HersMer Tageblatt
Hersfel-er Kreisblatt"
Amtlicher Merzeiger für den Kreis HersfelS
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Nr. 258
Dienstag, den 3. November
1925
Das Wichtigste.
— Die Zeche Holland bei Gelsenkirchen wurde von einer schweren Schlagwetterkatastrophe betroffen, bei der 1 7 T o t e und 2 Verletzte zu beklagen sind.
— Ein Pariser Blatt will wissen, daß der Bericht des Militärkomitees über den Stand der deutschen Entwaffnung ungünstig lautet.
— In P e r s i e n wurde Schah A ch m e d durch Beschluß der persischen Kammer abgesetzt. Die Kammer ernannte den bisherigen Ministerpräsidenten Rhiza Khan zum König.
Vor neuen Erpreffungen der Alliierten? Ungünstiger Bericht des Marschalls Fach über die deutsche Abrüstung.
, $ Paris. Ein Pariser Blatt will erfahren haben, daß Vrmnd sich dazu entschlossen habe, Deutschland noch vor d e c $l atjfizierung des Sicherheitspaktes in der Abrustungsfrage weitere Zugeständnisse zu machen, in der Hoffnung, daß sich in der deutschen Oeffentlichkeit dadurch Umschwung zugunsten der Abmachungen von Locarno vollziehe. In Wirklichkeit habe aber die Abrüstung Deutsch- lands keine so günstige Wendung genommen, wie von amtlicher deutscher Seite behauptet werde.
„Alles deute darauf hin, daß der Bericht, den Mar- schall Fach für die Botschasterkonferenz abfasse, ungünstig aussallen werde. Alle Antworten, die von deutscher Serie in den letzten 14 Tagen der interalliierten Militärkontroll- kommission überreicht worden seien, würden als unge- nügend angesehen.
Diese Auffassung hätten nicht nur die französischen Mitglieder der Kommission, sie, werden auch von englischen Krei- ien geteilt. Man könne also mit Sicherheit voraussagen, daß der Bericht des Militärkomitees, von dem die Botschafter- konzerenz ihre Entscheidung abhänmq mall- .die Nickter- mwN g e*SMVrillstungs kl a u sMn feststelle.' (!) "
Räumung Kölns nicht vor 0em
• Frühjahr 1926?
Noch keine Entscheidung über die zukünftige englische B <^ s a tz u n g s z o n e.
Wiesbaden. Zu der Frage der Räumung der Kölner Zone und der Umquartierung der britischen Truppen erfährt die „Neue Wiesbadener Fei tu n g" aus zuverlässiger französischer Quelle, daß die Belegung von Bingen, Kreuz- nach und Wiesbaden mit Engländern als ausgeschlossen zu erachten sei. Bisher sei von der englischen Regierung noch kein offizieller Vorschlag gemacht worden; was über die Dislozierung verlautete, stelle ausnahmslos die Meinung englischer Zeitungen dar . Wie aber die englischen Vertreter in Locarno mit aller Klarheit und unmißverständlich erklärt hätten, wünschten sie als zukünftige englische Besatzungszone einen Bezirk, der nicht von französischen Truppen umgeben sei; sie wollten unabhängig sein und eine direkte Verbindung mit der Heimat haben.
Dieser Wunsch der englischen Regierung und der Heeresleitung begegne sich mit den Wünschen der maßgebenden französischen Kreise. Marfchall Foch selbst habe sich unbedingt gegen eine Trennung der französischen Besatzungs- armee durch das Einschieben der englischen Truppenteile in die Gegend von Wiesbaden, Bingen und Kreuznach erklärt, und die Generalität des besetzten Gebiets stehe auf demselben' Standpunkt. So lange von englischer Seite die Frage nicht zur Sprache gebracht werde, liege für die französischen Stellen keine Veranlassung vor, ihr näherzutreten; so seien denn auch bisher weder in Koblenz, noch in Mainz, noch in Wiesbaden irgendwelche Befehle erteilt oder vorbereitende Maßnahmen getroffen worden. Bei dieser Lage der An- gelegenhbit könne schon jetzt gesagt werden, daß die Räumung Kölns nicht vor dem »Frühjahr 1 9 2 6 zu erwarten sei.
Paris zur deutschen Kabinettskrise.
„Die deutschen Sozia liste n überschätzen ihre Wichtigkeit.
