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Hersfel-Le Tageblatt

yersfel-er Kreisblatt" [

Amtlicher Mzeiger für -en Kreis Hersfels [

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Nr. 254

Donnerstag, den 29. Oktober

1925

Das Wichtigste.

Die Deutsche Volkspart ei hat sich in einer Entschließung für den Vertrag von Locarno aus­gesprochen. Die Unterzeichnung macht sie allerdings von den sogen. Rückwirkungen abhängig.

Nach Rücktritt der französischen Regie­rung sind sofort Besprechungen über die Neubildung auf- genommen worden. Painlevo wird die Neubildung des Kabinetts übernehmen.

Das Saar gebiet ist durch den Sturz des fran­zösischen Frank in eine Wirts chaftskatastrophe hineingerissen worden. Die Preise finib derartig gestiegen, daß weite Kreise der Bevölkerung vor einem großen Elend stehen.

prvsab-au und Kirlsthaftsmoral.

Zu einem vollen Erfolge kann die geplante Preis- senkungsaktton nur dann geführt werden, wenn die Re- gierungsmaßnahmen Hand in Hand gehen mit der privaten Initiative, wenn sich die politischen und wirtschaftlichen Führer im gegenwärtigen Moment ihrer Verantwortung nicht nur gegenüber den eigenen Partei- oder Interessengenossen, sondern gegenüber dem Gesamtwohl des Staates und der Wirtschaft voll und ganz bewußt sind. Das Gleiche gilt auch für die einzelnen ErwerbsstmÄe als solche. Der ehrsame Geschäftsmann muß entschisden abrücken von jenen Elementen, die dem Allgemeinwohl schaden und den guten Ruf der eigenen Zunft in Mißkredit bringen. Das große Ziel ist der Wiederaufbau unseres Vaterlandes. Wollen wir aus der politischen und wirtschaftlichen Whgngigkeit, wollen wir aus dem Wirrwarr der Nachkriegsverhältnisse wieder heraus, dann kann das nur unter Anspannung aller zur Verfügung stehenden Volkskräfte geschehen. Es geht nicht an, daß ein­zelne Kreise aus egoistischen oder parteipolitischen Erwägun­gen heraus sich abseits stellen. Es ist noch weniger angängig, daß führend? Wirl>ckak^Ir^ÜL_lL^^M>MMW»MM» «WMMM^Preisabbärl berufen wären, aUß Interessen- po'litik ihre Mithilfe versagen und sich lediglich in kritischen Aeußerungen über die Politik der Regierung oder die Der- teuerungspvlitik anderer Wirtschastskreise ergehen. Soll unserem Volke die Zukunft, unserer Wirtschaft der unbedingt notwendige Wiederaufstieg wiedereröffnet werden, dann müssen wir heraus aus den engen Grenzen des Egoismus und Materialismus, in deren Bande uns die ungesunden Verhältnisse der letzten Jahre geschmiedet haben. Wir brauchen politische Führer, die sich über die kleinlichen Aus- eürandcrseßmigen der Gegenwart emporzuschwingen ver­mögen, wir brauchen Wirtschaftsführer, die, den Blick auss Ganze und auf die Zukunft gerichtet, sich nicht damit be­gnügen, für ihre Interessenten kleinliche Vorteile herauszu- holen oder sie gegen etwaige Vorstöße zu verteidigen. Wir brauchen Männer, die neben einer klaren Einsicht in die Zu­sammenhänge der Wirtschaft auch ein offenes Bekenntnis zur Wahrheit sich selbst und den von ihnen Geführten gegen­über ablegen. Das Gegebene ist, das jeder Produktionszweig und jeder Stand die Hand aufs Herz legt und den Hebel bei sich selber ansetzt. Der Reinigungsprozeß in Produktion und Handel ist in vollem Gange, und es wäre verhängnisvoll, diese Entwicklung rückwärts zu revidieren. Nur die lebens- und entwicklungsfähigen Betriebe werden sich durchsetzen, während die unwirtschaftlichen und unrentablen Gebilde auf der Strecke liegen bleiben.

