endgültige Ausführung der Abrüstungsbestimmungen zu überwachen. Wenn die Kommission am 30. November einen befriedigenden Bericht erstattet, wird die Räumung Kölns am 1. Dezember beginnen. Es wird aber angenommen, daß der Abtransport der Truppen mindestens zwei Monate er­fordert. Man beurteilt auf Grund des Gutachtens von Marschall Foch die Lage wie folgt: Im Grunde genommen besteht zwischen Deutschland und den Alliierten über die materielle Abrüstung keinerlei ernster Konflikt mehr, sondern nur noch kleinere Schwierigkeiten, die aller Wahrscheinlich­keit nach bis Ende November geregelt werden. Die Bot­schafterkonferenz wird sich auch mit der Abänderung des Be- satzungsregimes im besetzten Gebiet beschäftigen.

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Vorbereitung des Programms für die Abrüstungskonferenz.

Paris. Der Völkerbundausschuß für internationale Ab­rüstung wird am 3. Dezember in Genf zusammentreten, um für den Völkerbundrat das Programm für die A b- rüstungskonferenz auszuarbeiten. Die Studien­kommission des französischen Obersten Rates für Landes­verteidigung ist unter dem Vorsitz Paul Boncours zusammen­getreten und hat die Uebereinstimmung der Generalstäbe der Marine und der Armee, sowie der Vertreter des Ministe­riums des Auswärtigen, des Finanzministeriums und des Kolonialministeriums über die Vorschläge festgestellt, die den Vertretern Frankreichs beim Völkerbundausschuß mitgegeben werden sollen.

Beratungen Über die Erleichterungen in der Rheinlandbesetzung.

London. Die englische, französische und belgische Re­gierung pflegen gegenwärtig einen Meinungsaustausch über die Durchführung der Erleichterungen in der Rheinland­besetzung. Man erkennt an, daß in der Frage der Ent­waffnung die deutsche Regierung materiell Sattsfaktion ge- gegeben habe. Es herrscht die Meinung vor, daß die Maß- nahmen Deutschlands die R ä u m u n g Kölns wahrschein­lich vor dem ersten Dezember schon rechtfertigen würden.

Die von den Alliierten erwogenen E r l e i ch t e r u n - gen der R h e in l a n d b e s a tz u n g werden hauptsächlich in der Aufhebung bestimmter Gerichte bestehen, die von den Alliierten eingeführt worden sind, und in der Vereinfachung gewisser Formalitäten. Der gegenwärtige Meinungsaus­tausch mit der deutschen Regierung betreffe nicht die Frage der Entwaffnung, er betreffe vielmehr die militärischen Orga­nisationen Deutschlands. Nach dieser Richtung gebe es noch gewisse schwierige Punkte aufzuklären, durch'die Alliierten würde jedoch alles versucht werden, um zu einer Verstän­digung zu gelangen.

Das gleiche Matt berichtet aus Paris, daß die englische und die französische Regierung zu einem Uebereinkommen über die Frage der Erleichterungen der Rheinlandverwaltung gekommen seien. Man schlage vor, die bei der Ruhrbesetzung aufgehobene deutsche Vertretung in der Rheinlandkommission wiederherzustellen.

Der englische Premierminister zu Locarno.

London. Der englische Premierminister Baldwin hielt seine lange erwartete politische Rede in Werdern. In seinen Ausführungen gab er der Meinung Ausdruck, daß die Konferenz von Locarno den Gipfelpunkt der englischen An­strengungen der Nachkriegsperiode zur Herbeiführung von Stabilität und Sicherheit darstelle. Wenn der Pakt ratifiziert würde, würde er Westeuropa den Frieden bringen und dem übrigen Europa den Weg zum Frieden zeigen.

Wenn man den Rhein aus dem, was er in der Ver­gangenheit gewesen wäre, aus einer Grenze voll von Ge- fahren in einen friedlichen Verkehrsweg umwandeln könne, würde man das Leben Westeuropas für diese und für die kommende Generation von Grund auf verändert haben. Die Konferenz bedeute die Einführung gegenseitiger Bürg­schaften als Ersatz für Bündnisse. Wenn alle Unterzeichner diese ehrlich innehielten, wäre der Frieden im Westen ge- sichert.

Ein Krieg zwischen Griechenland und Bulgarien wäre nur durch das sofortige Funktioniere» der Völkerbundma- schine normt eben worden. Die Verpflichtungen der Groß- m. dito in den Mandatsgebieten würden tm allgemeinen ge- miste aha st befolgt; England dürfe jedoch nicht den ersten S ein aufheben, um ihn auf Frankreich zu werfen, da man wisse, wie schwierig die Mandatsaufgabe sei.

Niederschlagung der belgischen KriegögerichtSverfahren.

BrüsseL. Auf Veranlassung des belgischen Justizministers wurde ein gegen den früheren deutschen Oberst Mersing wegen angeblichen Mordes und gegen einen Agenten der deutschen Geheimpolizei wegen angeblichen Diebstahls einge­leitetes Kontumaziailverfahren eingestellt. Der Justizminister verfügte gleichzeitig, daß alle noch in der Schwebe befindlichen Kontumaz-Verfahren niedergeschlagen werden sollen.