^ Paris. Die Möglichkeit einer Volksabstimmung in Deutschland über den Vertrag von Locarno wird in der'Pariser Presse lebhaft kommentiert. Die Mehrzahl der Blätter ist der Ansicht, daß das Ergebnis der Abstimmung eine große Mehrheit flirrte Unterzeichnung des Paktes ergeben wird. Im übrigen wird festgestellt, daß der Pakt von Locarno in Deutschland immer mehr und mehr sich zu einem Vorwande von parteipolitischen Intrigen auswächst.
Ganz besonders scharf auseinandergesetzt wird dabei die Haltung der Sozialisten. „Echo de Paris" schreibt: Die sozialistische Partei glaubt, durch die Abstimmung über den Vertrag von Locarno eine Reichstagsauflösung heroorzu- rufen, -die wie sie glaubt, zu ihrem Vorteile auslaufen wird. Der Gewmn einiger Mandate ist den Sozialisten wichtiger als eine sofortige Notifizierung des Sicherheitsvertrages. Die deutschen Sozi alt sten übersch ätzen auf jeden Fall ihre Wichtigkeit. Für Frankreich kommt es nicht dar
auf an, daß die Abmachungen von Locarno von einer Partei ratifiizert werden, die in der künftigen Politik nur eine Rolle zweiten Ranges spielen wird. Die Ratifikation des Sicherheitsvertrages hat für Frankreich nur dann Wert, wenn die Deutschnationalen ihn unterzeichnen. Nur unter diesen Voraussetzungen können die beiden Nachbarländer in einer Aera des Friedens treten."
Die Deutsche Volkspartei Badens für eine bürgerliche Regierung der Mitte.
4° Karlsruhe. Der geschäftsführende Ausschuß der Deutschen Volkspartei in Baden trat in Karlsruhe zu einer voll- zichlig besuchten Sitzung zusammen. Zur künftigen Regie- - rungsbildung vertrat der geschäftsführende Ausschuß den Standpunkt, das Ziel der Deutschen Volkspartei auf Schaffung einer bürgerlichen Regierung der Mitte beizubehalten. Jedenfalls werde die Deutsche Volkspartei an keiner Regierungsbildung mitwirken, durch die ihr nicht ein wirksamer Einfluß gesichert sei. Die Deutsche Volkspartei dränge sich zu keiner Beteiligung an einer neuen Regierung, sei aber bereit an der Verantwortung mit- zutragen, wenn ihr das unter Wahrung ihrer Grundsätze und unter Einräumung maßgebender Mitwirkung möglich gemacht werde.
Dr. Stresemann in Königsberg.
Königsberg. Reichsaußenminister Dr. Stresemann ist in Königsberg eingetroffen und wird an den Feierlichkeiten • anläßlich des 50 jährigen Jubiläums der „K ö n i g s b e r g e r Allgemeinen Zeitung" teilnehmen. Am ersten November feierte die „Königsberger Allgemeine Zeitung", das führende Organ der Deutschen Volkspartei in Ostpreußen, ihr 50 jähriges Bestehen. A mgleichen Tage konnte der gegenwärtige Chefredakteur der Zeitung, Dr. h. c. Alexander Wyneken, auf eine 50jährige Tätigkeit bei dem Verlage der „Königsberger Allgemeinen Zeitung", deren Mitbegründer er ist, zurückblicken.
Berlin. Die angekündigte Beratung des Kabinetts über die innerpolitische Lage hat zu den verschiedensten Gerüchten über die Ansichten des Reichskanzlers und des Außenmmi- ters Anlaß gegeben. Es wird von dem Reichskanzler be- jauptet, daß er die Absicht habe, die Demission des Rumpfkabinetts herbeizuführen, und daß nach den Verhandlungen mit den Parteien und Fraktionen der Außenminister Dr. Stresemann ein Kabinett der großen Koalition bilden wolle, um auf diesem Wege die Stimmen der Sozialdemo- traten für die Ratifikation der Verträge von Locarno zu ge- winnen. Bon sehr maßgebenden Parlamentariern aus den Reihen der hinter bem Rumpfkabinett stehenden Parteien wird diesen falschen Gerüchten gegenüber darauf hin- gewiesen, daß nach übereinstimmender Ansicht des Rumpfkabinetts und dieser Parteien innerpolitische Verhandlungen erst stattfinden könnten, wenn das Ergebnis der Verhandlungen der Rückwirkungen zu ersehen, ist, also kaum vor dem 20. November. Es wird vermutet, daß der Reichskanzler den Parteiführern erklären wird, daß er inner- politische Konsequenzen aus den außenpolitischen Verhandlungen nicht vor Ende November ziehen könne und daß der Reichskanzler diese Mitteilung auch den Führern der Oppositionspartei machen wird. Ein Versuch der Sozialdemo- kratie, eine frühere Einberufung des Reichstags durchzu- setzen, um eine innerpolitische Debatte herbeizuführen, würde an dem Widerstand aller übrigen Parteien einschließlich der Deutschnationalen Volkspartei scheitern.