Die Regierung betont immer wieder, daß sie entschlossen ist, soweit es von ihr abhängt, ben Preisabbau auf der ganzen Linie durchzuführen. Industrie, Handel und Gewerbe folgen langsam, teilweise nur zögernd. Es liegt ihnen, zum Teil aus kurzsichtigein Egoismus, näher, die Splitter im Auge ihrer Nachbarn zu sehen als den Balken im eigenen Auge.

Die Konsumenten müssen sich wieder . ausraffen und nötigenfalls zusammentun. Sie müssen sich klar darüber werden, daß die Preispsychose der Inflationszeit, die längst hinter uns liegen sollte, es noch heute gewissen Kreisen er- möglicht, einem gedankenlosen und oberflächlichen Publikum die doppelten und dreifacheir Friedenspreise abzunehmen. Das Publikum hat bares Geld in der Tasche und ist darum unbedingt int Kauf der stärkere Teil. Außerdem besitzt es durchweg so viel Warenkenntnis, daß es bei genauer Be­trachtung ungefähr feststellen kann, ob der Preis gerechtfertigt ist, zumal heute in der Presse fast täglich über die Preise für die wichtigsten Lebensmittel berichtet wird. Der Stand- Punkt, daß die teuere Ware auch die bessere ist, ist heute bei weitem nicht mehr als allgemein. gültig anDerkennen. Auch entsprechen die Qualitätsunterschiede bei weitem nicht immer den mit reichlich hohen Stufen versiehenen Preisstaffeln. Zurückhaltung in allen nicht unbedingt nötigen Einkäufen und Zurückweisung einer zu teuer erscheinenden Ware ist bei der gegenwärtigen Lage für das Publikum das unbedingt Gebotene. Sparsamkeit und Selbsterzichung in Verbindung mit einem gefunden Vevantwortlichkeitsgefühl gegenüber der: Seinen und den Mitmenschen sind die einzigen Mittel, die hier »um Ziele führen.

Die deutsche Bolkspartei zum Locarno- Vertrag.

Die Stellung zu dem Deutschnationalen Beschluß.

^ Berlin. Nachdem der Parteivorstand und der Vor­stand der Reichstagsfraktion der Deutschen Volkspartei über die politische Lage beraten hatten, fand eine Sitzung der Reichstagsfraktion statt, die auch von Vertretern der Land­tagsfraktion besucht war. Der Erörterung lag eine vom Vorstand entworfene Entschließung zugrunde, die zugunsten der Annahme des Vertrages von Locarno lautete, aber auch die bekannten Vorbehalte hinsichtlich der Rückwirkungen vor der endgültigen Annahme des Vertrages daran knüpfte.

Die Deutsche Volkspartei gab dann folgendes Kom­munique aus:

Parteivorstand und Reichstagsfraktion der Deutschen Volkspartei haben über die Ergebnisse von Locarno und die durch den Ausritt der Deutschnationalen Volkspartei aus der Reichsregierung geschaffene Lage beraten. Sie sind ein­stimmig zu folgender Auffassung gelangt:

Das Vertragswerk von Locarno, das durch die be­rechtigte und notwendige deutsche Initiative zustande ge­kommen ist, entspricht in allen wesentlichen Punkten den Grundgedanken der deutschen Antwortnote vom 20. Juli 1925 und somit auch den Richtlinien der Deutschen Volks­partei vom 2. Juli 1925. Deutsche Lebensnotwendigkeiten werden nicht preisgegeben.

Artikel 1 des West Paktes verpflichtet zum Ver­zicht auf Angriffskrieg, läßt aber das Selbst­bestimmungsrecht der Völker und alle anderen Möglich­keiten friedlicher Entwicklung offen. Artikel 6 enthält keine Anerkennung des Verfailler Vertrages, stellt vielmehr nur in Uebereinstimmung mit der deutschen Antwortnote vom 20. Juli fest, daß der Abschluß des Sicher- Heitsvertrages keine formelle Aenderung der bestehenden Vertrüge bedeutet. Deutschland verzichtet nicht auf die im Versailler Verträge selbst gesetzten sowie die durch fortschrei- tende friedliche Entwicklung herbeizuführenden Wände-. Eintritt De ut schlan ds in den Völkerbund werden nach den in Locarno getroffenen Vereinbarungen ge­wahrt bleiben.