Ein Attentat auf Mussolini.

Scharfe Maßnahmen. Verhaftung der Attentäter.

t^ Rom. Die römische Polizei ist einem Attentatsplan gegen Mussolini auf die Spur gekommen unS hat in diesem Zusammenhang in Rom den ehemaligen sozialistischen Ab­geordneten Zaniboni und in Turin den General Louis Ea- pello, einen der Führer der italienischen Freimaurer, ver­haftet. Alle Freimaurerlogen, die von der römischen Loge Großer Orient abhängig sind, wurden polizeilich besetzt und die Auflösung der Geeinigten Sozialistischen Partei an ihrem Häuptsitz und ihren Zweigstellen verfügt.

Ueber die Einzelheiten der vorstehenden Ereignisse ver­breitet ein römisches Blatt noch folgendes:

In den letzten Tagen hatte die Polizei erfahren, daß während der Siegesfeierlichkeiten am 4. November ein Atten­tat auf den Ministerpräsidenten Mussolini geplant war. Die Polizeidienststellen erhielten Befehl, verdächtige Personen festzunehmen, und Mittwoch morgen gegen 9 Uhr drangen Beamte in das Hotel Dragoni, das sich in unmittelbarer Nähe des Auswärtigen Amts befindet, ein und über­raschten den langjährigen Abgeordneten der Oppo­sition, Zaniboni, bei den Vorbereitungen für das Atten­tat auf Mussolini. Zur selben Zeit wurde in Turin der Ge­neral Louis Capello verhaftet, der gerade ins Ausland reisen wollte. Der Ministerpräsident hat bereits eine große Zahl von Glückwunschtelegrammen erhalten, als erstes das des Königs, der vom Innenminister Federzoni über die Er- »eignisse unterrichtet worden war.

Mussolini hat sich nach Aufdeckung des Attentats lächelnd der ihm stürmische Heilrufe darbringenden Menge vom Balkon des Auswärtigen Amtes gezeigt an der Stelle, wo das Attentat geplant war, und in einer Ansprache für die Sympathiekundgebungen gedankt.Wenn ich getroffen worden wäre, dann wäre nicht der Tyrann, sondern der beste Diener des Volkes ums Leben gekommen. Die Regierung hat alle Maßnahmen getroffen, um die Feinde zu überzeugen, daß sie gegen das Regime nichts mehr ausrichten sönnen/ Die Menge rief:Wir wollen den Galgen! Capello muß er­schossen werden!" Mussolini fuhr fort:Ich dulde keine nutz­losen Unruhen, Ausschreitungen und persönliche Tätlich­keiten. Einer kleinen Minderheit Verdorbener steht die Mehr­heit des italienischen Volkes gegenüber." Die Menge forderte laut die Verhängung der Todesstrafe; aber Mussolini redete ruhig weiter:Was bleibt von der nebensächlichen Episode übrig? Ich habe die Feinde immer vernachlässigt, besonders, wenn sie verachtenswert sind wie jener, der die Geschlossen­heit eines Volkes zu brechen hoffte. Wir werden alle Hinder­nisse niederreißen." Die Worte Mussolinis wurden mit stür­mischem Beifall ausgenommen. Das Zentralbüro der Sozia­listischen Einheitspartei wurde militärisch besetzt; der Zu­gang aber von der Polizei gewaltsam geöffnet, um eine Haussuchung vorzunehmen.

Das Urteil im Prozeß der Landes- Pfandbriefanstalt.

Berlin. Im Prozeß wegen der Landespfandbriefanstalt wurde folgendes Urteil verkündet:

Der Angeklagte Nehring erhält wegen Vergehens gegen den Paragraphen 348, Ws. 1 und 2 des Strafgesetz­buchs, vier Monate Gefängnis, die in eine Geldstrafe von 3000 Mark umgewandelt werden.

Der Angeklagte Lüders erhält wegen desselben Ver­gehens 20 Wochen Gefängnis, die in eine Geldstrafe von 3500 Mark umgewandelt werden, und außerdem wegen Be- truges 1500 Mark Geldstrafe, die im Mchtbeitreibungsfalle in Gefängnis umzuwandeln sind.

Der Angeklagte v. Etzdorf erhält neun Monate Ge­fängnis und 10 000 Mark Geldstrafe und wegen Vergehens gegen Paragraph 312 des Strafgefetzbruhs an Stelle einer verwirkten Gefängnisstrafe von zwei Monaten 1500 Mark Geldstrafe und schließlich wegen Untreue bei der Sift an Stelle einer verwirkten Gefängnisstrafe von zwei Monaten 1500 Mark Geldstrafe.

Der Angeklagte v. K a r st e d t erhält wegen fortgesetzter Untreue in Tateinheit mit Unterschlagung neun Monate Ge- füngnis und L0 000 Mark Geldstrafe und ferner wegen Un­treue im Fall Bürühaus Börse an Stelle von zwei Sonaten Gefängnis eine Geldstrafe von 1500 Mark.

Der Angeklagte von Carlowitz erhält wegen der gleichen Verheben neun Monate Gefängnis, wovon drei