Keine Rückkehr zur „Großen Koalition".
0 Berlin. Gegenüber den in linksstehenden Blättern und Korrespondenzen immer wieder auftauchenden Nachrichten, daß mit einer Aenderung der Regierungskoalition oder mit einem Rücktritt der Regierung oder mit der Auflösung des Reichstages bereits in den nächsten Tagen zu rechnen sei, muß mit Nachdruck betont werden, daß alle diese Nachrichten durchaus verfrühte Tendenzmeldungen sind. Der Standpunkt des Rumpfkabinetts und der hinter ihm stehenden Parteien geht unverändert dahin, daß eine innerpolitische Neuordnung erst erfolgen kann, nachdem die außenpolitischen Verhandlungen abgeschlossen sind.
Besonders da sich das Ergebnis dieser Verhandlungen zurzeit überhaupt noch nicht übersehen läßt und wohl für Mitte November auch keine Klarheit darüber geschaffen sein wird, würde jede vorher beschlossene innerpolittsche Neuord- nung unter Umständen auf vollkommen falschen Voraussetzungen aufgebaut und infolgedessen nicht von Dauer fein können. Es ist anzunehmen, daß auch in der für Dienstag angesetzten Besprechung des Kanzlers mit den Führern der jetzigen Regierungsparteien dieser Standpunkt erneut zur Geltung kommt.
Kommentar zu Locarno.
^ London. Der englische Marineminister Bridge- m a n führte in einer Rede aus: Unsere K r e u z e r werden allmählich alt und müssen ersetzt werden. Seit dem Weliktieae baden vier orotze.Seemächte, nämlich Amerika,
Frankreich, Italien und Japan," 318 Kriegsschiffe vom Kreuzer abwärts auf Stapel gelegt. England hat, das diesjährige Bauprogramm nicht eingerechnet, 11 Schiffe auf Stapel gelegt. Kann England nun beschuldigt werden, daß es mit einem neuen Wettrüsten den Anfang macht? Solange England eine Inselmacht mit einem ausgedehnten Reiche ist, können wir nicht zulassen, daß wir ohne Schutz sind. Im übrigen wäre unseren tapferen Seeleuten gegenüber nichts grausamer, als sie in veralteten Schiffen gegen neuzeitliche Schiffe kümpfen zu lassen.
Wechsel im rusiischen Kriegskommifiariat.
Frunse gestorben.
£ Moskau. Der russische Volkskommissar für das Kriegswesen, Frunse, starb an den Folgen einer Magen- und Darmoperation im Alter von 42 Jahren.
Der voraussichtliche Nachfolger ist der bisherige Stellvertreter im Kriegskommissariat Un schlicht. Seine Ernennung wird nach dem Parteikongreß der Kommunistischen Partei, der am 15. Dezember stattfindet, erfolgen.
Die Sowjetregierung hat beschlossen, Militärattachees nach Berlin, Warschau, Paris und Athen zu entsenden. Für diese Posten sind höhere Offiziere der Roten Armee sowie ehemalige zaristische Offiziere, die als Militärattachees schon vor dem Kriege gewirkt haben, vorgesehen. Die Ernennung des Militärattachees für Berlin wird in der allernächsten Zeit erfolgen; die Zustimmung der deutschen Regierung liegt bereits vor.
Sraffin soll infolge seiner Ernennung zum Botschafter in London beschlossen haben, von feinem Amt als Außenhandelskommissar zurückzutreten, um sich seiner Tätigkeit als Botschafter ganz widmen zu können. Als zukünftiger Nachfolger Krassins wird Stomoniakow, der eine hervorragende Rolle in der Berliner Ha^dels-Vertretung spielte, genannt. Der vielfach in diesem Zusammenhänge genannte D^DMMWWWMWMMW
preußischer Landtag.