Insbesondere ist durch die Note der Sertragsgegner zu Artikel 16 der Völkerbundsatzung klargestellt, daß wie es in den Erläuterungen zum Genfer Protokoll vom Völker­bund festgelegt ist Deutschland selbstRichter ist der Art und Weise, in welcher es seine Obliegenheiten erfüllt".

Endlich sind auch i m Osten durch die Beseitigung der französischen Garantie für die Schiedsverträge und die Zu- riickweisung der polnischen und tschechischen Forderungen nach einer Erweiterung der östlichen Verträge zu Sicherheits- pakten die deutschen Interessen gewahrt. Die Abwicklung der französisch-polnisch-tschechischen Militärbündnisse bedroht Deutschland nicht. Die Restverträge bedeuten nur Anpassung an das Verfahren der Völkerbundsatzung.

Wenn der Vertrag von Locarno, wie es alle Beteilig­ten zum Ausdruck gebracht haben, ein Werk dauernden Friedens sein soll, so muß dieser Friedenszustand sich aber auch im besetzten deutschen (gebiet auswirken. Das ganze Werk darf somit erst dann in Kraft treten, wenn nicht nur die alsbaldige Räumung der ersten Rheinland- z o n e, unabhängig von der Bereinigung der E n t w a f f - nungsfrage, sichergestellt ist, sondern auch die be­teiligten Mächte den mündlichen Zustcherungen ihrer De- legationsführer entsprechend im übrigen besetzten Gebiet alsbald einen Zustand herbeiführen, der eine gründ- legende Aenderung des Besatzungsregimes und den Anfang der endgültigen Räumung darftellt. Ohne solche entscheidenden Maßnahme« der Vertragsgegner kann der Deutsche Reichstag den Vertrag von Lcoarno nicht annehmen.

Es ist Pflicht der politischen Organe des Reiches und Volkes, mit allen Kräften auf solche Ergänzungen und so­fortige Auswirkungen der Vereinbarungen von Locarno hin­zuarbeiten. Diese außenpolitische Aufgabe steht im Vorder­grund. Ihre Erfüllung wird durch das Verhalten der Deutschnationalen Volkssmrtei gefährdet. Statt mit uns und den anderen Parteien an der Durchführung der von ihr selbst bisher verfolgten Politik mitzuarbeiten, hat sie kurz vor Erreichung des Zieles sich von der weiteren Mitwirkung selbst ausgeschaltet. Für die außen- und innenpolitischen folgen trägt sie die volle Verantwortung.

Fraktionsberatungen über Locarno.

Der Zusammentritt der Zentrumsfraktion des Reichstages ist nach der einstweiligen Stabilisierung der 9ie= gierungskrise endgültig auf Mittwoch, den 4. November, fest­gesetzt worden. 9lm Mittwoch nachmittag trat der Vorstand der s o zi a ldem o trat i sch e n R e ichs ta g sfrak t i o n zusammen, um zu dem Ausscheiden der Deutschnationalen aus der Regierung und der Frage der Notifizierung der Locarno-Bertrüge durch den Reichstag Stellung zu nehmen.

Vorläufig keine Einberufung des Reichstags.

Die kommunistische Reichstagsfraktion hat beim am­tierenden Vizepräsidenten des Reichstages, Dr. Rießer, den Antrag auf sofortige Einberufung des Reichstages gestellt. Dr. Rießer hat sich entschlossen, dem Antrag noch keine Folge zu geben. Auch ein Zusammentritt des Aeltestenrates des Reichstages ist vorläufig noch nicht beabsichtigt.

Verzögerung der Räumung Kölns.

Frankfurt a. M. Die größeren englischen Blätter bringen übereinstimmende Drahtmeldungen aus Köln, die offenbar auf das dortige Hauptquartier zurückgehen.

Danach ist jetzt vorgesehen, - daß die künftige britische Vesatzungsszone nicht nur Wiesbaden und vermutlich auch noch den Rheingau, sondern auch Bingen und Andernach umfassen soll. Bei Vorbesprechungen, die bereits 1924 statt- fanden, scheinen die Franzosen der britischen Besatzungsarmee eine wesentlich kleinere Zone angeboten zu haben. In beiden Nahestädten wird man diese Meldungen mit begreiflich starkem Interesse aufnehmen.