90. Sißbng, dom Montag, dem 2. November 1925.
Im Landtag wurde die Beratung des Etats des Staats- ministeriums und des Ministerpräsidenten fortgesetzt. Zuvor aber wurde das Grubenunglück auf Zeche Holland insofern zum Derhandlungsgegenstand, als zwar Präsident Bartels es, entgegen , früherer Gepflogenheit, unterließ, der verunglückten Bergleute ehrend zu gedenken die Kommunisten aber die sofortige Beratung eines Antrages forderten, wonach mit Rücksicht auf das Unglück auf Holland die sofortige Beseitigung des Prämiensystems gefordert wird. Die sofortige Beratung wurde unmöglich, txT Widerspruch erhoben wurde. Ohne Aussprache erledigte das Haus An- träge über die Bedingungen der Reichsbank für die Zurückhaltung landwirtschaftlicher Wechsel, über die Weitergewährung der von der Seehandlung gegebenen landwirtschaftlichen Kredite und über die Hergabe staatlicher Kredite an die Städte und Industriegebiete zum Ankauf von Kartoffeln. Anträge zur Bekämpfung der Lungentuberkulose, Optantenentschädigung und Notstandsarbeiten in Oberschlesien wurden dem Ostausschuß überwiesen. Abgeordneter Riede! (Dem.) bezeichnete die im Osten durch den Vertrag von Versailles gezogenen Grenzen als unnatürlich, unwirtschaftlich und ungerecht.. Der Redner polemisierte sodann gegen die Völkischen und die Wirtschaftspartei, der er vorwarf, im Reichstag mit len Vertretern des Großkapitals zusammenzugehen. Abg. Dr. Klam 1 (Wirtsch Ver.) erklärt, die Deutschnationale Partei hätte sich allerdings einer gewissen Inkonsequenz gegenüber dem Ergebnis von Locarno schuldig gemacht. Jedenfalls könne das Rheinland nicht befriedigt sein von dem Ergebnis. Abg. IÄ - :oby-Raffauf (Zentr.) zählte eine Reihe von Unzuträglich- keiten auf, unter denen die Bevölkerung der besetzten Gebiete u. a. infolge der beim Beamtenabbau beliebten Methode zu leiden habe, and fordert schleunige Abhilfe. Abg. Frhr. v. Wongenheim .Deussch-Hann. Wirtsch. Ver. kritisierte den Vertrag von Locarno and sprach der preußischen Staatsregierung das Mißtrauen der Deutsch-Hannoveraner aus; seine Partei warte auf eine preußische Regierung, die sich auf den Boden des Rechtes stellt.
Der Sozialdemokrat König- Swinemünde trat für möglichste Förderung der Arbeiterbildung ein. Das Reichsschulgesetz müsse auf den vierten Stand, der Deutschland jetzt die Führer stellt, Rücksicht nehmen. Abg. O e l z e (Dnatl.) erklärte, letzten Endes sei die Weimarer Verfassung schuld an den schwierigen Schulverhältnissen. Die Schule müsse von christlichem Geiste durchdrungen sein, entsprechend dem Willen der Mehrzahl der Er- ssehungsberechligten. Die Schulaufsichtsbeamten seien vielfach re- iigionsfeindlich Die Schule fei leider politisiert worden durch die Revolution und ihre Folgen. Der Redner fragte, ob es wahr sei, daß Herr Paulsen demnächst in das Ministerium eintrete. Die evangelische Elternschaft sei mit Recht empört über einen Pädagogen, der erkläre, einen Heiland brauchten wir nicht. Abg.' Dr. Lauscher (Zentr.) forderte Wahrung der Parität bei der Stellenbesetzung in den Ministerialabteilunge«.
Abg. Schwarzhaupt (D. Vp.) führte aus: In der Per- sonalpolitik scheine die oberste Schulverwaltung jetzt das Schwer, gewicht darauf zu legen, die Linke zufrieden zu stellen. In Potsdam habe sie wichtige Verwaltungsstellen ganz jungen Regis- rungsräten übertragen nur weil sie Sozialisten sind. Weshalb