Weniger erfreulich sind die Ankündigungen aus Köln, was den Zeitpunkt und die Zeitdauer der Räumung an- langt. Es ist beabsichtigt, noch in dieser Woche eine Abord­nung zur Erkundung des künftige« Befatzungsgebietes zu entsenden. Die Dorberatungen selbst sollen erst nach dem

1. Dezember beginnen. Die künftigen Quartiere, in denen zum Teil farbige Truppen lagen, sollen dann erst her­gerichtet werden. Der Transport wird erst im Januar be­ginnen und wird, da er zum Teil zu Schiff erfolgen solle infolge der in jenem Monat dort ungünstigen Wasserverhält­nisse sich noch verzögern. Auf jeden Fall wird er nicht vor Mitte Februar vollendet sein, da die Franzosen darauf Wer t legen, daß die Umgarnisonierung etappenweise stattfindet. .

| M ^ --^^^ Amerika.

4- New Nork. Schlagender als die Presse, die vielfach den Sicherheitspakt begrüßt, kennzeichnen in den letzten Tagen die erneut erhobenen Forderungen die wahre Lage, wonach Amerika Frankreich dadurch zur Schuldentilgung zwingen solle, daß man den Frank weiter stürzen lasse, ohne daß Amerika es verhindere. Nur dadurch könne Frankreich zur Abrüstung gezwungen werden. Daß weite Kreise Washingtons übrigens in Locarno eine Gefahr für Amerika sehen, wird bereits offen in Washingtoner Meldungen aus­gesprochen. Der Sicherheitspakt und der Völkerbund mit Einschluß Deutschlands könnten Vorläufer einer europäischen Union sein. Diese aber müßte sich von selbst gegen Amerika richten. Diese Meinung wurde schon seit Machen vielfach in New-Porker Bankkreisen vertreten. Nunmehr findet sie auch in Washington Eingang.

Die Abrüstungönote an das interalliierte Militär- komitee überwiesen.

Die Beschlüsse der Botschafierkonferenz.

^ Paris. Die Botschafterkonferenz hat nach einem amt­lichen Bericht das interalliierte Militärkomitee in Versailles mit der Abfassung eines Gutachtens über die deutsche Ab- rüstungsnote beauftragt. Gleichzeitig hat die Konferenz mit der Prüfung der Maßnahmen begonnen, die unmittelbar nach Festsetzung eines Datums für die Räumung der Kölner Zone zur Ausführung gelangen sollen, namentlich was die neue Verteilung der englischen und französischen Besatzungs- truppen anbelangt. Das interalliierte Militärkomitee ist zufammengetreten und wird Ende der Woche der Boffchafter- konferenz das erwartete Gutachten zugehen lassen.

Die Neubildung der französischen Legierung.

Wieder eine Regierung Painlevä.

^ Paris. Der Präsident der Republik, der von Pain- leve die Demission des Kabinetts erhielt, hat unverzüglich mit seinen Bemühungen zur Lösung der Krise begonnen. Douniergue unterhielt sich nacheinander mit dein Senatspräsi- denten und dem Kammerpräsidenten Herriot.

Alle vom Präsidenten der Republik im Elysee empfange­nen Persönlichkeiten haben wieder Painlevä als Atinister- präsidenten für das neue Kabinett empfohlen. Herriot steht auf dem Standpunkt, daß Painlevö für die Bildung des Ka- binetts um so mehr in Frage komme, als er nicht durch ein Votum gestürzt wurde.

Pastnleve wünscht auf jeden Fall, daß Herriot offiziell zuerst mit der Bildung des Kabinetts beauftragt werde, worauf er nach Wlehnung des ^luftrages durch den Kammerpräsidenten die Kabinettsbildung übernehmen werde. Painlevö beabsichtigt, fein Kabinettnach l i n k s z u e r - weitem. Er wird selbst das Kriegsministerium behalten.

Zlach Berichten der linksstehenden Blätter ist zu schließen, daß Painlevö auq eine Aufforderung zier Mitarbeit an die Sozialisten ergehen lassen wird. Ohne eine Alitarbeit der Sozialisten ist eine ständige Mehrheit kaum möglich.